|
|
|
 |
|
|
 |
 |
 |
|
Ihren Sohn. Meinen Geliebten. Man hat ihn in einem Park gefun- den, im Gebüsch, vollkommen abgerissen in den zwei
Wochen, in denen niemand mehr von ihm gehört hatte. Dieses schreckliche Bild in den Zeitungen ist völlig verzerrt, es hätte irgend jemand sein können. Sie werden es gesehen haben. Die Zeitungsartikel habe
ich aufbewahrt, ich kann sie Ihnen zeigen (ich hoffe, Sie werden sich angemessener an ihn erinnern): sein Kopf in der klei- nen Kuhle, die er ausgegraben hat, das Gesicht nach oben, die Augen geschlossen und
verschmiert von Erde, den Mund voll da- von, den Schlund und Magen und Darm ganz voll von Erde. Die Obduktion hat ihm wieder etwas von der Würde gegeben, die er zum besseren Graben beiseite gelegt hat unter
jenen Büschen, zwischen Plastiktüten, Kondomen, Hundescheiße. So eine Obduk- tion ist doch eine saubere Sache.
Dass er nun gestorben ist und auf eine solche Weise, das hat mit meinem Sohn nichts zu
tun. Ich kenne ihn nur als einen Jungen von dreizehn Jahren (da sah ich ihn zuletzt) und dann später als eine stumme Stimme auf Papier. Was in jenem Park geschehen ist in der letzten Woche, ist nur in der
Zeitung wahr. Dieser Erdesser geht mich nichts an. Ich kann nicht mehr weinen. Nicht in der Kapelle, wo ich mich zwischen den Unbekannten umgesehen und mich gefragt habe: welche hier hat ihn geliebt; am Grab
nicht, als die erste Erde fiel, und hier nicht, wo wir schmausen. Vielmehr ist mir das ein lustiges Wort, Leichenschmaus: essen wir ihn denn auf? Verzeihen Sie. Ich entschuldige mich. Ich rede manchmal so.
Ich merke es gar nicht. Nehmen Sie noch eine Tasse? Der Kaffee ist nichts für mich. Nein, das alles ist mir eben derart entfernt, dass ich, wenn ich weine, über diese Entfernung weine, und dass alles so hat
kommen müssen. Eine Ironie, ihn in die Erde zu legen, finden Sie nicht? Aber vielleicht gerade nicht, sie scheint sein Ziel gewesen zu sein. Sein Sehnen.
Für mich ist es ein Schock, Sie hier zu sehen.
All die bekannten Gesichter, und dann Sie. Schließlich hatte er selbst nichts gegen das Gerücht unternommen, seine Mutter wäre gestorben. Sie la- chen, aber nun ist er tot, und Sie sind auferstanden. Aber
ich bin froh, weiß Gott. Es gab immer wieder diesen Punkt, an dem Ihre Abwesenheit plastisch zu spüren war wie ein Geist. Das war, si- cher, nur ein Gerücht; aber die Krankheit war kein Gerücht, son- dern
von ihm selbst bestätigt. Davon wussten wir. Ja: die Mutter war vor soundsovielen Jahren zum ersten Mal in die Klinik gekom- men, Depressionen, war für die Kinder nicht verfügbar gewesen und von da ab nie
mehr. (Ich erzähle Ihnen die Geschichte, wie sie in Umlauf war und an sich zum Teil immer noch auch unter den hier Sitzenden ist, damit Sie sich auskennen. Jetzt hätte ich doch noch gerne eine Tasse.) Nicht
mehr verfügbar und wie nie vor- handen. Aber alles danach verlor sich in Schweigen. Nie hat es einen Schritt über diese Grenze gegeben - auch von mir nicht -, hinter der sich der letzte Rest der Geschichte
verborgen hielt. Dieser Teil von ihm schien aber unbedeutend und wurde von allen, auch von mir, gern übersehen. Wenn Takt eine Differenz be- stimmt, dann die zwischen uns, seinen Freunden, und jenem
unbekannten Teil von ihm. Ganz zu dem geworden, was hinter diesem Schweigen steckte, steht der, den wir kannten, mit einem Mal fremd vor uns. Wir sind uns aber, werden Sie sicher gleich sagen, nie anders als
fremd. Für mich ist das eine Schreckens- nachricht, dass man sich nicht kennen können sollte. Im selben Moment weiß ich es und wehre mich gegen diese kategorische Unerreichbarkeit. Einmal vor ein paar
Wochen, wir hatten mitein- ander geschlafen und lagen ineinander unter dem offenen Fen- ster, draußen raschelte der Wind im Espenlaub vielleicht, als er mir die Hand auf den Bauch legte. Wenn hinter jedes
Menschen Schweigen ein Mund voll Erde steckt, dann hätte ich mich gleich zu ihm ins Grab legen sollen. Hier zwischen Kuchen und Kaffee, inmitten einer Art von Tradition, frage ich mich: wieviel taktvolles
Schweigen ist notwendig, dass wir nicht einander, und wieviel taktloses Reden, damit wir uns nicht selbst auffressen?
Um meine Kinder hat es mir leid getan, in manchen Momenten in der Klinik. Die
Reizabschottung hat mir die uralten Bilder frisch bewahrt. Mein Mann hatte mich davon abhalten müssen, den Koffer zu packen und lieber selber einiges hineingeworfen. »Was fehlt, bringe ich dir später.«
Später sagte er mir, wie sehr er sich gefürchtet hat vor dem, was ich da und dort gewesen war. Wein- krämpfe und vollkommene Sachlichkeit, mit der ich auf einer Liste abgehakt habe, was da war, was fehlte,
haben sich abgewechselt in unserem Schlafzimmer. Wie fern das alles ist. Ehebett. Kleider- schrank. Erst nach einigen Jahren in der Klinik habe ich begriffen, wie dunkel und alt unsere Welt war, als mir die
schweren Möbel wieder einfielen in mein Gedächtnis, die geschlossenen Vorhänge, mit denen wir unsere Wohnstatt in eine starre Festung umgebaut hatten, dicke Teppiche, die jeden Trittschall schluckten, jeden
Schrittschwung, alles Leichte, Helle kam nicht vor in unserer Wohnwelt zwischen der Kirche und dem Supermarkt. Im Kern die- ses Finstern wartete entweder ein Fensterbrett im oberen Stock- werk oder die
Klinik. Das war bald die einzige Antwort auf die Fra- ge nach meinem Befinden: Klinik.
