Robert Stauffer, 1936 in
 Bern geboren, lebt und
 arbeitet als Hörspielma-
cher, Lyriker, Prosaau-
tor, Essayist, Kulturjour-
nalist und Übersetzer
 aus dem Ungarischen in München. Er ist Mitglied des Österreichischen PEN-Clubs und des PEN-
 Zentrums Deutschland,
 Erster Vorsitzender des
 Verbands Deutscher
 Schriftsteller, Landesbe-
 zirk Bayern, Mitglied des
 Rundfunkrats des Baye-
rischen Rundfunks und
 stellvertretendes Mitglied
 des Programmbeirats
 Erstes Deutsches Fern-
 sehen/ARD. Er veröf-
fentlichte zahlreiche Hör-
spiele, Features, litera-
tur-, theater- und musik-
kritische Werke, vor al-
lem im Hörfunk, Lyrik-
Übersetzungen aus dem Ungarischen und etliche  Bücher.
www.robert-stauffer.de
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Die Faitings (foto + pain-
ting) in dieser cet-Ausga- be sind aus dem Zyklus Kreuz-Variationen von Monika Herrmann.
Mehr zur Fotokünstlerin
 und Autorin

Die träge Wetterlage über Europa hatte sich in den letzten vier- undzwanzig Stunden unwesentlich verändert. Man beobachtete weiterhin ausgedehnte Felder von niedrigen Schichtwolken, die sich von Russland bis über den Ostatlantik ausdehnten. Dabei hatte sich die Hochnebeldecke über dem westlichen Mittelland zum Teil aufgelöst. Auf dem Satellitenbild dieses Stichtages sah man den schneebedeckten Teil des Rhônetals und des Zentral- massivs, die sich von der Wolkenschicht durch die Unruhe ihrer Grautöne hervorhoben. Über dem Ostatlantik zeigte das langge- zogene Muster der Wolken, das sich von den Kapverdischen In- seln bis zum Norwegischen Meer hinzog, eine nicht selten vorkom- mende Anordnung. Der südliche Teil der Weltaufsicht im Satelli- tenbild bestand aus einem Fliessen der Luft gegen Süden. Dage- gen bewegten sich die Felder des nördlichen Teils gegen Norden. Ohne dass ein Merkmal erkennen liess, wo die Richtungsänderung stattfand. Diese entgegengesetzte Bewegung führte zu einem flachen Delta. Der alte Kaltluftpfropfen über dem Mittelmeer hatte sich etwas ostwärts verschoben: das Zentrum der entsprechen- den Wirbelung liess sich noch über der Adria auf der Höhe des ehemaligen Albaniens erkennen. Die lose Verteilung der dazugehö- rigen Wolkenpakete deutete auf ihre Abschwächung. Dasselbe betraf den alten atlantischen Wirbel. Er war, unter gleichzeitiger Abschwächung, ebenfalls gegen Ost gedriftet, was die unstruk- turierten Wolkenfelder über der Iberischen Halbinsel und dem westlichen Mittelmeerraum zeigten. Der neu erschienene atlanti- sche Wirbel hatte sich leicht gegen Ost bewegt. Die sichtbaren Polarluftwolken liessen eine neue Entwicklung im Westen ver- muten.

So sollte die meteorologische Konstellation - die Wetterlage über Europa - sein für den Raktenenstart der grossen Selbstdeporta- tion auf den Blauen Planeten. Und sie war ganz genau so.

Drogenfabrikanten und Computerspezialisten, CD-Hersteller, Mar- ketingforscher und Kommerzsportler hatten schon vor Monaten für den Raketenflug auf den Blauen Planeten subskribiert, d. h. sie hatten mit ihrer Namensunterschrift, die sie grösstenteils schon über Internet-Banking hinterlegten, Tickets bestellt, genau auf den Stichtag der Wetterkonstellation terminiert, die sich über dem Mittelmeer und zwar exakt über dem Flughafen von Bastia auf der Insel Korsika festmachen liess. Ein Kaltluftpfropfen in einmaliger Situierung, ideal geeignet für einen vertikalen Raketenstart, in Kontakt mit dem technischen Steuerungszentrum in der korsi- schen Hauptstadt Ajaccio.

Monika Herrmann
Seelensäge

Pure Gewinnsucht bestimmte diese Herren- und Damenschaften, auch vermischt mit Robinsonvorstellungen, dass sie für immer auf den Blauen Planeten fliegen wollten. Eine raketenmässige Rück- kehr war nicht vorgesehen, jedoch die Spitzenwissenschaftler der Welt des frühen 21. Jahrhunderts hatten die Garantie gegeben: der Planet war absolut virenfrei und von den selben topographi- schen Strukturen, sowohl von der Vegetation als auch der Fauna her so ähnlich beschaffen, wie die alte Erde. Einige Computer mit entsprechenden Ausstattungen wurden in die Rakte mitgenom- men. Sie sollten es auf dem Blauen Planeten ermöglichen, inner- halb von einer Woche, ohne physischen Kraftaufwand, Autobah- nen, Kettenrestaurants mit Roboterpersonal, Autofabriken, gigan- tische Fussballstadien und ein Fortpflanzungslaboratorium mit an- geschlossenen Genmanipulationszentren aus dem Boden zu stampfen. Wer waren diese Leute, wieviele waren es? Abgezählte 100. Sie gehörten zur Hälfte der Turnschuhgeneration an, gebo- ren um 1980, Goldkettchenträger, darunter zu einem Drittel religi- ös oder politisch Schnellgebleichte aus den späten 60ern des vo- rigen Jahrhunderts, alles gruppenorgiastische Demonstrationspil- ger, flinke Überwechsler und Beschleunigungssüchtige, T-Shirt- träger und Internetsüchtige, Gepiercte, Vollkörpertätowierte, In- timschmuckträger an den Geschlechtsorganen, kurz: Yuppies aller modernen Berufssparten aus London und Zürich, München und Berlin, New York und Tokio, auch einige Budapester und Prager waren dabei, mehrheitlich aber Frauen und Männer aus der west- lichen Hemisphäre der alten Erdkugel; die Menschenbesatzung einer modernen Arche Noah. Alle waren stolz darauf, Pioniere zu sein.

