Emma Braslavsky, 1971 in
Erfurt geboren, lebt und
arbeitet als freiberufliche
Autorin in Berlin. Mehr
Informationen unter
www.emmabraslavsky.de
 

     Er sagte: Hör mich. Ich sagte: Ich kann nur mich hören, denn alles andere ist außen. Und die Dinge außerhalb sind manipuliert durch meine Wahrnehmungen und Erinnerungen. Außerhalb von mir erweist sich alles ohne Konstanz. Wie kann ich sicher sein, wirklich dich zu hören? Ich laufe dabei Gefahr, deinen Ton und den Ton eines anderen Körpers zu mischen, an den ich mich im Glauben an seine Reinheit und Unvergleichlichkeit erinnere. Er erwiderte: Du wirst mich erkennen, wenn du mich hörst. Mein Rauschen wird dir helfen, mich zu sehen. Ich sagte: Aber ich will dich nicht sehen. Mein Blick ist wie mein Ohr – gekauft. Stumpf geworden durch Prediger und Predigten. Ich müsste mich leeren, müsste alles löschen was gewaltsam in mich einfiltriert wurde. Zeig mir nur all deine Gesichter. Er lachte bitter.
     Wasserrauschen.
     Er sagte: Hör mich doch. Ich sagte ihm: Ich kann es versuchen, aber meine Ohren werden noch tauber sein – und mein Rauschen wird lauter. So wird es immer schwerer, reine Klänge zu hören. Er bat mich: Versuch es. Ich antwortete: Was muss ich tun? Er berührte meine Wangen: Glaub an meine Existenz. Gib mir ein Licht und wirf meinen Schatten. Sieh mich im Spiegel und fühl meinen Geruch. Ich sagte: Ich kann deinen Geruch nicht fühlen. Meine Haut atmet nur flach. Seit Beginn dieser Kurzatmigkeit verwirren mich Tiefen. Sie bringen mich bis ans Ersticken. Nur das Verwehren hält mich am Leben. Hier und da ergibt sich doch ein Erkennen. Er sagte: Dann stirb. Ich weinte: Niemals.
     Wasserfälle.
     Ich fragte: Hörst du mich? Kannst du mich sehen? Er sagte lange nichts. Ich schwieg, denn mir stand schon das Wasser bis zum Hals. Dann plötzlich seine Stimme: Glaubst du an mich? Ich antwortete: Und wenn nicht, lässt du mich dann sterben? Er lachte wieder bitter und sagte schließlich: Das kann ich gar nicht. Ich bin nicht du. Nur du kannst dich sterben lassen. Ich wehrte ab: Prediger! Er ignorierte mich: Lern schwimmen.
     Wasserfälle.
     Er fragte: Bist du noch da? Ich sagte nichts. Dann brach er noch mal das Schweigen: Bitte hör mich doch. Ich sagte: Wenn dein Ton aus meinem Inneren klänge, dann könnte ich dich hören. Es macht keinen Sinn, Wahrheiten außerhalb zu suchen. Sie schäumen zu sehr, schlagen ungeahnte Wellen. Er sagte: Genau das verlangst du aber von mir – mich selbst zu verlassen. Wie weiß ich denn dann, ob ich es noch bin? Ich antwortete: Wenn du dich verlässt, bist du nicht derselbe wenn du zurückkehrst. Und ich habe wieder einen anderen erkannt, als ich dann sehen werde. Was nützt mir also, dich hören zu können, wenn du dich doch wie ein Zeitreisender verhältst? Er weinte.
     Hohe Wellen.
     Ich sagte: Lass es uns versuchen. Ich will dich hören. Er sagte: Endlich. Stimm dich ein. Ich sagte: Spiel mir dein Lied, sonst betäubt mich mein Rauschen. Ohrensausen. Taube Töne. Ich flehte ihn an: Hör auf! So geht das nicht. – Da hörte ich einen milden Klang, sprudeln über meine Poren. Ich fragte: Bist du das? Ich kann dich sehen. Jetzt können wir zusammen spielen. Er sagte: Nein, das bin nicht ich. Du hörst einen anderen. Ich sagte: Aber wie ist das möglich? Hier ist niemand sonst. Er weinte. Ich versuchte ihn zu beruhigen: Lass es uns noch mal versuchen. Ich glaube an dich. Da wuchsen seine Ohren zu Muscheln, als ich mich im Spiegel betrachtete. Er wurde immer lauter und ich fing an, seinen Schatten zu werfen. Ich sagte: Ich habe dir Licht gegeben. Lass mich deinen Geruch fühlen. Er lachte bitter: Du musst endlich vergessen. Ich weinte.
     ...
     Gestrandet bin ich nicht. Ich bin ausgewandert, aus den Ich-Begebenheiten. Wieder mal, denn vorher waren es andere Ursachen. Mal die Selbsterfahrung verlassen wollte ich. Dann lasse ich mich einfach selbst zurück, dachte ich, packte den kleinen ledernen Koffer und stahl mich unversehens aus meinem Dasein. Seitdem habe ich einen hohen Ton im Ohr, ähnlich einer Sendepause.

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