Burkhard Wetekamp, ge- boren 1968 in Schwelm/ Westfalen. Studium der Musik und Germanistik in Hannover. Nach dem  ersten und zweiten Staatsexamen (Gymna- siallehramt) seit 1999 hauptberuflich  als freier
Journalist und Autor in Hannover tätig. Erste
 Veröffentlichung einer
 Kurzgeschichte 1986.
 Zahlreiche Berichte, Kri-
 tiken, Reportagen, Por-
 träts und Glossen in Ta-
 geszeitungen und Zeit-
 schriften. Rundfunkbei-
 träge für NDR, SFB,
 WDR, HR und den DLF.
 Derzeit Arbeit am ersten
 Roman.

Die Faitings (foto + pain-
ting) in dieser cet-Ausga- be sind aus dem Zyklus Kreuz-Variationen von Monika Herrmann.
Mehr zur Fotokünstlerin
 und Autorin

Alle Räder sollen sich drehen, rief ich, und zwar so schnell, dass man die Speichen nicht erkennen kann. Weil mir niemand zuhörte, lief ich hinaus auf den Hof. Ich setzte mich auf das Einrad, das mir die Männer mit den großen Händen geschenkt hatten, und balancierte mehr schlecht als recht, von der Mauer zum Zaun, vom Zaun zur Laterne, von der Laterne auf die Gasse. Mein Vater warf eine leere Schnapsflasche in den Vorgarten und schrie, ich solle endlich etwas Anständiges tun. Ich aber warf den Kopf in den Nacken und das Hoftor ins Schloss. Ich wollte, dass alle Rä- der sich drehen.

     Als mein Vater zum letzten Mal aus dem Bergwerksschacht gestiegen war, hatten die Männer mit den großen Händen bereit gestanden. Sie verschlossen das unendlich tiefe Loch, in das mein Vater seit Jahr und Tag hineingeklettert war, mit Brettern und Steinen. Dann stiegen sie auf den Förderturm und hielten mit ih- ren großen Händen das Rad an, das sich dort seit Jahr und Tag so schnell gedreht hatte, dass niemand die Speichen zählen konnte. Meinem Vater gaben sie ein Glas und eine Flasche Schnaps und ließen ihn trinken. Als er nicht mehr wusste, wo oben und unten ist, brachten die Männer mit den großen Händen meinen Vater nach Hause. Sie legten ihn überraschend sanft vor unserem Hof- tor ab. Dann verschwanden sie in der stürmischen Nacht.

     An allen Tagen, die darauf folgten, sah ich morgens hinüber zum Bergwerk. Ich zählte jeden Tag die Speichen, ich zählte die Tage, ich zählte die Schnapsflaschen im Vorgarten und ich zählte die Haare auf dem Kopf meines Vaters. Die Ergebnisse waren be- sorgniserregend. Als ich die Männer mit den großen Händen frag- te, warum sie das Rad angehalten hatten, zuckten sie mit den Schultern und sagten: »Woanders drehen sich andere Räder, auf der Straße, im Wind und über den Wolken.« Ich ging über die Straße, fühlte den Wind und sah nach den Wolken. Aber es gab keine Räder, die sich so schnell drehten, dass man die Speichen nicht mehr zählen konnte. Weil ich nicht gehen wollte, schenkten sie mir das Einrad. Ich fragte, was ich damit machen solle. Die Männer mit den großen Händen sagten: »Du musst dein Gleichge- wicht finden.«

     Ich zeigte meinem Vater das Einrad und sagte, ich wolle mein Gleichgewicht finden. Mein Vater saß jeden Tag an der gleichen Stelle auf einer kleinkarierten Eckbank und erklärte mir, was ich für das Leben wissen musste: »Du brauchst einen Standpunkt, einen Fernsehsessel und eine Frau, die abends Spiegeleier brät.« Aber ich wusste es besser und sagte: »Ich brauche nur mein Gleichgewicht, alles andere ergibt sich von selbst.«

