Stefan Wimmer, Münchner, Dok- torand, 31, hat über 2 Jahre in Mexiko City ge- lebt. Redakteur beim Playboy. Mehrere kultur- wissenschaftliche Veröffentlichun- gen in romanisti- schen Fachzeit- schriften. Freier Journalist und Produzent. Re- portagen für Radio und Zei- tungen. Mitarbei- ter der latein- amerikanischen Literaturzeit- schrift Paréntesis.

     David Byrne hatte einmal eine Bar namens »Heaven« besungen. Diese Bar »Heaven« war keine normale Bar. »Heaven« war rund um die Uhr geöffnet, seine Hausband spielte 24 Stunden lang dasselbe Lied, zu dem die anwesenden Gäste - es waren stets dieselben - denselben Tanz tanzten und danach denselben Kuss küssten. »Heaven« war ein Privatclub für Freunde der Erlösung von Ver- gänglichkeit und Tod. In »Heaven« herrschte die höchstmögliche Nähe zur Unsterblichkeit.

     Die Sonne verstrahlte wie eine tropische Supernova um sieben Uhr abends hinter der Kathedrale. Auf dieses Signal hin stürzten die Vögel kreischend in die Jaraca-Bäume hinab, um Balzpartnerinnen zu suchen. Wir sassen wieder im »Rex«, einer der Bars unter den Por- talbögen des Hauptplatzes. Links und rechts von uns zog sich eine unendliche Reihe von Trinktischen entlang, über denen gleichgültig Ventilatoren kreisten.
     Durch das Gekreisch der Vögel hindurch hallte eine beruhigende Stimme aus dem Regierungspalast zu uns herüber. Es war die Stim- me des Ansagers der Stadtverwaltung:
     -»So ruhig ist auch heute wieder die Nacht in unserem kari- bischen Veracruz! So schön ist es, dass wir hier am Abend wieder alle gemütlich beieinander sitzen!«
     -»Das tägliche Intro!«, seufzte der kubanische Kapitän an un- serem Tisch. Ich stützte den Kopf in die Hände.
     Das tägliche Intro klang, als ob ein Anstaltsleiter seinen Patien- ten versichert, dass die Entlassung unmittelbar bevorsteht. Ich hat- te in der Tat einmal jemanden gekannt, der Veracruz als  »Irrenhaus mit Fenster zum Meer« bezeichnet hatte, bevor er das Weite such- te.
     Die Durchhalteparolen des Ansagers waren gerade verhallt, da bauten die Strassenmusikanten vor den Bar-Tischen ihre Front auf, um zum Tanz aufzuspielen. Sie kesselten uns mit ihren Instrumenten ein. Wir wussten: bald hatten sie unsere Köpfe weichgekocht. Bald würde auf dieser Bühne eine schwelgende Apocalypse der mexika- nischen Kultur zelebriert werden.
     Hier sassen wir also fest, eine international zusammengewürfelte Mannschaft von Müssiggängern, Strauchdieben und geistigen Ban- krotteuren. Jeder einzelne von uns war an diesem verhexten Ort gestrandet und konnte ihn nicht mehr verlassen. Mir hatte der Rundfunk den Auftrag gegeben, Live-Mitschnitte der veracruzani- schen Volksmusik aufzunehmen. Die ersten Male hatte ich ins »Rex« noch meine Aufnahmegeräte mitgenommen. Doch bald gab ich es auf. Denn es gab hier kein Lied, das sich nicht am nächsten Tag in gleicher Form wiederholte.
     -»Wollen Sie ein bestimmtes Stück hören? 'Veracruz' vielleicht?« Der Kapitän nickte schwach. »Veracruz« war die Titelmelodie der täglichen Aufführung. Dann kamen die Nuss- und Souvenirverkäu- ferinnen.
