Gina Gerold, ge- boren 1944, studierte Biologie und tropische Landwirtschaft in Deutschland und den USA. Nach dreijährigem Aufenthalt als Deutschlehrerin in Frankreich Aufbau von Projekten zur Flüchtlingsbetreu- ung und zum in- ternationalen Austausch in München. Gina Gerold schreibt seit mehreren Jahren.

Die Grafiken in dieser Ausgabe sind von Matthias Mala. 1950 ge- boren, lebt er als freischaffender Künstler, Spiele- erfinder und Schriftsteller in München. Er veröffentlichte bisher über vier- zig Bücher sowie etliche Hörspiele und auch Comic- texte. Im bild- nerischen Schaf- fen liegt sein Schwerpunkt in Federzeichnun- gen. Er beteiligte sich an verschie- denen Ausstel- lungen.
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Daß sie hinter ihm war, wußte er. Er wußte aber nicht, wie weit sie von ihm entfernt war und ob sie vielleicht deshalb so langsam ging wie er, damit sie ihn beobachten könnte.
Als die Reiseleiterin die Eintrittskarten verteilt hatte - kleine Fotos waren drauf, seine Frau hatte zwei von den schönsten Bildern für's Album verlangt - da war sie in der Gruppe fast neben ihm gestan- den, der Abstand gerade so groß, um die Frage offen zu lassen, ob sie seine Nähe bewußt gewählt hatte oder ob sie sich zufällig auf diesem Platz befand. Sie war ihm schon gleich nach der Abfahrt im Bus aufgefallen, er hätte sie sicher auch bemerkt, wenn er nicht im- mer wieder vor zur Reiseleiterin hätte gehen müssen, um sich ein Bier zu holen. Und jetzt fragte er sich, ob er ihr eigentlich auch aufgefallen wäre. Sie beunruhigte ihn, als wäre ihre Geburt nicht auf Papier festgehalten, als wäre sie schlichtweg ein Wesen, dessen Herkunft sich nicht deuten ließe. Jünger war sie als alle andern hier in der Reisegruppe, das sowieso, und sie hielt was auf sich. Gepflegt war sie und gekonnt geschminkt. Ihren Haaren, die sie schräg zum Nacken hin geschnitten trug, hatte sie einen violetten Ton gegeben. Das gefiel ihm. Es war aber noch etwas viel Tieferes, das aus ihr strahlte, das an seine schlummernden Bedürfnisse tippte. »Eks- tase«, traute er sich zu denken und »Wollust«. Dies zu vermitteln war insgeheim ihre Kunst. »Wollust«, das Wort alleine war ihm schon lange nicht mehr eingefallen.
»Wunderbar!« rief seine Frau, die neben ihm her die Allee entlang ging. Die Bäume gaben den Blick frei, die Schmalseite des Schlosses bot sich ihnen in eleganter Weise.
Und dieser Mund - ihre Lippen waren eher voll und wie eigensinnig aus der Form geraten, als wäre die Haut, die sie überzog, zu dünn, um das Rot, das darunter hervorzubrechen versuchte, in Schach zu halten. Die Lippen waren auf jeden Fall ganz eigenartig uneben. Bebend stellte er sie sich vor, leidenschaftlich nahm er sie wahr.
»Wunderbar!« sagte die Seine noch einmal, »Meinst du nicht auch?« Er sagte: »Ja.« Chenonceau, das schönste der Schlösser der Loire. Doch es interessierte ihn jetzt nicht mehr sonderlich. Dabei hatten sie schon vor Weihnachten gebucht, gleich nachdem der Katalog heraus gekommen war. Und jetzt war Mai. Sie hätten eigentlich ganz vorne im Bus einen Platz bekommen sollen, doch durch einen Buchungsfehler saßen sie hinten. Der Hugo war froh darum, deshalb mußte er zum Bierholen an ihr vorbeigehen. »Mai«, dachte er, »Wonnemonat, der Frühling und die Liebe«, und wunderte sich selbst über dieses Gefühl, das aus einer fast verloschenen Zeit erwacht an seine Nervenspitzen brandete.
