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Bodo Bickelmann, geboren 1966 in St. Wendel/Saar- land, lebt und arbeitet als Buchhalter in Saarbrücken. Studium des Bibliotheks- wesens und der Psycholo- gie in Köln und Saar- brücken. Einige Veröffent- lichungen, u. a. auf der Site www.textdiebe.de
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Die Bilder in dieser cet- Ausgabe sind von Robert Schiff. 1934 in Temeschburg/Rumänien geboren, lebt er seit 1981 in München. Er hatte eine Vielzahl von Ausstellungen mit seinen Werken, u. a.: Einzelausstellungen 1970, 1974, 1978 in Temesch- burg; 1972, 1977 in Buka- rest; 1981 in Köln; 2000, 2001 in München und Traunreut. Hinzu kommen etliche Gruppenausstel- lungen. Robert Schiff ist außerdem literarisch tätig und veröffentlicht in Zeit- schriften und Anthologien. 1994 erschien sein Roman »Feldpost«. 1997 erhielt er den 1. Preis der Nikolaus Lenau Stiftung, Österreich und 2000 war er 2. Preis- träger des Banater Litera- turwettbewerbs.
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Mit eingezogenem Kopf ging er zur Beerdigung. Bis zuletzt hatte er sich geweigert mitzukommen. Er hatte den Nachbarn verabscheut, und nun haßte er es, so tun zu müssen, als trauere er um ihn. Aber seine Mutter war nach lautem Streit aus dem Zimmer gegangen, und sie hatte sich nicht mehr umgedreht, als er ihr nachrief. Da war er erschrocken, und er schlüpfte hastig in die bereitgelegten dunklen Sachen und lief nach unten in die Diele, wo die Mutter und die Schwester schon die Mäntel überzogen.
»Hotte, hü-hott!« hatte Herr Conrad immer gerufen: samstags, wenn Horst mit der vollen Einkaufstasche über die schaumige Brühe springen mußte, die vom Nachbarswagen in den Rinnstein floß. »Hotte, hü-hott!« Und zum Spaß hatte er die Hand mit dem tropfenden Schwamm in einer hüpfenden Bewegung angehoben. »Hotte, hüt-hott!« rief er auch, wenn sein verzogener Terrier um die Gartenmauer flitzte, um sich in Horsts Schnürsenkeln zu verbeißen. Der Junge wußte, daß Herr Conrad es nicht böse meinte: oft bekam er Schokolade von ihm aufgedrängt, mit Trauben oder Nüssen. Trotzdem fühlte er sich stets von ihm verspottet. Vor allem ärgerte ihn die Verballhornung seines Namens, denn mit seinem Namen hatte Horst es schwer genug. »So heißt mein Opa!« hatte gleich am allerersten Schultag sein Banknachbar gesagt. Und bedenklich die Nase gerümpft.
Wie hatte Herr Conrad sich gefreut, als der Swimmingpool geliefert worden war! In den Garten war ein LKW gefahren, mit einem kleinen Kran zwischen Führerhaus und Ladefläche. Damit wurden die Einzelteile der Seitenwände auf dem Rasen aufgestellt. Herr Conrad, ernst und stolz wie ein Kapitän, gab dem Kranführer Zeichen mit der rechten Hand. Mit der linken versuchte er, den Terrier zu verscheuchen, doch der Hund gehorchte nicht. Aufgeregt wuselte er um sein Herrchen herum, und ab und zu sprang er in die Luft, um nach dem seltsamen Spielzeug zu schnappen, das über seinem Kopf schwebte. Eine der Platten brach ihm das Genick. Herr Conrad schwankte. Die Arbeiter packten ihn bei den Armen und drängten ihn, ins Haus zu gehen. »Trinken Sie erst mal einen Schnaps!« Dann legten sie den Hund neben den Gartenzaun und setzten die restlichen Teile zusammen. Eine Woche lang sah Horst von seinem Fenster aus den leeren Pool: er sah aus wie eine Backform, die ein durchziehender Riese neben dem Haus vergessen hatte. In dieser Zeit setzte der Nachbar keinen Fuß in seinen Garten. Dann riß er sich zusammen und ließ Wasser in das Becken. »Man muß ja weitermachen!« sagte er abends zu Horsts Vater über den Zaun hinweg. Dabei stand er genau auf der Stelle, auf der noch eine Woche davor der tote Hund gelegen hatte.
