Jan Oberländer, 1980 in Braunschweig geboren, studiert Neue Deutsche Literatur, Nordamerikani- stik und Publizistik in Ber- lin. 2001 Stipendiat des von der Stiftung Nieder- sachsen an der Bundes- akademie für kulturelle Bildung ausgerichteten LiteraturLaborWolfenbüt- tel. Veröffentlichungen in div. Anthologien sowie im Internet.
www.meine-texte.de
www.lyromat.de
www.restarter.de
www.literaturwerkstatt. nwy.at

Die Faitings (foto + pain-
ting) in dieser cet-Ausga- be sind aus dem Zyklus Kreuz-Variationen von Monika Herrmann.
Mehr zur Fotokünstlerin
 und Autorin

Brainclubbraunschweig

Mein Heimatfreizeithirn: überdrängt, dramatisiert: -
Aus Hälsen/Langeweile: Rauch und Schaugeschwätz,
Independenteinmaleinse, leichte Standardtextaufgaben:
einer macht grad Eingeweihtenpraktikum, andern
schmeckt das Beck’s schlecht; später: stumpfe Weltver-
schwörungsschwadronie an chrompolierter Pissrinne -

Plus immer diese extrakühlen Sich-nichtver-/imwege-
steherInnen, ohne gleiche Sprache, gleiche Sache, ohne
Bündnistrieb - Man inszeniert sich nah, lebt aber neben-/
gegen-her, die Fronten unaufschmelzbar hart: »Dein
Rücken steht dir.«, »Schön für mich!«: einander eisig
abgeprahlt - Zu stumm, um wirklich nichts zu sagen.







Undercover

Nachtclub, dunkel, heiß. Man spioniert in Brillemantel-
hut das Hauptstadtmaß: Verkleidung: alle tragen dünne
Wechselreden: »Schaut mich an!«, »Erforscht mich.«,

»Schlaft evtl. mit mir.« - Allerseits so lauthalse Ideen,
schamlose Posen und Mundfusseln - Ich bin noch fast
nicht aufgewacht, noch überdeckt ist man darunter man

und Haut; ich denk weiter an dich: man hatte eben zu-
viel an/vor/über; was nötig wäre/war: gedanklich von sich
auf-geweckt/gestört und ausgewildert werden, wieder

eingetiert, je nach Natur verameist, -wolft, oder ver-
schwant - Jetzt also!: Aufstehn! Machen! Nicht mehr
unter fremden Regeln eigne Träume schwitzen!







Autocontrol

Schnell, schneller werden,
bald ohne nächsten Gang.
Der Motor wachgetankt, die
Pläne vielzualt, ich vielzu-
müde: lange überblätterte
Alleen, leere Liebesbriefe,
Wundgeknutschmund, blaue
Mondlichtflecken. Das Lenk-
rad ist schön warm, dein
Puls war kaum am Handge-
lenk zu fassen, einmal hab
ich Aderschlag an deinem
Hals gesehn - Vor mir: Rück-
lichter, ein Paar, sehr schnell
verunschärft sich die Sicht:
verwischter Nagellack, zer-
kratzte Scheiben, nasses
Zahnfleisch, Lippen. Ein lei-
ses Regnen will nicht aufhörn,
meine ausundzugemachten
Autoaugen blenden deine
Bilder aus. Ich blinde links
und rechts, muss zu dir
weg, fahre zu schnell,
blinke nicht auf.







Sostürmisch!

Ich lese deine abständlichen Abschiedsbriefe:
verletzt/verletzend kurz; die Wolkenbrüche
draußen simultan. Ich sitze, ignoriere meine
vollgeflennte Scheibe, auch die stillen Blitze.

In andern Augen wehten vielleicht nass- und
schwergetränte Schleier, aber: Glück! mein
Fenster dichtet gut, Stereo verschreit das Leid,
cry me a river, meine Brille ist evtl. beschlagen;

mein nächster Anblick: - abgenutzt emotional:
den Himmel, trübe noch und aufgeladen, dabei
weich wie Milch und Schlüpferseide, stört in
seinem Ungewitter - yeah! - ein Regenbogen.

