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Alexandra Lavizzari, geb. 1953 in Basel, daselbst Studium der Ethnologie und Islamwissenschaft. Lebt in Rom, schreibt Re- zensionen und Aufsätze über anglistische Themen für die NZZ und den Ber- ner Bund. Publikationen u. a. »Virginia Woolf. Materialienband«, 1991; »Ein Sommer«, 1999; »Gwen John - Rodins klei- ne Muse«, 2003. Anerkennungspreis der Kul- turstiftung der USB Zürich, 2001; Preis der Heinz-We- der-Stiftung, Bern, 2001; Literaturpreis Würth der Poetik-Dozentur der Uni- versität Tübingen; 2002.
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Die Bilder in dieser cet- Ausgabe sind von Robert Schiff. 1934 in Temeschburg/Rumänien geboren, lebt er seit 1981 in München. Er hatte eine Vielzahl von Ausstellungen mit seinen Werken, u. a.: Einzelausstellungen 1970, 1974, 1978 in Temesch- burg; 1972, 1977 in Buka- rest; 1981 in Köln; 2000, 2001 in München und Traunreut. Hinzu kommen etliche Gruppenausstel- lungen. Robert Schiff ist außerdem literarisch tätig und veröffentlicht in Zeit- schriften und Anthologien. 1994 erschien sein Roman »Feldpost«. 1997 erhielt er den 1. Preis der Nikolaus Lenau Stiftung, Österreich und 2000 war er 2. Preis- träger des Banater Litera- turwettbewerbs.
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nenn mich schmetterling
nenn mich schmetterling und lass mich in dein zimmer flattern, tanzen über dem brief, den ich dir gestern schrieb, aus keinem grund, dem besten denk ich. lass mich die zeilen, die verbotenen, umspielen und deine augen zu denen die zeichen heute sprechen, diese augen, die so versunken dankbar vielleicht meine beichte pflücken, lass sie mich einen blick lang deine geduld kurz mit irrem geflirre narren; weissflügelig möcht ich schaukeln überm blatt, dem vertrauten, und durch dein bewusstsein flackern, meine spur kaum eine, staubfein einzeichnen, weil ich wohnen will in dir, Geliebter, lange zeit, auch dann noch, bald, wenn du ihn faltest, den brief, vernichten musst und bedauerst vielleicht, dass du später nicht mehr wissen wirst, was darin stand
Im Andenken an S.
ich las deine briefe gestern, kind (L’eau telle une peau Que nul ne peut blesser Paul Eluard)
ich las deine briefe gestern, kind, verzeih. ich las sie alle. weiss. heute, mit den sätzen vor augen, den leisen, reise ich zu dir an diesem tag, november, und zu einer zeit, schon spät, in der die farben rasch verstumpfen über land, reise allein, mit dir, durch eine gegend voller seen, die namenlos in den senken liegen, spiegel, grau, so weit das auge reicht, und immer die sätze, dieselben, die schweben darüber und tauchen darin, die sich zwischen uns legen, wie lügen schwer. ein trug, denk ich, und nehme mir vor, dich zu fragen, später, wenn ich am ziel, deinem ufer, bin und ausgeruht mich ans wasser setze, an deine seite, anderntags vielleicht, morgens, hoffe, du könntest mir dieses und jenes zwischen den zeilen erklären, nein, nachts noch will ich es suchen das wasser, nachts will ich davor stehen und hinein schauen, dich sehen wie du da stehst im ried, dem schlafe trotzend, dem leben, bleich schmal, und die sucht nach dem see im blick, die erschreckt. ich fand deine briefe gestern, kind, sie waren traurig, verzagt, waren angsterfüllt, sie lagen in vielen schachteln, nie abgeschickt, an wen auch lagen kunterbunt, vom zufall zerstreut, durcheinander, hier glück auf schmach, dort zweifel auf hoffnung, vergilbt, zerknittert und selten, wo du ränder beliesst, mit späteren notizen verziert. Zeichen statt worte, hunderte, immer die gleichen, ein alternder reim bald, dieses lied vom wasser, ewiges in dir, und nun zieht es mich her, zum see, deinem see, zum atemzug, dem letzten, der noch darüber weht und erzählt wies war und was du in den briefen schriebst von der kühlen haut die jede wunde tilgt und narbenlos, im nu geglättet, übers vergangene fährt und es schluckt, ruht und wartet auf dich. spricht. deine sprache nunmehr
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Robert Schiff: Zierkürbisse mit Flasche. Öl auf Leinwand
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wer bin ich unter deinen fingern
wer bin ich unter deinen fingern, fremder, welche von den sechzehn elfenbein oder ebenholz, die du achtsam fassest an mäne, krone am zinnenhaupt, sag, welche darf ich heute sein und, deinem sieg zu übers brett geschleift, dies eine mal nur, einziges, für die zeit eines spiels ungeteilt deine gedanken verdienen? jag mich, ich trabe ungeschirrt, hetz mich kreuz und querfeldein durchs gescheckte land oder heiss mich im alleingang ohne glorie meinen weg durchs feindliche lager pflügen, hoheiten drohend, aufopfernd, harrend, trutzig, ja, fremder, mächtiger, feldherrischer solange ich spüre, dass deine hand mein haupt berührt, dein geist mit mir die welt erfasst, ist jeder schritt, ist jeder sprung in deinem spiel mir lieb
Wir standen zu lange vor dem gehege
wir standen zu lange vor dem gehege, im wind, im regen, im wunder der liebe aufgehoben, einem grossen, fühlten wir, grösseren als uns zumutbaren, damals; nicht wahr, so wars vielleicht, standen zu lang, zu nah einander und ahnungslos, bestaunten das tier, das schläfrig auf seinem ast hungrig aber, so hungrig, unter den schweren liedern auf den fleisch verteilenden wärter lauerte, und erschauderten leis, als ein schild in vielen sprachen uns verriet, dass es das letzte seiner art hienieden sei; erkannten wir standen zu lange, vergiss nicht, wir hatten zeit, eine ewigkeit, zu erkennen wie es sich wissend schickte, fluchtfaul, und in der fremde sich selbst fern der gebirge, fern seines schnees, hier, vor gaffern unfreiwillig überlebte. standen stumm, lang genug zu bereuen, und sprachen nicht, zu ihm nicht und nicht zueinander, doch, einmal nur, kurz, mit den Händen, die sich streiften tauschten wir angst und ahnten, nein, verstanden, bevor die erstohlene stunde zauber ward, verstanden, gibs zu, auch du, die müde gier des geiers, als krallen ins aas gehakt, fest, und das fleisch in blutigen fetzen aus seinem schnabel hing, er frass, frass, verschlang, weil leben, auch das ödeste, seines sein und fortdauern will, unbedingt. standen lange vor dem gehege, erinnere dich, und erschraken einen gestutzten flügelschlag lang über uns
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