Wie kann ich Ihnen die Geschichte Ihres Sohnes erzählen, wir sind noch mittendrin, scheint mir, noch erzählt sie
sich selbst. Bis jetzt gab es keine Geschichte: alles war in Unordnung, alles hatte mit allem zu tun, keine Anfänge, keine Enden. Vielmehr: nichts als An- fänge und Enden, jedoch ohne ersichtlichen Bezug.
Wie dankbar ist man für jedes Ereignis, welches einen Sinn glaubhaft macht. Die Dinge ändern ihre Bedeutung je nach den Verhältnissen, aus denen sie (später) betrachtet werden. Und nun gibt es sehr plötzlich
einen Schluss. Wir müssen vielleicht den Anfang suchen, wenn wir etwas begreifen wollen. Ein Anfang war vielleicht, wie wir vor zwei Wochen auseinandergegangen sind, er und ich. Da begann die Geschichte
»Seine letzte Zeit ohne mich«. Aber die kann ich natürlich nicht erzählen, sondern nur eine andere, die ihr unmittelbar vorausging: »Seine letzte Zeit mit mir«. Aber das ist ja alles vollkommen bedeutungslos
- unsere tägliche Arbeit, unse- re Liebe, unser gemeinsames Wohnen - das alles ist immer noch Teil der Geschichte, hinter der sich der Fremde befindet, den wir begraben haben: der uns unerklärlich ist. Nicht
eine Geschichte benötigen wir also, sondern die Lücken darin. Die Lücken sind selbst die Geschichte, wie wir nun sehen, wenn sie sich - da wir sie nicht beachteten - unsere Beachtung gewaltsam holen und uns
zu Fall bringen.
Das ist nicht wie ein Gang in irgendein Krankenhaus - man packt ein paar Sachen und liegt halt ein paar Nächte in einem anderen Bett. Das ist der Gang in eine andere Kaste. Depression
ist kein Beinbruch. Das Stigma ist weiß Gott schlimmer als eine Vorstrafe. Jeder Autodieb kommt im Gefängnis vielleicht mit einer Tätowie- rung davon; unsere Bilder sitzen tiefer. Allerdings hat mich über-
rascht, dass mich - einmal dort - nicht wie erwartet das Gefühl von tiefster Einsamkeit überschwemmt hat. Eher war ich froh, vorerst allem Gewohnten nicht ausgesetzt sein zu müssen. Dass es nicht nur vorerst
sein würde, vielmehr von nachhaltiger Dauer, war noch nicht abzusehen gewesen, am wenigsten für mich. Ich hatte mich um ihn gesorgt, meinen Ehemann (ich muss lachen bei dem Wort, Verzeihung), dem ich
gleichfalls Furcht vor der Einsam- keit ohne mich andichtete, unfähig zu sehen, dass er nichts sehn- licher erwartet hatte, als sich für eine Weile der Last zu beheben, die ich ihm gewesen war. Denn er
wusste sich nicht mehr zu hel- fen meinetwegen. Schon vor meinem Einzug in die Klinik trank er. Auf irgendeine Weise verstand ich es jedoch, nicht zu bemerken, wie er in seinem Arbeitszimmer bei der
Ausfertigung der Predigten immer öfter ein Glas Wein stehen hatte, wie er nach der Kirche regelmäßig Schnaps trank. Immer weniger war ich Ansprechpart- ner für ihn gewesen, wie auch das, was in mir vorging,
immer weniger kommunizierbar gewesen war in einer Welt, die vor der Angst die allergrößte Angst hat.
Zum Schluss höre ich von ihm wie von einem Fremden, der wirr durch die Stadt streift; die Welt
verwirrt sich ihm desto stärker, je nachdrücklicher seine Suche nach einer Klarheit in ihr wird. Vom Weg abgekommen, nicht mehr fähig, ihre Zeichen zu erkennen, anzuerkennen. Hier habe ich die Aussage des
Arztes: »Ich wunderte mich, wieso der Kollege aus der Nachbarpraxis - Psychotherapie - doch in klarer Erkenntnis des Zustands dieses Mannes - ihn so zu mir geschickt hat. Er wirkte sehr, ja, er-
schöpft, und ich brachte das in Zusammenhang mit den Blasen an seinen Füssen: so einer muss sehr, sehr viel gelaufen sein, vom Herumstehen bekommt man keine solchen Blasen. Aber seine Füße waren sicherlich
nicht das, was mich an ihm am meisten beunru- higte. Er sprach fast ununterbrochen, während ich seine Wunden versorgte. Er wirkte sehr nervös und sah auch immer wieder zum Fenster hinaus, als ob er Ausschau
hielte nach jemandem. Von Blasen konnte wirklich nicht mehr die Rede sein, als er mir seine Füße zeigte. Vielleicht sollte man eher von, ja, Verschleiß spre- chen. Daher nahm es eine gute Weile in Anspruch,
mich um ihn zu kümmern. Für eine Sekunde dachte ich daran, ihn meinerseits weiterzuleiten an das Hospital, aber der, ja, Ambulanzschaden war ambulant zu bewältigen. Ich ließ ihn auch versprechen, ge- wiss
wiederzukommen, anders ist meine, ja, Unterlassung nicht zu rechtfertigen. Überdies hat mich der Mensch interessiert. Etwas wäre ihm unbedingt vonnöten, sagte er immer wieder, während ich ihm die offenen
Füße mit Salbe versorgte, ob ich ihm nicht aushelfen könnte. Die Füße müssen ihn sehr geschmerzt haben, aber er schien nichts zu bemerken davon, wie in Schock. Sein Tonfall war wütend, ihm stand der Schweiß
