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»Verzeihung, können Sie mir sagen, wo ich den Leonardo finde?« »Der ist eben rausgegangen, durch die Drehtür, dann
schräg nach links, vermutlich zur U-Bahn-Station.« »Wie?« »Was?« »Nein, nein, ich meine den Maler - Leonardo da Vinci.« »Geradeso, eben der.« »Was?« »Wie?«
»Aha - haha - und wie sah er denn aus?« »Just wie auf den bekannten Bildnissen, die er um 1515 verfertigt: Eine schlaffe und zuweilen schlecht erfasste Anatomie, eintönig zweideutig lächelnd, den rechten
Arm in die Luft hebend, so dass er sich von der Schulter bis zum Ellbogen verkürzt, während der andere Arm auf der Brust liegt und die Hand zeigt.« »Schon gut. Und der ist eben rausgegangen, ja?« »Ja.«
»Wäre es da nicht Ihre Pflicht gewesen, ihn aufzuhalten?« »Mitnichten. Wären seine bekannten Bildnisse rausgegangen, die er um 1515 verfertigt, dann natürlich. So ist aber nicht sein Ab- bild, sondern
er selbst leibhaftig gegangen, auf den doch dieses Haus und niemand in der Welt keinerlei Rechte erheben kann, sind doch Leibeigenschaft und Sklaverei in diesem freien Lande schon des längeren abgeschafft.
Welchen Anlass hätte ich also haben sollen, dem Meister in den Weg zu treten?« »Schon gut… Und wo bitte finde ich die bekannten Bildnisse?« »Zweites Obergeschoss, linker Flügel, Raum 224, gleich links
in Augenhöhe. Wenn jedoch eine persönliche Bemerkung gestattet ist: es lohnt nicht.« » - « Enrice hatte von einer renommierten Kunstillustrierten den wohl- bezahlten Auftrag erhalten, bislang
unentdeckte Selbstbildnisse im Œuvre Leonardo da Vincis ausfindig zu machen, die entsprechen- den Werke aufgrund der revidierten Forschungslage neu zu kom- mentieren und dafür bereits Vorschusslorbeer und
-salär erhalten - wahrlich kein Vermögen, doch immerhin ausreichend, einen be- scheidenen wissenschaftlichen Ruhm zu begründen und sich eine Basis zum Sprung in die große Welt der Kunstkritik zu schaffen.
Zunächst wollte Enrice daran gehen, die in den jeweiligen Selbst- bildnissen verwirklichten Charakterisierungen, die ja auch immer zugleich Selbstdarstellungen sind, hinsichtlich ihres individuellen Gehalts
der Farb- und Formgebung und des daraus resultierenden Bewertungsgehalts bezüglich Zeitgeschehen und politischer Ta- gesgeschehnisse des frühen 16. Jahrhunderts vergleichend zu analysieren, um daraus
Rückschlüsse auf die Lebensumstände und Arbeitsbedingungen des Meisters zu ziehen. Wie enttäuscht musste er daher sein, als er die Objekte seines Forschens näher betrachtete: Felsen, eine luftige
Landschaft, ein Reh auf der einen Seite, auf der anderen das blanke Nichts - alles perfekt ausgeführt, Farb- und Formgebung verrieten sogleich un- trüglich die Hand des Meisters, was fehlte, war der Meister
selbst, nur Pantherfell, Weinkranz, Thyrsos-Stab und Kreuz waren zu- rückgeblieben, von Leonardo keine Spur. »Wohin, haben Sie gesagt, ist er gegangen?« »Durch die Drehtür, dann schräg nach links,
vermutlich zur U-Bahn-Station.« »Danke.« Wir wollen an dieser Stelle innehalten, um uns kurz zu besinnen. Ein angehender Kunstwissenschaftler südländischen Vornamens, womöglich ein Landsmann des großen
Meisters, wildentschlossen, die wissenschaftliche Welt im Sturm zu erobern und die längst überholten Gesetze der Leonardo-Interpretation von Grund auf zu revolutionieren, ist angereist, um dem Meister
persönlich zu hul- digen, ihn gleichsam um Rat zu fragen und sich mit dessen Segen für den bevorstehenden Kampf auf Leben und Tod mit den Kory- phäen des Fachs zu wappnen, die er von ihren selbsterrichteten
