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Langsam, mit dem Wachsen der Schatten, kühlt auch die Luft um mich herum ab. Ich werde noch eine Weile hier liegen
bleiben, der Platz ist sicher. Niemand , der unten am Strand entlang geht, wird mich hier oben im hohen Schilfgras entdecken. Ein, zwei Mal an diesem Nachmittag habe ich vorsichtig mein Versteck verlassen,
ohne jedoch in das Blickfeld anderer Strandläufer zu gelangen. Ich habe Zeit, alle Zeit der Welt, jetzt gibt es nichts mehr, das ich tun muss. Es ist nicht völlig still hier, der Wind biegt die Halme und
spielt auf ihnen und im Hintergrund rauscht und wogt das Meer, wie es das schon seit Anbeginn der Welt tut. Wenn ich die Macht hätte, würde ich die Wellen einfrieren, nicht für lange, aber eine kleine Weile,
und auch der Wind würde schweigen und es gäbe die per- fekte Stille. Ich würde die Luft anhalten und einen Augenblick würde der Schlag meines Herzens das lauteste Geräusch auf die- ser Welt sein, es würde
geradezu dröhnen, und die Luft würde er- zittern davon. Und bis in die entlegensten Winkel dieser Welt wür- de die Auswirkung meines Herzschlages zu spüren sein. Nur einen Moment, einen Bruchteil der
Unendlichkeit, und dann würde es weitergehen mit Wind und Wellen und Atmen und Lachen und all den Geräuschen der Welt, und die Menschen würden es gar nicht richtig merken, nur einige wenige würden da sitzen
und das Gefühl haben, dass grade etwas Außergewöhnliches passiert ist, aber sie würden es nicht in Worte fassen können, denn der Gedanke, dass jemand die Welt anhalten könnte, und sei es nur für den
Bruchteil einer Sekunde, ist einfach zu absurd. Und so würde dieses Wun- der nur einen bitteren Geschmack im Mund hinterlassen und eine Irritation, die die Menschen durch sinnlose Aktivitäten zu über-
spielen versuchen würden. Es soll Menschen in anderen Teilen der Welt geben, die dazu in der Lage sind, ihren Herzschlag willkürlich zu beeinflussen. Auch eine Art, die Welt anzuhalten. Vielleicht werde
ich einen Medita- tionskurs besuchen und versuchen, es zu lernen, es gibt jetzt nichts mehr, was unmöglich ist für mich. Doch eins nach dem an- deren, jetzt muss ich erst einmal sehen, wie ich unbemerkt
diese Sache hier zu Ende bringe. Nicht mehr lange, dann wird es dunkel, und ich kann gehen. Im Laufe des Nachmittags ist mir klar geworden, es sieht wirklich wie ein Unfall aus, kein Mensch wird
auf die Idee kommen, mich damit in Verbindung zu bringen. Eine träge Fliege summt um uns herum, sie hat uns vor Stunden schon gefunden. Bald werden noch ande- re Artgenossen kommen und Besitz ergreifen von
seinem Körper. Lange vor den ersten Menschen wird es sich in Fliegenkreisen herumgesprochen haben, dass er hier liegt. Schon möglich, dass sie es sein werden, die einen einsamen Spaziergänger in den nächsten
Tagen als erste auf seine Existenz aufmerksam machen werden, wenn sie sich bei seinem Näherkommen in großen Schwärmen erheben werden. Wer weiß, wie es wird, aber das soll nicht meine Sorge sein.