auf der Stirn, und nachdem ich für eine Weile selber wütend geworden war über sein Verhalten, begann er mir schließlich leid zu tun. Der Tag war mit- telmäßig geschäftig gewesen, und obschon ich auch bereit
war, mich für eine Weile mit ihm zu befassen, sank die Dämmerung herein, und ich wollte nachhaus. Er hatte sich auf die Behand- lungsliege gelegt, auf die Ellenbogen aufgestützt, als wollte er gleich wieder
los, voller Unruhe. Wohin denn der Weg führen werde, hat er mich gefragt. Aus seinen Augen sprach ein rotun- terlaufenes Brennen - wie von jemandem, der zu genau sieht, zu, ja, intensiv. Ich hörte ihm also
zu. Welchen Weg er denn meinte? Er war die Unruhe selbst, ganz außer sich. Ich wurde dadurch ganz ruhig, eigenartig. Auf meine Frage antwortete er nicht, son- dern sah mich durchdringend an, als müsste ich
doch sicher wis- sen, wovon er sprach. Und als ich es aber nicht wusste und nur fortfuhr mit der Behandlung, seufzte er ungeduldig, weniger wü- tend als, ja, hilflos. Er redete in Fetzen von der Strasse, von
Pas- santen, Verkehr und Ampeln, immer wieder Ampeln. Er sagte, er wäre immer dem Hinweis gefolgt, dem grünen Licht. Auf diese Weise muss er wohl unendlich lange in der Stadt herum geirrt sein, immer dem
sich jeweils neu öffnenden Weg folgend, einem Zufallsmuster grüner Ampeln, die ihm den Weg wiesen. Endlich war auch sein zweiter Fuß versorgt und ich im Begriff, die Praxis zu schließen. Hier hatte ich ihm
den nächsten Termin aufgeschrie- ben, er sollte ruhen. Ob ich ihm ein Taxi bestellen sollte, und wo- hin er denn müsste. Er antwortete nicht sogleich. Ich wiederholte die Frage, und er sah auf und mich an
und sagte nach einer Wei- le, ja, das wäre eine gute Idee, ein Taxi, und er lachte, ich dach- te, er lachte mich aus, als hätte ich die unsinnigste Idee gehabt. Wohin, fragte ich wieder, und leise sagte er,
nachhause. Wo das denn wäre. Er sah auf den Boden und schwieg und sah wieder auf; ich stand mit dem Telefonhörer schon in der Hand und hatte mich halb zu ihm umgedreht, und für einen Moment lächelte er, und
wir waren so etwas wie, hm, ja, Freunde, und dann sagte er eine Adresse, und es war vorbei. Er überraschte mich noch mit einer Versicherungskarte. Das Taxi kam fünf Minuten später, wir sprachen nichts
weiter. Ich half ihm hinein und ging selbst heim." Vom Taxi hat Ihr Sohn sich im Park aussetzen lassen, soviel wis- sen wir. Die Polizei meint, dass er ihn wahrscheinlich nicht mehr verlassen
hat. Was aber ist im Park geschehen?
Sie kennen all diese Menschen hier? Junge Leute. Das Begräbnis meines Sohnes, und ich kenne kein Gesicht. Mit diesen hier hat er also gelebt, gearbeitet? - Aber
weiter: Der Koffer, da stand er, um dessen Last ich vor der Herfahrt noch wie eine Löwin ge- kämpft hatte, hier und nun im anonymen Büro des Stationsarztes kam er mir schon verstunken und altlästig vor. In
der Folge habe ich alle Dinge verschenkt, sogar was ich am Leib trug war mir zu behaftet; die Schuhe gab ich weg und war tagelang barfuss auf dem genoppten Gummiboden. Das war auch eine Entledigung von einer
falschen Haut. Von hilfsbereiten Pflegern und Schwestern ließ ich mir Neues mitbringen. Ich hätte meinen Mann bitten kön- nen. Ich wollte aber keine Gegenstände aus seiner Hand in dieses saubere Haus
gebracht wissen. Die Sterilität des Putzmittelge- stanks, des Neonlichts war Balsam für mich. Anfangs kamen einige der wenigen Freunde und Freundinnen. Angesichts der Informati- on, dass dieser mein Umzug
nicht nach wenigen Tagen oder selbst Wochen zuende sein würde, also unabsehbar viele dieser widerlichen Besuche auf sie zukämen, machten sie ausnahmslos von meiner bequemen Isolation Gebrauch: und waren
keine Freunde mehr. Ich verdenke es ihnen nicht.
Nicht jeder am Grab eben war ein wirklicher Freund, aber jeder wirkliche Freund hat dort gestanden, einen letzten Blick auf ihn geworfen und ein
bisschen Dreck. Wie haben wir uns über Rituale die Köpfe heiß geredet, kritisch diskutiert über den Sinn von Ge- sten. Trotzdem ist all das Weinen und Schweigen und auch Reden hier über dies und bald schon
wieder jenes der Versuch, von dem beredten Tod weg zu sehen, den er uns vor die Füße geworfen hat, besiegt. Nun ist der Freund tot; aber die Art seines Todes ist seine letzte Möglichkeit, mit uns zu
sprechen, während er schon weit fort ist. Ich will ihm antworten: Habe ich Anteil an deinem Tod? Warum habe ich dich nicht früher vermisst? Du hattest zum Bauernhof fahren wollen, ich hatte zu tun. Hätte ich
den Lauf der Welt ändern können, mit mehr Liebe vielleicht? Ich denke nicht, aber ich will es noch glauben. Ich hatte zwar zuletzt nicht den Eindruck, dass es ihm besonders prächtig ging, aber wann geht es
einem schon prächtig.
