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Massih Hayat, 27, kommt
aus Afghanistan und
studiert Philosophie und
Kunstgeschichte in Bonn.

Die Bilder in dieser cet-
Ausgabe sind von
Robert Schiff. 1934 in
Temeschburg/Rumänien
geboren, lebt er seit 1981
in München. Er hatte eine
Vielzahl von Ausstellungen
mit seinen Werken, u. a.:
Einzelausstellungen 1970,
1974, 1978 in Temesch-
burg; 1972, 1977 in Buka-
rest; 1981 in Köln; 2000,
2001 in München und
Traunreut. Hinzu kommen
etliche Gruppenausstel-
lungen. Robert Schiff ist
außerdem literarisch tätig
und veröffentlicht in Zeit-
schriften und Anthologien.
1994 erschien sein Roman
»Feldpost«. 1997 erhielt er
den 1. Preis der Nikolaus
Lenau Stiftung, Österreich
und 2000 war er 2. Preis-
träger des Banater Litera-
turwettbewerbs.

Aufbruch

Der Kelch der Frühe füllt sich mit Morgenglanz
verblüht stehen die Sterne hoch am Himmel
der Mond Protagonist in einem verhangenen Schachspiel
gestern König heute Läufer –

Der Duft von Liebe flutet von den aufgehenden Blumen
am Horizont der ungewiße Fluß in seinem Lauf
Regen fällt auf die ruhige Stadt -

Goldene Lichtstrahlen brechen durch die dichten Wolkenmassen
gegenläufig die Wendungen von Wolken und Traum
während ich im galoppierenden Zug sitze und fahre und fahre







Frühling
( Sonate )

Mit Zweigen und Wogen brennender Sehnsucht nimmt die
                                                           Gegenwart mich auf
das Gefühl von Heimat umgibt mich inmitten der grünen Wirbel des
                                                                           Frühjahrs
grünen Tau zu trinken - mehr Frühling als Mensch zu sein
die milde Luft erobert deine Stirn löst den freien Gesang - was
                                                                 kommt und geht

Weit offen die Fenster zu den Feldern – deinetwegen fiel ich aus
                                                                 der blauen Nacht
ein bunter Drachen fliegt über die Wipfel – hier wo ich die
                                             verlorenen Gedichte wiederfinde
über die verlaufende Ebene löse ich mich in der milden Luft dem
                                                         Gezwitscher der Vögel
den Blumen Bäumen und grünem Denken

Ich wandere von Grün zu Blau von Blau zu Gelb - bist du Tochter
                                                                   der Sehnsucht?
entfaltest du im Vermissen deine Größe?
zu dir reiste ich durch die Sonne Baden Badens trank
                                   kalifornischen Rotwein hörte den Fluch
der Weinberge hinter mir - verloren in den Fluten eines
                                                 undurchschaubaren Frühlings

Über dies eine aquamarine Mädchengestalt
oder sehe nur ich dich so weil meine Blicke immer Sehnsucht
                                                                               trugen
und deshalb dein Rocksaum die Seligkeit nach sich zieht

Robert Schiff: Herbstfrüchte II. Öl auf Leinwand

Erdbeerfalle

Ich bringe Rauch Regen und Wein
laß uns auf den Marzipanberg steigen
das fällt mir ein wenn ich dich sehe
deine Augen sind eine Erdbeerfalle
sie sehen die Welt weich wie Schaum
das selige Paradies –

Ich sah den lyrischen Regen
wie er über den Parkplatz preschte
die Autos warfen silbrige Schimmer
dann kam mein Freund
ein streunender Hund
mein Held –

Mein Freund ist tot
er wurde überfahren
er hatte die traurigsten Augen
vielleicht wußte er was ihn erwartet
er war der beste -







Jenseits der Fluten
einten sich unsere Träume
spät erwachte ich
als Schatten über die Ebene zogen
als das Lied der Freude verstummte

Ich weiß nicht
wie lange die Dinge
sich verbergen
ich weiß nicht
wohin die Reise geht

Daß du und ich uns nicht verlieren

Oxus -







Unter den Kirschblüten

Die welkende Abendsonne wirft ihre Strahlen auf die duftende
                                                                         Landschaft
der Geruch von Asphalt entströmt den vergessenen Straßen
Blumen im Taumel des Lichts ihre sorglosen Farben wechselnd
es regnet und die Erde erwacht aus ihrem Schlaf

Die Welt mit offenen Fenstern zum Leben spendet ihren frischen
                                                                               Trank
gesunkenen Hauptes schreitet zur Abendstunde ein Wanderer zum
                                                                             Horizont
der Wanderer sagte ich bin auf der Suche nach dem Regenbogen
der Regen fällt auf eine fruchtbare Welt mit ihm das ernste Lied
                                                             der Vergänglichkeit