»Wunderbar!« sagte sich auch Frau Rankerl, obwohl sie schon viele kunstgeschichtliche Bauten gesehen hatte. Sie kannte Chenonceau ja schon von den Abbildungen her, trotzdem war sie beeindruckt. So viel Geschichte hatte es erlebt, man spürte es richtig, die überzog die Erker und Lucarnen als Schweiß des Weltgeschehens. Mit dem alten Mühlenturm im Vordergrund fing es schon an. Derweil sah sie erst einen Teil davon und rechts und links die Gärten, der linke von Diana, der rechte von Katharina von Medici. Das hatte die Rei- seleiterin erklärt, aber selber hatte sie's ja schon vorher in den Führern gelesen, denn sie hatte sich vorbereitet. Sie hatte einfach großes Interesse dafür. Frau Rankerl wäre dort gern spazieren ge- gangen. Das Gehen machte ihr ja keine Probleme, denn sie war kräftig und viel auf den Beinen. Außerdem hatte sie den bequemen Faltenrock an und die Gesundheitssandalen. Weiße Söckchen dazu, und fertig. Das war praktisch für unterwegs, und zuhause wurde dann alles gleich in die Waschmaschine gesteckt.
Es fehlte ihnen hier nur die Zeit. Die war ihnen knapp bemessen worden, nur eindreiviertel Stunden für die ganze Besichtigung, denn sie mußten danach noch nach Chambord.
Als sie so den Hauptweg auf das Schloß zuging, wurde ihr der Verzicht auf die Gärten schier unerträglich. Ihr eigenwilliger Geist durchbrach die auferlegte Beschränkung und schweifte ab nach links. Frau Rankerl lustwandelte in Gedanken frei auf den ersehnten Pfaden zwischen den Rundungen der dressierten Buchsbaumhecken durch. Frau Rankerl tauchte ein in die Renaissance. Die Falten ihres Rockes dehnten sich und ließen ein Seidenrascheln hören, sie drehte ihr stattliches Becken hin und her, als würde ihr Heinrich II. nach dem Kleid zu haschen versuchen, es war rosa und stand in keinem annähernden Vergleich zu dem Schottenkaro ihres Rocks. Da war sie froh um ihre breite Hinterfläche, die die Wahrscheinlichkeit, er könn- te sie erwischen, vergrößerte. Er war auf sie aus. Sie erlebte den Himmel auf Erden, sie war des Königs Geliebte und hinreißend schön.
Doch gerade da, als sie seine Fingerspitzen wie einen sanften Druck durch das Kleid hindurch zu erahnen begann, driftete sie unwil- lentlich in den Garten auf der anderen Seite ab. Aus mit dem Ver- gnügen, hier wurde hohe Politik gemacht. Sogar beim Feiern. Frau Rankerls Rücken wurde kerzengerade. Sie fügte sich in ihrer neuen Rolle und schritt neben ihren Söhnen her, von denen einer gerade die Königskrone trug. Wer in Wirklichkeit in diesem Staat das Sagen hatte, spürte sie an ihrer Festigkeit. Sie selbst war Herrscherin, Katharina von Medici. Die Halskrause war ihr ungewohnt eng, doch sie war stolz auf Würde und Ernst, die sie dadurch gewann. Ihr Samtkleid war schwarz, war sie doch Witwe und hatte noch dazu einen Sohn als König von Frankreich verloren, so jung, mit nur achtzehn Jahren. Dennoch gab sie dieses Maskenfest. Es ging um die Repräsentanz. Kostümierte Bauern huschten hinter den Bäumen hervor, Sirenen tauchten aus den Gräben auf, Fanfaren tönten: Der König und die Königsmutter, sie leben hoch!
»Sie, Ihr Jackerl!«
»Ihr Jackerl!« hallte es durch das Hirn der Königin, und die besann sich, was für ein Ding ein Jackerl wohl sei. Sie fiel durch die Zeit und landete auf Touristenwegen, landete hart. Das war gemein. Sie sah sich darüber hinaus zu einem »Danke, das ist nett!« verpflichtet. Das weiße Jackerl, gerade noch aus schwarzem Samt, war zwischen den Henkeln ihrer Handtasche durchgerutscht und schleifte am Boden.
»Es wär ja schad drum!« meinte ausgerechnet die, die sonst fast kein Wort herausbrachte, die Freundin von dem Ehepaar Häupl, mit denen Frau Rankerl - die war sie jetzt leider wieder - auf dieser Reise meistens zusammen war.  Die Häupls hatten sie auf einer frü-

Matthias Mala

heren Fahrt kennengelernt und seitdem fuhren sie immer zu dritt. Frau Rankerl wußte noch nicht einmal ihren Namen. Sie wollte ihn in diesem Moment auch gar nicht wissen, den Duft der königlichen Le- derhandschuhe noch in der Nase.