Die Geschichte von dieser Innenseite her - meiner und der der Kli- nik - ist keine Geschichte, sondern ein Zustand ohne definitive Dauer, dessen tatsächliche Ausdehnung in der
Zeit mir erst - und erschreckend - im nachhinein bewusst geworden ist. Alles ist mir erst im nachhinein bewusst geworden. Die Zweckmäßigkeit der Klinik hätte mir nicht bewusster sein können. Aber das weiße
Bett war mir willkommen, alle Loslösung von meiner Welt war mir schlicht willkommen und die Geschichtslosigkeit des Ortes eine wohltuende Erleichterung. Ich hatte Glück, mich mussten sie nicht ruhig
spritzen, nicht anschnallen, denn meine Depression kannte keine Manie. Von draußen wusste ich nichts und wollte nichts wissen. Ich konnte nicht. Die ermüdende Pünktlichkeit, mit der mein Mann zu Besuch kam,
zermürbte ihn mehr als mich. Einer- seits war ich froh, irgendeine Art von Anhaltspunkt zu haben, an- dererseits konnte ich nicht im geringsten irgendwelchen Ansprü- chen an mein Verhalten genügen, mit denen
natürlich jeder Be- sucher auftrat. Aufgeschmissen sind sie und werfen einem die Veränderung vor wie eine Bösartigkeit. Ich hatte nur Gleichgültig- keit. Seine hilflosen Versuche, meine Unzugänglichkeit zu
über- brücken, konnte ich nur durch eben diese innere Distanz ertragen, denke ich heute. Dennoch habe ich alles gewusst, die ganze Zeit über. Nichts ist vergessen, alles hier drin. Noch eine Tasse? Nehmen
Sie nur. Wir saßen sehr oft schweigend beieinander oder haben uns leer und mit großen Abständen zwischen den Sätzen über dies und jenes unterhalten, wen er gesehen hätte, Grüße von sowieso, jenes wäre
geschehen. Nichtigkeiten. Aber was hät- te er auch tun können. Sicherlich schrieb er sich die Schuld zu für meinen Zustand, aller Beratung für Angehörige zum Trotz. Immer- hin hatte er sich so sehr im Griff,
dass er stets nüchtern auf der Station erschien, womöglich hätten sie ihm sonst den Zugang verwehrt. Aus dem Aufenthaltsraum heraus durch das Glas der Fenster und der Tür können die Patienten den Gang bis
zum Vor- sprung einsehen, dahinter ist der Aufzug. Immer, wenn der jeman- den ausspuckt, der nicht Personal oder Patient ist, bekommen ei- nige bereits große Augen und stehen aufgeregt auf in Vorfreude auf
ein Ereignis, und wenn der Mensch sich tatsächlich unserer Tür nähert, steht ihm auf der anderen Seite schon ein ungerufe- nes Begrüßungskomitee gegenüber, derangierte Gestalten, bitten um Zigaretten, fragen
ihn, wie es ihm gehe, vielleicht sehen sie ihn nur an, gehen hinter ihm her, bis das Personal sie lospflückt vom Ereignis ihres Tages. Mitunter, wenn die Schwestern oder Pfleger nicht aufmerksam waren, traf
den ein oder anderen Besu- cher auch die furchteinflößende Hasstirade eines Patienten auf die Welt und ihr Unrecht. Das hat verständlicherweise nicht eben zur Steigerung der Besucherzahlen beigetragen.
Oder hat es doch zu tun mit den äußeren Zuständen? Man weiß ja nichts. In der letzten Zeit warteten wir alle auf etwas, von dem niemand wusste, wie es aussehen würde. Wir hatten in unseren Aktionsgruppen
auf alle möglichen Weisen auf eine Veränderung hingearbeitet, all die Flugblätter, die Informationsveranstaltungen in der Uni für die Studenten, in den Betrieben für die Arbeiter, im- mer auf der Hut vor der
Werksaufsicht und dem Chef. Lange hat- ten wir alles in unserer Macht stehende - oder besser in unserer Ohnmacht - getan, um den Menschen ein Bewusstsein für die Verhältnisse zu geben und damit die
Möglichkeit, sie zu ändern, wo sie nicht angemessen waren. Etwas Entscheidendes war auf dem Weg, hatten wir nun das Gefühl, und niemand konnte sagen, in welcher Form oder zu welchem Zeitpunkt es eintreten
würde. Wir wollten eine andere Welt, und trotz der Aktionen hofften wir eigentlich, sie möge uns irgendwie verliehen werden. In der Zwi- schenzeit versammelten wir Wartenden uns abends, oder eigent- lich zu
keiner bestimmten Zeit, sondern immer saßen mehr oder weniger unserer Gruppe zusammen, schweigend oder in Gesprä- chen, was keinen wirklichen Unterschied zu machen schien. Es war eigenartig: als wäre nun
alles getan, jetzt könnten wir nur warten, dass die Revolution gar würde. Immer wieder gab es Ver- suche, den Stand der politischen Veränderung zu bestimmen, wie man ein Thermometer in den Truthahn steckt;
eine Übersicht zu gewinnen, hin und wieder sogar eine aufbrechende Ungeduld, den Gang der Ereignisse doch zu beschleunigen, egal wohin, wir fluch- ten auf die Gleichgültigkeit, auf die Trägheit der Zeit, der
Welt, der Menschen. Wir verzweifelten an der Unmöglichkeit, gleich auch einen neuen Menschen zu schaffen für eine neue Welt. Die Worte waren groß, die Schritte so klein, und dass die nun so schwierig sein
sollten, wollten viele nicht glauben. Lieber den Menschen auch in diesen letzten Schritten helfen. Und ihnen da- mit nehmen, was sie ihnen geben wollten. Letztlich blieb die Frage hängen in Hass auf diese
Ohnmacht, in Trinken und lautem Reden. Als einziger schien er nicht in der Lage, die Ratlosigkeit zu ver- hehlen. Offenen Auges lieferte er sich aus, schaute und schwieg. Was dann in ihm vorging, war nicht
zu ergründen. Ich habe diese Grenze zuweilen sehr deutlich gespürt. Der unterschwellige Druck der stehenden Zustände wurde immer schmerzlicher und immer deutlicher die Notwendigkeit einer Veränderung. Auf
dem Seeweg nach Indien ließ nach allzu langem Dümpeln das kaum spürbare Aufkommen der Brise die Männer auf der Santa Maria schier wahnsinnig werden; so begann sich plötzlich unter uns eine Hei- terkeit zu
verbreiten, die rasch und tief in die Bereitschaft der Wartenden griff, bis schließlich nicht mehr zu sagen war, ob dies die Freude über die erwartete, gestaltlose Veränderung war oder bereits die
Veränderung selbst. Wo vorher Schweigen gewesen war, brachen die Leidenschaften aus wie schlimme Winde. Wenn sie zu Kämpfen wurden, beruhigten die Streitenden die Schlichter ebenso oft mit herzlichen
Umarmungen, wie sie sich gegenseitig plötzlich ernsthaft verletzten, einige von denen, die jetzt hier Sahne von Gabeln lecken: bedachte, verständige Menschen: nor- mal. Allein er blieb sitzen, lächelte hin
und wieder, konnte sich aber dem Trubel nicht anschließen, und wenn man ihn hoch zerr- te, die schlechte Stimmung nicht dulden wollte, dann tanzte er für eine Weile wie die anderen, geriet in Schwung wie die
übrigen Lustigen. Schneller aber gewann etwas wieder die Oberhand, das ihn aus der Menge herauszog, an den Rand, dann hielt er die Fla- sche fest und blickte über die Köpfe der Tanzenden hinweg. Und
irgendwann ist er fort gewesen. Eine hat nach ihm gefragt, ich zeigte ihr, wo er gestanden hatte, aber dort nicht mehr und nir- gendwo anders hat man ihn gesehen.
