Jörg Elges, geb. 1957 in Essen, aufgewachsen in Ostwestfalen, lebt heute in München. Veröffentlichun- gen von Lyrik in div. Literaturma- gazinen, u. a. nachtcafé, ndl und Muschelhaufen.

Amsterdam, als ich jung war,

schimmerte über den Wassern,
schimmerte über dem endlosen dunklen Kontinent namens
Trübsinn, Verzweiflung und wichtigem Selbsthaß, schimmerte rot und
golden wie dein Haar in der Sonne und ließ mich vergessen,
daß ich mich fühlte wie die schrecklichen Schreie des fast schon
toten Jim Morrison, als er (auf L. A. Woman)The cars hiss
by my window
sang. Amsterdam, an der See, auf der andren
Seite des Lebens: hier also leben die Frauen, die, früh mit
Salzwasser übergossen, zeitig den Blick auf die Erde
richten, immer bedacht, etwas Festes anzuvisieren,
Meßbares, Zählbares, Faßbares, bloß nicht die nutzlose Schönheit
unglaublich blauer Wellen, den Himmel enthaltend, nach der wir
ausgetrockneten, erdschweren Völker uns allezeit sehnen.
»Wasser hat Straßen, Schiffe sind Mittel. Wir gehen in grünen
Jeans, in indischen Hosen, in bunten Jacken aus Birma,
leuchtendes Eis leckend, lachend, winkend. Einen Schritt weiter
sitzen die alten Männer im Schatten, reglos, mit weißen
Kragen und Krausen, schwarzen Gewändern, Schuhen und Strümpfen,
hohen schwarzen Hüten, spitzen Bärten, die Mienen
ernst, alle gleich, die Herren der Meere.« So warten die alten
Männer, manches lebt länger als Reichtum und göttliche Herrschaft,
ob's euch gefällt oder nicht, der Blick der Alten ist eurer.
Laßt mich, ihr festen Wesen, ich bitte euch, eh ihr für immer
hinter den Türen der schmalen, grachtengespiegelten roten
Häuser verschwindet und nur die vergilbten Plakate an allen
Wänden bleiben, Konzerte verkündend, die längst schon vergessen –
laßt mich den fragenden Blick durch den Türspalt werfen, ihr festen
Wesen, auf daß ich die Einrichtung sehe, die ihr euch gabt, die
Farbe der Eierlöffel, Stellung und Menge der Möbel,
auch das Muster der Bettwäsche und die Pflanzen in eurer
Küche, die Spiegel und Bilder: durstig trinke ich jeden
winzigen Hinweis darauf, wie mein Leben geführt werden sollte.






Heart of Gold

                    für S. P., die mich die Musik lehrte, ohne daß ich es merkte

Dreimal schwarze Katze!
(Deine Mutter war scheu und am liebsten zu Hause.
Wie gerne wäre ich sie gewesen
und hätte dich täglich um mich gehabt,
vielleicht nur deine Schritte gehört
oder wie du etwas hin und her räumst
oder den Wasserhahn aufdrehst.)
Dein Vater war kein Vater.
Ich merkte es daran, daß er wie zu seinesgleichen
zu dir sprach. Was für ein Mensch
konnte man werden, mit solch einem Vater!
Wie hatte ich es verdient, dich zu kennen?
Hieß es nicht, ein Herz aus Gold fände man nur
am anderen Ende der Welt, hinter dem Ozean,
in fremden Städten, die man als alter Mann betrete?
Ich hatte dich schon gefunden, zwei Straßen weiter,
viel zu früh, viel zu leicht,
ich wagte nicht, mich anzusehen und zu sagen:
Das, was du mehr als alles andere möchtest,
ist, hineinzugreifen in ihr brasilianisches Haar,
mit beiden Händen!
An manchen Tagen trugst du es hinten zusammengebunden,
Ordnung vortäuschend;
und dein Gesicht war apfelrund
wie Jahre später das von Claudia Möllers.
Weißt du, wie niedlich du aussahst?
Mariska Veres Ostwestfalens!
Deine Augen, schwarz flirrend
und verwirrend – nur einmal noch
habe ich später solche Augen gesehen,
als ich schon groß und vernünftig war
und die Menschen, die ich traf,
Wiederholungen wurden,
die Augen Annette Schepergerdes'.
Die Tage, die vergingen bis zu dem Tag,
von dem ich wußte, ich sehe dich wieder,
waren tot, ich selbst ein
zur Seite gelegtes Etwas.
Kam der Tag, begann er
mit Donner und Blitz und bebender Erde
und wurde dann schlimmer.
Kam der Tag, tobten die Herzstürme
wieder in jeder Kammer.
Du warst die erste Frau,
und ich wollte nicht mehr mit den anderen herumstehn
und den Schulmädchen, die noch Knaben waren
und soviel Angst und so feuchte Hände hatten wie wir,
alberne Frechheiten hinterherrufen
wie eine Mariachikapelle mit durchgebrannten Sicherungen:
Take the long way home!