»Bei dem Staub«, machte die Störerin da weiter, »da schauen die Schuhe ja auch gleich aus. Und dann hat man die Steine im Profil.«
»Ja, unsern Busfahrer freut das auch.« stimmte Frau Häupl bei.
»Die wisch ich einfach ab,« mußte Frau Rankerl sich noch dazu als Bemerkung abnötigen, »und heut abend im Hotel crem ich sie ein. Zeit haben wir ja, schlafen kann ich auch zu Haus.«
Primitiv waren sie schon, die beiden, samt dem Hugo, dem dicken Ehemann, so eine Unterhaltung vor so einem Bau, es war entwür- digend für die Geschichte.
Dann gingen sie eben zu dritt zum Schloß, der Hugo im Abstand hinter ihnen, der Schlawiner. So rief ihn die Seine oft und laut.
Ob sie alle in dem Erker waren, wußte der Hugo nicht. Denn diese beiden Zimmerchen, die sich da eins hinter dem anderen über dem Fluß aus der Fassade des Schlosses wölbten, waren vollgepfercht wie bei der Massentierhaltung. Ihre genaue Funktion kannte er nicht, weil er die Beschreibung dazu nicht las. Beschreibungen von Sehenswürdigkeiten las er eigentlich nie. Er hatte sich deshalb schon gar keine genommen. Seine Frau hatte eine. Ihm ging es um den Eindruck. Er nahm die Örtlichkeiten empfindungsgemäß auf. So wie auch sie, diese eine, besondere. Daß sie da war, glaubte er jetzt zu spüren, noch bevor er sie sah. Er spürte sie auf jeden Fall, als er sie sah. Sie stand vor einem Gemälde, beim Hereinkommen war ihm der Titel ins Auge gefallen: trunkener Silen. Sie betrachtete diesen, und Hugo betrachtete sie. Sie war in einem Alter, in dem Erfahrung und Lebenskraft die Blüte der Raffinesse zu ihrer vollsten Entfaltung brachten. Der Hugo hätte sich zwischen das Bild und die Auserlesene stellen mögen, wollte Objekt der Betrachtung sein. Der Körper eines Mannes war Nebensache, beruhigte er sich, es zählte nur das Herz. Das seine war aufrecht. Und bereit, für sie zu schla- gen.
»Die Bibliothek!« ertönte da die ihm schon mehr als vierig Jahren vertraute Stimme seiner Ehefrau. Sie hielt sich also in dem äußeren Zimmer des Erkers auf und las offensichtlich zumindest einer ihrer Begleiterinnen - er nannte das Trio die drei Grazien - aus der Be- schreibung vor. »... hat man einen herrlichen Blick auf den Cher ...« hörte er weiter. Während die draußen sich ans Fenster drückten, um gläubig die Aussicht nachzuvollziehen, die ihnen im Faltblatt ver- sichert wurde, fiel Hugo nur ein Wort dazu ein: »Cherie«, obwohl er gar nicht Französisch konnte. Wie sie wohl hieß? Sie starrte immer noch auf das Bild, und das verursachte ihm Unbehagen, denn der Silen war zwar trunken, doch fast nackt und eben gut gebaut. Und wenn sie etwa deshalb davor stand? Der Hugo wußte, daß er in dieser Beziehung nicht konkurrieren konnte. Sie hatte ja auch Beine wie ein Modell und gab was auf's Aussehen. Da konnte er nicht mithalten.
Da tat's ihm leid um jede Chance, die er jemals vertan hatte und er wäre am liebsten gleich in diesem Zimmer, wo Japan und Deutsch- land gegeneinanderströmten, vor ihr auf die Knie gesunken und hätte, schon fast in den Krallen seines nahenden Alters, um ihre Gunst gefleht.
»Grünes Kabinett«, hörte er da, durch all den Lärm, die Seine, scheinbar mit ihrem Gefolge, wieder von hinten anrücken. Nor- malerweise wäre er ihr auch nachgelaufen. Solange er sich ihrer Führung fügte, fand er in ihrer Nähe Gemütlichkeit. Und dennoch - er hätte sogar diese dafür gegeben, um der Silen der andern zu sein. Der Platz neben der war sicherlich kein Pappenstiel. Sie war eine Herausforderung. Hier, wo, so hatte er gehört, Katharina von Medici die Geschicke Frankreichs bestimmte, wollte er doch nur endlich sein eigenes zu bestimmen beginnen, sich hineinstürzen in den Duft dieser blühenden Frau und ihn - sie - trinken.
