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Alice Münscher, Schrift- stellerin, promovierte Stadtplanerin, Volkswirtin, lebt in München. Bücher u.a.: »Ein exquisiter Leich- nam«, 1994; »Die Anoma- lie des Wassers«, 1999. Literaturstipendium der Landeshauptstadt Mün- chen, 1994. Kurzgeschich- ten und literarische Essays u. a. für die Süddeutsche Zeitung. www.isabella43.de
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Die Bilder in dieser cet- Ausgabe sind von Robert Schiff. 1934 in Temeschburg/Rumänien geboren, lebt er seit 1981 in München. Er hatte eine Vielzahl von Ausstellungen mit seinen Werken, u. a.: Einzelausstellungen 1970, 1974, 1978 in Temesch- burg; 1972, 1977 in Buka- rest; 1981 in Köln; 2000, 2001 in München und Traunreut. Hinzu kommen etliche Gruppenausstel- lungen. Robert Schiff ist außerdem literarisch tätig und veröffentlicht in Zeit- schriften und Anthologien. 1994 erschien sein Roman »Feldpost«. 1997 erhielt er den 1. Preis der Nikolaus Lenau Stiftung, Österreich und 2000 war er 2. Preis- träger des Banater Litera- turwettbewerbs.
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Bei Kustermann, dem alteingesessenen Haushaltsgeschäft am Münchner Viktualienmarkt, gibt es sie noch. In einem offenen Geschenkkarton liegt sie in der halbrunden hohen Glasvitrine gleich neben dem Eingang mit der gemächlichen Drehtür, sie liegt in Augenhöhe im dritten Stock der gläsernen Etagère. Bei Kustermann hat die Eierköpfschere keinen Namen, nur einen Preis. Aber es ist eine Eierköpfschere, genau dieselbe.
Das Gerät ist eine Schere und ein Gockelhahn zugleich. Die Griffe stellen die Hahnenfüße dar, die sich im Scherengelenk zusammenfügen. Auf der vorderen Scherenspitze sitzt eine scharf geschliffene Scheibe, die das Bild eines Hahnenkopfs trägt, aus Messing der Kamm und die Federn, die sich, ein wenig erhoben, fortsetzen bis hinunter zum Gelenk. Geschlossen zeigt die Eierköpfschere nichts anderes als einen stolzen Hahn.
Zur Anschauung hat man die Schere im Fenster ein wenig geöffnet, möglicherweise, um ihre Funktion kenntlich zu machen. So blickt der Hahnenkopf nach links, in Richtung des Viktualienmarktes, und hinter ihm schaut die andere Scherenspitze nach rechts an die Wand. Sie trägt einen harnmlosen platten Ring vom selben Ausmaß wie die geschliffene Hahnenscheibe.
Mein Vater aß jeden Morgen ein weich gekochtes Ei, vier Minuten, dazu eine Scheibe Butterbrot. Die Eierköpfschere setzte er folgendermaßen an. Er nahm die Schere in die hand wie eine Nagelschere, öffnete sie, führte den Ring über die Spitze des Eis,
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Robert Schiff: Grüne Katze. Öl auf Leinwand
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das unbedingt mit der Spitze bach oben im Eierbecher zu sitzen hatte, schloß die Schere. Der scharf geschliffene Gockelhahn fuhr durch die Schale, akkurat und sauber, das Ei war geköpft. An manchen Tagen geriet die Eierköpfschere ins Eigelb hinein und es tropfte ein wenig, dann legte er sie nach der Prozedur nicht neben den Teller, sondern lehnte den Hahnenkopf an den Tellerrand.
Neben dem Eßtisch stand ein kleiner Vitrinentisch, im Empirestil gehalten und goldverbrämt, in dem sich unter dem Kristallglasdeckel Silbernippes für den Tischgebrauch befanden, Salzfäßchen und Löffelchen, Messerbänkchen und Senfgläschen und Serviettenringe, der Stolz meiner Mutter, die Dinge wurden nie benützt. Wenn er fertig war mit dem Frühstück, legte mein Vater den leeren Eierkopf unter die leere E’ierschale in den Eierbecher, das FRühstücksmesser, den Eierlöffel und die Köpfschere auf den Teller und stellte alles ab auf der Seite, aufs Empiretischchen.
Einmal hatte einer das Tischchen verrückt. Es stand nicht da, wo es immer stand. Mein Vater schwenkte den Teller wie immer, die zeitung hatte er schon in der anderen Hand. Er hielt den Teller ziemlich lang so in der Luft. Und dann ließ er ihn fallen.
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