Alice Münscher, Schriftstellerin, promovierte Stadtplanerin, Volkswirtin, lebt in München. Buchveröffentli- chungen u. a.: Ein exquisiter Leichnam, 1994; Die Anomalie des Wassers, 1999. Literaturstipen- dium der Landes- hauptstadt Mün- chen, 1994. In Vorbereitung: Reisen in Pie- mont und Pro- vence - Literari- sche Streifzüge.

Die Grafiken in dieser Ausgabe sind von Matthias Mala. 1950 ge- boren, lebt er als freischaffender Künstler, Spiele- erfinder und Schriftsteller in München. Er veröffentlichte bisher über vier- zig Bücher sowie etliche Hörspiele und auch Comic- texte. Im bild- nerischen Schaf- fen liegt sein Schwerpunkt in Federzeichnun- gen. Er beteiligte sich an verschie- denen Ausstel- lungen.
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Der Mann stieg aus der Trambahn, hielt sich dabei fest an einem Griff, versuchte seine Beine zu ordnen die zwei Stufen hinunter, kam auf der Straße an und hielt sich immer noch fest, als müsse er nachdenken, ob es richtig gewesen sei, die Trambahn zu verlas- sen, in der es warm war und hell. Er ließ los und stürzte, die Türen schlossen sich, die Tram fuhr ab.

Der Mann war sehr gut angezogen, vielleicht ein wenig zu leicht für die Kälte, es war Januar, schwarze Bundfaltenhosen trug er, einen schwarzen Rollkragenpullover, eine schwarze Lederjacke darüber, edle schwarze Schnürschuhe, eine Goldrandbrille. Die Brille war ihm heruntergefallen bei seinem Sturz, sie lag neben ihm auf der Straße. Der Mann hatte die Beine angezogen bis zum Kinn, seine Knie um- faßt und den Kopf auf den Asphalt gelegt, starr. In der Schauburg gegenüber der Haltestelle waren die Vitrinen beleuchtet, Theater- plakate, »Das kalte Herz« nach Wilhelm Hauff.

Ich versuchte ihm aufzuhelfen, es war ein Uhr nachts, er wollte nicht recht, lallte und stöhnte, ein schwerer Mann trotz seiner leichten Erscheinung. Sie liegen mitten auf der Straße, Sie können doch nicht mitten auf der Straße liegen bleiben. Er hatte einen mar- kanten Mund und der lächelte. Ich hob die Brille auf. Kommen Sie doch, bitte, kommen Sie von der Straße weg. Er sah mich an, Ma- dam, I must tell you. Ok. Er versuchte zu sitzen und endlich hoch- gebracht blieb er stehen, aber er war nicht weiter zu bewegen. Be- schaute seine schöne schwarze Hose, grau am Knie, streckte die Finger aus und versuchte eine Faust zu machen, es ging. Er schien nicht verletzt.

Matthias Mala

From Sydney, I am from Sydney, Madam, ich wollte Ihnen sagen, also wie sagt man auf Deutsch, ich wollte Ihnen sagen, verstehen Sie mich, Madam, er kam nicht weiter, je voulais vous dire, Madame, er war volltrunken und begann zu weinen, er schluchzte und war nicht von der Straße zu bringen, I must tell you, when I was six. Sie müssen von der Straße runter. Wir werden zusammengefahren. Get off the road! Er lächelte, I must tell you.

Er hatte Mühe, die Brille wieder aufzusetzen, das Gerät schien ihm vollkommen fremd, aber irgendwie notwendig. Ich wollte ihnen sa- gen, Madam. Ja. Bitte gehen Sie doch von der Straße, es wird ein Unglück passieren. Ich wollte Ihnen sagen, er kramte in der Tasche seiner Lederjacke und holte eine zerknüllte Packung Marlboro her- aus. Er bot mir eine Zigarette an. Danke, nein, wo müssen Sie denn hin, where is your hotel, your home? Madam, je voulais dire, jetzt lächelt er wieder und bringt es fertig, seine Zigarette anzuzünden, immer noch mitten auf dem Asphalt in seinem schwarzen Gewand. Ich wollte Ihnen sagen, er stockt und sagt es noch einmal, und dann, ein Wort langsam nach dem anderen, please, Madam, lassen Sie mich alleine gehen.

Er bewegt sich einen einzigen Schritt Richtung Gehsteig, bleibt ste- hen, raucht und steht ganz gerade. Er winkt mir nach.