Thronen stürzen wird, um sich selbst den Siegeskranz der wahren und wunderbaren neuen Leonardo-Kritik in die Stirn zu drücken - eine verwandte Seele des Meisters, dessen Herz im gleichen Takt schlägt, der
das allumfassende Genie in tiefster Brust zu erfassen, zu umfassen gar vermag - - - oder doch nur ein knöcherner Bil- derwurm, der mit seiner Neigung zur bunten Malerei - denn zur Liebe ist ein solcher
Bürokrat wohl kaum fähig - nur die eigene Farb- und Phantasielosigkeit mangelhaft zu übertünchen ver- sucht? Flammenden Auges tritt er nun vor seinen Schöpfer, kühn die stolze Stirn erhoben, feurig
gesonnen, dessen Arbeit in dessen Fußstapfen fortzuführen, gleichsam jedoch auf einer höheren, hehreren Ebene, damit die Welt erfahre, er, Enrice, sei der wahre Sohn des Leonardo. Geschwellter Brust erfleht
er die Gunst des Meisters, oh nein, er fleht nicht, er fordert, denn einem wie ihm ist es gegeben, zu erobern, zu erbeuten, an sich zu reißen, nicht demütig-weinerlich zu flehen wie ein Weib oder ein
Kunstkritiker. Kraft schöpfend aus des Meisters kosmischem Wesen - emotiona- le Kraft, die unvergesslich wie unaussprechlich ist - empfängt Enrice unmittelbar und ungehindert die Offenbarung des Heiligen
samt seines Inneren, die Quintessenz spiritueller Erfahrung, die aus dem Antlitz des Engelskopfs spricht. Von Angesicht zu Ange- sicht, Auge in Auge weiß er sich der Akklamation des Meisters si- cher - - -
nur: wo ist der Meister? Geharnischt vor der entscheidenden Schlacht, den Triumph so gut wie schon errungen, die Rosse schäumend in Erwartung des to- senden Getümmels - was Ross, was Harnisch? - das
eigene Blut siedend bereits vor Begierde, die eigenen Hände ausgestreckt, dem Feind die Kehle zu zerdrücken, ihm das letzte Röcheln zu entpressen, mit dem dieser seine Niederlage eingesteht und zu- gleich
Enrices allumfassende Macht anerkennt. »Hier stehe ich, Meister - ich, Enrice - in Deine Hände befehle ich meinen Geist, Dir widme ich den Sieg!« Muss Enrice sich durch des Meisters Abwesenheit nicht in
tiefster Brust verletzt fühlen, gekränkt, verraten, hämisch verlacht, bloß- gestellt vor aller Welt, ein Gespött der gesamten Menschheit, ein Gelächter? Muss sich nicht seine geschundene, mit Füßen getre-
tene Seele innerlich aufbäumen? Innerlich? Dringt nicht ungestüm sein Zorn nach außen, zermalmt die Spötter, begräbt ihren Hohn unter seinen Stiefeln, wütet unter seinen Widersachern, reißt ihre falschen
Tempel nieder - - - oder greift er sich nicht vielmehr mit zitternden Händen an Kopf und Herz, stammelt Verworrenes? Wird ihm nicht schwarz vor Augen, sucht er nicht bebenden Mundes nach Halt an der nahen
Sitzbank, ringt nach Atem, weint bitterste Tränen der Verzweiflung? »Zur U-Bahn-Station also?«
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Monika Herrmann Im Netz
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Wie alt haben wir uns Enrice eigentlich vorzustellen? Beflügelt er seine Schritte bis zur Raserei, ergreift er nach
wenigen Metern schon den flüchtigen Meister am Handgelenk, reißt er ihn herum, hebt ihn am Kragenaufschlag einen Fuß weit in die Luft und brüllt ihm seine Verachtung ins Gesicht? »Ich brauche dich nicht,
behalt Deinen Segen. Ich bin der Meister, mein ist die Macht, mein Wille geschehe! Ich teile meine Macht nicht mit Dir, Du Wurm, Du Ab- schaum. Mir gehört die Welt, mir liegt sie zu Füßen.« - - - Oder wird