     -»Wollen Sie Erdnüsse? Wollen Sie Souvenirs?", gackerten sie und pressten uns ihr tragbares Nuss-Sortiment mitsamt ihren Brü- sten ins Gesicht. Wir betäubten unsere Gehörgänge mit Dos XX-Bulls und Centenario-Tequilas. Carlos, der Chefober im »Rex«, lehnte an der Wand. Die Arme hatte er trotzig über seinen Bullenkörper gekreuzt. Carlos' Augen hatten wie immer einen glänzenden Schlei- er, so als seien ihm Görings verschollene Morphium-Reserven in die Hände gefallen. Wir konnten uns wegen der Untergangsmusik nur noch schreiend mit Carlos verständigen.
     -»Carlos, zwei Reposados!«, schrie der kubanische Kapitän.
     -»Carlos, zwei Bulls!«, schrie ich.
     -»Carlos, zwei Fundadores!«, schrien wir zusammen.
     Carlos lachte und wedelte mit seinem Mob in unsere Richtung, als wolle er Fliegen verscheuchen.
     Jede Nacht um Mitternacht begann in Veracruz die Pasarella der leichten Mädchen, der Prostituierten-Cancan. Die meisten Prostitu- ierten stammten aus den heruntergewirtschafteten und mückenver- seuchten Winkeln Mexikos. Wie die ewig kaugummikauende Jamilet, deren Lache noch dreckiger war als ihre nächtlichen Versprechun- gen. Oder Julia, genauso gutmütig wie fett, die immer wieder von den »ernsten Absichten« ihrer deutschen Frachtkapitäne quatschte. Oder Brenda, die ihr Outfit jeden Tag änderte. Manchmal paradierte sie dick geschminkt im Madame-Pompadour-Stil, manchmal kam sie als Schulmädchen oder als Sombrero-Cowgirl daher. Als Prostituierte war sie einfach ein wahrer Themenpark.
     Nach Mitternacht stand das Heer der Prostituierten an jeder Ecke, in jedem Hinterhof und in jeder Gasse auf der Lauer. Ihr braungebrannter Pubertätsspeck glänzte im Dunkeln genauso als Köder wie ihre weißen Augen und ihre verschwitzten Hotpants aus Satin. Manche waren schön wie verschollene Jugendlieben. Andere lehnten an der Wand wie schreckliche Sarkophage. Die Fallstricke waren ausgeworfen, und an unserem Tisch türmten sich mittlerweile die Flaschen.
     -»Wollen Sie noch Erdnüsse?«, gackerten die Verkäuferinnen.
     -»Ja«, schrie unser Hirn, »zur Hölle, wir wollen! Wir wollen Erd- nüsse, Biere, Bulls und alles Übrige auch!«

     Für mich gab es nur einen Grund, in diesem Casablanca der Min- derbemittelten meine Zeit abzusitzen. Der Grund hiess Marcia. Mar- cia war die außergewöhnlichste Prostituierte, die mir je begegnet war. Sie war der Hauptstar des Gewerbes in Veracruz. Im selben Moment, in dem sie ihren Fuss auf den Hauptplatz setzte, war die Atmosphäre schlagartig verändert. Marcia stolzierte so prachtvoll über den Platz, als sei sie die Frau des Gouverneurs. Sie verwan- delte das versoffene Ambiente in eine Hollywood-Party, man glaub- te, plötzlich bei der Verleihung einer Trophäe dabei zu sein. Die hohen Backenknochen, der japanisch kleine Mund und die aufge- rissenen Augen machten ihr Gesicht puppenhaft. Marcia war so außerirdisch wie die Baby-Face-Monumentalköpfe, die die Olmeken im brütenden Delta von Coatzalcoalcos verehrten. Wenn man dieses Mädchen betrachtete, zerflimmerte die Realität ringsum wie eine Hitzespiegelung.