In totaler Reizabschottung wurden die
alten Bilder wiedergekäut. Dabei kamen immer mehr Momente ans Licht, die ich vergessen zu haben glaubte. Lange, also Jahre, saß ich nur da und trank den grässlichen Tee, starrte wahrscheinlich leeren Blicks
aus dem Fenster, während innen unheimlich viele und starke Bilder einander ablösten, aus dem Nichts aufgetaucht, die ich in der gebührenden Zeit nacheinander in ein neues altes Licht legte, ein besseres:
klarer, heller. Ich fürchtete mich sehr dabei, und ich wusste: die- ser Angst wegen war ich in der Klinik. Ich genoss sehr die Mög- lichkeit, auf die wehenden Buchenblätter zu sehen hinter Doppel- glas,
draußen war es Spätherbst, Vorwinter, und ich war im War- men, tatsächlich geborgen in einer routinierten Pflege, ein unbe- greiflicher Luxus, von dem außer Malern vielleicht niemand etwas weiß noch wissen
will.
Das ist ein Bauernhof etwas außerhalb, wo sein Vater seit einigen Jahren gewohnt hatte, Ihr Mann. Ich wunderte mich, dass so je- mand wie er vom Land kommt, kam, er war nicht der Typ. Ich war
einmal vor Jahren mit ihm zusammen draußen gewesen, für zwei Stunden nur, als sein Vater gestorben war. Die beiden hatten nicht viel Kontakt gehabt, aber hin und wieder fuhr er hinaus, nach dem Rechten
sehen. Als wir hinkamen, war noch alles ver- kohlt, fürchterlicher Gestank. Erst der Geruch des Bauernhofs, als wir heranfuhren, die Schweinepisse und die Kuhpisse und die Hüh- nerkacke, Kot und Schmutz. Und
dann der kalte Rauch, noch schlimmer. Ganz war nicht zu erfahren, was vorgefallen war. An- scheinend war wohl die Treppe in Brand geraten, vielleicht durch einen Ascheimer. Im Souterrain lebte diese sehr
alte Frau, ging kaum noch vor die Tür, erzählte er mir, jahrelang in dem feuchten dunklen Loch gewohnt, sein Vater hatte ihr das Holz gehackt im Winter, sonst hatte sie niemanden mehr gehabt. Aber sie hatte
Hilfe gerufen, war seit langem zum ersten Mal wieder ans Tages- licht gekrochen in ihrem Kittel und hatte bei Nachbars geklingelt, die hatten dann die Feuerwehr verständigt. Aber da war alles schon zu spät
gewesen. Er hatte auf der Couch gelegen, der Va- ter, sagte ihm die Polizei, die Füße wären ihm angesengt gewe- sen, das war seltsam, ich ekelte mich, als er mir davon erzählte, seltsam, weil er nicht
aufgewacht war von der Hitze oder vom Rauch schon. Immerhin hatte er viel getrunken, seitdem seine Frau, seitdem Sie nicht mehr bei ihm gewesen waren, aber wirk- lich überzeugen konnte die Vorstellung auch
nicht, dass er im Rausch vielleicht. Wir fuhren erst zwei Tage später hin, weil nie- mand etwas gewusst hatte von Angehörigen, und es war nichts mehr zu finden an Papieren, alles verkohlt oder verbrannt. Ein
Teil davon und sein Geld war ihm eine Weile vorher gestohlen worden, das hatte einer seiner Kumpanen von der Straße erzählt: dass er zu betrunken gewesen war, um sich gegen die zu wehren, als sie ihm in die
Taschen gegriffen hatten, vermeintliche Helfer. Es hat- te also ein Weilchen gedauert, bis sein Sohn verständigt worden war. Er war recht gefasst eigentlich, bis zu dem Zeitpunkt, als wir uns dem Hof
näherten, da fing er an zu zittern und wurde ganz still. Es war alles nicht so sehr traurig als eher ungerecht, erbärm- lich. Das war aber das einzige Mal, dass ich mit ihm dort war.
Mein Mann hatte
mir immer weniger mitgeteilt und sich in den letzten Jahren mehr mit den Ärzten unterhalten, noch mehr mit den Schwestern. Es waren manche hübsche dabei. Immer schlechter ging es ihm. Ich weiß nicht, wann
genau er wieder auf den Hof zog, ich war in einer anderen Zeit. Ich hatte das Land gehasst, meinetwegen sind wir in die Stadt. Vielleicht freute es ihn, mich so abstellen und zurückkehren zu können. Wer
weiß. Manchmal hatte ich die Möglichkeit seines Todes angesichts sei- ner Unfähigkeit, der Sucht aus dem Weg zu gehen, schon durch- dacht, kühl erwogen sozusagen, und als es soweit war und man es mir sagen
musste, hatten alle die Hosen voll. Ich konnte den Arzt durch die halboffene Tür seines Büros am Telefon beobach- ten, ich saß in meiner Sesselecke, wie er aufblickte und mir mitten im Gespräch unversehens
gerade in die Augen sah aus dem Büro heraus und quer über die ganze Station hinweg. Ich sah sein Er- schrecken und verstand sofort, warum er aufsprang und die Tür schloss. Mit der Ruhe, mit der ich die
Nachricht aufnahm, konnten sie nichts anfangen und standen rund um die Uhr neben mir, um einzugreifen, sollte ich plötzlich anfangen, mir etwa die Haare in Büscheln auszureißen oder ähnliches. Das tat ich
aber nicht. Ich war ja von der Welt durch einen Zeittunnel getrennt, und dass dort jemand am anderen Ende meinen Namen rief oder auch starb, das interessierte mich an meinem Ende weniger als die Vergan-
genheit, in der ich mich dort befand. Ich hätte mich dem Draußen nicht aussetzen können, hätte ich die Wahl gehabt. Dass mir auch diese abgenommen wurde von der magischen Tür, war mir zu der Zeit sehr recht.
