Ulrich van Loyen, geboren 1978 in Dresden, seit 1996 journalisti- sche Arbeit für dortige Zeitun- gen und Lokal- radio. Mitheraus- geber der Litera- turzeitschrift Kassandra sowie Mitarbeit an der Zeitschrift foglio. Seit 1999 Studi- um der Philoso- phie in München.

Die Grafiken in dieser Ausgabe sind von Matthias Mala. 1950 ge- boren, lebt er als freischaffender Künstler, Spiele- erfinder und Schriftsteller in München. Er veröffentlichte bisher über vier- zig Bücher sowie etliche Hörspiele und auch Comic- texte. Im bild- nerischen Schaf- fen liegt sein Schwerpunkt in Federzeichnun- gen. Er beteiligte sich an verschie- denen Ausstel- lungen.
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Also ehrlich, hatte er sagen wollen, als er die Wohnung betrat. Die im Flur heruntergefallene Porzellanvase, der Dreck auf dem Boden, die Urinspur, die sich den Gang entlangzog. Dann sah er durch die Glastür ins Wohnzimmer. Ein schwarzer Klumpen lagerte auf dem Teppich, er erkannte die Umrisse kaum. Der schwarze Klumpen rollte sich zusammen. Durch die Tür drang dumpfer Atem. Zuerst wollte er zur Küche gehen und seine Einkäufe abstellen. Im Kühlschrank gab es bloß noch zwei Flaschen saure Milch, einen angefangenen Jog- hurt, Brotreste, die harten Kanten. Die Frau war sich wohl zu gut dafür. Dabei hatten sie das früher fast begeistert gegessen, noch lange nach dem Krieg, das Weiche hatten sie lieber dem Jungen ge- lassen. Aber im Alter ißt man besser Joghurt, meinte die Frau. Er aß weiter Brot, in verbissener Sturheit, die mancher angeboren fand.
In der Küche versank er im Korbstuhl, bis er beinahe einschlief. Das Küchenfenster war groß, und was da draußen vorging, hätte ebenso gut drinnen geschehen können. Die roten Dächer gegenüber, die von der Sonne ausgesucht das Licht wie in einem Brunnen springen ließen. Die Frau hatte immer gesagt, das ist der Süden. Sie hatte Rom und Neapel und Florenz zitiert, die gesammelten Kartengrüße des Sohnes vorgelesen, ohne jemals müde zu werden. Wir aber. Wenn wir siebzig sind, haben wir das überstanden. Nichts hält uns mehr, und du wirst mich auf dem Markusplatz knipsen, während ich Brotkrumen aus der Manteltasche streue. Er: Bist du eine Hexe, daß du Tauben anlocken mußt? Regnete es dagegen, dann nistete sich in der ganzen Wohnung dieselbe wilde Traurigkeit ein wie unten auf den Straßen. Dann kochte die Frau nicht, sondern heulte. Sie wollte den Sohn anrufen, kam aber mit der Nummer nicht durch. In die tote Leitung brüllte sie auf der Hast nach einem Ehco: Ihr verfluchten Faschisten. Er selbst ging dann gern im Regen spazieren, rauchte eine halbe Stunde im Garten, unwichtig.
Er erinnerte sich, wo die Zigaretten lagen. Er war einkaufen gegangen und hatte die Packung Marlboro Lights an der Kasse plötzlich zurückgegeben, weil es ihm wieder eingefallen war. Im Wohnzimmer auf der Schrankablage überm Fernseher. Neben der Fernbedienung. Wenn er sie holen wollte, müßte er durch das ge- samte Zimmer an jenem schwarzen pulsierenden Etwas vorbeistei- gen. Er würde warten bis zum Einbruch der Dunkelheit, bis das Et- was hoffentlich eingeschlafen wäre, und würde sich dann daran entlangtasten. Er brauchte jetzt Ruhe, er wollte nicht schreien. Wenn ihn das Wesen erkannte, ihn mit rotgeäderten Augen anblick- te, das Gesicht ein Massengrab zusammengestürzter Wünsche, dann bliebe ihm nichts anderes übrig. Er müßte schreien und viel- leicht müßte er es sogar schlagen.