     Als ich sie zum ersten Mal traf, sass sie auf der Esplanade des »Rex« und saugte mit ihrem Geisha-Mund in aller Ruhe einen Bull leer. Unter dem Scheinwerfer der Esplanade besass sie die schil- lernde Schönheit eines Insekts, das zur Nahrungsaufnahme seinen Rüssel ausfährt. Sie trug ein weinrotes Kleid aus einem gleißenden Stoff, den man anzufassen begehrte. Ihre roten Löckchen ringelten sich wie Miniatur-Schlingpflanzen über den Rücken hinab. Norma- lerweise waren Prostituierte im »Rex« nicht als Gäste geduldet. Doch niemand von den Obern behelligte Marcia, ganz im Gegenteil: sogar der bärbeißige Carlos gab ihr zur Begrüssung einen Kuss auf die Wange. Sie brauchte keine zehn Minuten an einem weiteren Bull zu nuckeln, und schon stellten sich die betuchten Interessenten ein. Mit einem amerikanischen Geschäftsmann, der einen überdi- mensionalen Texashut trug, ging sie ins Grand-Hotel direkt über dem »Rex«. Die unbetuchten Interessenten stürzten zu Carlos.
     -»Carlos, wer zum Teufel ist dieses Mädchen?«
     -»Sie ist erst seit zwei Monaten hier. Keiner weiss eigentlich so recht, was sie in Veracruz macht. Es heisst, sie kommt aus einer wohlhabenden Familie in Orizaba.«
     -»Was will sie dann hier als Prostituierte?«
     -«Anscheinend ist sie von zu Hause abgehauen, um sich zu amüsieren.«
     -»Kennst Du sie näher?«
     -»Herrgott nein! Die riecht nach Ministerio Público.«
     -»Was soll denn das heissen?«
     -»Dass sie minderjährig ist. Ich möchte hier nicht wegen so einem Mist meinen Job verlieren.«
     -»Wo lebt sie denn?«
     -»Im Hotel Amparo.«
     -»Das ist nicht Dein Ernst. In dem Hotel wohne ich auch! Carlos, schnell noch einen Tequila.«

     Carlos brachte erfrischt das Tablett mit den neuen Gedecken. Die Bazookas des Basses, die Garben der Gitarre und die Granaten des Schlagzeugs hämmerten immer noch neben uns. Die Komposition war ein Andante der Hölle. Ich wartete weiter darauf, dass Marcia endlich auftauchte. Der kubanische Frachtkapitän ging einstweilen wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nach: er prahlte mit den Frauen, die er während seiner Landurlaube in sämtlichen Häfen Eu- ropas zurückgelassen hatte. Wollte man seinen Schilderungen glau- ben, dann standen in all diesen Häfen ganze Warteschlangen von Frauen, so unendlich wie die Schlangen vor kubanischen Lebens- mittelläden. Ich war seiner Prahlereien überdrüssig. Was sollte das ganze Theater? Es stand von vorneherein fest: niemand von uns wird hier mit Europäerinnen die Nacht verbringen. Das wäre eine unerhörte Neuheit im gesamten Stück. Wir alle werden auch heute wieder in den Armen der mexikanischen Tingeltangel-Mädchen und Trümmertunten landen. Die Marimba-Dirigentin mit dem Domina- Gesicht pilgerte durch die Reihen, damit Geld in ihr Holzhorn ein- geworfen wird. Es wird das erste Horn sein, das heute gefüllt wird.
     Plötzlich sass Marcia an einem Nebentisch. Sie hatte die Fä- higkeit, völlig überraschend und unvermutet aufzutauchen. Sie ma- terialisierte sich immer in dem genau Augenblick, in dem man schon jede Hoffnung auf ein Wiedersehen aufgegeben hatte. Ich atmete tief auf. Sie bestellte ihr Lieblingsgetränk, einen Bull. Aus berech- tigtem Hochmut mied Marcia ihre Kolleginnen. Ihre einzige Gefährtin war eine muskulöse Tunte namens Ivonne, die ihren Ringerkörper jeden Tag in viel zu heisse Satin-Cocktailkleider zwängte. Ivonne sass jetzt neben ihr, Schweissbäche liefen ihr über das Gesicht und verwandelten das Make-Up in einen breiigen Film. Marcia dagegen schien immun gegen Hitze und Feuchtigkeit. Trotz der Sauna- temperaturen behielt ihr Gesicht die ruhige Kühle einer Eisscholle. Marcia spitzte ihren Mund. Langsam schweifte ihr Blick unter den Gästen umher. Als er mich traf, setzte er sekundenlang meinen Herzmuskel auf Stillstand wie eine Überdosis. Dann löste sich die unverdünnte Substanz ihres Blicks langsam in meinem Körper auf und zertrümmerte die Schleusen meiner Kraftspeicher. Die ganze Nacht bekam plötzlich wieder einen Sinn. Auf dem Zettel, den ich Carlos gab, stand eine Uhrzeit und meine Zimmernummer - für den wahrscheinlichen Fall, dass sie diese schon wieder vergessen haben sollte.

