Karlheinz Barwasser, geb. 1950, lebt als Schriftsteller in München. Prosa, Lyrik, Essay, Kri- tik, Hörspiel und Feature. Buchver- öffentlichungen, u. a.: Mutterkorn, 1996; Fleisch. Köder, 1999; ÜberGänge, 2000.
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Die Grafiken in dieser Ausgabe sind von Matthias Mala. 1950 ge- boren, lebt er als freischaffender Künstler, Spiele- erfinder und Schriftsteller in München. Er veröffentlichte bisher über vier- zig Bücher sowie etliche Hörspiele und auch Comic- texte. Im bild- nerischen Schaf- fen liegt sein Schwerpunkt in Federzeichnun- gen. Er beteiligte sich an verschie- denen Ausstel- lungen.
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Tag, Nacht

Auch trifft nichts mehr: glatt über
Wände in die Wolken: Kriege
unsichtbar, trotz Elektronik nur
Rauschen. Die Mutter kocht, der
Hund muß nach draußen.

Es soll Regen geben, die Kneipen
füllen sich, ein guter Tag zum
Zeugen, unverbindlich. So weit so
gut: dazu muß gelacht werden, auch
versehentlich getanzt. Abgeschüttelt.

Und blickt einer einem anderen in die
Augen: immer ein Blattschuß, lauter
postmoderne Terroristen. Einmal
quer über die Pinkelrinne und zurück.





Schwerkraft

Morgenfell, Urgeruch, hebt sich der Arm vom
Nacken fort. Alles Heitere ist frivol: ab dem
Leib, runter. Spricht also das Herz, wenn das
Fleisch verschossen: Fundgruben, Schuttberg.
Wenn es so kommt: manchmal durch Verirrung.





Handauflegen

Kölnisch Wasser, Chemikalien, sie ist
vom Schacht, behäbig, auch in den
Nachrichten rollt sie die Stützstrümpfe.
Darüber die U-Bahn und ich im Taxi zur
Toilettenfrau: von hier sieht man die
Welt, wenn man den Strahl anhält. Ein
versagter Ton macht die Musik. Knorpel,
weiß, mit lila Häuptern, dann ratterts, so
rattert der Beton, Bauchsonate: bis zum
Herzschaden baumelt das Amulett, nichts
zu vererben sonst: eine Monatskarte im
Kettentäschchen, Wasser in den Beinen.
Zur Lüftung steigt sie mit mir auf die
Brille: packt und schurigelt. Dichtet den
Schuß und bläht den Kittel. Meine feuchten
Hände, ihre perlende Stirn, das Netz der
Erwartungen, auch die Hysterie, gründlich.
Sie kennt die Adressen: Männer, das  sind
Schweine, diese Sauereien. Nachher das
krumme Kreuz: auch meine Mutter ist
nie weggekommen. Doch das Sehen sehr
weit, Drehorgellied, täppische Schnulze.





Halblicht

Der Schein, und gebückt, doppelt
gebückt, fällt als Laterne, Lüster,
strahlend: Armleuchter, Tranfunzel.
Glüht kostbares Herz: angestrahlt,
abgeleuchtet. Knietief erhoben.

 

Matthias Mala

Vom Kurs

Fließbeton, das Parkdeck, wo man
steht: und träumts sich vom offenen
Transitraum - TRANSITDECK, soweit die
Schwerkraft trägt. Das weite Segel oder
1a Motorkraft, wenn der Kopf dann
doch aussetzt, zuletzt: nicht weiter als der
Benzolgeruch. Zwei, drei Kilo aus der
Ferne reichten schon, sitzt unter der
Haut, auch wenn ich nichts begreife, nicht
das Wort GRENZEN: war mal in Amerika.





Ein Mann

Stand im Fensterkreuz, im Dachgebälk, im
Kellerloch dann klein. Verlor gar in jedem
Licht die Räumlichkeit, schrieb ohne Tinte.
Schrieb, daß er nichts besitzen kann und
nichts mitnehmen: nachts das gewöhnliche
Abfedern, die Liebe arrangiert, dabei die
Last benannt, genial vereinfacht, vereint.
Lag im Spiegelbild, in der Traurigkeit, im
nackten Körper gekrümmt. Schwor auf die
letzte Sünde, den Mehrwert frommgelächelt.
Saß im Ausblick, schlug in sich: die Ewigkeit.

an Ben





Liebe, die Hände gebunden

Dieses kurze Wort nur, das dich
entzündet, eine neue Steigerung:
seine Stimme, die Nerven und Adern
spannt, schräg gerutscht auf dem
Gefälle: Treten im Zwischenbereich,
darin noch deine Handbewegung, um
alles rückgängig zu machen, auch
wenn die Angst überlegen macht:
kein Ort, nichts, unauflösbar, wo
schon ein Blick Verrat sein muß:
flockt es sodann im Kopf: tief nur
geschaut, nicht zwischen seine
Beine gekrochen, kein Wehlaut,
wie du dich auch drehst, gedrängt.





Play me

Der Schatten einer
Jacke: jetzt steht die
Flut bis zum Hals.

Von der Hand in die
Hand: einer geht,
einer bleibt im Umriß.

Nicht in die Haut, auch
nicht in die Knochen:
junge beißende Hunde,
läppische Wunden.





Cyber, MännerChat

Wie sprungbereite Kröten,
lauschend, von Gerüchen
eingekreist, wir haben die
Auswahl, room oder private.
Lautlos im Gebüsch: bis
einer zuschlägt, aber: die
kalte Hand, der nasse Kuß,
auf beiden Seiten die
Finger: bereit zum Abschuß.





Wien, Lusthaus

Als ließe sich an diesem Tisch alles
öffnen: so hebe ich das Glas auf
muntere Reime: die alten Herzen im
neuen Blut, jedes auf seine Art der
Geschichte aus dem Netz gefallen.

Ich eigne dir mein Hemd zu, Hose,
Schuhwerk, Kippah: du lachst. Kein
Glas, das jetzt über den Tischrand
rutschte, nicht die Flasche und
nicht die Teller. Das macht die
trockene Luft: ich lache, das ist viel.

für Ben





Geiles Kinderleid, Herr Österreicher

Und reicht die Hand nicht hin, weil dazwischen die
Grenzen: der ganze Stand, Herr Pädiater, und dazu
die Landesgrenze. Es schwirrt der Kopf, das Reisen

ist wie Plünderung, die Haut wird fahl: die Zeichen
scheinen immer härter. Mir wird so schwer, Herr
Doktor: damals Masern und Scharlach, mit vier

einen Schiefhals. Beschnitten bin ich auch nicht, habe
aber Ihr Herz gefickt, Sie haben gelächelt: mazel tow.
Glückwunsch zurück, Sie haben ausgehalten! Diese

Abbrüche: klebrige Wolfsmilchfäden, auf später. Der
Arm zuckt mir seit der Kindheit, auch Tränen habe
ich schon da vergossen. Kommen Sie mal nach

Deutschland, Herr Medizinalrat, schauen Sie, wie
ich so wohne. Auch ich lasse mich ficken und nicht
nur ins Herz, wenns sein muß, daß die Zeichen

sich brechen, der Arm einmal stillhält, kurzum: die
Hand etwas zum Fühlen bekommt. Als Lohn das
Foto, das Sie sich erbaten: gespreizter Steiß. Auf

daß es ins Herrenalbum passe, nur Figur! Lächeln
Sie, Herr Pädiater, beim Passieren der Grenzen, jetzt
und in alle Ewigkeit: ducken Sie sich wie ich. Runter.