Matthias Mala

Bis gestern war es eigentlich keine schlechte Ehe gewesen. Gemein- sam hatten sie die Wohnung benutzt, das hieß, jeder konnte sich in jedem Raum frei aufhalten. Der andere ging eben, verließ das Zim- mer, und nichts erinnerte an ihn. Die Wohnung besaß ihr eigenes Gedächtnis, das nicht für ihre Bewohner zu gelten brauchte. Die gerahmten Fotos und ererbten Ölschinken über der Couch sprachen für sich, nicht jedoch zu ihnen. Schon seit Längerem versuchten sie keine Umordnung mehr, die Behausung machte sich selbständig auf den Weg zu einem natürlichen Zustand. Die Reste einer Mahlzeit suchten sich ihre gemütlichsten Ecken aus, wo sie tagelang dauer- ten. Verschwanden sie, so redete niemand darüber. Das einzig wirk- liche Geheimnis gestattete er ihrem Schlafzimmer. Abends schloß sie sich dort ein, er bettete sich auf die Couch. Das hatte begonnen, als sie nurmehr unruhig zu schlafen vermochte. In ihren Alpträumen hatte sie sich mit ihren Armen wild schlagend Platz verschafft. Sie traf ihn unvermittelt ins Gesicht, entschuldigte sich und erlaubte ihm, sie zu wecken, dennoch nahm die Heftigkeit ihrer Schläge zu. Eines Morgens standen sie einander im Bad gegenüber, ganz über- raschend, auf ihrem Nachthemd erblickte er deutliche Spuren von Inkontinenz. Sie sagte: Wie erträgst du es ohne deinen Jungen? Das saß. Er war, das fand er später unerklärlich, blindlings aus der Haus- tür gestolpert, aus seiner verhaltenen Gleichmäßigkeit geworfen, um den Block gehetzt und hatte dabei geheult wie ein kleines Kind, das bestraft worden war. Zum ersten Mal in ihrer Beziehung hatte er ge- heult. Es war lächerlich, kindisch, feige, halbherzig. Aber es war et- was da, das er nicht erschließen konnte. Ein Loch, dessen Umkreis er nicht abzuschreiten verstand. Sophie, die älteste, war wenige Tage nach der Geburt einen plötzlichen Säuglingstod gestorben. Mit einem Sohn hätte man warten sollen. Der Junge war mit zwanzig herüber gegangen, ihnen hatte er die Angst dagelassen. Die Angst vor den gesichtslosen Männern in riesigen gelben Limpusinen draus- sen vorm Garten. Wochenlang hielten sie sich hinter Zeitungen ver- schanzt und demonstrierten Anwesenheit. Ging die Frau aus dem Haus einkaufen, fuhren sie im Schrittempo nebenher. Bald wußten sie, welchen Konsum sie bevorzugte, dann erwarteten sie die Frau bereits. Ihn ließen sie in Ruhe. Er fühlte sich übergangen, unter- schätzt und beneidete sie fast. Nach zwei Monaten hörte der Spaß auf.
Im Korbstuhl überlegte er, wie das geschehen könnte, diese Gegen- wart. Heute, gestern und morgen fielen in eins, man konnte nichts gegeneinander abgrenzen. Der schwarze Klumpen im Wohnzimmer zum Beispiel, was bewies ihm, daß er nicht schon seit drei Jahren dort lag? Es machte keinen Unterschied, wenn die Frau jetzt ihre verfluchten Faschisten ins Telefon kreischen würde. Was gewesen war, ließ sich beliebig zurechtbuchstabieren. Aber warum hatte er die Zigaretten nicht wie sonst im Flur abgelegt statt überm Fern- seher?
Der schwarze Klumpen hustete. Schüttelte sich, blies sich auf und sackte gleich darauf wieder zusammen. Auszeit, Stille, die an Mittag denken ließ. Er dachte daran, Selters aus dem Keller zu holen. Die Glühbirne mußte da gewechselt werden. Hier rannte ihm das Licht die Bude ein. Auf den fleckigen Fliesen wurde der Staub deutlich wie hartes Kristall. Jetzt begannen die zwei Stunden Ewigkeit. Die klei- neren Läden schlossen, man tat sich wohl am Samstag. Er spürte Durst, weigerte sich trotzdem, den Wasserhahn aufzudrehen. Man würde es in jedem Winkel fließen hören, das würde stören. Es wäre jene Unterbrechung, die ihn daran denken ließe, daß etwas nicht stimmte. Daß etwas fehlte, während die Gewöhnlichkeit sich wieder zur Bewegung schickte. In der Spüle dämmerte sein Geschirr vor sich hin, Brotkrumen und Butter gingen mit ihren Tellern symbioti- sche Beziehungen ein. Der Kaffee in der Maschine stand kalt. Rest- leben. Aber sobald man diese Gebilde sich selbst überantwortete, führten sie eine Existenz, die der eigenen widersprach. Er bekam so mehr Zeit, aber weniger Raum. Man konnte dieses Verhältnis umkeh- ren, aber beides gleichzeitig ausdehnen, richtig ausdehnen, das funktionierte nicht.
Er grübelte, ob er dem Klumpen im Wohnzimmer etwas anbieten sollte. Wasser, Tee, Brot oder Joghurt. Der Weg zur Tür wurde schon in Gedanken unendlich. Warum hatte sie sich ausgerechnet die zwei Quadratmeter vor der Glotze ausgesucht.
