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Bis gestern war es eigentlich keine schlechte Ehe gewesen. Gemein- sam hatten sie die
Wohnung benutzt, das hieß, jeder konnte sich in jedem Raum frei aufhalten. Der andere ging eben, verließ das Zim- mer, und nichts erinnerte an ihn. Die Wohnung besaß ihr eigenes Gedächtnis, das nicht für
ihre Bewohner zu gelten brauchte. Die gerahmten Fotos und ererbten Ölschinken über der Couch sprachen für sich, nicht jedoch zu ihnen. Schon seit Längerem versuchten sie keine Umordnung mehr, die
Behausung machte sich selbständig auf den Weg zu einem natürlichen Zustand. Die Reste einer Mahlzeit suchten sich ihre gemütlichsten Ecken aus, wo sie tagelang dauer- ten. Verschwanden sie, so redete
niemand darüber. Das einzig wirk- liche Geheimnis gestattete er ihrem Schlafzimmer. Abends schloß sie sich dort ein, er bettete sich auf die Couch. Das hatte begonnen, als sie nurmehr unruhig zu schlafen
vermochte. In ihren Alpträumen hatte sie sich mit ihren Armen wild schlagend Platz verschafft. Sie traf ihn unvermittelt ins Gesicht, entschuldigte sich und erlaubte ihm, sie zu wecken, dennoch nahm die
Heftigkeit ihrer Schläge zu. Eines Morgens standen sie einander im Bad gegenüber, ganz über- raschend, auf ihrem Nachthemd erblickte er deutliche Spuren von Inkontinenz. Sie sagte: Wie erträgst du es
ohne deinen Jungen? Das saß. Er war, das fand er später unerklärlich, blindlings aus der Haus- tür gestolpert, aus seiner verhaltenen Gleichmäßigkeit geworfen, um den Block gehetzt und hatte dabei
geheult wie ein kleines Kind, das bestraft worden war. Zum ersten Mal in ihrer Beziehung hatte er ge- heult. Es war lächerlich, kindisch, feige, halbherzig. Aber es war et- was da, das er nicht
erschließen konnte. Ein Loch, dessen Umkreis er nicht abzuschreiten verstand. Sophie, die älteste, war wenige Tage nach der Geburt einen plötzlichen Säuglingstod gestorben. Mit einem Sohn hätte man
warten sollen. Der Junge war mit zwanzig herüber gegangen, ihnen hatte er die Angst dagelassen. Die Angst vor den gesichtslosen Männern in riesigen gelben Limpusinen draus- sen vorm Garten. Wochenlang
hielten sie sich hinter Zeitungen ver- schanzt und demonstrierten Anwesenheit. Ging die Frau aus dem Haus einkaufen, fuhren sie im Schrittempo nebenher. Bald wußten sie, welchen Konsum sie bevorzugte,
dann erwarteten sie die Frau bereits. Ihn ließen sie in Ruhe. Er fühlte sich übergangen, unter- schätzt und beneidete sie fast. Nach zwei Monaten hörte der Spaß auf. Im Korbstuhl überlegte er, wie das
geschehen könnte, diese Gegen- wart. Heute, gestern und morgen fielen in eins, man konnte nichts gegeneinander abgrenzen. Der schwarze Klumpen im Wohnzimmer zum Beispiel, was bewies ihm, daß er nicht
schon seit drei Jahren dort lag? Es machte keinen Unterschied, wenn die Frau jetzt ihre verfluchten Faschisten ins Telefon kreischen würde. Was gewesen war, ließ sich beliebig zurechtbuchstabieren. Aber
warum hatte er die Zigaretten nicht wie sonst im Flur abgelegt statt überm Fern- seher? Der schwarze Klumpen hustete. Schüttelte sich, blies sich auf und sackte gleich darauf wieder zusammen. Auszeit,
Stille, die an Mittag denken ließ. Er dachte daran, Selters aus dem Keller zu holen. Die Glühbirne mußte da gewechselt werden. Hier rannte ihm das Licht die Bude ein. Auf den fleckigen Fliesen wurde der
Staub deutlich wie hartes Kristall. Jetzt begannen die zwei Stunden Ewigkeit. Die klei- neren Läden schlossen, man tat sich wohl am Samstag. Er spürte Durst, weigerte sich trotzdem, den Wasserhahn
aufzudrehen. Man würde es in jedem Winkel fließen hören, das würde stören. Es wäre jene Unterbrechung, die ihn daran denken ließe, daß etwas nicht stimmte. Daß etwas fehlte, während die Gewöhnlichkeit
sich wieder zur Bewegung schickte. In der Spüle dämmerte sein Geschirr vor sich hin, Brotkrumen und Butter gingen mit ihren Tellern symbioti- sche Beziehungen ein. Der Kaffee in der Maschine stand kalt.
Rest- leben. Aber sobald man diese Gebilde sich selbst überantwortete, führten sie eine Existenz, die der eigenen widersprach. Er bekam so mehr Zeit, aber weniger Raum. Man konnte dieses Verhältnis
umkeh- ren, aber beides gleichzeitig ausdehnen, richtig ausdehnen, das funktionierte nicht. Er grübelte, ob er dem Klumpen im Wohnzimmer etwas anbieten sollte. Wasser, Tee, Brot oder Joghurt. Der Weg
zur Tür wurde schon in Gedanken unendlich. Warum hatte sie sich ausgerechnet die zwei Quadratmeter vor der Glotze ausgesucht. Sie war gestern abend einfach umgeknickt und nicht mehr aufge- standen.