     Ich lag wieder mit Marcia im Bett. Der Ventilator rotierte hyp- notisch. War es das zweite, zwanzigste oder zweihundertste Mal? Ich konnte es nicht mehr unterscheiden in dieser endlosen Zeit- spirale. Es ist immer das gleiche Spiel: jede Nacht um zwei Uhr mor- gens beschließe ich im Tumult meines Hirns, sie zu orten, sie an- zupeilen. Das ist nicht allzu schwer. Wenn sie ihren Turnus beendet hat, läuft sie normalerweise im »Rex« ein oder in einer anderen Portalbar, wo sie dann mit irgendwelchen Männern zugange ist. Manchmal geht sie in Begleitung nochmals aufs Hotelzimmer, mei- stens aber läßt sie sich nur zu Drinks einladen. In der Bar ihrer Wahl gebe ich dann vor, einige Gläschen zu trinken. Das heisst, ich trinke die Gläschen natürlich wirklich, meistens mit gequältem Gesichts- ausdruck bis zum späten Ende. Sie sieht mich schon beim Eintreten in die Bar mit einem spöttischen Lächeln an. Ganz offensichtlich will sie mich leiden sehen, und ein bischen ist das ja auch der Fall. Natürlich ist es ein blödes Spiel, zu testen, wer es länger in der Bar aushalten kann. Das Spiel ist so idiotisch wie Mau Mau, aber ich beginne immer wieder, die erste Karte abzuheben. In 30% der Fälle gewinne ich das Spiel, und wir fallen im Morgengrauen in einem Ho- telzimmer über uns her. So wie jetzt eben.
     Marcia nuckelte an meinem Ohrläppchen wie ein Kind an der Flasche. Ich spürte die kühlen Schweißtröpfchen auf ihrem Ober- lippenbart.
     -»Zeig mir, wie man's von hinten macht.«
     -»Nein.«
     -»Du hast es mir versprochen.«
     -»Das kann ich nicht. Mit Parisern ist das nicht schön.«
     -»Dann machen wir's halt ohne.«
     -»Bist Du wahnsinnig? Das ist mir viel zu riskant.«
     -»Wieso riskant? Ich arbeite hier erst seit zwei Monaten, und du fickst seit 15 Jahren. Wo ist da der Unterschied?«
     Ich schnupperte tief an ihrem Hals und sog die Luft ins Hirn ein. Ich prüfte die Luft, aber ich konnte keinen Geruch nach dem ominö- sen Ministerio Público ausfindig machen. Es roch nur nach Lip- penstift, nach Mädchenparfum und nach verschlüsselten Codes in ihrem Schweiss, die die Kabel jeder Vernunft durchschmoren liessen. Ihre Argumente waren vollkommen absurd, aber ihrem Geruch konn- te man nicht widersprechen.

     Um zwei Uhr nachts hatte sich die Szenerie am Hauptplatz wie immer endgültig verfratzt. Von den Bulls und den Bieren gingen die Gäste über zum billigen Caña-Brand, dem in 0,3-Flaschen gefüllten Zellenfeger. Die Masken fielen. Die Nussverkäuferinnen hatten ihre Scheintätigkeit aufgegeben und widmeten sich nun ihrer wahren Profession. Sie vereinbarten mit den Touristen und Matrosen Ter- mine für die Stundenhotels. Ihre Nusskörbe und bestickten Mas- kottchen hatten sie weggeworfen wie den Blindenstock nach der Heilung. Unser Reigen zog aus den Portal-Bars aus. Wir wanderten weiter in Kellerhöhlen, die sprechende Namen wie »Transilvania«, »Scorpions« oder »Cain's Dollar« trugen. Der Kapitän zerrte mich wieder ins »Scorpions«.