Monika Herrmann
Feuerquartett

2/3-D

Die Jalousien noch nicht hochgezogen,
durchs Fenster aber drängt der Morgen
sich herein. Evtl. hab ich mich zu früh
umgedreht: das starke Auge tief im

Kissenblind verkrochen, das schlechtere
durchlichtlich aufgekitzelt; Halbschlaf
spinnt dein Bild vor meine Monolinse -
Ich schiel dich aus und an, verblink dich

unscharf, bin teilweise Paar/allein; kann
in dir keine/meine zweite Hälfte sehn.
Und wenn ich wach bin (bald!), will ich;
auch weil das alles ist, was mich noch

retten kann, nicht Liebe mit Ermäßigung,
kein absichtlich inkomplettes Einigsein: -
Mit meinen beiden Augen auf dich schaun!
Und: nur niesend/lachend zwinkern!







Istichich?

Die Eltern vorne; unser Auto/Radio: laut leise aus,
Tagesaufgang über weichen Pulverbodenfeldern,
Eichenlaub und Einsamkeit, ob das die Heide ist?
Am Straßenrand zählt jedes Zwinkern einen Baum;
und ich kann mich selbst von oben sehn, ich

Ufomännchen, Weltraumweltverlacher hab mich
mir schon oft zur Selbstbetrachtung aus dem Kopf
herausgeträumt mit Lichtgeschwindigkeitsgehirn und
staubkornkinderklein in diesem Seifenblasenblick -
Als sie mich wecken, tut mein eines Auge weh.






Minze

Einmal: an-/hervor-gerufen - Wir
haben gegenseitig und zusammen
eine Schokolade aufgelutscht, da
haben nicht bloß unsre Zungenspit-
zen/Stimmen süß geschmeckt, da
war so viel Kakao, der Zucker ist
nicht lange nur im Mund geblieben,
und über vielleicht weichen Zahn-
schmelz haben wir nicht nachge-
dacht - Wie schon immer meldest
du dich nicht mit Namen, stimmst
jetzt etwas anders, duftest rückge-
blieben/fortgeschritten alten Liebes-
hunger in den Hörer; ich kau dir
ein blöde frisches Gummi vor, viel-
leicht kannst du die Minze riechen.
Dann kaust du zurück, und ich hab
plötzlich Angst vor dem Gefühl im
Hals beim Runterschlucken.







Kapuze

Du bleibst in meinem
Rücken stehn, ich laufe,
Himmel schneit in
Lichtgeschwindigkeit
die Brille zu, sticht
ins Gesicht, Kapuze
eng, Weg mühsam,
Flüstern wie Geschrei:
alles kurz und falsch
gesagt/verstanden,
what if she thinks so
but just didn't say so?
,
vielleicht hab ich dir
nicht zugehört.
Augen frieren, dreadful
sorry clementine
,
mich rückwärts fallen
lassen, Toter Mann,
die Beine fächern auf
und zu, die Arme
schlagen Flügel,
dann sehr laut der
Schnee an Hinterkopf
und Kragen.







Gleis 1/2

Kalter Mund, Komplex am Kragen,
ficken wollen, freundlich sein, remember?
Hinter jeder Wagentür ein Stück Dezember:
Schmusen, Schlemmen, Sichvertragen:
wie die zwei am Bahnsteig an sich nagen!
Jaha: kein Empfänger ohne Sender!
Ich lutsch drinnen blaue Lippenränder,
seufz das Zugfenster beschlagen,
»WIE HEISS WIRD DEIN WINTER?« fragen
Lifestylehefte mich vom Zeitungsständer.
Dauerbrunft für Zwölf- bis Zwanzigender
röhrt mir im immerzuleeren Magen.
Liebeshunger, übervolle Krippen -
Ich beiß zu und schmecke rote Lippen.







Nachtlinie

Abgaslandschaft, müde
Stromflut, neonkaltes
Brummen, auf der Straße
platzen Tropfen, schlagen
Flaschen leck, verschluckt
der Abfluss Knickfregatten.
Husten, Haltestelle, grelle
Wegfahrwerbung: besoffene
blaue Lagune, im Regen

nassgeknickte Heutemorgenzeitung,
vielleicht kommt der Bus jetzt
später oder nicht, nach Plan
führt eine grade Linie ins
stationenweite Bett, ein
Rettungswagen rotkreuzt,
blaulichtet vorbei, ich halt
den Daumen raus.

o