Das Schwemmland mit weggeworfenen Konserven zieht an mir
                                               vorüber wie ein bitterer Traum
lautlos erhebt sich eine Klage
ohne Liebe sterbe ich
verblühter Frühling der Wind fegte die Kirschblüten über die Wiese

Durch die Dürren meines Traumes wandelnd
als Studenten in den spektralen Räumen
das Metall der Stühle reflektiert die aufgehende Sonne
schön soll dein Leben verlaufen







Auf den Schwingen deiner Anmut
ruhte ich die Nacht
leicht beflügelt und benommen
vom kühlen Wellenschlag
deiner Augen

Liquide Sterne
an der Pforte deines Universums glänzend
dort war ich
letzte Nacht
trunken von wein Duft und Haut







Die Mädchen tanzen in neuen Kleidern
die Sänger heißen den Frühling willkommen
dieser Abend ist das Fest der Freuden

Jede tanzt ihren Frühlingstanz
zeigt ihre Geschicke
ihren Körper

Die Tugend des Abends
ist das Vergessen
die Krone der Augenblick

Das Fest der Freuden hat begonnen







Abendtrost

Wie schwarzes triefendes Blut wölben sich die dunklen Wolken
                                                                     zum Horizont
die Sterne wollte ich dir zeigen: Sei nicht traurig
denn jenseits unseres Horizonts bist mein
wo die Stille in die Einsamkeit fließt

Jeder Atemzug von dir fließt hinein
komm ich möchte mit dir die Sterne suchen
keinen kann ich dir schenken
zwischen mir und den Sternen strömt Blut

Ich folge deine Tränen: vom Baum des Leids fallen sie
wie Granatfrucht
in jeder tausend kleine Tränen
könnt ich dir einen Stern schenken:
Sei nicht traurig denn du bist mein

Schau die dunklen Wolken ziehen weg
aber du schläfst
einen funkelnden Stern leg ich dir
ans feuchte Kissen und geh







Der Drachen

Über die Hügel legt sich ein herbstlicher Schleier
die Ferne wirkt so ruhig am heutigen Tag
kein Sonnenlicht das die Kämme durchforstet

Ein Drachen steigt auf
vom Wind getragen fliegt er bei den Hügeln
die Landschaft hat eine scheidende Stimme

Die Gänse ziehen fort in den Süden
noch rascheln die Blätter in den Bäumen
bald kehrt Ruhe ein und Oktober naht







Herbst

Am Fenster zum Herbst wogen die Düfte
fließen die Zweige des Denkens in eine unbestimmte Zeit
vom Wind getragene Erinnerung einen anderen Herbst erzählend
durchsichtige Momente in den Lichtern der Bäume
die Küsse der Liebenden sind flüssige Sonnen einen
                                       unbeschriebenen Himmel bedeckend
Kreise aus Taumel Kreise aus Glut  die Stunden beschwörend

Herbst dessen graue Ödnis herausfordert die Bewegungen des
                                                             Weins zu verfolgen
einen Augenblick spricht das Herz wie ein durchsichtiger Engel
sie stand an der Haltestelle der Gurt meiner Tasche war ein
                                                                       weites Land
und mein Gruß hüllte sie in ein Kleid aus Wäldern und Staub

Staub dieser Erde in dessen Wassern ich mein Bildnis betrachte
aus der Ferne erklingt die Stimme meines Volkes Stimme voll Leid
was war die Zeit ?
die Wirklichkeit dokumentiert ihre Agonien Afghanistan zerstörtes
                                                                                 Land
mit deinen Vierteln Gärten Vögeln Sonnen unvergessene Wiege
                                                                   meiner Kindheit







Der Baum

Zeige mir eine lebendige Stunde
laß uns über die Hügel fliegen
vermagst du das?
wie stehen wir zueinander?

Ich zeichne dir einen Baum
laß uns fließende Zweige sein –
umarmt durch die Zeiten fließen







Wir sprangen wie Rehe durch die Hallen
angezogen von Liebe – abgestoßen von Kälte
goldene Abende und Girlanden waren die Wegweiser

Unsere Liebesverse schrieben wir mit Styxwasser
später hüllte uns Rauch
und wir zogen uns zurück

Die Häuser waren grau die Straßen waren grau
einzig die Sehnsucht phosphoreszierte
es war die Sehnsucht nach Ithaka

Niemand wird danach fragen
was aus den Hunden geworden ist
streunen sie immer noch durch die Welt?

Am Augang wo die goldenen Embleme der Dichter
das Paradies ausrufen gratulierten uns einige Heuchler
sie sagten wir wußten daß ihr nicht frei ward

In Elfenbein getauchte Spiegel zeigen ein klare Gegenwart
ein neues Leben steht vor der Tür
dem Diebstahl goldener Äpfel gleich