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Robert Schiff: Warten im Wohnheim. Öl auf Leinwand
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Bald glitzerte das Wasser in der Sonne, aber niemand schwamm darin. Manchmal kam Herr Conrad in einer Badehose in den Garten, setzte sich in einen Liegestuhl, starrte hartnäckig am Pool vorbei und ging ins Haus zurück zu seiner Frau. Eines Tages trat er an den Zaun, als Horst und seine Mutter frisch gemähtes Gras zusammenrechten. »Hotte!« rief er. »Komm mal her!« Und er winkte so nachdrücklich, daß der Junge schließlich den Rechen auf den Rasen legte und zum Zaun trottete. »Hör mal, Hotte!« sagte er. »Wenn du mal schwimmen willst, kannst du ruhig rüber kommen!« Horst erschrak. »Ach..., nein danke!« Aber der Nachbar hielt ihn für zu schüchtern oder zu wohlerzogen. »Nein, wirklich... kannst du ruhig machen! Jederzeit! Mußt uns nicht einmal Bescheid sagen; kletterst einfach übern Zaun, da, wo das Holz gestapelt ist!« Horst wand sich und schüttelte den Kopf. »Wirklich, mir liegt gar nicht so viel am Schwimmen!« »Ach, der Bub‘ ist doch wasserscheu!« rief von hinten seine Mutter. Horsts Nacken glühte, und es wurde noch schlimmer, als der Nachbar rief: »Der muß nur schwimmen lernen! Ich bring ihm das schon bei!« Von da an hatte Horst an heißen Sommertagen keine Freude mehr. Dann war nämlich Herr Conrad nebenan im Garten, und sobald er irgendwo den Jungen sah, rief er: »Komm doch rüber! Wirst schon nicht ersaufen!«
Nun war er selbst ertrunken. »Ach was! Er hatte einen Herzanfall!« – »Ja, aber den hätte er womöglich überlebt, wenn er nicht ertrunken wäre.« Vielleicht hatte er gehofft, Horst zu überzeugen, indem er ihm ein Beispiel gab. Vielleicht hatte er auch statt des Jungen sich selber überzeugt. Jedenfalls hatte seine Frau ihn nicht im Haus und nicht in seinem Liegestuhl gefunden, und da war sie die Leiter am Beckenrand hinaufgestiegen. Eigentlich nur, um überall gesucht zu haben »... und trotzdem - ich hatte schon Angst!«
In der Leichenhalle, eingekeilt zwischen seiner Mutter und einer dicken Frau, die er nicht kannte, wurde Horst schläfrig, und seine Gedanken flohen einer vor dem anderen, bis nur noch Bilder, wie reingewaschen, übrig waren. Er sah den Nachbarn, wie er die Leiter seines Pools hinaufstieg. Er sah ihn plötzlich innehalten und mit aufgesperrtem Mund in sich hineinhorchen. Horst hielt den Atem an. Dann kletterte Herr Conrad weiter, und als er oben war, bemerkte er den Jungen und rief: »Hotte, hü-hott! Komm und spring ins Wasser! Brauchst keine Angst zu haben!« Horst wandte sich ab; sein Gesicht war heiß vor Wut. Dann sah er dicht vor seinen Augen die Maschen des Gartenzauns. Er griff hinein und zog sich hoch, hievte eine Last über den Zaun, ließ sie auf der andern Seite am langgestreckten Arm hinab und schlich über den Rasen bis zur Beckenleiter. Drinnen im Pool ein Plätschern: Herr Conrad stieg aus dem Wasser. Als er den Kopf über die Leiter hob, blickte er ins starre Gesicht seines Terriers... Erschrocken warf Horst den Kopf in den Nacken, um diesen Bildern zu entfliehen. Gleich darauf fuhr ihm der Ellbogen seiner Mutter in die Seite. Offenbar hatte er geseufzt oder gestöhnt, denn sie hielt zornig einen Finger vor die Lippen.