Er stand wie gelähmt, sein Bauch ein Puffer zwischen sich selbst und der Menge. Das Bedürfnis, ins Kabinett hinein- oder herauszu- kommen, konnte nicht auf ihn überspringen. Er hatte ein ganz anderes, eines, das tief in der Seele sitzt. Auch die Betrachterin des Silens stand noch immer auf demselben Fleck.
Da hörte er sie schon näher bei sich, seine bessere Hälfte, die mit ihrer Bekannten sprach und der Neuen, die immer lachte. Da wußte der Hugo, daß sie alle im Erker sind.
Die dichtgedrängte Menge zerbröckelte ins Schlafgemach der Diana von Poitier hinein zu Individuen. In kleinen Gruppen oder allein führten sie die Besichtigung fort.
Der Hugo schaute zum Fenster hinaus. Dort sah er das andere Ufer. Er seufzte innerlich.
Seine drei Grazien besahen sich das Porträt der Katharina von Medici mit ihrer weißen Halskrause und dem grünlichen Gesicht. »Häßlich ist sie«, kam da wieder als unerwartetes Lebenszeichen von der Begleiterin der Frau Häupl, »und dann hat sie ja direkt ein grünliches Gesicht!« Frau Rankerl schaute sie voll Überraschung an. Grad die mußte reden. Die hatte ein Gesicht, das nichts anderes als klobig war und mehr breit als lang, sonst war überhaupt nichts Bemerkenswertes dran. Es war sozusagen das Grundmodell von dem der Frau Häupl. Der wurde vielleicht ein bißchen mehr Eigenheit ins Gesicht gedrückt. Das Klobige hielt sich jedoch auch bei der, als wären die Gesichter noch nicht fertiggestellt, als hätte man sie ihnen im Stadium des Entwurfs einfach an den Kopf gedrückt. Deshalb hatten sich die zwei ja auch gefunden. An denen war die Schönheit schlichtweg vorbeigegangen. Aber dann mußte ausge- rechnet die so was sagen.
»Mitgenommen ist sie«, fühlte sich die Frau Rankerl dazu aufge- rufen, sich zur Verteidigung der Königin ins Zeug zu legen. »Was die alles mitgemacht hat! Und sie war Politikerin!« Natürlich war sie nicht mit allen Methoden einverstanden, doch darum ging es jetzt nicht, dem Unverstand wollte sie seine Grenzen weisen. Frau Rankerl selbst hatte ja auch keine ernste Natur, sie mochte lachen, be- sonders, wenn sie allein auf Reisen war. Ihr Mann hatte kurz vor der Abreise ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen.
Der Hugo drehte sich nur für einen Augenblick dem Raum zu. Die Person, die ihm die Ruhe nahm, stand jetzt vor dem Wandteppich. »Der Triumph der Kraft«, las sie. »Kraft!« sagte sie sich, als würden die Löwen, die da vor ihr den Kampfwagen zogen, sie darin mit- ziehen können. »Kraft!« beschwor sie eine unbekannte Quelle, die in ihr zu versiegen drohte. Sie hatte keine mehr, sie bemühte sich nur noch um Form, um sich dahinter zu verbergen. Pediküre, Maniküre, Haarpackung, sie pflegte sich bis zum Geht-nicht-mehr. Hatte da- durch, was alle andern auf dieser Fahrt nicht hatten - eine gewisse Galanz. Darauf, daß sie noch jünger war, war sie nicht stolz. Denn Jahre vor sich sind Jahre der Qual, des Zusammenbruchs, des Immer-wieder-aufstehen-müssens und sich einen Weg weiter- schleppen, der doch so einsam und sinnlos war. Sie wurde um ihr Aussehen oft beneidet. Doch nur sie selbst wußte, was da- hintersteckte. Alles Verfall, ihre ganze Substanz in Schnaps auf- gelöst. Die Violetthaarige hatte nichts, was in dieser Gruppe alle hatten, Stabilität und die Zuversicht, daß das Leben überschaubar war. Der Neid war ihrerseits. Schon morgen, heute abend schon konnte sie sich selbst - sie blickte auf die Löwen und sah nur ein schales Bild - an ihrem inneren Abgrund zu Tode stürzen. Sie drehte sich von den unnützen Webereien weg und balancierte auf dem Boden des Schlafzimmers der Diane von Poitier der frischen Luft zu.