Sie war gestern abend einfach umgeknickt und nicht mehr aufge- standen. Sie hatte nicht einmal geschrien. Er hatte gerade im Klo die Urinsteine bewundert, und sie hatte schlicht darauf verzichtet, ihn aufmerksam zu machen. Sie lag neben dem runden Eßtisch. Als er sie entdeckte, bat sie, er möge verschwinden. Das war neu. Ihre kommentarlose Härte, als handelte es sich hierbei um ein klar ausge- rechnetes Ergebnis. Am folgenden Morgen hatte er einen Arzt anrufen wollen, aber als er die Nummer wählte und sich einen kurzen beschreibenden Satz zurechtbastelte, war sie verstummt. Zwar war sie vorher auch nicht gesprächig gewesen, jetzt aber forderte er wenigstens ihre Bestätigung. Zumindest versuchte er, eine Ahnung von ihrem Gesicht her zu nehmen. Andererseits mußte er verhindern, daß sie nun, in ihrer unaufhebbaren Sonderstellung, mit ihm abrech- nete. Und war er nicht seit jeher darauf aus gewesen, ihrem Willen Genüge zu tun? Der Junge, die Wohnung, der Beischlaf. Vor vier Jahren hatte er sie letztmalig angefaßt. Als er damals, nach zwei- jähriger Abstinenz, ihren Rock hochschob, war es ihm fast wie Inzest vorgekommen. Sie spürte es, knöpfte sich prosaisch wieder zu und nahm sein schamhaft erigiertes Glied zwischen die trockenen Lippen. Dabei zitterte sie, sie biß ihn fast, bis er aufschrie. Fortan aber wünschte er sich nichts stärker, als die Erinnerung an dieses Gefühl zu behalten, das Mitleid und Tröstung meinte, und worin das Körperliche mit seinen mechanisierten Anstrengungen bereits aufge- hoben war.
Heute hatte er das erste Mal daran gedacht, wie es ohne sie wäre. Ganz bestimmt nicht erträglicher. Allein zu leben, das war unvor- stellbar. Und um sich von ihr zu trennen, dafür verstand er sie zu wenig. Obschon man wahrscheinlich Beziehungen einging, weil man einander nicht ausweichen konnte, also einging, um sich gegenseitig zu überwinden. Jetzt sah es aus, als habe sich die Frau in Gestalt eines schwarzen zusammengerollten Klumpens auf den Weg ge- macht, ihn hinter sich zu lassen. Er fühlte sich wütend, benommen und wütend, überflüssig zu sein, weil sie den Rest für sich zurück- legen wollte.

Also ehrlich, wir haben die nie kommen sehen. Gehen auch nicht. Die Treppe, das stimmt, die ist sauber gewesen. So lang wir hier leben. Wir leben schon lange hier. Hier zieht man ein und wird einfach alt. Da gibts keine andere Möglichkeit, probieren Sies nur selber. Und die Beiden haben hier noch gar nicht lange gewohnt. Eine Katze hat de- nen gehört, die manchmal ins Treppenhaus scheißt. Aber er hat das in der Regel weggeputzt. Der hat alle Spuren beseitigt. Der hat so- gar, als die Frau tot war, die Katze gefüttert. Wir habens gesehen beim Wäschehängen. Der hockte sich ins Fenster und hat gepfiffen, bis die Schwarzweiße reinkam.
Im Betrieb, im alten Kombinat, soll er Ingenieur gewesen sein. Die Firma hat sich einen Dreck um ihn gekümmert, wie er pensioniert wurde. Grüße, die selbst von der anderen Straßenseite ausblieben. Das muß ja hart machen. Aber schließlich haben wir das alle irgend- wie erlebt. Unsereiner wird blöd darüber. So blöd wie Holz oder der Stahl, den sie früher im Betrieb gehärtet haben. Hart wie Krupp- stahl, zäh wie Eisen, flink wie Windhunde. Das hat uns der Sekretär vorgepfiffen, tagelang, während im Betrieb keine Kohle mehr fürs Klopapier kam. Wir befinden uns im allgemeinen kriegszustand. Hat der Alte genickt, als sie vorbeikamen und seine rundgewölbten Schultern klopften. Das geht jetzt so, daß ein jeder an die Reihe kommt.
Die Alte, als gelernte Näherin, die war zugänglicher. Nur manchmal ein paar Absencen, wenn sie jemanden von uns hier besuchte und spätabends ein Schlüssel sich drehte oder die Tür entlangstreifte, unentschlossen, ob er eindringen durfte. Die war sonst eigentlich so geschwätzig, als wollte sie sich uns nur vom Leib halten, und tatsächlich, in der Wohnung verschwunden, auf engstem Raum mit diesem andern Schwergewicht, gab sie endlich Ruhe. Ja, wir waren, genauer betrachtet, nichts als Schmeißfliegen für die. Wegelagerer, grölendes, saufendes, verhurtes Pack, die Idioten, die den Fidschis die satten Autoreifen zerstachen und mit dem Aluschlüssel an auf- gegeilten Westmercedessen entlangschabten, als wir gelernt hat- ten, daß der Kratzer die tödliche Wunde ist.
Den Alten hat die Polizei verhört, nachdem einer von uns das alles gerochen hatte. Wir habens gemeldet, ein bißchen schadenfroh und immer noch in Gestalt der heimlichen Rache und des Verrats durch unsere Unschuld. Wir haben es nämlich gemeldet, nicht einer von uns. Der Alte geht ins Altenheim und nimmt die Katze mit.
Ehrlich gesagt, das waren Leute, denen wir nicht böse sein dürfen. Die waren wie zu lange und zu leise raschelndes Papier, das ihr uns morgen ins Maul schieben werdet. Aber wir haben schon genug da- von, ganz sicher.x