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Pure Gewinnsucht bestimmte diese Herren- und Damenschaften, auch vermischt mit Robinsonvorstellungen, dass sie für
immer auf den Blauen Planeten fliegen wollten. Eine raketenmässige Rück- kehr war nicht vorgesehen, jedoch die Spitzenwissenschaftler der Welt des frühen 21. Jahrhunderts hatten die Garantie gegeben: der
Planet war absolut virenfrei und von den selben topographi- schen Strukturen, sowohl von der Vegetation als auch der Fauna her so ähnlich beschaffen, wie die alte Erde. Einige Computer mit entsprechenden
Ausstattungen wurden in die Rakte mitgenom- men. Sie sollten es auf dem Blauen Planeten ermöglichen, inner- halb von einer Woche, ohne physischen Kraftaufwand, Autobah- nen, Kettenrestaurants mit
Roboterpersonal, Autofabriken, gigan- tische Fussballstadien und ein Fortpflanzungslaboratorium mit an- geschlossenen Genmanipulationszentren aus dem Boden zu stampfen. Wer waren diese Leute, wieviele waren
es? Abgezählte 100. Sie gehörten zur Hälfte der Turnschuhgeneration an, gebo- ren um 1980, Goldkettchenträger, darunter zu einem Drittel religi- ös oder politisch Schnellgebleichte aus den späten 60ern des
vo- rigen Jahrhunderts, alles gruppenorgiastische Demonstrationspil- ger, flinke Überwechsler und Beschleunigungssüchtige, T-Shirt- träger und Internetsüchtige, Gepiercte, Vollkörpertätowierte, In-
timschmuckträger an den Geschlechtsorganen, kurz: Yuppies aller modernen Berufssparten aus London und Zürich, München und Berlin, New York und Tokio, auch einige Budapester und Prager waren dabei,
mehrheitlich aber Frauen und Männer aus der west- lichen Hemisphäre der alten Erdkugel; die Menschenbesatzung einer modernen Arche Noah. Alle waren stolz darauf, Pioniere zu sein.
Zwei
Schaufensterpuppen wurden kurz vor dem Start in die Ra- kete verpackt und zwar nur deshalb, weil im letzten Moment ein homosexuelles Männerpaar, das zwar aus Linz an der Donau nach Korsika anreisen wollte,
betrügerischerweise aber angegeben hat- te, aus Wien gebürtig zu sein, eines tiefgehenden Beziehungsdra- mas wegen nicht auf dem Flugplatz von Bastia auf der Insel er- schienen war. Rasch entschlossen
schnallte man, um sich vor der Weltpresse nicht durch eine Lücke im Passagierraum der Rakete zu blamieren, einfach zwei Schaufensterpuppen auf die Sitze, Allerweltspuppen mit weiblichen Körperausformungen,
denn auf der Passagierliste war nur vermerkt »Homosexuelles Paar aus Wien«.
Als die Crew der 100 - nach irdischer Rechnung im siebten Monat und am siebzehnten Tag des Monats - bei dem Zeit- und Raum-
sprung jedoch schon nach wenigen Stunden auf dem Blauen Pla- neten sanft landete und sofort mit der Besitzergreifung beginnen wollte, waren die Schaufensterpuppen nicht mehr vorhanden, sondern zwei
splitternackte, überaus wohlproportionierte junge Männer standen von den Sitzen auf, charmant wie die immer leicht hochmütig lächelnden Stewards, die man vornehmlich in Linienflugzeugen der Schweiz,
Österreichs und Deutschlands als Betreuer ertragen muss, öffneten sie den Passagieren die Rake- tenausgangstüre und drückten jedem sehr freundlich die Hand. Noch auf der Gangway, spätestens beim Betreten der
saftig grü- nen Wiese des Landungsplatzes auf dem Blauen Planeten, sackten nacheinander die 98 Passagiere, aschgrau geworden und von Krämpfen wie bei der Einnahme von Zyankali oder Zyklon B ge-
schüttelt, zusammen und waren innerhalb von Sekunden mause- tot. Umringt von den 98 Leichen, zogen sich die schönen nackten Jünglinge ins Cockpit der Rakete zurück, schalteten die Kameras zur Übertragung auf
die Erdbodenstationen auf der Insel Korsika in Totale und begannen sich anschliessend gegenseitig, wie Helden, zärtlich und von Stolz erregt, zu streicheln. Die Welt war schok- kiert, als sie zusehen musste,
wie sie sich gegenseitig sexuell zu stimulieren schienen. Rasch und entsprechend dem Zeitsprung der zurückgelegten Reise, wuchs aus ihrer barbiepuppenhaft makello- sen Körperhaut die seidenweiche Behaarung
von Affen, davon nur das Gesicht, Ohren und Zehen freilassend. Ihr Körperbau verän- derte sich zu Vierhändern. Sofort begannen sie, sich zu lausen, begleitet von einem lebhaften Mienenspiel und stimmlich
lebhaft wechselnden Lauten. Baumtiere geworden, kletterten sie alsbald auf Bäume, die die Landungsplatzwiese begrenzten. Das waren die letzten Bilder, die die Raketensteuerungszentren in Ajaccio und
auf dem Flughafen von Bastia empfingen, denn die Affen, von Neugier, Lernfähigkeit und Boshaftigkeit getrieben, machten sich nach dem kurzen Ausflug an den Übertragungskammeras zu schaffen und bissen,
rupften und rissen die Kabel aus den Gerä- ten. Das Roboterpersonal, im Frachtraum der Rakete verstaut, war nicht auf Selbstbefreiung programmiert.
Im Raketensteuerungszentrum in Ajaccio und auf dem
Flughafen von Bastia wartete man nach dem vollständigen Blackout der Bildübertragung noch monatelang auf einen Funk- oder Internet- kontakt mit den Überlebenden der Selbstdeportation zum Blauen Planeten. Als
die Kriminalbeamten der »SK Blauer Planet« resig- niert die eigens dafür eingerichtete Ermittlungszentrale in Bastia nach einem halben Jahr wieder auflösten und die Räume einst- weilen einer
Sardinendosenherstellung vermietet wurden, fanden sie bei der Übergabe der nie benutzten Dokumentationsräume, die für ein Museum über die erste Selbstdeportation zum Blauen Pla- neten vorgesehen waren, in
zwei unbeachtet gebliebenen, sarg- mässig geformten Kartonschachteln, zwei Schaufensterpuppen mit weiblichen Ausformungen.
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