er, nachdem er einige Minuten verschnauft und seine Kreis- lauftropfen eingenommen hat, sich mit Hilfe einer Krankenschwe- ster von der Sitzbank erheben und auf seinen Gehstock gestützt mühsam die Treppe zum
Erdgeschoss aufsuchen - oder lieber doch den Aufzug -, um sich ein Taxi nach Hause zu bestellen? Wer ist nun andererseits Leonardo? Sicherlich: ein Jüngling mit schlankem Engelsgesicht und dem Lächeln
einer Sphinx auf den Lippen, der nicht zu beantwortende Rätsel ersinnt. Zart gekräu- selte Locken des Haares umspielen die Feinheit und Schlankheit des Antlitzes. Zugleich lebhaft und doch in einem Zustand
der Verträumtheit sieht er den Betrachter mit der offenen Direktheit der Jugend an; das Werkzeug eines Mysteriums oder gar das My- sterium selbst - aber doch auch ein Fremder in diesem Jahrhun- dert, dieser
Stadt und dieser Sprache, noch dazu weitestgehend unbekleidet. Wie findet er sich in einer Drehtür zurecht, im hek- tischen Gewühl der Großstadtstraße? Benimmt ihm nicht der Lärm die Sinne, der Gestank den
Atem? Findet er die U-Bahn? Betritt er den Schlund der Unterwelt, aus dem ihm der lähmende Pesthauch des Todes entgegenschlägt, wagt er sich in das Gedärm des Dra- chens, aus dem ihm wandelnde Kadaver
entgegenquellen, nieder- ländische Missgeburten, übelriechende Vorboten der Hölle, Abbil- der des Satans? Wie auch immer, gerade ist er in einem der vorderen U-Bahn-Wä- gen verschwunden, und Enrice, da
sich die Türen schließen, in einem der hinteren. Eine dramatische Verfolgungsjagd beginnt. Enrice wechselt bei jeder Station den Wagen, pirscht sich am Bahnsteig entlang, kommt seiner Beute bei jedem Halt
einen Wa- gen näher, sorgfältig die Plattform im Auge behaltend, auf dass ihm sein Fang nicht unversehens entwische. Wollte er nicht einen Artikel schreiben, einen Artikel über ein Abbild? Ist nicht das Ab-
bild dem Original gewichen? Wird er nun nicht einen Artikel über Leonardo selbst schreiben, einen Artikel, wie ihn die lesende Welt noch nicht gelesen hat, ein Exklusivinterview mit Leonardo da Vinci, in dem
dieser eigenen Mundes seine Lebensumstände be- schreibt, sein Werk kommentiert, die moderne Kunstkritik, die Phi- lister und Sophisten anprangert, ihnen einen Spiegel vorhält, ihre Einfalt und ihr Scheitern
offenbart? Endstation: Eine Welt von Luft und Licht, keine Welt der Freude und der Fröhlichkeit, sondern eine bannende und gespenstische, in der das Auge begierig - doch vergeblich - die dichten Nebel zu
durchdringen sucht, die die grob geformten Felsen aufzulösen scheinen. Eine seltsame und unfruchtbare Landschaft, eine Welt ohne Gnade, eine eigenständige und ausdrucksvolle Natur, die zugleich den Horizont
des emotionalen und symbolischen Ganzen erweitert. Hier fühlt sich der Meister zu Hause, hier gerät sein Blut in Wal- lung. Sieht man ihn nicht schon fast den Pinsel schwungvoll füh- ren und die Leinwand,
die Holztafel, das Kirchengewölbe, die Fels- grotte mit Leben erfüllen, tote Materie zum Leben erwecken? Schon hat er die U-Bahn verlassen, schon ist ihm Enrice auf den Fersen. Mit weltumgreifendem Gestus
hebt Leonardo die Hände gen Him- mel, saugt sichtlich Landschaft und Inspiration in sich hinein, ballt die Fäuste, die Adern schwellen, der Oberkörper bläht sich, und als Enrice, dessen Augen Leonardos Blick
gefolgt waren, wieder zur Erde sieht, ist der Meister abermals verschwunden. Enrice steht vor einem Loch im Fels, einer Höhle. Im Inneren der Höhle herrscht Dunkelheit, vollkommene Dunkel- heit, die nach