     Ich übte jeden Tag und balancierte mehr schlecht als recht. Von der Laterne zur Gasse, von der Gasse zum Dorfplatz und vom Dorfplatz auf die Chaussee. Dann ging ich zu den Männern mit den großen Händen und sagte: »Jetzt habe ich mein Gleichgewicht gefunden«, aber sie lachten und sagten: »Wer das glaubt, der weiß nicht, was das ist, das Gleichgewicht.«

     Im Dorf traf ich die Bäckerstochter. Es war gerade die Zeit der Kirschblüte. Die Bäckerstochter rannte neben mir her und rief, ihr werde ganz schwindlig, weil sie die Speichen meines Rades nicht mehr erkennen könne. Ich hielt an und wir legten uns unter einen Kirschbaum. Bald darauf wussten wir nicht mehr, wo oben und unten ist. Später fragte mich die Bäckerstochter, was ich in mei- ner Zukunft zu tun gedenke und ich erklärte ihr, dass ich mein Gleichgewicht finden wolle. Darauf hin briet mir die Bäckerstochter ein Spiegelei und stellte Forderungen: Ich müsse mir einen Stand- punkt zulegen und zwei Fernsehsessel. Ich bot ihr an, einen Da- mensitz an mein Einrad zu schrauben, aber sie lehnte entrüstet ab. Daraufhin suchte und fand ich das Weite.

     Ich balancierte mehr schlecht als recht durch die Provinz. Vom Dorfplatz zum Sportclub, vom Sportclub zum Kirmeszelt und vom Kirmeszelt zum Zirkus. Dort traf ich einen blinden Clown, der sprach mit polnischem Akzent und fuhr auf einem Einrad durch die Manege. Sein größtes Kunststück hob er sich immer bis zum Ende der Vorstellung auf. Er balancierte in der Mitte der Manege, in manische Pendelbewegungen vertieft. Die Bewegungen wurden immer kleiner und irgendwann schien sein Einrad still zu stehen, man konnte mühelos die Speichen zählen. Dann schlief der Clown vor den Augen des Publikums ein. Der Applaus war ungeheuerlich und den Zuschauern liefen die Tränen über das Gesicht.

     Ich rief dem Clown zu: »Da habe ich immer gedacht, dass alle Räder laufen müssen und nun sehe ich, dass die größte Kunst da- rin besteht, das Rad zum Stillstand zu bringen.« Der Clown lächel- te und verstand kein Wort, obwohl ich mich bemühte, mit polni- schem Akzent zu sprechen. Ich fragte, ob ich den Zirkus beglei- ten dürfe, und der Direktor zeigte mir seinen Wohnwagen. Da standen ein Fernsehsessel und ein Herd, auf dem ich jeden Abend für ihn Spiegeleier braten sollte. Ich lehnte dankend ab und balan- cierte mehr schlecht als recht durch das Land. Vom Zirkus zum Stadion, vom Stadion zum Ferienstrand, vom Ferienstrand zum Hafen.

Monika Herrmann
An der Wand

    Hoch oben auf einem weißen Segelboot saß lächelnd die Toch- ter des Präsidenten und hatte ihre unendlich langen, schmalen Schenkel übereinander geschlagen. Sie sah nicht so aus, als wolle sie jemals in ihrem Leben Spiegeleier braten. Das gefiel mir. Ich sagte, ich sei bisher immer nur kleine Kreise gefahren, aber für sie würde ich zum ersten Mal in meinem Leben große Kreise fahren. Sie schlug sich auf die langen, schmalen Schenkel, so dass es knallte wie Peitschenhiebe. Ich begann, große Kreise zu fahren und die Tochter des Präsidenten hob ihre linke Augenbraue. In diesem Moment war ich sehr glücklich. Leider reichte der Platz auf der Mole nicht aus, um große Kreise zu fahren, ich stürzte in das Hafenbecken und mein Einrad versank im Schlick. Wie zu erwarten war, schlug sich die Tochter des Präsidenten abermals auf die langen, schmalen Schenkel, so dass es knallte wie Peitschenhie- be. Bevor sie ihr weißes Segelboot löste, um eines der Weltmeere zu überqueren, ließ sie mir ein Glas und eine Flasche Schnaps bringen. Ich sah ihr traurig nach, und als das Boot am Horizont verschwunden war, wusste ich nicht mehr, wo oben und unten ist.