     -»Wer keine Begleitung hat, wem die Kunden fehlen, wer durstig ist, der soll mitziehen!«, schrie er über den Hauptplatz.
     Das »Scorpions« war die letzte Stufe beim Abstieg in die Un- terwelt. Im »Scorpions« herrschte eine vorsintflutliche Dunkelheit, die einzig und allein aufgelockert war durch ein bläuliches Leichen- schauhauslicht. Eine Air Condition senkte die Temperatur auf Minus- grade. Wir wurden vom Wirt an einen Tisch gebeten.
     -»Hier gibt's alles, was ihr euch wünscht«, tönte der Wirt.
     Ich sah mich vorsichtig um. Mich schauderte, aber nicht wegen der Air-Condition. Die Belegschaft im »Scorpions« glich einem Wachsfigurenkabinett. Hier versammelte sich das Strandgut des Ge- werbes, die Prostituierten, die sich nicht mehr auf die Straße trau- ten: eine Parade von Schwindsüchtigen und Amputierten, Narben- gesichtern und Drüsenkranken. Hier blitzten die Glasaugen vor Lust, hier fletschten die Hasenscharten, hier leckten sich Zahnlose lasziv die Lippen. Kurz und gut: Im »Scorpions« war eine Mannschaft ver- sammelt, der alles zuzutrauen war. Es war mir schleierhaft, wie der Kapitän so grossen Gefallen an dieser Kellerhöhle finden konnte. Er sass neben mir, summte die Eurotrash-Lieder mit und nickte gut- mütig in die Monster-Runde. Schon nach dem ersten Bier wanderte plötzlich von der Dame gegenüber unter dem Tisch ein verschorfter Fuss mit Fixernarben und schwarzen Haarbüscheln in Richtung auf meinen Penis zu. Ich rappelte mich vom Tisch auf.
     -»Du willst schon gehen?«, fragte der Kapitän ungläubig.
     -»Wir sehen uns später.«
     Ich lief Richtung Hauptplatz. Es war nicht der Fuss, der mich aus dem »Scorpions« getrieben hatte. Ich hatte dort schon ärgere Ein- lagen gesehen. Aber im letzten Bull war wieder dieser tägliche Befehl enthalten, Marcia zu verfolgen. Es kostete mich fünf Minuten, sie zu lokalisieren. Es schien, als ob man in Veracruz die Gabe der Wit- terung neu erlernte, durch all die Gerüche von verwesendem Fisch, Wurstbratereien und Meersalz hindurch. Sie stolzierte über den Hauptplatz in Richtung »Gaviota«, wo sie jeden Morgen »Camarones a la Diabla« in sich hineinzuschaufeln pflegte.
     -»Marcia!«
     Ich beschleunigte meinen Schritt. Bevor ich sie einholen konnte, hielt ein halbgeschrotteter Pick-Up neben ihr. Die Tür wurde von ei- ner anonymen Hand öffnet, Marcia stieg diskret ein und verschob ihr Frühstück. Ich ging allein ins »Gaviota«. Zähneknirschend zermahlte ich meine Krabben, im Gedanken daran, wie in Marcias Mädchen- körper fremdes Sperma explodierte.
     Carlos schleppte seinen Körper mit müden Schritten ins »Gavi- ota«. Seit zwei Stunden hatte ich ihn nicht mehr gesehen, und er fehlte mir jetzt fast so wie Marcia. Er hatte eben seine Schicht im »Rex« beendet, wie üblich würde er nun bis zum Morgengrauen im »Gaviota« trinken.
     -»Auf dieses glückliche Zusammentreffen ein Bier!« Carlos lach- te.
