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Jürgen Landt, 1957 in Demmin (Mecklenburg- Vorpommern) geboren, 1983 aus der DDR ausge- bürgert, lebt in Greifswald. Bisher erschienene Bücher: »Bis zum Hals«; »Ich nickte mit dem Mundgeruch«, »Der Gang durch die Tüte«, »Keine Sonder- fahrt« und »Immer alles kurz vorm Tod«. Arbeits- stipendium der Stiftung Kulturfonds Berlin, 1999; Literaturstipendium des Landes Mecklenburg-Vor- pommern, 2001..
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Die Bilder in dieser cet- Ausgabe sind von Robert Schiff. 1934 in Temeschburg/Rumänien geboren, lebt er seit 1981 in München. Er hatte eine Vielzahl von Ausstellungen mit seinen Werken, u. a.: Einzelausstellungen 1970, 1974, 1978 in Temesch- burg; 1972, 1977 in Buka- rest; 1981 in Köln; 2000, 2001 in München und Traunreut. Hinzu kommen etliche Gruppenausstel- lungen. Robert Schiff ist außerdem literarisch tätig und veröffentlicht in Zeit- schriften und Anthologien. 1994 erschien sein Roman »Feldpost«. 1997 erhielt er den 1. Preis der Nikolaus Lenau Stiftung, Österreich und 2000 war er 2. Preis- träger des Banater Litera- turwettbewerbs.
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ihm war so fremd. nicht die zelle, zellen kannte er. und die zelle preßte sich mit ihren zwei außenwänden auch in jenem heißen sommer 1976, wie seit jahren, an die u-haft ran. der mann hatte in einem anderen verwahrraum einfach zu laut gelacht, nun hockte er zur strafe innen vor diesen außenwänden, und wie zum abgewöhnen einer haft, hatte irgendein schließer die nur von außen zu regulierende heizung angestellt. »hemd anlassen!!« hörte der mann von draußen diese stimme und dann das klappern der zurückfallenden klappe vor dem spion der zellentür. der mann knöpfte sein hemd wieder zu, wischte sich mit den ärmeln den schweißgetränkten kopf, betatschte die heizung und zog die hand blitzschnell zurück, um sie sich nicht zu arg zu verbrennen, leckte sich das salzige wasser über der oberlippe weg und versuchte, den abend dieses über 30 grad heißen sommertages zu erreichen, ihn sich wenigstens vorzustellen. und zwischendurch war er froh, daß er nicht diesen dicken, von schulterstücken befreiten wehrmachtswintermantel tragen mußte, wie in einer anderen haftanstalt im jahr zuvor. er schlug von innen an die zellentür. wieder und wieder. irgendwann drehte sich rasselnd, doch ruckartig ein schlüsselbund, riegel wurden mit einem fuß weggestoßen, und ebenso schnell war die massive tür geöffnet. man merkte dem schließer die jahrelange routine an. der schweißüberströmte mann setzte sich in das hintere der zelle ab, nahm dennoch die geforderte haltung an und machte die dazugehörige meldung, ohne die kein dialog in dieser haft zustande kam: »herr obermeister, verwahrraumältester landt meldet, ihm ist nicht gut!« »hier gibt's keinen verwahrraumältesten mehr! ich hab' sie isoliert! auch wenn's nicht der isoliertrakt ist und sie hier drin 'nen lenz schieben, sie sind isoliert, mann! und was ist denn!?« »herr obermeister, das ist so heiß hier, ich kriege keine luft! die heizung ist auf vollem betrieb. die heizung ist heiß!« »da sehen sie mal, was sie für mitgefangene haben! beschweren sie sich bei den heizern, die heizen da unten im heizungskeller! nicht wir!« »herr obermeister, aber ich melde, sie können im gang doch die heizung abstellen.« »da komm' ich nicht ran! beschweren sie sich bei ihren mitgefangenen! die strafgefangenen heizen!« der schließer knallte die zellentür ran, knallte die riegel vor und klapperte erneut mit der klappe vor dem spion, entfernte sich mit den an einer schnur befindlichen schlüsseln, indem er sie geräuschvoll irgendwie kreisen ließ, etwas später an irgendwelchen gittern beim gehen entlangstreifte. der mann wünschte sich den zellenabend vor dem abend in der zelle. er hatte sich lange ausgelacht, traute sich nicht, das weißblau gestreifte, langärmlige unterhemd der haftanstalt abzustreifen, zu nah waren die blauen flecken auf seinem rücken und den oberschenkeln, einfach zu frisch die spuren der stahlkugeln aus den ausfahrbaren gummiknüppeln.