Da steht er, der Bierdimpfel, bei dem beim Lächeln der Goldzahn blinkt, und immer lächelt er, wenn sie sich in die Nähe kommen, das tut ihr gut. Sie fühlt sich irgendwie zu ihm hingezogen, sein Bauch ist unschön, doch solid, an so etwas könnte sie sich lehnen. Nur gehalten werden, sein »Morgens aufstehen« und »Um 12 Uhr essen« und »Nach dem Fernsehen schlafen gehen«, das sollte er auf sie übergehen lassen. Zaghaft geht sie an ihm vorbei und ihre Blicke streifen sich. Der Goldzahn blinkt.
Das Trio ist noch nicht fertig mit diesem Raum. Unversehens, ver- steckt vor dem unberechenbaren Auge der Öffentlichkeit, dreht die redescheue Freundin der Frau Häupl rasch eine Kante des Wandteppichs um, und die Frau Häupl selbst fühlt sich bemüßigt, hernach das Gleiche zu tun. Da müssen die doch jetzt schauen, so meint die Frau Rankerl, ob die Farben auf der Vorderseite aus- geblichen wären. Sie ärgert sich darüber, weil sie Kunstschätze achtet. Und weil die eine es nicht auch noch der anderen nach- machen muß. »Man soll sie nicht berühren!« sagt sie da und hätte gern noch mehr gesagt.
Daß das jetzt die Galerie war, wußte der Hugo, als er sie betrat, auch ohne es zu lesen. Sie führte vom Schloß hinüber zum anderen Ufer. Hier war er auf unbestimmte Minuten frei, weil seine drei Gra- zien noch ganz vertieft in das Auffinden der in der Beschreibung erklärten Gegenstände waren. »Murillo!« - »Hier!« Der Appell der Kunstwerke diente ihnen als Bestätigung, daß sich alles auch wirklich auf dem ihm zugewiesenen Platz befand. Durch die Über- einstimmung von Schwarz auf Weiß mit der Wirklichkeit wäre ein Stück der Weltenordnung garantiert. Das war beruhigend und des- halb so wichtig wie die Kunstwerke selbst. Sich versichern, daß alles so ist, wie es sein soll, war allein schon eine Reise wert.
Sie, die ihm den Kitzel gab, ging die Galerie entlang, als wären ihre perfekten Knie und meisterhaft geformten Waden selbstverständlich. Aus ihren golden glitzernden Nylons sprangen ihn Hoffnungsfunken an. Ein Glück, gerade in diesen auserwählten Momenten war die Ga- lerie so spärlich besucht, daß er ihr nachschauen konnte. Und dabei, weil sie eben ihre Füsse auf die Bodenfliesen setzte, fiel ihm auf, daß die weißen stärker abgenutzt als die schwarzen waren. Wer war da von ihnen beiden der schwarze und wer der weiße Stein - er bezeichnete, ohne zu überlegen, sich selbst als zweifellos mehr ab- genutzt, das Schnaufen-müssen, die Krampfadern an den Beinen und daß er halt einfach nicht mehr zwanzig war.
»...veranstaltete hier die rauschenden Feste...« hörte er nebenbei. Der Hugo folgte ihr. Was in seinem Kopf vorging, war hingegen noch nicht abgenutzt, war jüngfräulich, der Wunsch, sie zu besitzen. Und er tat Schritte ihr nach und in sein Selbst hinein, das unter dem Bierbauch verborgen lag, zum ersten Mal in seinem Leben. Die hatte er seine ganze Ehe hindurch nicht gewagt. Er versuchte, die Füsse ganz vorsichtig aufzusetzen, als wäre er leicht und gefährlich.
»Während des Krieges...« hörte er weiter und bemerkte en passant das deutsche Paar. Frau und Mann hatten jeweils einen Pinscher auf dem Arm und versuchten gleichzeitig, ihre Beschreibungen lesbar in der Hand zu halten, - »So nicht.« dachte er - »... war diese Seite unter deutscher Besatzung und die Uferseite drüben war frei...« Dorthin, ihr nach, der Hugo fühlt sich wie ein flüchtender Soldat. Kommen und siegen. So wie er's in vierzig Jahren niemals zustande gebracht hatte. Den violetten Glanz der Haare erringen und das Rot der Lippen, endlich.
