Markus Prem, geb. 1970.
Lebt als Student der Erd-
wissenschaften in Wien
und St. Pölten. Seit 1994
Veröffentlichungen von
Essays, Stories und Ge-
dichten in Zeitschriften,
Anthologien und im Inter-
net. 2 Gedichtbände. Mit-
glied der Berliner Charles-
Bukowski-Gesellschaft.
Teilnahme am 3. und 4.
Internationalen Charles-
Bukowski-Symposium
2001 und 2002.
http://de.profiles.
yahoo.com/stooge_at

Die Bilder in dieser cet-
Ausgabe sind von
Robert Schiff. 1934 in
Temeschburg/Rumänien
geboren, lebt er seit 1981
in München. Er hatte eine
Vielzahl von Ausstellungen
mit seinen Werken, u. a.:
Einzelausstellungen 1970,
1974, 1978 in Temesch-
burg; 1972, 1977 in Buka-
rest; 1981 in Köln; 2000,
2001 in München und
Traunreut. Hinzu kommen
etliche Gruppenausstel-
lungen. Robert Schiff ist
außerdem literarisch tätig
und veröffentlicht in Zeit-
schriften und Anthologien.
1994 erschien sein Roman
»Feldpost«. 1997 erhielt er
den 1. Preis der Nikolaus
Lenau Stiftung, Österreich
und 2000 war er 2. Preis-
träger des Banater Litera-
turwettbewerbs.

Mark Amun trat aus seiner Hütte. Es war bereits elf Uhr vor- mittags, und die grelle Sonne blendete ihn. Er kniff die Augen zusammen. Sein Schädel brummte, und er musste sich an einem seiner Obstbäume festhalten, weil ihn ein plötzliches Schwindel- gefühl überkam. Er hatte wieder einmal bis drei Uhr morgens Gedichte auf seiner Schreibmaschine getippt und dazu sphärische Musik gehört, die er mit seinen Instrumenten eingespielt und aufgenommen hatte. Da konnte es schon mal vorkommen, dass man die Zeit und alles andere ringsum vergaß.
     Der Schwindel ging wieder vorbei. Dafür lag jetzt ein merkwürdiges Summen in der Luft. Instinktiv blickte er zum Himmel, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken.
     Er schaute über das weite Land, das ausgestreckt zu seinen Füßen lag. Er mochte diese Gegend sehr.
     Seit er vor vier Jahren seinen Job als Angestellter einer Werbeagentur hingeschmissen hatte, sich von seiner Frau, den drei Katzen und den monatlichen Ratenzahlungen für zwei Autos und ein Haus getrennt hatte und in diese abgeschiedene Gegend gezogen war, ging es ihm wieder entschieden besser. Sogar das Rauchen hatte er aufgegeben, und Bier, das er früher literweise in sich hineingeschüttet hatte, schmeckte ihm nach einiger Zeit überhaupt nicht mehr. Dafür konnte er sich hier draußen seinen Gedichten widmen, er konnte seine Musik machen, hier konnte er wieder frische Luft atmen, hier wurde er nicht verletzt, und niemand konnte ihm weh tun. Auch wenn es am Anfang hart gewesen war, sich der Natur als einzigem, aber manchmal sehr hartem Gesetz unterzuordnen. Aber es tat trotzdem gut, im Einklang mit der Natur zu leben, sich für den Eigenbedarf alles selbst anzubauen, den Kosmos, die Schöpfung stundenlang in sich einzuatmen, in sein Bewusstsein aufzunehmen, den Geist schweben zu lassen.
     Wieder fiel ihm dieses eigenartige, hochfrequente Summen auf, das er sich nicht erklären konnte. Er beschloss, in seine Hütte zurückzugehen und ein kraftvolles Weizenfrühstück zu sich zu nehmen. Vielleicht bildete er sich das Summen auch bloß ein. Langsam schlenderte er zwischen den Obstbäumen zu seiner Hütte zurück. Als er gerade über die Türschwelle treten wollte, hörte er plötzlich eine männliche Stimme hinter sich.
     »Verzeihung, Herr Amun, bitte erschrecken Sie nicht. Wir wollen nur ein wenig mit Ihnen reden.«
     Er drehte sich ruckartig um, aber es war niemand zu sehen.
     ,Heute ticke ich aber wirklich nicht richtig’, dachte er bei sich.
     »Oh doch, Sie ticken schon richtig«, sprach jetzt eine weiblich klingende Stimme. »Nur sind wir so unverschämt, Sie hier in Ihrer Idylle und Morgenandacht zu stören«.
     ,Oh Gott’, dachte er, ,das klingt ja wie die Litanei von einem Bibelfritzen’. Dennoch flößte ihm die weibliche Stimme Vertrauen ein.
     »Was ist heute bloß los mit mir?«, sprach er jetzt zum ersten Mal laut vor sich hin. »Wer oder was will mich hier zum Narren halten?«
     »Niemand will Sie zum Narren halten. Wir kommen von einer weit entfernten Zivilisation und wollen etwas über Ihre Spezies und die Welt erfahren, in der Sie leben.«
     ,Heiliger Strohsack’, dachte Amun, ,wenn ich das mal verarbeitet haben sollte und darüber ein Gedicht schreiben kann, dann muss es Ginsbergs »Howl« bei weitem übertreffen.’
     Er starrte in die Richtung, aus der die Stimmen gekommen waren.
     »Und warum zeigt ihr euch nicht, wenn ich fragen darf?«
     »Reine Vorsichtsmaßnahme. Wir wollen keine unüberlegten Reaktionen Ihrerseits provozieren. Schließlich können wir nicht wissen, wie Sie auf unseren Anblick reagieren würden.«
     Amun nickte.
     »Ist wahrscheinlich besser so. Wenn da jetzt ein paar grüne Männchen vor mir stünden, würde ich vielleicht glauben, den Verstand verloren zu haben.«
     »Eben. Und weil wir das nicht riskieren und damit unsere Mission gefährden wollen, müssen Sie sich mit unseren Stimmen begnügen.«
     Das leuchtete Amun ein.
     »Na gut. Dann kommt mal rein und lasst hören, was ihr wissen wollt. Darf ich euch ein Frühstück anbieten?«
     »Danke. Aber wir ernähren uns autotroph. Wie die Pflanzen hier auf diesem Planeten. Wir können also den Energiebedarf für unsere Körper direkt aus dem Licht von Sternen gewinnen. Jetzt versorgt uns gerade das Zentralgestirn eures Planetensystems, das ihr ‚Sonne‘ nennt, mit Energie.«
     »Vielen Dank für die Ausführungen. Kommt trotzdem rein. Das Ozonloch macht uns hier nämlich ziemlich zu schaffen. Die UVB- Strahlung kann relativ ungehindert die Erde erreichen und schadet unseren Augen und unserer Haut. Und ich will nicht mit fünfzig an Hautkrebs sterben.«
     »Kann ich gut verstehen. Unsere Vorfahren hatten das
gleiche Problem. Übrigens, mein Name ist Xera. Und mein Partner heißt Zubus. Wir werden uns jetzt mal hier auf diese Couch setzen, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Dann können wir zumindest so etwas Ähnliches wie eine persönliche Kommunikation betreiben.«