Diese Tür hatte ich nur ein einziges Mal beim Hereingehen durchschritten, und weil sie dem Großteil der Patienten auf der Station verschlossen war, belegte sich ihr Si- cherheitsglas mit immer mehr Schichten
von verzweifelter Sehn- sucht, die Tür wurde zur Pforte, das Draußen zum Himmel, vor dem alle dennoch eine Heidenangst hatten.
|
|
|
 |
 |
|
Monika Herrmann Annäherung im Gewitter
|
|
 |
 |
|
Ich hatte seinen Vater nie kennen gelernt, ich glaube, das war ihm so auch lieber. Selber war er die paar Male, um ihm
zu helfen, auch nur sehr ungern hinausgefahren, wenn es gar zu schlimm wurde mit ihm. Ich habe in seinen Aufzeichnungen eine Notiz gefunden über einen solchen Besuch: »Ich sitze auf einem Stuhl in
Mutters Zimmer und schaue aus dem Fenster. Ich bin vollkommen erschöpft. Die letzten Tage bin ich in den umliegenden Wäldern und Feldern herumgelaufen, dort habe ich mich sicher und wohl gefühlt. Um mich
herum schien lange Vergangenes nachzuklingen oder wieder aufzuklingen, vielleicht auch in mir, das konnte ich nicht unterscheiden. Die hohen Bu- chen und am Hügel die störrischen Obstbäume - etwas altbe-
kanntes lag in ihrem Wiegen in den Kurven des Weges, wo sich Flecken und Klänge aus einer anderen Zeit wie Blasen öffneten, nur für mich. Knapp unter den Schichten, die sich seither abge- lagert haben, hat
die Erde selbst mir den Geruch, den Geschmack meiner Heimat bewahrt, ich musste nur ein wenig graben und ich war zuhaus. Hierher folgte mir die Stadt nicht mit ihren undurch- schaubaren Drohungen. Dennoch
wollte ich fort von diesen Schleiern der Vergangenheit, und ich ging schneller über meine alten Wege. Bis die Dämmerung kam und dann eine Nacht und noch ein Tag, an dem ich anderes tat auf jenen oder
dasselbe auf anderen Wegen und endlich wieder hierher zurückkehrte. Ich schaue wieder aus dem Fenster.«
So war er denn umgekommen, mein Ehegatte, und ich nahm es zur Kenntnis und legte es mit dem
Vermerk zur späteren Erledi- gung zu den Akten, ich konnte damit nicht umgehen in dem Mo- ment. Ich habe die Trauer drei Monate später - ich habe das erst aus den Akten erfahren vor kurzem - mit Verzug
erlebt. Das war eine Phase, wo ich einige Tage hemmungslos weinte. Seltsamer- weise - ich spreche jetzt als mein eigener Arzt - waren mir die Selbstmordgedanken immer so fern wie die Bäume, die ich nur durch
das Glas betrachtet habe. Die Scheußlichkeit des Ortes bot mir keinen Trost mehr, und nun bat ich immer wieder um Spazier- gänge, bis nach mehreren Wochen eine Schwester für ein paar Minuten mit mir
hinausging. Die Schwestern waren in der Regel unbarmherziger als die Pfleger. Im allgemeinen scheinen mir die Antidepressiva noch die am wenigsten schädlichen Substanzen zu sein in solchen Häusern, gleich
dem Blutopfer für die Toten der Unterwelt, sie haben erst ermöglicht, dass diese Toten mich be- suchen kamen. Ich und meine Unterwelt, das war die Klinik. Es hatte viel mit Schuld zu tun, aber lassen wir das
hier.
Noch eine Notiz von ihm: »Die Nacht ist sehr still, kein Laut von den gewohnten ist zu hö- ren. Keine Strassen, von denen etwas heraufklingen könnte. Keine Läden oder Gaststätten, von
denen alkoholisierte Menschen laut- hals den Weg zu ihren Betten suchen und zu lange nicht finden. Vater schläft endlich. Keine Fahrzeuge, die laut um Ecken biegen in der Nacht. Gelegentlich regen sich die
Tiere oder geben Laut, aber das ist eher eine Beruhigung. Hier ist alles still, die Nacht ist Nacht und lügt mit nichts. Die Morgen sind ehrlich und dunstig über den feuchten Feldern. Es gibt sogar Tau auf
den Wiesen. Ich spaziere der Langeweile davon und steige den Gedanken aus dem Weg.«
Draußen, das war zuerst: den Gang entlang bis zum Fahrstuhl und wieder zurück. Zum ersten Mal wieder durch die
Tür, nach sieben- einhalb Jahren. Mir ist schon im Fahrstuhl schwindelig geworden. Noch war ich hinter den Spiegeln, wie im Märchen. Ich kam all- mählich wieder näher an die Oberfläche heran, aber die
Wirklich- keit jenseits sah immer noch sehr verschwommen und unwirklich aus. Ich wollte es aber jedenfalls bald wieder versuchen. Ich suchte mir eine andere Lieblingssesselecke, ich setzte mich mit anderen
Menschen zusammen, was sehr schwer ist für Langzeit- patienten, denn alle anderen sind schneller wieder draußen und verschwunden, als eine Beziehung entstehen kann. (In ihrer Ein- samkeit hatten sich einige
der Patienten zusammengetan, sich zu Paaren gemacht, soweit das möglich war, sich wenigstens aber gepaart. Wir anderen befriedigten uns eben hie und da, ein biss- chen Sex fiel schon ab. Auf Kontakte mit den
Pflegern war nicht zu hoffen, darauf wurde strengstens geachtet, das hätte sie die Stelle gekostet, von dem Stigma waren sie nicht ausgenommen. So genügten wir uns selbst. Sex reihte sich ein in die
allgemeine Vertierung der Menschen, denen ihr Zustand ihre Würde nimmt und die Bedürfnisse lässt.) Eines Tages war der Kopf im Spiegel mit den widerlich vernachlässigten Haaren wieder meiner, erstmals wusch
ich sie mir wieder selbst und von da ab regelmäßiger, als die Schwestern das taten mit spitzen Fingern und Bemerkungen. Wie konnten sie die Augen nicht mehr von mir nehmen, und ihre Mäuler - Waschweiber -
wiederholten immer, was sie nicht fassen konnten, längst war alle ihre Hoffnung von der Wiederherstellung meiner Person geschwunden, ich wurde nur noch verwahrt. Aber das genügte. Nicht dass ich nun
angefangen hätte, durch einen Frühling zu tanzen. Vorerst blieb es beim Haarewaschen, also hatten sich die Stationskräfte alsbald wieder beruhigt. Im übrigen war mir die Aufmerksamkeit nicht recht.