Seine Schritte werden nun die des Fliehenden, der die Freiheit sucht, vorsichtig, unsicher in der Angst, ertappt zu werden. Der Schimmer des Nylons ist sein Licht, er sieht ihre Schwäche nicht, sieht nichts, was ihn sonst noch umgibt, nur zwischen ihr und sich weiße und schwarze Fließen, mit den Spitzen aufeinanderstoßend, die weißen schon mehr abgenutzt, dem Hugo wurde es heiß.
Sie drehte sich nicht um, besichtigte nichts, ging einfach die Galerie entlang, schlafwandlerisch, als hätte sie an diesem anderen Ufer mehr Interesse als am ganzen Schloß.
Sie sah durch den kleinen Ausgang am Ende der Galerie hindurch das Grün der Pflanzen, sah frische Luft und Erleichterung. Nur das brauchte sie jetzt im Zittern ihrer verfluchten Ungebundenheit. Sich das Grün einverleiben, damit sie nicht nur sie selber sei. Sie wäre auf dieses sonnenhelle Loch am liebsten zugelaufen. Doch ihre in- nere Wachsamkeit riet ihr, nicht aufzufallen. Sie zwang sich also dazu, einen gesetzten Schritt zu finden, indem sie jede Bodenfliese, auf die sie treten würde, vorher bestimmte. Die weißen waren mehr abgenutzt.
Beide waren auf der Flucht, erreichten hintereinander das letzte Stück der Galerie, an der das Sonnenlicht schon leckte. Die wenigen Stufen hinunter ließ sie sich freien Lauf.
Er stand oben an der kleinen Treppe. Tun, was ihm sein Herz ein- gab. Er gäbe beim Hinuntergehen kein gutes Bild ab, er war so schwerfällig. Und doch - sie erreichen, in den goldenen Schimmer langen, die Waden halten, bis sie, der Nylons entledigt, die seinen wären, ein Lächeln dann von ihr auf zitterndem Mund. Er hatte schon eines erhalten. Doch dieses ersehnte wäre erblüht.
Er sah sie auf der kleinen Brücke zwischen Schloß und Ufer stehen, ans steinerne Geländer gelehnt, das Gesicht der Sonne zugewandt, mit geschlossenen Augen. Sie war zum Weinen schön. Er schaute und stieg nicht hinunter.
Da räkelte sie sich wie eine Katze, sich seiner Anwesenheit gewahr. Sie wand sich halb zu ihm hin und schenkte ihm einen Blick, der ihm durch die Körperteile ging, deren er sich schon lange nicht mehr bewußt gewesen war.
Sie hatte ihm wirklich ein Zeichen gegeben! Hinuntereilen, die Beine wurden ihm leicht.
»Ja, Hugo, da bist du ja! Willst jetzt da auch noch hinaus?« Eine Axt aus Worten trennte Schloß vom Ufer und ließ die Brücke versinken. Der Hugo stand starr und sah es anstandslos ein, daß hin- unterzugehen zu beschwerlich war. Er müßte ja dann auch wieder hinauf.
Die Frau unten sah er nicht mehr. Die Welt war wie vorher auch. Er war Ehemann mit Hang zum Bier, das Schloß der Grund ihrer Reise.
Auf dem Tisch standen drei Helle auf weißen Decken, vor Frau Rankerl jedoch ein Viertel roter und ein Viertel weißer Wein. »Man muß auch die Weine der Loire kennenlernen.« Diese Berechtigung ließ sie strahlen. Frau Häupl betrachtete sie argwöhnisch. Die ließ sich's gut gehen. Die freut sich, als hätte sie im Lotto gewonnen. Derweil lag ihr Mann im Krankenhaus. Wenn der Ihre eingeliefert würde, würde sie nie fortgefahren. »Sonst hätten wir ja beide ab- sagen müssen«, hatte sie gemeint. Als ob das vernünftig wäre. Herzlos war's auf jeden Fall. Da kauft sie ihm von jedem Schloß einen Führer auf Französisch oder Englisch und weiß gar nicht, ob er ihn noch jemals lesen wird. Das war eine.
Sie warteten nicht lange auf das Essen, Frau Häupl, ihr Hugo, die Freundin und Frau Rankerl eben an ihrem Vierertisch. Von mehreren Kellnern wurde die Quiche Lorraine aufgetragen. Daß Hugo einen Goldzahn hatte, war nicht erkenntlich. Er redete und er lächelte nicht. Er nahm nur ab und zu einen Schluck, noch nicht einmal einen großen. Es schmeckte bitter, daß er an diesen Tisch gehörte. Nur seine Augen bewegten sich. Das wollte er gar nicht mehr und doch, sein Blick glitt unwillentlich nach links, eine Reihe dickfleischiger Ar- me entlang, die neben den Tellern lagen. Sie saß drüben bei den Betuchten.