     Zu Fuß ging ich nach Hause zurück. An einer Brücke, die über einen dunklen Fluss führte, traf ich einen alten Mann, der sich mir als Herrgott vorstellte. Das passte mir gut, denn ich war in nach- denklicher Stimmung. Genau wie sich das gehörte, hatte der Herr- gott einen langen Bart. Er redete bedächtig und in ganzen Sät- zen. Auch das hatte ich erwartet. Ich erzählte ihm, dass ich auf der Suche nach dem Gleichgewicht mein Einrad verloren hatte. Wir philosophierten über das Gefühl, nur an einem winzigen Punkt mit der Erde verbunden zu sein, einem Punkt, der sich zudem un- aufhörlich verschieben muss, weil sonst das Gleichgewicht zusam- menbricht. Es sei kaum noch zu verstehen, wo oben und unten ist, sagte der Herrgott betrübt und zog ein Glas und eine Flasche Schnaps aus der Tasche. Das hatte ich nicht erwartet. Ich über- ließ ihn seinen Grübeleien und ging weiter. Als ich wieder zu Hause war, tappte ich im Dorf herum, vom Dorfplatz zur Gasse, von der Gasse zum Hoftor, vom Hoftor in die Küche. Auf der kleinkarierten Eckbank lag ein Zettel und darauf teilte mein Vater mir mit, dass er jetzt endlich ganz genau wisse, wo oben und wo unten sei. Er werde für immer in das Loch zurückkehren, in das er seit Jahr und Tag hinabgestiegen war. Ich bekam einen Schreck und lief, so schnell ich konnte, zum Bergwerk.

     Schon von weitem sah ich, dass sehr viele Leute da waren. Die Männer mit den großen Händen kamen mir entgegen und strahlten über das ganze Gesicht. »Es ist alles in Ordnung«, riefen sie. »Wir haben das Rad wieder in Schwung gebracht.« »Ich will, dass alle Räder still stehen«, sagte ich, aber sie konnten mich nicht verstehen, weil ein ungeheurer Strom von Menschen mich fortriss. Sie hatten eine breite Treppe an den Turm gebaut. Da schoben wir uns hinauf, mehr schlecht als recht, von der Schau- tafel zur Vitrine, von der Vitrine zum Bildschirm und vom Bildschirm zum Kaffeeautomaten. Ganz oben im Turm rauschte und rumpelte das Rad. Daneben stand die Bäckerstochter. Sie trug eine alberne Uniform und erklärte den Besuchern, wie viele Speichen das Rad hat. Die Leute applaudierten, was das Zeug hielt, obwohl alle längst wussten, wie viele Speichen das Rad hat. »Ihr müsst euer Gleichgewicht finden«, rief ich, aber keiner hörte zu. Dann ging es rasant die Treppe hinab und hinein in das unendlich tiefe Loch, in das mein Vater seit Jahr und Tag hinabgestiegen war. Es war nicht wirklich tief, ein paar Stufen unterhalb der Erde verkauften sie Buletten mit Weißbrot. Hinter der Theke stand mein Vater. Seine Schultern waren schmal geworden, aber seine Augen leuchteten. Auch ihn hatten sie in eine Uniform gesteckt, auf dem Kopf trug er eine lächerliche rote Mütze. Ich musste an einen Gartenzwerg denken. Noch bevor ich etwas sagen konnte, stellte mein Vater einen Teller mit Spiegeleiern vor mich hin.

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