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Robert Schiff: Herbstfrüchte IV. Öl auf Leinwand
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der abend kam wirklich. der mann wurde in seinen alten verwahrraum zurückgeschlossen. 'warum nur?' freute er sich, vielleicht hatte der schließer feierabend, schichtwechsel? und der mann war schwer atmend, schwindlig und mit schlappen beinen froh, daß er erst 19 war und nicht 45! keiner durfte sich in der zelle, die mit undurchsichtbaren dicken glasbausteinen als fenster und zusätzlich mit einer metallenen sichtblende versehen war, vor der nachtruhe auf eines der übereinandergestapelten eisenbetten legen, doch waren sie jetzt wenigstens wieder zu viert. ein älterer, 1-arm-amputierter bäckermeister aus zehdenick machte armkreisen mit einem ganzen arm und einem stumpen. der stumpen drehte sich wie ein kleiner hauklotz, der noch lebte und einfach an seinen wurzeln hing. »toll machst du das, rudi!« foppte ihn ein trickbetrüger aus neubrandenburg. der trickbetrüger hockte auf dem nicht abgetrennten klo und spülte einfach seinen stinkenden schiß nicht ab. »ich muß mich fit halten! oder denkst du, der teig für dein brot knetet sich von allein?« ein mecklenburger dorfbewohner hockte auf seinem schemel und schnippte unaufhörlich von der tischkante eine streichholzschachtel auf den tisch. »ja!« brüllte er plötzlich, »jetzt steht das ding!« er hatte die schachtel in eine aufrechtstehende position geschnippt. »erwin, hör mit dem geklapper auf! das geht einem voll auf den geist!« rief der trickbetrüger aus seiner sich mehr und mehr stinkend ausbreitenden ecke. »hätt' deine stieftochter dich länger rangelassen, erwin, dann hättest du nicht die unzucht an dem landwirtschaftlichen nutzvieh betreiben müssen, wärst nicht hier, und könntest schön im dorfkrug richtig würfeln!« der landbewohner stöhnte und klapperte mit seiner schachtel weiter, stand irgendwann auf, holte sich etwas von dem gestopften innenleben aus seiner matratze, ging zum trickbetrüger, nahm dem hockenden das klopapier aus der hand, riß sich einen streifen ab, legte das holzwollige zeug aus der matratze drauf, rollte es zusammen, leckte das papier einmal längs, steckte es sich in den mund, rauchte es an, nahm einen tiefen zug, setzte sich wieder auf seinen hocker und legte die streichholzschachtel auf den rand, krümmte einen zeigefinger und schnippte wieder drauflos. dem mann war schlecht, doch er stellte sich vor den trickbetrüger und langte die heizung an. kalt. der mann stellte sich ans waschbecken neben dem klo und drehte den wasserhahn auf und trank und trank. »laß noch was drin.« sagte der hockende betrüger, »ich muß noch spülen.« der mann am wasserhahn antwortete nicht. der bäckermeister ließ seinen stumpen am oberkörper hängen. der stumpen sah jetzt wieder aus wie ein stumpf. wie ein solider, überflüssiger stumpf eines nicht mehr zu gebrauchenden armes. irgendwie bereitete das kalte wasser dem mann urplötzlich probleme im geschlingertrakt der verdauung. »mach hin!« sagte der mann zum trickbetrüger. »immer mit der ruhe! wenn ich was mach', dann mach' ich das richtig und zu ende!« nur das klappern der streichholzschachtel war zu hören, dann wieder ein kräftiger lungenzug, dann ein lautstarkes rumoren aus der bauchgegend des mannes. »die menschen erscheinen mir so fremd im eigenen land, diese folterknechte eines staates und ihres selbst, oder sagt man ihrer selbst. da können mir alle arme fehlen, das werde ich nie begreifen. erst das vor kurzem bei den nazis und jetzt das hier, oder heißt das kurzen. und das in mecklenburg!« »mensch rudi, wenn du erst draußen bist, kannst du wieder einen kurzen nach dem anderen trinken. hör auf, mit dem scheiß.« rief der betrüger vom klobecken aus seiner ecke und hängte ein: »was ist das hier eigentlich? ist das hier mecklenburg oder pommern?« an seinen ewigen schiß. »in demmin verläuft die grenze!« antwortete der mann, »und jetzt sieh zu, daß du da endlich runterkommst!« »das ist doch egal, wo man ist.« antwortete der trickbetrüger, zwängte sich etwas tiefer in die klobrille und meinte: »erwin, gib mal die rolle zurück und laß mal ziehen, an dein seegras aus pommern.«
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