     -»Du meinst, auf dieses unvermeidliche Zusammentreffen.«
     In diesem Augenblick waren wir hier die einzigen Gäste. Hinter dem Tresen schenkte ein langhaariges Heavy-Metal-Kind die Drinks aus. Carlos wankte mit einem Augenzwinkern aufs Klo, ich folgte ihm. Dort packte er stirnrunzelnd ein Plastik-Päckchen aus und schaufelte sich den Inhalt mit der Kreditkarte in die Nase.
     -»Es muss schnell weg. Die Luftfeuchtigkeit hier ist so hoch, dass es bald nur noch Brei sein wird.«
     Als er das Klo verliess, war er wieder der Carlos, den ich kannte. Seine Augen hatten dieses hellwache Blitzen, er lachte strahlend wie maoistische Brigadenführer auf den Propaganda-Plakaten des Langen Marsches.
     -»Marcia gefällt dir, wie ich sehe. Pass auf, das riecht nach Mi- nisterio Público."
     -»Carlos, Du übertreibst. Halb Veracruz müsste im Knast sitzen, wenn es wirklich so drastisch wäre.«
     Wir zerquetschten die Limonen über unseren Bieren. Die Boleros aus der Musikbox sangen etwas von abgefahrenen Zügen und von Menschen, die nie wieder kommen. In Veracruz hörte sich das an wie ein schlechter Witz. Ein Zeitungsausträger schmiss verächtlich die Morgenausgabe von »El Dictamen« auf die Türschwelle. Der Na- me klang wie »Das Jüngste Gericht«. Aber an das Jüngste Gericht verliert man hier ebenso den Glauben wie an den Tod. Carlos be- stellte uns zwei weitere Biere, während draußen der karibische Mor- gen aufstieg. Die Prostituierten der Spätschicht taumelten nach Hause, die Frühschicht machte sich schon wieder bereit. Die Katzen beendeten ihre Pirsch, die Moskitos versteckten sich unter den Bet- ten. Wir wissen, wir werden morgen wieder auf dieser Schwelle stehen, nachdem wir uns ungezählige Bulls und Centenarios ein- verleibt haben und hundertmal »Veracruz« gehört haben.

     Die Regentropfen explodierten auf der Esplanade wie Spreng- sätze. Tagelang war es unerträglich schwül gewesen. Im »Rex« lief uns die Sosse in Sturzbächen den Körper hinunter. Trotz der Ven- tilatoren war man innerhalb von fünfzehn Minuten klitschnass. Marcia flirtete im Augenblick mit irgendwelchen regionalen Viehba- ronen, gegen die Hoss von der »Bonanza«-Ranch ein hochgebildetes Zuckerpüppchen war. Die Viehbarone hatten alle ihre Pranken aus- gelegt auf Marcias Schenkeln. Sie verkniffen sich bereits, aufs Klo zu gehen, weil nach der Rückkehr der umkämpfte Platz auf der Oberfläche ihrer Schenkel von anderen Pranken eingenommen sein würde. Mein Bier schmeckte beim Anblick dieser derben Farce zu- nehmend bitter. Eine Geschmacksnote, die ich mit einigen Cen- tenarios auszugleichen versuchte.
     Nun überraschte uns dieser sintflutartige Wolkenbruch. Marcia ließ ihre Provinzgalane die Rechnung bezahlen und gab mir ein Zeichen, draussen auf sie zu warten. Der Himmel hatte offenbar den Einlauf angesetzt. Es schüttete in Strömen, hinab auf die Guten, die Bösen und die Hässlichen. Die Taxis durchkreuzten die Wassermas- sen wie Luftkissenboote. Die Kanalisation gab ihren Geist auf und flutete über. Chipstüten, Lotteriefetzen und Zigarettenschachteln trieben ziellos auf den Wogen. Ich nahm meine Sandalen in die Hand, Marcia ihre Stöckelschuhe, zusammen staksten wir zu ihrem Hotel. Selbst durch diese Schlammflut schritt Marcia mit der Sou- veränität einer Renaissancefürstin.