Und hier noch eine: »Der Gleichmut der Wolken, des Wassers und der Luft, die Indif- ferenz des Feuers und die Ferne der Sterne. Der Blick in ein Jetzt durch die Augen eines Früher und Später. Die
Verhältnismäßigkeit der Verhältnisse.« Ein Fetzen, eine Chiffre. Wie passt sie in diese Geschichte? Viel von Ihrer Geschichte hören wir hier, »Die verschwundene Mut- ter«. Was fehlt ist der Weg in den
Park. Eine Erklärung ist das nicht. Aber so fremd wir uns sind, so ungünstig der Anlass unse- res Kennenlernens auch sein mag, so ist es doch an wem, wenn nicht an uns, ihn als den freizulegen, der er uns
sein wollte - wo- bei er sich im Park verrannt hat, augenscheinlich, im irrigen Glau- ben, die Ampeln gäben ihm jenes grüne Licht so einfach, das ihm sonst vielleicht fehlte. Alle Erklärungen klingen dünn.
Mein Sohn schrieb mir weiterhin. Er war noch nicht wieder aufge- taucht in meinem inneren Zeitablauf. Ich glaube, es dauerte lan- ge, bis ich wieder an ihn denken konnte, mich seiner tatsächlich
erinnerte. In regelmäßigen Abständen hatte er mir, anstatt mich jemals zu besuchen, Briefe geschrieben von gewöhnlich zwei handschriftlichen Seiten. Alle drei bis vier Wochen. Manchmal we- niger, selten
mehr. In den Jahren hatte es in dieser Gewohnheit nur einmal eine Unterbrechung gegeben. Der Beginn Ihrer beider Liebe hatte ihn beschäftigt, so dass sich der nächste Brief sechs Wochen später so las: »Wieder
ist mein Alleinsein vorüber, wieder auf schönere Weise als je zuvor. Daher will ich dir berichten, was mich dazu bewogen hat, dir länger nicht zu schreiben. Gleich vorweg: die Verliebtheit allein ist es
nicht, die mir die Zeit raubte. Die anderen Male ist sie auch kein Hindernis gewesen. Nur gab diese neue Liebe mir Gele- genheit zu einem Experiment: einmal das Zögern vor der Nieder- schrift der Anrede in
jedem Brief an dich auszudehnen. Was dazu führte, dass ich sie plötzlich nicht mehr schreiben konnte. Liebe Mutter. Einige Male hatte ich die Kappe des Federhalters schon abgeschraubt und die Feder über das
blanke Papier gehalten, ohne dass ich auch nur den Aufstrich hinbekommen hätte. Zuerst hat es mich wütend gemacht. Später bin ich immer länger so sit- zen geblieben, vor dem leeren Blatt, in Erwartung
dessen, was geschehen würde. Nichts geschah. Ich konnte die Worte nicht schreiben. Das Zögern ist verursacht worden durch die Differenz zwischen dem Wunsch, dass da jemand sei, den diese Worte be- treffen
und der Erfahrung, dass dort aber niemand ist. Ich muss das Briefeschreiben wohl mögen, denn dass dort niemand ist: dem könnte ja Abhilfe geschaffen werden mit einem einfachen Besuch oder mehreren. (Ich
wundere mich sowieso, dass ich dich noch nie besucht habe, trotz Vaters stetiger Ermahnung. Dann wieder ist er selbst nicht überzeugend in seiner hohlen Besuchspflicht, und ich höre nicht auf ihn. Auf mich
muss ich hören, und wie ich sage, trenne ich mich in zwei Lager, von denen eines dich sehen will, das andere nicht. Das andere ist stärker, wie wir sehen, denn:) Ein Besuch und eine mögliche Konfrontation
mit dir würde ja die Bildlosigkeit zerstören, welche mir das Briefeschreiben er- möglicht. Das ‘Du’ in diesen Briefen bezieht sich schon lange nicht mehr auf jene Schemen von Erinnerungen an dich. Und wenn
du diese Briefe auch möglicherweise längst nicht mehr liest, da sie zu unverständlich sind, so sind sie doch offenbar für mich von Wert. Ursprünglich sind sie sogar ausschließlich für mich von Wert; denn
habe ich dich ganz zu Anfang, nachdem du von zuhause und aus unserem Leben verschwunden bist, auch aus verschiedenen Grün- den nicht besuchen können, so habe ich bald die Freiheit, die mir die blinden Briefe
gewährten, zu schätzen gelernt. Dies also der erste Brief ohne Anrede, während es auch der erste ist, der sie verdient hätte, da er wirklich an dich gerichtet ist. Vielleicht kom- me ich später zu einer
anderen Lösung, vielleicht hat aber auch die eine Seite recht, die behauptet, es spiele ja keine Rolle, dass dich das Liebe Mutter nicht meinen kann, mit dem die bisher exakt einhundertachtzig Briefe
begannen, da es eben synonym sei für das, was meinem Vater die Madonnenbilder sind, die mir nichts sagen. Ich opfere dich auf dem Altar meiner Ungläubigkeit und grüße dich in deinem Himmelreich, das recht
elend ist, wenn man Vater Glauben schenken darf (in dieser Sache vielleicht). Derweil wärmt mich meine Liebe.«
In meinen Augen ist die schwächste Erklärung, die es gibt, zu sa- gen, er wäre
verrückt geworden. Das denken doch alle hier. Damit aber ist die Erklärung bereits zuende und keine Einsicht gewon- nen. Was, wenn er sich einfach nicht anders zu helfen wusste. Oder ist das alles, was
verrückt heißt: falsch scheitern? Sich in eine Sackgasse manövrieren, unwillentlich? Ich kann fast nicht hier sitzen und diesen Kaffee trinken wie all die andern, ich kann nicht sprechen mit diesen Menschen
hier, mit denen ich immer spreche, die ich bei allem ins Vertrauen habe ziehen können. Vor Wut. Nur mit Ihnen kann ich sprechen, der Mutter, die ich nicht kenne und von der ich nichts weiß, sogar das wenige,
was ich weiß, stellt sich als falsch heraus. Wenn Sie mir berichten, dass Sie alles gewusst haben hinter dem Glas, hinter all dem, ist es dann nicht möglich, heißt das nicht vielmehr unbedingt, dass er auch
alles gewusst hat, heißt das nicht, dass nur sein Glauben an die Erscheinungen der Welt verrückt war, an den wir uns immer klammern: in großer Verzweiflung, wenn man näher hinsieht. Heißt das nicht auch,
dass er in all seiner Angst mutiger war als wir an einer Stelle, die wahren Mut erfordert, oder heißt es, dass er an jener Stelle einfach dumm war, weil er den nicht wieder gutzuma- chenden Fehler gemacht
hat, aus dem Leben zu gehen?