Die Seine hatte es bei dem einen Paar gleich bei der Abfahrt spitz gekriegt, weil die im BMW angefahren kamen. Man merkte es auch an der Kleidung. Und anspruchsvoll waren sie, das machte das Geld aus. Dann war noch der mit seiner Frau am Tisch, den sie im Bus gefragt hatten, ob er einen Zehner für die Getränke wechseln kann. Hatte der prompt zurückgefragt, ob er ihm nicht vielleicht gleich einen Hunderter wechseln sollte. Der, der noch dabei saß mit seiner Frau, war gehbehindert. Er hat das Geld in seinem orthopädischen Schuh versteckt, hatte er gesagt, seine Frau hatte gesagt im Socken. Und daß sie wenig Miete zahlten. Aber die Seine hatte ge- meint, die hätten sicher auch noch ein Haus, vermietet wahr- scheinlich, einen solchen Eindruck machten sie.
Das alles beschäftigte den Hugo nur, weil sie dabei saß, die, die an seinem offenen Herzen vorbeigelaufen war. Sie hätte ihn sich holen müssen. Sie hatte auch einen Wein vor sich, wie alle anderen dort, und schien mit Interesse der Unterhaltung zuzuhören, sie lächelte und nickte verständig. Sie schaute nicht her. Er würde sie auch nicht mehr kriegen.
Fast mochte er denken, sie mache sich an die Männer heran, selbst von den Gattinnen ließe sie sich dabei nicht stören. Sie schnitt nur zaghaft in ihrem Törtchen. Oder geziert. Vielleicht hatte sie auch keinen Appetit. Er selber aß auch nur aus Höflichkeit. Allein diese Gemeinsamkeit war ihnen vergönnt.
Den vieren hatte die Gemütlichkeit gefehlt, um nach dem Essen noch sitzen zu bleiben, Frau Rankerl hatte den ganzen Tag über sowieso hinreichend Geselligkeit gehabt. Sie wollte sich selbst genügend oben im Zimmer ihre Schuhe putzen und morgen schon vor dem Frühstück raus, eine Runde drehen, wenn die Autos erst vereinzelt fahren, ganz allein, das war einfach schön. Ihre Be- gleiterinnen wollten ohnehin beizeiten ins Bett, weil das Besichtigen doch anstrengend war. Und erst recht der Hugo, ihm blieb nur ein Wunsch - die ganze Welt in einem bierweichen Schlaf vergessen.
Sie, die er sich aus dem Denken reißen mußte, war noch ein paar Minuten länger unten gesessen, weil sie - wieder hatte es ihr die Vorsicht geboten - nicht früher als die andern aufbrechen wollte, nicht den Vorhang aufziehen vor ihrem verwüsteten Inneren. Die Gesellschaft hätte sie beileibe nicht gehalten, immer wieder wo- anders mit immer wieder anderen driftete sie wie ein Stück Treibholz zwischen Zufallsbekanntschaften im Meer ihrer Einsamkeit umher, bis sie auf etwas Festes traf, von dem sie sich Halt erhoffte, nur um wieder zurückgestoßen zu werden, verurteilt zu endloser Suche. So sinnierte sie fort, als sie allerseits »Gute Nacht!« wünschte, wäh- rend sie bereits die Treppe hinaufging und langsamer wurde, weil sie die vier weiter vorne im Gang erkannte. Sie war schneller gewesen als diese, obwohl sie sicherlich mehr getrunken hatte. Sie war von Unruhe getrieben. Sie hatte kein Ziel, doch auch keine Wahl außer dem ihr zugewiesenen Zimmer, der Passage von einem verlassenen Tag in den anderen. Den Morgen müßte sie sich erkämpfen, für die vier da vorne würde er sich von selber darbieten.