Später, auf den engen Wegen zum Grab, ließ Horst so lange anderen den Vortritt, bis er sich im Rücken der Versammlung befand. Erleichtert streckte er sich und gönnte sich ein halbes Gähnen. Dann schaute er sich um. Er liebte die Stille und das Grün zwischen hohen Mauern. Das Dorf lag weiter unten am Hang und war von hier aus nicht zu sehen: das verstärkte den Eindruck der Abgeschiedenheit. Nur die Trauergesellschaft störte. Vielleicht, träumte Horst, könnte er sich hinter einem der Grabsteine verstecken, bis die andern alle weg waren. Er würde sich tief in die lockere Erde drücken, damit ihn niemand sehen konnte, und am Abend würde er aufspringen, über den Rasen huschen... drüben, wo der Hang anstieg, sah er über abgeerntete Felder bis zum Waldrand auf dem Kamm. Mit einem Satz würde er sich über die Mauer schwingen, den Berg hinaufhasten, und oben zwischen den Bäumen: da könnte man verschwinden. Er zuckte zusammen, weil ihn jemand am Arm getippt hatte. Neben ihm stand ein Mann mit ausdruckslosem Gesicht, der in die Nähe des Grabes wies, von wo Horsts Mutter ihren Sohn mit einer energischen Geste zu sich winkte. Der Pfarrer hatte nämlich soeben mit einer kleinen Schaufel eine Handvoll Erde auf den Sarg geworfen und ging jetzt zur Witwe, um ihr die Hand zu schütteln und sein Beileid auszusprechen. Andere taten es ihm nach; es bildete sich eine kleine Reihe, in der sich auch Horsts Mutter und seine Schwester aufstellten. Mißmutig schloß der Junge sich ihnen an. Während er sich Schritt für Schritt dem Grab näherte, dachte er immer noch an den Wald und ans Verschwinden. Er sah sich umgeben von Bäumen und von Sträuchern, und wie er immer tiefer ins Gestrüpp lief, bis er nicht mehr wußte, wo er hergekommen war. Er würde Beeren von den Zweigen pflücken, Wurzeln essen und einen Hut aus Blättern tragen; am Abend würde er lauschen, wie der Wind die Birken ächzen ließ, bevor er Gräser für eine Decke aus der Erde riß und sich in einer ausgescharrten Mulde schlafen legte. Daß er an der Reihe war, ans Grab zu treten, merkte er nur, weil plötzlich seine Mutter nicht mehr vor ihm stand. Erschrocken sah er auf und versuchte sich zu sammeln. Er schaffte es soweit, daß er seine Arme und Beine lenken konnte, aber er fühlte sich stumpf und taub, als habe er einen Großteil seiner Sinne im Traum zurückgelassen. Gleichgültig zog er die Schaufel aus der aufgehäuften Erde, stieß sie wieder hinein, hob ein dichtes Gemenge aus Sand und Lehm an und hielt es übers Grab. In dem Moment, in dem der Klumpen auf den Sarg schlug, brach Horst in Tränen aus. Er fühlte sich so verlassen: er hätte selbst dort unter dem Deckel liegen können. Weinend trat er vor die Witwe. Die sah ihn überrascht an, griff nach seiner Hand und hielt sie lange fest. Horst sträubte sich; er wollte rufen: »Nein, das ist ein Mißverständnis!« Stattdessen überließ er sich der Wärme ihres Händedrucks. Dann fiel ihm ein, daß er seinen Text noch nicht gesagt hatte. Verwirrt suchte er nach Worten, und plötzlich flüsterte er: »Danke!«
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