Zwei Schaufensterpuppen wurden kurz vor dem Start in die Ra- kete verpackt und zwar nur deshalb, weil im letzten Moment ein homosexuelles Männerpaar, das zwar aus Linz an der Donau nach Korsika anreisen wollte, betrügerischerweise aber angegeben hat- te, aus Wien gebürtig zu sein, eines tiefgehenden  Beziehungsdra- mas wegen nicht auf dem Flugplatz von Bastia auf der Insel er- schienen war. Rasch entschlossen schnallte man, um sich vor der Weltpresse nicht durch eine Lücke im Passagierraum der Rakete zu blamieren, einfach zwei Schaufensterpuppen auf die Sitze, Allerweltspuppen mit weiblichen Körperausformungen, denn auf der Passagierliste war nur vermerkt »Homosexuelles Paar aus Wien«.

Als die Crew der 100 - nach irdischer Rechnung im siebten Monat und am siebzehnten Tag des Monats - bei dem Zeit- und Raum- sprung jedoch schon nach wenigen Stunden auf dem Blauen Pla- neten sanft landete und sofort mit der Besitzergreifung beginnen wollte, waren die Schaufensterpuppen nicht mehr vorhanden, sondern zwei splitternackte, überaus wohlproportionierte junge Männer standen von den Sitzen auf, charmant wie die immer leicht hochmütig lächelnden Stewards, die man vornehmlich in Linienflugzeugen der Schweiz, Österreichs und Deutschlands als Betreuer ertragen muss, öffneten sie den Passagieren die Rake- tenausgangstüre und drückten jedem sehr freundlich die Hand. Noch auf der Gangway, spätestens beim Betreten der saftig grü- nen Wiese des Landungsplatzes auf dem Blauen Planeten, sackten nacheinander die 98 Passagiere, aschgrau geworden und von Krämpfen wie bei der Einnahme von Zyankali oder Zyklon B  ge- schüttelt, zusammen und waren innerhalb von Sekunden mause- tot. Umringt von den 98 Leichen, zogen sich die schönen nackten Jünglinge ins Cockpit der Rakete zurück, schalteten die Kameras zur Übertragung auf die Erdbodenstationen auf der Insel Korsika in Totale und begannen sich anschliessend gegenseitig, wie Helden, zärtlich und von Stolz erregt, zu streicheln. Die Welt war schok- kiert, als sie zusehen musste, wie sie sich gegenseitig sexuell zu stimulieren schienen. Rasch und entsprechend dem Zeitsprung der zurückgelegten Reise, wuchs aus ihrer barbiepuppenhaft makello- sen Körperhaut die seidenweiche Behaarung von Affen, davon nur das Gesicht, Ohren und Zehen freilassend. Ihr Körperbau verän- derte sich zu Vierhändern. Sofort begannen sie, sich zu lausen, begleitet von einem lebhaften Mienenspiel und stimmlich lebhaft wechselnden Lauten. Baumtiere geworden, kletterten sie alsbald auf  Bäume, die die Landungsplatzwiese begrenzten. Das waren die letzten Bilder, die die Raketensteuerungszentren in Ajaccio und auf dem Flughafen von Bastia empfingen, denn die Affen, von Neugier, Lernfähigkeit und Boshaftigkeit getrieben, machten sich nach dem kurzen Ausflug an den Übertragungskammeras zu schaffen und bissen, rupften und rissen die Kabel aus den Gerä- ten. Das Roboterpersonal, im Frachtraum der Rakete verstaut, war nicht auf Selbstbefreiung programmiert.

Im Raketensteuerungszentrum in Ajaccio und auf dem Flughafen von Bastia wartete man nach dem vollständigen Blackout der Bildübertragung noch monatelang auf einen Funk- oder Internet- kontakt mit den Überlebenden der Selbstdeportation zum Blauen Planeten. Als die Kriminalbeamten der »SK Blauer Planet« resig- niert die eigens dafür eingerichtete Ermittlungszentrale in Bastia nach einem halben Jahr wieder auflösten und die Räume einst- weilen einer Sardinendosenherstellung vermietet wurden, fanden sie bei der Übergabe der nie benutzten Dokumentationsräume, die für ein Museum über die erste Selbstdeportation zum Blauen Pla- neten vorgesehen waren, in zwei unbeachtet gebliebenen, sarg- mässig geformten Kartonschachteln, zwei Schaufensterpuppen mit weiblichen Ausformungen.

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