Ron Winkler, geboren 1973. Studium Germa- nistik und Mittel- alterliche und Neuere/Neueste Geschichte. Ver- öffentlichungen in Literaturzeit- schriften wie Am Erker, Sterz, Macondo. Litera- tur- und Theater- kritik. Bücher: Zwischen Groß- stadt und Groß- hirn. Annäherun- gen an das lyri- sche Werk Durs Grünbeins.

Die Grafiken in dieser Ausgabe sind von Matthias Mala. 1950 ge- boren, lebt er als freischaffender Künstler, Spiele- erfinder und Schriftsteller in München. Er veröffentlichte bisher über vier- zig Bücher sowie etliche Hörspiele und auch Comic- texte. Im bild- nerischen Schaf- fen liegt sein Schwerpunkt in Federzeichnun- gen. Er beteiligte sich an verschie- denen Ausstel- lungen.
Homepage Mala

Blütezeit

nach dem Aufstehen Linoleum
boden Morgen
kalter Tee in warmer Küche Morgen
Wurfpost & Radiowecker &
Trambahntodesschreimorgen nach Nachttext
Nacht & also
vertränte Augen wie stürzende Fassaden
Morgen zu grelles Kopfnicken Morgen
im Unter- & Zwischendunstmorgen
mit Alkoholikakäufern
Trainingsanzügen & Gamsbärten
in Supermärkten
war dir dieser Restmüllmorgen
von gestern & so weiter
mit Styroporflocken vor den Baustellen
»zu früh für Gedichte«

kein Abbild diese ersten Mormonen Trödelhändler
am Morgen sich einübender Kompressoren
mit blondierten Italienerinnen mit Sonnebrillen
vor Bismarckbrunnen Fehlfarbenhäusern angegrauten
Reisegruppen &
27 Sorten Brot auf dem
Wochenmarkt zwischen frühem und spätem
Morgen
kreisen die Kehrmaschinen hetzen die Postfrauen
liegen die Zeitungen in den Läden noch symmetrisch
sind die Katastrophen der Nacht
noch nur virtuell am
Trancemorgen mit unbestimmt zitternder Haut
müden Diskanten und Elektrodrähten über
den Straßen für Bohrer
Betonmischer Backöfen & Friseure
Geschäftigkeit mit verstecktem
Koordinatensystem Morgen
der seit der ersten Nacht
so funktioniert

Matthias Mala

dem ersten Hund im Weltall

ein gelungener Zuchtversuch
in Blech gedrillt oder
Titan, weiblich, ohne Geschlecht zu sein

Laika, Asbest im Nacken, geschorenes
Fell zwischen den Beinen
die Leinen der Katheter und Kabel,
die das Ende der Welt verbinden,
Ariadnes Radar

eine ganze Evolution für diesen Moment,
die Utopie, sich zu sehen
von wo man am Kleinsten ist

die Kapsel im Magen des Schwarzen
Sees ein blinkender Staub,
das Blaue darunter vergänglich
wie Machorka in russischen Wintern

ironisch belächelt
die Erde der
Menschen im Auge des Hunds
nicht größer als eine Laus

dann das Bellen im Absturz,
das niemand verstand:
»hier, haarlose Tiere, liegt euer Hades«






Systemversuche, 3

unberührt überfahren von den Tagen
rollst du unter die Nächste
alter Laternen hadernder Säufer daneben die grinsen die
wenn sie noch könnten
höhnen würden denken
was für ein Wrack
abseits des Abseits
grau gelaunt am Rand von Containern
am Hafen der verderbenden Fische
seine Tüten füllend
Piraterie für den welken Magen verschmähten Bauch
unratberührt wie die Bilder
zum Beispiel
der bunten Früchte gewachst wie
die Frauen von ferne von Peek- & von
Cloppenburg Kleidung Chanel Kreation
deren Düfte so fremd
wie die Namen dein
eigenes Leben von früher mit
Cafés & Parties Girlanden Likörs
Vineta geworden
ein kalter Pfad






unterm Schutt IV

für Inge Müller

was auf dir lag war das Land, blind-
gegangen unter weißroten Fahnen,
die Steine gelöscht durch alliierten Stahl

der riss in den Boden den
Schutt der herrschenden Lüge,
Abraum für eine weitere deutsche Tat.

als du den Hund riefst zum Zeugen
für den Schutt unterm gesunkenen Himmel,
lauschten schon neue Wölfe der Angst.

zum Kellerträger geworden
am Ende des Reichs
war der Ostwind darüber kein Ort zu leben

»die Brüche verheilt, schief«
gelegen wo die Heimat
zwei Staaten begann,
einen Bruch.

schizophren irgendwie,
hatten die Fäuste hier keinen Kopf
oder fremde

für dich

kein Paradox: das Leben es war nicht teuer,
doch nur der Tod war frei
wie die Erde für die Bestückung mit
deinem zu kurzen Grab






dem Tag im Magen

I

im Spanngang
am Rinnstein halb
Schatten an Schatten
der Mauern und Karren
in den Tälern der Straßen
der Stadt des laufenden Lauerns
löschenden Schritts üblicher Bewegung
unter den blinden Geräuschen, fahlem
Rauschen über den Steinen, Platten,
Gebirgen ins Quadrat gebracht, den
Himmel zergehend der Kanalisa-
tion, die Brauen im Wind zwei
Fragezeichen, die Lungen
eng geworden dem Tag


II

im Wendekreis der Ereignis-
Hemmung gerichtet an den Kanten,
fließend berichtet an hohle Blöcke, einen
Staub zäh wie die Farbe der Zunge,
verschlagen ohne passenden Laut
zwischen reißenden Ziegeln
und Brachsand


III

über dem Tag verschränkt,
verwischt hinter den Scheiben
der menschliche Leib, sehnend
die Augen verhindert am Glas:
etwas vom Eigenen zurückgeworfen,
die Körper halten sich selbst im Arm


IV

das müde Voran in mürber Absicht
trockenen Blicks
dem Placebo zum Trotz
Linsen lancierend für späteres Brom-
Papier an der Wand,
Geschichten im Schrank, den Wegen abgeglaubt,
in die Zimmer gesetzt, für die Zukunft einer
Einsicht in entlaubte Blicke,
ungezählt vielleicht