     -»Das waren ja wieder exquisite Männer, mit denen Du da zu- gange warst.«
     -»Du bist nur eifersüchtig. Ich hab Dir ja schliesslich nicht be- fohlen, in der Bar auf mich zu warten.«
     -»Ich weiss. Aber musstest Du Dir wieder solche aussuchen, die aussehen, als ob sie ihre Maultiere vor dem ‚Rex' angebunden ha- ben?«
     -»Da muss ich Dich leider enttäuschen. Sie waren sehr char- mant, ich hab mich glänzend unterhalten.«
     Wir stapften die Stufen zu ihrem Zimmer hoch. Ich ging aufs Klo und nahm den Caña mit. Dann packte ich das Päckchen aus, das Carlos mir in seinen morgendlichen Grosszügigkeitsanfällen ge- schenkt hatte. Schnauben und Saufen, Saufen und Schnauben. Und dann wieder andersrum. Wie sonst wäre dieser Reigen auszu- halten... Und dazwischen der halbherzige Versuch, vernünftige Ge- danken zu formen. Seit längerem spukte mir dieser Schmachtfetzen »Pretty Baby« im Kopf herum. Doch in der Düse der Wirklichkeit zer- stoben die »Pretty Woman«-Phantasmen wie der Rauch meiner Zi- garette im Ventilator.
     Als ich nach einer Viertelstunde zurückkam, lag Marcia nackt auf dem Bauch und präsentierte mir die Striemen ihrer beginnenden Zel- lulitis. Ihr Po war hart wie eine Wassermelone. Noch schmückten ihn diese Hautmaserungen, ebenso wie der weiche Flaum von Haaren auf ihren Pobacken.
     -»Wieso verschwendest Du dein Leben mit so einem Scheiss- job?«
     -»Hier gibt es keinen, der mir reinquatscht, und ich verdiene sehr gut.«
     -»Jetzt macht Dir das Rumtingeln vielleicht noch Spass. Aber in zehn Jahren kriegst Du nur noch Desperados ab, wenn Du so weiter- machst.«
     -»Der grösste Desperado, den ich kenne, bist immer noch Du.«
     Ich zog wieder mit meinem Caña aufs Klo. Nachdem ich aus Car- los' Päckchen neue Kraft zur Rhethorik getankt hatte, kehrte ich zurück.
     -»Das ist doch hier immer dasselbe in Veracruz. Es ist zum Ver- rücktwerden. Es kommt mir so vor, als ob ich seit Wochen den- selben Tag habe.«
     -»Aber es sind doch lustige Tage.«
     -»Marcia, Du kennst die Welt nicht. Du bist noch nirgendwo an- ders hingekommen. Ausserhalb bewegt sich was. Ausserhalb passie- ren tausend Dinge. Ausserhalb -«, schrie ich wild vor Begeisterung, »- wird GESCHICHTE geschrieben.«
     Marcia schob sich gedankenverloren den Finger an die stoppelige Wulst zwischen ihren Beinen.
     -»Und von was soll ich leben?«
     -»Du kannst in einer Bar arbeiten. Du kannst Filmstar werden. Du hast doch das ganze Leben noch vor Dir!«
     Sie dachte lange nach. Schliesslich wirkte sie schläfrig, aber weniger vom Nachdenken als von dem autistischen Herumgefummle an ihr selbst.
     -»Na gut. Ich geh mit Dir nach Mexiko City.«
     Ich hatte Lust, am Fenster ein Triumphgebrüll anzustimmen, das im Umkreis von einem Kilometer alle Mariachis und Norteños zum Schweigen gebracht hätte.
     -»Wir fahren gleich morgen mittags! Mit dem Bus um 12!«
     -»Ich kann erst in der Nacht. Ich muss noch ins Hotel, um meine Sachen zu packen und ein paar Dinge zu erledigen. Wir treffen uns im ,Rex' um 8.«
     -»Im Rex um 8. Versprich's mir!«
     Der Regen prasselte uns in den Schlaf.

