Julia Schiff, geb. 1940 in
Detta, im rumänischen Banat, lebt als Überset- zerin und Schriftstellerin in München. Grundschul-
lehrerin, Abschluß der
Philologischen Fakultät
(Rumänisch/Franz.) der
Temeschburger Universi-
tät; Lehrtätigkeit am Gym-
nasium. 1981 Aussied-
lung in die BRD. Etliche
Übersetzungen aus dem
Ungarischen ins Rumäni-
sche und Deutsche, u. a.
(zus. m. Robert Schiff)
Tizedelöccédulák von
Márton Kalász, 2001. Gedichte, Erzählungen, Rezensionen, Essays, Kulturberichte und kul-
turhistorische Aufsätze
in Zeitungen, Zeitschrif-
ten und im Rundfunk.
Roman Steppensalz,
2001. Preise und Stipen-
dien, u. a. Lyrikpreis der Edition L Loßburg, 1989;
Donauschwäbischer
Kulturpreis des Landes
Baden-Württemberg,
2001; Übersetzerstipen-
dium der Stiftung Magyar Fordítók, Budapest.

Die Faitings (foto + pain-
ting) in dieser cet-Ausga- be sind aus dem Zyklus Kreuz-Variationen von Monika Herrmann.
Mehr zur Fotokünstlerin
 und Autorin

Die Blutinseln

Stille Stunde. Warten auf den Purpur.
Felsenlandschaft. Liegen
Mit dem immerblauen Zelt auf dem Lid.
Hoch oben, ein verkommener Genueserturm.
Verrostet, vergessen sein Fallbeil - verharmlost.
Es ist ein steiles Hinauf. Macchia, die säumt.
Stimmen, herübergeworfen. Buntes Gerede,
Du hörst mit, du bist daheim.
Verhauchtes Rot. Der Blick
Verhaftet einem verspielten Delphin
Bis ins Undeutbare hin.

Es ist kein Purpur erglüht, weißt du.
Nur dein Seelenanker
War es im Mittelmeer.







In Ligurien

Vergleiche erwachen
Und erlöschen
Mit der Schleife des Weges
Durch den Olivenhain
Mit der Musik der Zungen
Nachbarlich
Und doch so weit

Leben heißt hier
Die Einsamkeit des Kampanile
Abbröckelnde Mauern
Lockruf einer Zeit
Im Stillstand







In gläserner Wacht

Halm bei Halm
in gläserner Wacht
Reif fiel
auf die verfrühte Botschaft
der Vögel
Der Schritt erstickt
im Nadelbett
Eis sirrt
wie eine offene Wunde
Dort, wo der Tunnel
sich öffnet,
schwebt ein vages,
ein silbrig-kaltes Licht

Jetzt dehnen sich
die Kristallhorizonte
Der Schlehbusch schimmert
minnehaft
Ein Strahlenbündel
ist die Welt
Die Zeit ist gekommen:
das Sublime
schließt mich
in den Arm







Foto in Sepia

Altes Foto in Sepia
Mit einem Hauch
Von k.u.k.-Sezession
Anmutige Pose
Einer Siebzehnjährigen
Die mich
In absteigender Linie
Noch nicht ahnt
In schlichter Tracht
Der Haare
Hat sich Einfügung
Und Aufruhr festgemacht
Das Gesicht schmal
Es leuchtet
Über hochgeschlossnem Weiß
Wespentaille leidet
Unterm Korsett
In der Schleppe
In den Falten
Viel
Verborgener Tanz

Monika Herrmann
Gekreuzte Schwerter

Sonderfrieden

Das Leben
die Isar
sie plätschern in Fülle
vor sich hin -
dabei könnte es
auch anders sein
Neben den
verträumten stillen
Gewässern des Einst
könnte einem das Dorf
unter den Füßen eingeebnet werden
oder wie die Kiesel von der Isar
weggeschwemmt die Sprache
die nicht aufgeben will

Warum soll nun
das hierhergewehte Leben
die Fülle
die Isar
nicht mögen
Die Dichterin
betrachtet sich das Gesicht
mit dem verstummten Schrei
Will nicht vom Wirbel der anderen
in die Tiefe gerissen werden
schließt ihren Sonderfrieden
mit dem Leben
mit der Isar







Libelle

          Meinen Freunden, dort drüben

Sie kann die Sommerwiese wählen
oder den dürren Ast
sich im Prachtnetz der Blumen
verfangen oder in der Ödnis
zum Lichtzeichen werden
sich nicht vertreiben lassen
ausharren bis zum Ende
ein Libellenleben lang
hat sie freie Wahl







Wohin

Die vielen Namen der Angst
die nicht unterzubringen sind
verhängen die Luft
wohnen im Wald
unter dem Wasserspiegel
so vielen ins Gesicht geschrieben
ersticken sie mir das Wort

Ohne Gehör
für Nahes
und Fernes
lebt es sich
mit der Gabe der Pandora

es lässt sich leben
noch
bis wohin?







Blütezeit

Schreiben von schwer in Worte Faßbarem
Vom lenzhaften Auflodern der Bäume,
Von ihrer vergänglichen Pracht.
Andacht der Japaner.

Unter der riesigen Lichtgarbe
Des Kirschbaums
Darf ich sagen
Ohne daß jemand den Mund verzieht,
Darf ich sagen:
Hoffnung.
L’ espérence.







Am Rande eines Aquarells von R. Sch.

Pannonische Landschaft
Inbegriffene Wehmut aber vielleicht
Bloß vom Blick mitgesteuerter leiser Schmerz
Kein Strich zuviel
Offen für Abschweifungen
Weit über den Rahmen hinaus:

Distel verstreut ihren Purpur Silber
Lullt ein adelt den Ausblick die Ferne
Verschmilzt die Akazien zum Hain
Den Staub um die Tränke zu einer
Trägen Leuchtwolke - sie stimmt
Mit dem nach und nach ausblutenden Himmel
Überein.







Kaffeestunde

Eine rote Flamme tänzelt durch den Wein.
Über den gedeckten Tisch strecken Tulpen
Ihre gierigen Hälse. Jeder von uns
Ist mit seiner Einsamkeit allein.

Du bist so nah, als wärst Du
Nicht hier. Eben lausche ich
Einer nicht verschütt gegangenen
Poesie nach, da geht im Fernseher

Ein dreiundzwanzigstöckiges Haus
Ergeben in die Knie.

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