Sie hatte nicht einmal geschrien. Er hatte gerade im Klo die Urinsteine bewundert, und sie hatte schlicht darauf verzichtet, ihn aufmerksam zu machen. Sie lag neben dem runden Eßtisch. Als er sie
entdeckte, bat sie, er möge verschwinden. Das war neu. Ihre kommentarlose Härte, als handelte es sich hierbei um ein klar ausge- rechnetes Ergebnis. Am folgenden Morgen hatte er einen Arzt anrufen
wollen, aber als er die Nummer wählte und sich einen kurzen beschreibenden Satz zurechtbastelte, war sie verstummt. Zwar war sie vorher auch nicht gesprächig gewesen, jetzt aber forderte er wenigstens
ihre Bestätigung. Zumindest versuchte er, eine Ahnung von ihrem Gesicht her zu nehmen. Andererseits mußte er verhindern, daß sie nun, in ihrer unaufhebbaren Sonderstellung, mit ihm abrech- nete. Und war
er nicht seit jeher darauf aus gewesen, ihrem Willen Genüge zu tun? Der Junge, die Wohnung, der Beischlaf. Vor vier Jahren hatte er sie letztmalig angefaßt. Als er damals, nach zwei- jähriger Abstinenz,
ihren Rock hochschob, war es ihm fast wie Inzest vorgekommen. Sie spürte es, knöpfte sich prosaisch wieder zu und nahm sein schamhaft erigiertes Glied zwischen die trockenen Lippen. Dabei zitterte sie,
sie biß ihn fast, bis er aufschrie. Fortan aber wünschte er sich nichts stärker, als die Erinnerung an dieses Gefühl zu behalten, das Mitleid und Tröstung meinte, und worin das Körperliche mit seinen
mechanisierten Anstrengungen bereits aufge- hoben war. Heute hatte er das erste Mal daran gedacht, wie es ohne sie wäre. Ganz bestimmt nicht erträglicher. Allein zu leben, das war unvor- stellbar. Und
um sich von ihr zu trennen, dafür verstand er sie zu wenig. Obschon man wahrscheinlich Beziehungen einging, weil man einander nicht ausweichen konnte, also einging, um sich gegenseitig zu überwinden.
Jetzt sah es aus, als habe sich die Frau in Gestalt eines schwarzen zusammengerollten Klumpens auf den Weg ge- macht, ihn hinter sich zu lassen. Er fühlte sich wütend, benommen und wütend, überflüssig zu
sein, weil sie den Rest für sich zurück- legen wollte.
Also ehrlich, wir haben die nie kommen sehen. Gehen auch nicht. Die Treppe, das stimmt, die ist sauber gewesen. So lang wir hier leben. Wir
leben schon lange hier. Hier zieht man ein und wird einfach alt. Da gibts keine andere Möglichkeit, probieren Sies nur selber. Und die Beiden haben hier noch gar nicht lange gewohnt. Eine Katze hat de-
nen gehört, die manchmal ins Treppenhaus scheißt. Aber er hat das in der Regel weggeputzt. Der hat alle Spuren beseitigt. Der hat so- gar, als die Frau tot war, die Katze gefüttert. Wir habens gesehen
beim Wäschehängen. Der hockte sich ins Fenster und hat gepfiffen, bis die Schwarzweiße reinkam. Im Betrieb, im alten Kombinat, soll er Ingenieur gewesen sein. Die Firma hat sich einen Dreck um ihn
gekümmert, wie er pensioniert wurde. Grüße, die selbst von der anderen Straßenseite ausblieben. Das muß ja hart machen. Aber schließlich haben wir das alle irgend- wie erlebt. Unsereiner wird blöd
darüber. So blöd wie Holz oder der Stahl, den sie früher im Betrieb gehärtet haben. Hart wie Krupp- stahl, zäh wie Eisen, flink wie Windhunde. Das hat uns der Sekretär vorgepfiffen, tagelang, während im
Betrieb keine Kohle mehr fürs Klopapier kam. Wir befinden uns im allgemeinen kriegszustand. Hat der Alte genickt, als sie vorbeikamen und seine rundgewölbten Schultern klopften. Das geht jetzt so, daß
ein jeder an die Reihe kommt. Die Alte, als gelernte Näherin, die war zugänglicher. Nur manchmal ein paar Absencen, wenn sie jemanden von uns hier besuchte und spätabends ein Schlüssel sich drehte
oder die Tür entlangstreifte, unentschlossen, ob er eindringen durfte. Die war sonst eigentlich so geschwätzig, als wollte sie sich uns nur vom Leib halten, und tatsächlich, in der Wohnung verschwunden,
auf engstem Raum mit diesem andern Schwergewicht, gab sie endlich Ruhe. Ja, wir waren, genauer betrachtet, nichts als Schmeißfliegen für die. Wegelagerer, grölendes, saufendes, verhurtes Pack, die
Idioten, die den Fidschis die satten Autoreifen zerstachen und mit dem Aluschlüssel an auf- gegeilten Westmercedessen entlangschabten, als wir gelernt hat- ten, daß der Kratzer die tödliche Wunde ist.
Den Alten hat die Polizei verhört, nachdem einer von uns das alles gerochen hatte. Wir habens gemeldet, ein bißchen schadenfroh und immer noch in Gestalt der heimlichen Rache und des Verrats durch unsere
Unschuld. Wir haben es nämlich gemeldet, nicht einer von uns. Der Alte geht ins Altenheim und nimmt die Katze mit. Ehrlich gesagt, das waren Leute, denen wir nicht böse sein dürfen. Die waren
wie zu lange und zu leise raschelndes Papier, das ihr uns morgen ins Maul schieben werdet. Aber wir haben schon genug da- von, ganz sicher.x
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