Endlich konnte ich seine Briefe lesen. Ich bat sie mir vom Arzt aus - über die Jahre hatten sich sehr viele angesammelt -, und mit diesem Stapel zog ich mich auf mein
Zimmer zurück und las sie in einem durch, hintereinander weg. Nur las ich sehr langsam, sehr langsam und ohne je zurückzublättern oder ein Wort zweimal zu lesen. Man ließ mich, dankenswerterweise. Danach
schlief ich lan- ge und gab die Briefe nach dem Erwachen dem Arzt zurück. Die Einzelheiten über die Vorgänge beim Tod meines Mannes erfuhr ich aus diesen Briefen. Aber, werden Sie sagen, gab es nicht Zei-
tungen und Fernsehen? Gab es nicht das Personal, die ein und aus gingen im Draußen: Botschafter. Sie haben recht: All das war wohl verfügbar, nur hatte es keine Bedeutung für mich. Ich erin- nere mich sogar
an die Bilder von unserem Haus, von der Kirche, und an einzelne Dinge im Kommunalmagazin im Fernsehen, jedoch waren das anonyme Botschaften, die nicht an mich gerichtet wa- ren. Nichts, was etwas mit mir zu
tun gehabt hätte. Manchen Pa- ranoikern ist die mediale Welt zur subjektiven Wirklichkeit erwach- sen: in Antennen und Bildschirmen, Kabeln und aller Elektronik vermuten sie die totale Überwachung, was ja
nicht einmal ein Wahn ist, nicht wahr. Mir war diese Bilderflut umgekehrt eine blasse, dünne Schicht, ein Abbild von nichts als der kosmischen Leere. Eine Realität, der nicht zu trauen war. Sagen Sie es
nicht weiter, aber ich traue ihr jetzt noch nicht. Nichts ist mehr tritt- fest, da ist jeder Verfolger eine bequemere Vorstellung. Aber mit einem erstaunlichen Trick mache ich mir zur selben Zeit vor, diese
Wirklichkeit zu glauben. Die Versunkenheit hat sich in Ironie und Zynismus verwandelt. Deswegen entließen sie mich. Nicht die Ein- zelheiten aus den vielen Seiten handschriftlicher Monologe begriff ich beim
Lesen. Mehr wie ein Fluss war das, eine Strömung, in der ich ihn treiben sah, meinen Sohn, Ihren Geliebten, ohne dass er in Ufernähe gekommen wäre oder auch nur gewusst hätte, dass da ein Ufer ist rechts wie
links. Als Sie beide sich kennen lernten, da schien es, als hätte der Fluss, nicht wahr: Niedrigwasser, eine Chance, seinem Treiben zu entgehen, wenn er ganz versiegte et- wa. Aber bald schwoll er wohl
wieder an, Tauwetter, und nahm ihn mit sich, trieb ihn in Strudeln herum und verwirrte ihn, bis er zuletzt unter Tage floss, unter die Erde. In meinen Augen ist mein Sohn unter die Räder der Mechanik
gekommen, die den Schein der Solidität aufrecht erhält. Ich selbst habe bereits dahintergesehen, und ich weiß, hinter diesen Spiegeln lässt es sich nicht leben. Dort wartet keine wahrere Wirklichkeit, dort
wartet die lange Na- se, die wieder in Richtung dessen zeigt, dem man eben entkom- men zu sein glaubt. Dort wartet ein unentrinnbarer Strudel, der ins Leere führt, in die Zerstörung, und wer nicht gleich
hinabge- zogen wird, wendet alle Kräfte auf, wieder den Kopf über Wasser zu bekommen. Wieder Land zu sehen: das ist das einzige Ziel. Im Grunde wundere ich mich, dass nicht mehr Menschen in dieselbe Irre
laufen. Ich las damals weder Zeitungen noch Bücher, das Fernsehen zog mich nicht an (das Sehen in die Ferne um so mehr). Jedoch seine Briefe las ich, denn das waren keine Nach- richten von draußen, sondern
von innen. Von da, wo ich mich be- fand. Längst war seine die einzige Post, die ich erhielt. Denn nie schrieb ich zurück, niemandem. Der letzte Brief, ähnlich wie ihre Beschreibung des letzten Abends vor
zwei Wochen, erreichte mich vor einer längeren Weile aus einem, wie Sie sagen, gewöhn- lichen Zustand. Offenbar nachdem Sie beide auseinander gingen.
Ein Brief von danach?
Dann bin ich
entlassen worden und habe keinen mehr erhalten. Den Brief habe ich ungeöffnet in der Klinik gelassen. Vielleicht liegt er noch da und wartet auf mich.
Vielleicht...
Soll er warten.
Los Angeles/Berlin 1999-2001
|
|
|