Für Julius

Sicher, du mußt nicht dem unsichren Deck eines Schiffs
dich anvertraun, auf Kunde nach mir,
nicht die Schluchten der Räuber und Mörder durchqueren,
und ich nicht die Schrecken der halben Welt auf dem Heimweg
                                                                            erdulden,
wir beide müssen nicht erst das Haus von Freiern säubern
und dann den Boden von Blut, um Kaffe kochen zu können
und etwas zu essen, Fertigspaghetti vielleicht,
was Männer eben zustandebringen,
wir müssen nicht erst, in Helm und Harnisch, den Nachbarn
die Zähne zeigen, bevor wir in Ruhe im Patio sitzen
können, dem Nachmittag zusehend, wie er vorbeifließt,
wir müssen nicht erst, um deine Mutter, meine Frau zu
gewinnen, Narben zeigen und lange Vergangenes,
Bettgeflüster flüstern, reden mit Engelszungen,
die Störrische zu erweichen.

Wir werden härter gefordert.

Die steinige Ithaka war eine Insel, doch festes Land,
ein Ziel. Und welches ist unser Ziel?
Der weit Umhergetriebene wußte, wer sein Feind und
wessen Hand die des Freundes war – sieh die bankrotten
Seelen, die durch die Straßen der Stadt ziehn wie Nebel:
Wer ist dein Freund? Telemachos,
als er den Vater mit zwanzig das erste Mal sah,
kannte ihn besser als wir uns selbst.
Die Götter hielten die Hand über allem.
Der Blick, heute trüb und verbraucht von dem Schrecklichen,
das er nie sehen wollte und immerzu sieht,
leuchtete neu und gespannt.
Die Zukunft schien gut.






Mexico

                            
Una guacamaya pinta le dijo a la colorada:
                                             Vamanos para tierra pa' pasar la temporada


So schnell wie's begonnen hatte, so schnell
war's auch schon wieder vorbei, Juanita –
heiraten ist nicht dasselbe wie Kirschen essen
oder sich zum Kinobesuch verabreden.
Vater hatte für alle ein rauschendes Fest bereitet,
endlose Mariachimysterien, als gebe er eine aztekische
Prinzessin hinweg (was er von Beruf war, weiß ich bis heute nicht),
doch es war nicht wirklich ich,
der dort gefeiert wurde. Ach, Juanita,
alles Braun deiner Augen und der Samt jeder Stelle deiner warmen
                                                                                  Haut
war zu wenig – in Wirklichkeit warst du eine Hysterikerin,
ich am Ende doch nur ein Gringo, der – natürlich – nie richtig
zur Übereinstimmung mit sich selbst kommen kann.
Weißt du noch, wie wir uns in frohem Schauder
über Babylon Nueva York entsetzten, das wir aus Hollywood
                                                                             kannten:
nur Cops mit großen Kalibern sollten dort wohnen
oder gleich Außerirdische und Körperfresser!
Aber das reichte nicht. Mein Haar war nicht schwarz genug,
mein Tanzstil zu eckig, in den Augen deiner Brüder
war ich kein Macho, und dein Vater mißbilligte,
daß mir kein Zapata-Schnurrbart wuchs. Dein Blick war zu oft
schon wie der deiner Mutter, dein Unterrock zu dicht besetzt mit
                                                                            Rüschen,
deine Cowboystiefel vorne zu spitz, und das Gegacker
deiner besten Freundinnen war alles andere als interessant.
Es konnte nicht gutgehen – die Teufel hatten jedem
von uns andere Milch gegeben. Aber wenigstens
haben sie es nicht geschafft, daß wir uns hassen.
Größere Siege kann man hier nicht erringen.
Juanita, ich sage schon einmal »mach's gut«, die Grenze
ist nicht mehr weit, ich weiß nicht, warum ich
noch einmal angehalten habe und hier in dieser furchtbaren
Nippesbar sitze zwischen all diesem kitschigen Krimskrams,
den du so mochtest, vielleicht ist es die Hitze und der
Staub, das Hemd klebt mir am Leibe, meine Augen
tränen fürchterlich, heute abend werde ich brennen wie Feuer,
in Tucson oder in Phoenix, und ich weiß nicht,
was ich unwirklicher finden soll,
das Abenteuer mit dir, das hinter mir liegt, oder
die einsame Nacht in einem geschmacklosen Hotelzimmer
vor mir, Juanita, du müßtest diesen überdrehten
Tijuana-Rap hier hören, in diesem Lärm
kann man keinen klaren Gedanken fassen,
verzeih mir, wenn ich nicht zu dem komme,
was ich wirklich sagen will, aber
waren die Tage nicht wunderschön, ach was, phantastisch,
jenseits alles Vorstellbaren, und ist es nicht gemein, daß wir alle
Gefangene der Zeit sind und jeder Morgen das Paradies
für dich und mich und jedermann
einen erbarmungslosen Millimeter
weiter weggerückt hat.