außen zu fließen scheint - tatsächlich ist lediglich hinter Enrices Rücken die Sonne untergegangen - und Enrice einerseits unendliche Furcht einflößt, ihn andererseits magisch anzieht. Neben der absoluten
Dunkelheit strahlt die Höhle eine nach innen gekehrte Feierlichkeit aus, ein implizites Licht in seiner Schattenlosigkeit, das sich nicht von den Formen trennen ließe, die es erleuchtete, wären Formen
auszumachen: ruhig, fließend und zart. Mit Atmosphäre gesättigt legt es sich wie ein Film über die zu malenden Formen - Enrice strengst seine Augen an - - »Was machen Sie da?« Jesusmariaundjosef, jetzt
ist Enrice aber der Schreck in die Glie- der gefahren. Gedankenversunken im wahrsten Sinne des Wortes, eingetaucht in dieses wahrhaft leonardeske Fluidum, den Geheim- nissen des Genies des Meisters auf der
Spur, fast schon hatte er sie greifen können - und plötzlich bricht in diesen metaphysischen Bund eine nüchterne, feste und unverhältnismäßig laute Grabes- stimme ein, zerbricht ihn gleichsam, denn plötzlich
fällt ringsum die Nacht, und Enrice sitzt schlichtweg im Dunkeln. Ein paar Ster- ne leuchten, weder Voll- noch Neumond - der ganze magische Zauber der Zeitentrücktheit ist einem hundsordinären Spätherbst-
abend gewichen. Fast wäre Enrice ein Angstschrei entschlüpft, heftig zusammengezuckt ist er bereits, und jemand wie Enrice lässt sich derlei nicht gerne nachsagen. Leise flucht er in sich hinein.
»Andersherum gefragt: Was machen Sie da?« »Nun, ich werde in dieser Höhle auf einen Herrn treffen, den ich mit einer silbernen Kugel aus dem Lauf einer Pistole erschießen werde. Sodann lege ich ihm eine
geweihte Hostie in den Mund, ein goldenes Kruzifix auf die Brust und treibe ihm zu guter Letzt einen etwa anderthalb Fuß langen Holzpflock durchs Herz.« Zur Bestätigung öffnet der Fremde eine Ledermappe,
die er bei sich trägt, entnimmt dieser der Reihe nach die erwähnten Gegen- stände und verstaut sie anschließend wieder. »Und was machen Sie?« Enrice zögert einen Moment.
»Ich bin Pilzsammler. Ich sammle Pilze.« »Antike Pilze?« »Sie glauben mir nicht? Sehen Sie: Pilze muss man in Butter schmoren, nur so erhalten sie ihren typischen Pilzgeschmack, und die besten wachsen
abends in der Nähe von Felsenhöhlen.« »Wo haben Sie das gelesen?« Fast hätte Enrice die Quelle genannt… »Das mache ich immer so.« »Höre, wunderlicher Pilzsammler: Ich gehe nun in diese Höhle,
mein Werk auszuführen, und solltest Du bei meiner Rückkunft noch hier sein, werde ich mich um Dich kümmern. Ja?« »Ja.« Kurze Zeit später fällt in der Höhle ein Schuss und ein Geräusch, als werde
jemandem ein etwa anderthalb Fuß langer Holzpflock durchs Herz getrieben. Was würde Enrice tun? Würde er ungestüm in die Höhle eindrin- gen, zu retten, was noch zu retten war, zu rächen, was zu rä- chen
war - - - oder würde er demütig das Feld räumen, klein bei- geben, den Schwanz einziehen und sich zu Hause an einer ein- fühlsamen Brust ausweinen? War Enrice verheiratet? Hatte er Frau und Kind, oder fand
er einfühlsame Brüste am Stammtisch? Würde er sein Heil im Trunk suchen? Tatsache ist, dass Enrices Artikel in der renommierten Kunstillu- strierten nie erschien. Statt dessen erschien ein Artikel, aus
dem hervorging, dass in einer Höhle Malereien aus dem 16. Jahrhundert gefunden worden waren, die die internationale Kunstwissenschaft vor Rätsel stellte. Des weiteren war in der selben Höhle eine Lei- che
mit einem schräg von oben durch die Schädeldecke getrie- benen Holzpflock im Kopf gefunden worden, die die internationale Kriminalistik vor Rätsel stellte.
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