Sie hatte ihn in ihrem vagen, enttäuschten Blick, den Hugo. Wie ein Verschluß auf einer dickbauchigen Flasche, so saß sein Kopf auf seinem Körper, als hätte man ihn daraufgeschraubt. Noch nicht ein- mal den, noch nicht einmal diesen Bierdimpfel, dem es bei jedem Niesen sein weißes Hemd zu sprengen drohte, hatte sie gekriegt. »Hugo« nannte sie einen weiteren geknickten Halm, der für einen Bruchteil ihres Lebens ihre Hoffnung war. Der Hugo zog da vorne mit seinem Clan ab und wurde dabei selbst gezogen. Daß sie sich mit diesen Frauen messen mußte, deren Aufmachung allein in keinem Vergleich zu der ihren stand, das kam ihr hart an. Schon dieser Schulmädchenpony im Gesicht, und wie sie dann noch das restliche Haar mit Klammern glatt und fett auf der Seite festgemacht hatten, mit Apparaten, wie es sie noch nicht einmal mehr zu kaufen gab. Was war denn dran an diesen Frauen, die nichts anderes als Haushaltstipps und Arztadressen verteilten? Sie wußte es, ihre stämmigen Beine waren fest im Boden verwurzelt, während ihr Sinn auf Gleichlauf ausgerichtet war, auf den Bestand des Alltäglichen. So wie es vorgesehen war, so liefe es auch ab. Und den Hugo lullten sie ein mit ihrem Trott.
Sie zwang sich dennoch, aufrecht den roten Teppich entlang zu gehen, auch wenn er ihr einen unliebsamen Empfang verhieß. Ein kaltes, unbewohntes Zimmer wäre als Spiegel ihrer Verzweiflung entgegengestellt.
Auch ihm kam der rote Teppich vor, als wäre er zu seinem Empfang ausgerollt, sein altes Leben hieß ihn auf's Neue willkommen. »Meine drei Grazien«, sagte er sich, um sich seine Begleiterinnen wieder annehmbar zu machen, während er auf die Stellen trat, die von ihren Füssen bereits gestempelt waren. Er hatte heute im Schloß tatsächlich ein Bild mit dem gleich Titel gesehen, »Die drei Grazien von Van Loo«. Sie hatten nur ein paar leichte Tücher um die jungen Körper geschlungen, lieblich direkt und rein, man konnte es nicht anders sagen, obwohl sie, so hatte er sich erklären lassen, Favo- ritinnen von König Ludwig XV. waren. Das hatte ihn sogar in- teressiert. Dem war ein Glück widerfahren. Auch wenn da dieses Ehepaar mit den Pinschern gespöttelt hatte, daß das, was bei denen am Bauch zu viel war, hinten fehlte. Es waren sanfte Schönheiten gewesen, die hatten dem König gut getan.
Er empfand eine gewissen Solidarität mit diesem, denn er hatte auch drei, er mußte sie haben, nur hatten die Seinen ein paar Jahrzehnte mehr auf dem Buckel, da fehlte hinten nicht so viel, wie vorne entbehrlich war. Diese Frau Rankerl, dachte er jetzt dicht hinter ihr, hat einen richtigen Landfrauenkörper von der Arbeit und dem kräftigen Essen, und feste Beine wie umgedrehte Flaschen, aber dickhalsige, wie die von Punica. Das trank seine Frau oft da- heim. Die Falten an Frau Rankerls Rock liefen hinten aufeinander zu und trafen sich, so mutmaßte er, gerade dort, wo der Hintern geteilt sein mußte. Es war wirklich komisch gewesen, wie er heute mit seinen Grazien vor den eigentlichen stand. Wenn ihm ein Spaß vergönnt gewesen wäre, dann hätte er sich darüber amüsiert. Doch der Hugo war vom Schmerz beherrscht: er hatte die eine nicht bekommen, die wie ein Duft durch seine Gedanken zog.
Wie gestern, so heute, sinnierte er in sich hinein, als ihm die Frau das Bett aufschlug, wie sie es immer tat, und er war froh, daß er es nicht selbst zu tun brauchte. Sie hatten zwei Einzelbetten bestellt, der Bequemlichkeit halber. Die standen, da hatte er nichts gegen, nebeneinander.
Durch die Vorhänge hindurch kam Straßenlicht ins Zimmer und beleuchtete die altbekannte Konstellation. Die Frau schnarchte schon, als das Bier bei ihm noch immer keine Wirkung zeigte. Er sah die Haarklammer auf ihrem Nachttisch liegen, so wie zuhause auch, seit über vierzig Jahren. Doch lag zum ersten Mal ein violetter Schimmer über dieser Alltäglichkeit, violett wie die Farbe der Fa- stenzeit.