     Es herrschte eine brütende Hitze über der Stadt. Alle waren wieder versammelt. Die Norteños peitschten ein, die Marimbas häm- merten, die Mariachis tröteten. Nur Marcia glänzte durch Abwesen- heit. Mein Gepäck stand reisefertig im »Rex«, zwei Bustickets nach Mexiko City steckten in meiner Tasche. Ich hatte beschlossen, mich beim Ministerio Público ernsthaft in die Nesseln zu setzen. Die »GESCHICHTE«, die ich gestern so grosspurig herbeizitiert hatte, würde wohl damit enden, dass ich im Moloch Mexiko City als Kin- derschänder ins Gefängnis wanderte. Einstweilen sass ich mit dem Kapitän am Tisch und musste seine üblichen Prahlereien über mich ergehen lassen. Die Stunden zogen hin.
     Kurz vor Mitternacht kam sie an unseren Tisch. Sie hatte keine Reisekleidung an, sondern einen ihrer berüchtigten Pailletten-Fum- mel, für die sie ihr ganzes Geld zum Fenster hinauswarf. Dieser war die Verschwendung durchaus wert.
     -»Marcia, Du bist die Allerschönste hier!«, lallte der kubanische Kapitän mit bleischwerer Zunge. Zwei schwarze Seemänner aus sei- ner Besatzung sprangen vom Tisch auf und schickten ihr durch die Luft cañagetränkte Küsse. Sie dankte charmant. Ein Halogenschein- werfer war nichts gegen ihr Strahlen. Dann wanderte ihr Blick zu mir, süffisant und grausam. Sie ließ eine vernichtende Pause wirken.
     -»Macht der Herr eine Reise?«
     -»Sehr witzig«, knurrte ich. »Ich warte hier seit geschlagenen vier Stunden. Jetzt pack' endlich Dein Zeug zusammen.«
     -»Oh, man ist heute in Befehlslaune...« Marcia lachte hell und zog mit der Tunte Ivonne in Richtung Hafen. Beide winkten dabei in alle Himmelsrichtungen irgendwelchen Verehrern in den Portal-Bars zu. Ich hörte brausenden Jubel und Applaus. Die schwarzen See- männer sprinteten den beiden hinterher.
     Nicht dass der Kapitän die Konstellation der Szene verstanden hätte. Aber mein Gesichtsausdruck war wohl dumm genug, um bei ihm diffuses Mitleid zu wecken. Er schlang seinen Arm um meine Schulter und summte mir ins Ohr:
     -»Mi amigo alemán, lass uns heute RICHTIG auf die Pauke hau- en. Ich habe eine wunderschöne Abendplanung für uns.« Der Kapi- tän holte tief Atem. »Zuerst bleiben wir noch ein bischen im ,Rex', dann ziehen wir weiter ins ,Gaviota', später dann kurz ins ,Tran- silvania', und danach...« - hier zwinkerte er mit den Augen in einer Frequenz, die eher an ein Nervenleiden als an ein kumpelhaftes Necken erinnerte - »ins ,Scorpions'! Außerdem hat Carlos mir ein Geschenk mitgegeben.«
»Rex« > »Gaviota« > »Transilvania« > »Scorpions«! Der Wahnsinn klang irgendwie schlüssig, klang wie eine runde Sache. Er hatte Methode. Wir schleppten meine Koffer zurück zum Hotel. Als der Kapitän und ich durch die Gassen humpelten, fiel mir ein, dass in »Pretty Woman« auch der eine Protagonist dem anderem mit den Koffern hinterherrannte. Ich erinnerte mich nicht mehr genau, wer wem, und das war ja nun auch gleichgültig. Die Dramaturgie hier in Veracruz war zweifellos vereinfacht: auf dem Weg ins Hotel hum- pelte mal ich dem Kapitän hinterher, mal der Kapitän mir. Auf mei- nem Zimmer rollten wir meine Bustickets zu Saugröhrchen zusam- men. Ich stellte mich auf eine lange Reise durch die Nacht ein.