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Gunda Mann (Viktoria Wera), geb. 1954 in Schnackenburg, lebt als Künstlerin und Schriftstel- lerin in Borken (Hessen). Sie veröffentlicht Gedich- te, Erzählungen und Ro- mane. Bücher, u. a.: »Aus heiterem Himmel«, 1987; »Weg zur Menschlichkeit«, 1989; »das weiß zu viel«, 2002. Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller.
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Die Bilder in dieser cet- Ausgabe sind von Robert Schiff. 1934 in Temeschburg/Rumänien geboren, lebt er seit 1981 in München. Er hatte eine Vielzahl von Ausstellungen mit seinen Werken, u. a.: Einzelausstellungen 1970, 1974, 1978 in Temesch- burg; 1972, 1977 in Buka- rest; 1981 in Köln; 2000, 2001 in München und Traunreut. Hinzu kommen etliche Gruppenausstel- lungen. Robert Schiff ist außerdem literarisch tätig und veröffentlicht in Zeit- schriften und Anthologien. 1994 erschien sein Roman »Feldpost«. 1997 erhielt er den 1. Preis der Nikolaus Lenau Stiftung, Österreich und 2000 war er 2. Preis- träger des Banater Litera- turwettbewerbs.
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Die neunjährige Anna malte mit ihren Fingern eine Brücke in den Sand. Dann warf sie einen Stein ins Wasser und schaute zur Ostseite der Elbe hinüber. Ihr Blick wanderte über den leeren Strand, vorbei an den Drahtzäunen und verlassenen Häusern. Die Sonne sandte ihre warmen Strahlen zur Erde, aber Anna bekam eine Gänsehaut. Früher gab es eine Brücke in der Nähe dieses Ortes, die Menschen in Ost und West miteinander verband. Dann kam der Krieg und Bomben zerstörten die Brücke. Bei einem Sonntagsausflug mit ihrer Familie hatte Anna auf der Brücke gestanden, die in der Mitte des Elbflusses endete, und die mahnenden Worte auf der Besuchertafel gelesen. »Warum zerstören Menschen, was sie mühselig aufgebaut haben?« fragte Anna daraufhin kopfschüttelnd ihren Vater. »Wenn du älter bist, wirst du es verstehen.« Die Worte ihres Vaters sollten besänftigend klingen, erreichten bei Anna aber nicht die gewünschte Wirkung. »Das werde ich bestimmt nie verstehen.« Anna schob ihre Hände bis tief zu den Taschennähten und lief mit gesenktem Kopf und schweren Schrittes neben ihrem Vater her. »Vielleicht wirst du eines Tages über diese Brücke gehen, so wie viele Menschen es vor dir getan haben. Was zerstört wurde, kann auch wieder aufgebaut werden«, versuchte ihr Vater die Situation zu klären. »Ja«, strahlte Anna im nächsten Moment, und ihre großen klaren Augen blitzten auf vor Freude. Sie wusste nun, was zu tun war. Anna liebte Wunderkerzen über alles, vor allem seit dem Tag, als ihr größter Wunsch in Erfüllung gegangen war. An ihrem Geburtstagvor zwei Jahren hatte sie eine dieser sternengleichen Kerzen aus ihrem Köfferchen, das sie in der hintersten Ecke unter ihrem Bett versteckt hielt, genommen, heimlich angezündet und sich dabei eine Schwester gewünscht. Als fünf Monate später dieser Wunsch in Erfüllung ging, war für Anna klar - Wunderkerzen können zaubern. Auch wenn sie es jetzt besser wusste, an diesem Glauben hielt sie fest. Deshalb schlich sich Anna am Abend aus dem Haus und entzündete eine Wunderkerze auf der Wiese hinter dem Stall. Sie schaute hinauf zu den Sternen und reckte sich mit der Wunderkerze in Richtung eines besonders hell leuchtenden Sternes, der ihr zuzublinzeln schien. Dann sprach sie leise aber bestimmt ihren Wunsch aus. Wenige Tage später setzte sie ihren Plan fort. Anna verschloss ihr Geheimnis im Herzen, denn ihre Eltern wären von der Idee sicher nicht begeistert gewesen, da die Umsetzung des Planes nicht ganz ungefährlich war. Aber wozu sollte Mut erforderlich sein, wenn keine Gefahr bestand. Diese beiden Attribute gehörten zweifellos zusammen. Immer wenn es ihr möglich war und die Eltern beschäftigt waren, schlich Anna sich von zu Hause fort, etwa beim Schlachtefest, bei der Heuernte oder beim Bauen eines neuen Stalles. Sie lief über Wiesen und Felder, bis sie sich im weichen Sand des Elbstrandes fallen ließ. Dann wartete sie geduldig bis ein Schnellboot der Nationalen Volksarmee (NVA) in Richtung Hafen oder in Richtung Elbbrücke fuhr und winkte den Soldaten zu. Doch für diesen Tag hatte sich Anna etwas Besonderes ausgedacht. Sie griff in ihre Hosentasche, holte einen Bleistift und einen Papierblock hervor und schrieb folgende Worte aufs Papier: »Ob in Ost oder West, wir gehören zusammen ganz fest.« Dann suchte Anna nach Flaschen, die manchmal an den Strand gespült werden. Sie fand eine leere Limonadenflasche und steckte das zusammengerollte Papierstück hinein. Als Korken benutzte sie herumliegende modrige Holzteilchen, die sie in den Flaschenhals stopfte.
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