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Monika Herrmann Gebogen
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Wie er so neben mir liegt und seine hellen Augen in den Himmel blicken, könnte er genauso gut träumen, aber kein
Wimpernschlag verscheucht die Fliege, kein Heben und Senken des Brustkorbs ist zu sehen. In der Hand hält er noch das Stück Kuchen, meine klei- ne Picknicküberraschung, die ihn das Leben kostete. Ab und zu
an diesem Nachmittag war ich versucht, es ihm abzunehmen, einfach aufzuessen, aber dann wäre es nicht mehr stimmig gewesen. Ein Toter in den Dünen, der Magen so gut wie leer, einen Bissen im Mund und nichts
in der Hand, das geht nicht. Und ich werde mich heute Abend mit einem fürstlichen Mal belohnen. Eine Möwe fliegt über uns her, sie schreit, als habe sie verstan- den, was hier passiert ist. Sie zollt mir
Respekt, denn wenn ich auch nicht die gesamte Welt anhalten kann, so habe ich doch seine Welt zum Stillstand gebracht und das Dröhnen seines Herz- schlages aus meinem Kopf verbannt. Der Rest der Menschen
wird erst viel später von dieser Ruhe erfahren. Ein wenig seltsam sieht er schon aus, mit diesem unnatürlich an- geschwollenen Gesicht und den bläulichen Lippen. Seine andere Hand steckt noch in der
Tasche seiner Hose, wo sie verzweifelt nach der Spritze gesucht hat, die nicht da war und die ich erst danach wieder hineingesteckt habe. Wie oft habe ich meinen Plan überdacht, jede Minute und alle
Eventualitäten tausendmal in meinem Kopf hin- und herüberlegt, aber dass es so einfach sein würde, damit habe ich nicht gerechnet. Wenn man lange Zeit mit einem Menschen gelebt hat, so kennt man ihn
genau, und ich wusste, er würde sich mit mir treffen an diesem speziellen Tag, an diesem Ort, er war immer schon ein sentimentaler Mensch und schließlich hatte er es mir versprochen. Drei Jahre ist es her,
seit wir uns zum Abschied in diesen Dünen geliebt haben, auf den Tag genau. Als er damals aufstand und mich zurückließ, da lächelte er sanft und sagte, ich solle mir den Tag merken und in einigen Jahren
würden wir uns wiedersehen, und ich würde wissen, dass er das Richtige getan habe. Er blickte sich noch nicht einmal um, als er zum Strand hinab und von mir fort ging, um zu ihr zu fahren. Langsam wird es
so dunkel, dass ich seine Gesichtszüge nur noch undeutlich sehen kann und am Stand ist schon seit längerem kein Mensch mehr vorbeigekommen, doch ich will kein Risiko eingehen. Bisher kann ich mir sicher
sein, dass kein zufälliger Zeuge mich gesehen hat. Und ich habe so lange schon gewartet, da kommt es auf ein oder zwei Stunden wirklich nicht mehr an. Im ersten Jahr, da war meine Wut noch zu offensichtlich,
um ihn anzurufen und herzulocken, und letztes Jahr, da hat eine schwere Grippe meine Pläne zunichte gemacht, doch diesmal war alles perfekt. Als ich ihn anrief, da hörte ich die Freude in seiner Stimme,
und er erinnerte sich sofort an unsere Abmachung. Wir verabredeten uns, und ich war mir sicher, er würde niemandem von diesem Treffen erzählen. Auf dem Parkplatz, dort, wo wir uns treffen wollten, schlug mir
das Herz bis zum Hals, und die Aufregung ließ meine Hände ganz kalt werden. Ich glaube, er hat meine Freude über sein Erscheinen falsch interpretiert, dachte wohl, mein Herz schlägt für ihn, nicht gegen ihn.
Er nahm mich in die Arme und drückte mich an sich. Niemand begegnete uns auf dem Weg zu den Dünen, und er war gelöst und erzählte von seinem neuen Leben, wie oft er mich vermisst habe und dass die neue Frau
ihn schon lange nicht mehr verstehe. Und ich hörte ihm zu und lä- chelte an den richtigen Stellen und konnte kaum sprechen vor Erregung. Als wir uns setzten, da drängte er sich an mich, ich spürte seine
Lust und hörte seinen Atem an meinem Ohr. Und ich kicherte und bat ihn, noch zu warten, ich sei ganz zittrig vor Hunger und Auf- regung. Ich habe nicht vergessen, wie gierig er schlingt, wenn er etwas gerne
isst, und Bienenstich war immer schon sein Lieb- lingskuchen. Wie so oft machte er auch jetzt wieder eine Bemer- kung darüber, dass er diesen Kuchen so liebe, wo er doch gegen Bienen so sehr allergisch sei.
Und das war auch so ungefähr sein letzter Satz. Wer weiß, vielleicht würde er noch leben, wenn er diesen Witz nicht dauernd gemacht hätte, so jedoch war es das Erste, was mir einfiel, als ich beschloss, mich
zu rächen. Alles was ich tun musste, war, eine Biene fangen und in der Sahnecreme des Kuchens verstecken. Als er den Stachel des toten Tieres an seinem Gaumen spürte, versuchte er, in seine Tasche zu
greifen nach dem rettenden Medikament, doch das hatte ich bei seiner Umarmung unbemerkt in den Sand fallen lassen. Seine Augen wur- den groß, und er blickte ungläubig in mein lächelndes Gesicht, be- vor ihm
die Zunge anschwoll und ihm den Atem nahm. Jetzt ist es wirklich Nacht, der Wind hat aufgefrischt, er wird den versprochenen Regen bringen, der meine Spur verwischen wird. Ich stehe langsam auf,
nehme den Picknickkorb und gehe den Weg, den ich gekommen bin. Diesmal bin ich es, die geht, ohne sich noch einmal umzusehen.
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