Jürgen Marschal, geb.
1983, lebt in Eibesthal/
Niederösterreich und ist
Schüler an der Bundes-
handelsakademie Mistel-
bach. Veröffentlichun-
gen in diversen Magazi-
nen und Zeitschriften,
u. a.: Blut im Stuhl; Text-
galerie
; Suxx-E-Zin.
http://dude.at/panhandler
a

Die Faitings (foto + pain-
ting) in dieser cet-Ausga- be sind aus dem Zyklus Kreuz-Variationen von Monika Herrmann.
Mehr zur Fotokünstlerin
 und Autorin

Mandelentzündung

Natürlich ist es hart, an einer Straßenecke zu stehen, ohne je- manden zu erwarten, aber es gibt einige Sachen, die mit Sicher- heit noch viel verrückter sind. Mandelentzündungen zum Beispiel, oder Kohlebergwerke. Joachim Spanner-Glockenspiel hatte beides nicht, weder eine Mandelentzündung noch ein Kohlebergwerk, und in Anbetracht der Situation, dass ca. 2/3 aller Europäer in ihrem ganzen Leben zumindest in den Besitz von einem der genannten Dinge gelangen, geht es Joachim ziemlich schlecht, ebenso wie er selbst, kein Wunder aber auch; musste er sich unbedingt unter den nächstbesten Zug, voll beladen mit Flaschen, also ein Fla- schenzug, werfen, nur um zu testen, ob seine Schienbeinknochen tatsächlich die Funktion von Schienen erfüllen? Joachims Frau, Manfred, tourt derzeit mit ihrem Freak-Show-Zirkus »Tschernobyl 2001« durch Osteuropa, sie kocht liebend gerne. Natürlich etwas
schmerzhaft, und auch die Verbrennungen sind nicht schön anzu- sehen, aber wen stört das schon bei einer Freak-Show? Ganz im Gegenteil. Die Beiden sehen sich nicht sehr oft, doch wenn, dann folgt sofort das schnelle »Rein-Raus-Spiel«, rein in die Klamotten und raus aus dem Alltag; gemeinsam mit ihren Großmüttern und Haustieren gehen sie dann Bahnwaggonsurfen oder zum Wasser- fallrafting. Eine unauffällige Durchschnittsfamilie also. Bis vor kur- zem zumindest, denn letzte Nacht schied Joachim Spanner-Glok- kenspiel an einer plötzlich auftretenden Mandelentzündung dahin, seine letzten Worte waren: »Verdammt, tut das weh, mein Hals ist so heiß, es fühlt sich an, als ob meine Mandeln kochen wür- den«. Manfred, die Frau mit dem Männernamenfetisch, starb, die Zeitverschiebung nicht berücksichtigt, exakt zur gleichen Stunde bei ihrem letzten Auftritt in einem lettischen Kohlebergwerk an Verbrennungen 3. Grades, als sie versuchte, Mandeln auf ihrem erhitzten Körper zu kochen, also ebenfalls an einer Mandelentzün- dung. Traurig, aber wahr.

Monika Herrmann
Meereskreuzung

Attillas Gehörsturz

Wir schreiben das Jahr 2001. Batman, Superman, MacGyver und die Turtles, die waren nicht seine Vorbilder. Francis di Funghi mochte keine Superhelden. Für den mageren 12-jährigen Sonder- schüler aus Stockholm gab es nur ein Idol, nämlich Attilla, den Hunnenkönig. Franics versucht alles, um genau so zu werden wie Attilla war. Der junge Schüler lässt sich langes Haupthaar wach- sen, wäscht sich nicht mehr, hält sich einen Harem mit mehr als 20 Frauen und versucht den ganzen Tag auf seinem Pferd zu ver- bringen. Sein Pferd heisst Waterloo und Robinson, weil es langes Haar hat und schlecht singt. Waterloo und Robinson ist ein Stek- kenpferd. Francis reitet auf seinem Steckenpferd überall hin, in die Schule, zum Einkaufen, usw., wo er ist, ist auch Waterloo und Robinson. Seine Mutter versteht ihren Sohn nicht: »Warum bist du nicht wie alle anderen Kinder und spielst Kriegspiele, nimmst Drogen und schaust dir brutale Horrorfilme an?« meint sie zu ihm. »Weil ich Attilla der Hunnenkönig bin und Furcht und Schrecken verbreite«, erwidert Francis, während er seiner Mutter das Haupt abschlägt. Auch die Nachbarn stehen auf Kriegsfuß mit ihm, schließlich kam es schon des öfteren vor, dass Francis mitten in der Nacht mit Waterloo und Robinson ausritt und brandschatzend die Wohnhäuser verwüstete. »Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht!« meint Francis jedesmal kurz zuvor zu seinen Opfern. Verloren hat noch nie jemand, denn bis jetzt ist
überall noch Licht angegangen, und jedes Ziel wurde abgefackelt. In letzter Zeit wurde es ihm aber nervlich doch etwas zu viel, Francis suchte nach einem neuen Idol. Und fand es auch: Das linke Ohr seines Großvaters. Francis wollte ab nun genau so wer- den wie das linke Ohr seines Großvaters. Er versuchte alles mög- liche, doch alle lachten über ihn. Heute morgen erschütterte je- doch eine Schreckensnachricht ganz Stockholm: Der Großvater hatte einen Gehörsturz; exakt zur gleichen Zeit als Francis di Funghi, der Junge der das Ohr seines Großvaters sein wollte, my- steriöserweise von einer Klippe stürzte. Hat er es letztendlich doch noch geschafft und die Symbiose mit dem linken Ohr seines Großvaters vollzogen?

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