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Mandelentzündung
Natürlich ist es hart, an einer Straßenecke zu stehen, ohne je- manden zu erwarten, aber
es gibt einige Sachen, die mit Sicher- heit noch viel verrückter sind. Mandelentzündungen zum Beispiel, oder Kohlebergwerke. Joachim Spanner-Glockenspiel hatte beides nicht, weder eine Mandelentzündung noch
ein Kohlebergwerk, und in Anbetracht der Situation, dass ca. 2/3 aller Europäer in ihrem ganzen Leben zumindest in den Besitz von einem der genannten Dinge gelangen, geht es Joachim ziemlich schlecht, ebenso
wie er selbst, kein Wunder aber auch; musste er sich unbedingt unter den nächstbesten Zug, voll beladen mit Flaschen, also ein Fla- schenzug, werfen, nur um zu testen, ob seine Schienbeinknochen tatsächlich
die Funktion von Schienen erfüllen? Joachims Frau, Manfred, tourt derzeit mit ihrem Freak-Show-Zirkus »Tschernobyl 2001« durch Osteuropa, sie kocht liebend gerne. Natürlich etwas schmerzhaft, und auch
die Verbrennungen sind nicht schön anzu- sehen, aber wen stört das schon bei einer Freak-Show? Ganz im Gegenteil. Die Beiden sehen sich nicht sehr oft, doch wenn, dann folgt sofort das schnelle
»Rein-Raus-Spiel«, rein in die Klamotten und raus aus dem Alltag; gemeinsam mit ihren Großmüttern und Haustieren gehen sie dann Bahnwaggonsurfen oder zum Wasser- fallrafting. Eine unauffällige
Durchschnittsfamilie also. Bis vor kur- zem zumindest, denn letzte Nacht schied Joachim Spanner-Glok- kenspiel an einer plötzlich auftretenden Mandelentzündung dahin, seine letzten Worte waren: »Verdammt,
tut das weh, mein Hals ist so heiß, es fühlt sich an, als ob meine Mandeln kochen wür- den«. Manfred, die Frau mit dem Männernamenfetisch, starb, die Zeitverschiebung nicht berücksichtigt, exakt zur gleichen
Stunde bei ihrem letzten Auftritt in einem lettischen Kohlebergwerk an Verbrennungen 3. Grades, als sie versuchte, Mandeln auf ihrem erhitzten Körper zu kochen, also ebenfalls an einer Mandelentzün- dung.
Traurig, aber wahr.
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Monika Herrmann Meereskreuzung
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Attillas Gehörsturz
Wir schreiben das Jahr 2001. Batman, Superman, MacGyver und die Turtles, die waren
nicht seine Vorbilder. Francis di Funghi mochte keine Superhelden. Für den mageren 12-jährigen Sonder- schüler aus Stockholm gab es nur ein Idol, nämlich Attilla, den Hunnenkönig. Franics versucht alles, um
genau so zu werden wie Attilla war. Der junge Schüler lässt sich langes Haupthaar wach- sen, wäscht sich nicht mehr, hält sich einen Harem mit mehr als 20 Frauen und versucht den ganzen Tag auf seinem Pferd
zu ver- bringen. Sein Pferd heisst Waterloo und Robinson, weil es langes Haar hat und schlecht singt. Waterloo und Robinson ist ein Stek- kenpferd. Francis reitet auf seinem Steckenpferd überall hin, in die
Schule, zum Einkaufen, usw., wo er ist, ist auch Waterloo und Robinson. Seine Mutter versteht ihren Sohn nicht: »Warum bist du nicht wie alle anderen Kinder und spielst Kriegspiele, nimmst Drogen und schaust
dir brutale Horrorfilme an?« meint sie zu ihm. »Weil ich Attilla der Hunnenkönig bin und Furcht und Schrecken verbreite«, erwidert Francis, während er seiner Mutter das Haupt abschlägt. Auch die Nachbarn
stehen auf Kriegsfuß mit ihm, schließlich kam es schon des öfteren vor, dass Francis mitten in der Nacht mit Waterloo und Robinson ausritt und brandschatzend die Wohnhäuser verwüstete. »Ob ihr wirklich
richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht!« meint Francis jedesmal kurz zuvor zu seinen Opfern. Verloren hat noch nie jemand, denn bis jetzt ist überall noch Licht angegangen, und jedes Ziel wurde
abgefackelt. In letzter Zeit wurde es ihm aber nervlich doch etwas zu viel, Francis suchte nach einem neuen Idol. Und fand es auch: Das linke Ohr seines Großvaters. Francis wollte ab nun genau so wer- den
wie das linke Ohr seines Großvaters. Er versuchte alles mög- liche, doch alle lachten über ihn. Heute morgen erschütterte je- doch eine Schreckensnachricht ganz Stockholm: Der Großvater hatte einen
Gehörsturz; exakt zur gleichen Zeit als Francis di Funghi, der Junge der das Ohr seines Großvaters sein wollte, my- steriöserweise von einer Klippe stürzte. Hat er es letztendlich doch noch geschafft und die
Symbiose mit dem linken Ohr seines Großvaters vollzogen?
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