Robert Schiff: Spinne. Öl auf Leinwand

     »Ist gut. Mein Name ist Amun - Mark Amun, aber das wisst ihr ja bereits. Ist irgendwie ein beunruhigendes Gefühl, sich vorzustellen, dass ihr mein Gehirn anzapfen könnt. Wenn wir Menschen dazu imstande wären, würde es unsere Spezies vielleicht gar nicht mehr geben, weil wir einander auf Grund unserer bösen Gedanken wahrscheinlich schon längst alle gegenseitig umgebracht hätten.«
     »Ihr Menschen scheint überhaupt eine sehr konfliktfreudige und destruktive Art zu sein. Wir haben mit unseren Messgeräten weite Gebiete der Zerstörung geortet«, meldete sich jetzt wieder Xera zu Wort. »Auf bewohntem wie auf unbewohntem Gebiet.«
     Amun seufzte.
     »Da haben Sie leider Recht. Um es mit den Worten des Schriftstellers Charles Bukowski zu sagen: ,Die Menschheit hatte von Anfang an nicht das Zeug dazu’. Und ich bezweifle stark, dass sie das jemals haben wird. Wenn sie sich nicht vorher selber ausrottet. Ich habe letzte Nacht ein Gedicht geschrieben, das sich mit den Zuständen auf diesem Planeten beschäftigt. Das werde ich euch mal zeigen, damit ihr wisst, welches die größten Probleme auf der Erde sind. Würden Sie, Xera, es bitte vorlesen? Sie haben so eine angenehm klingende Stimme.«
     »Gerne“, hörte er Xeras Stimme sagen, und für einen kurzen Moment versuchte er sich das leicht errötende Gesicht einer schönen Frau vorzustellen.
     Amun ging das Blatt Papier holen, auf dem er letzte Nacht das Gedicht niedergeschrieben hatte, legte es auf den Couchtisch und setzte sich wieder in seinen bequemen Schaukelstuhl.
Ein paar Sekunden später vernahm er Xeras Stimme:

       »es wird einmal...gewesen sein

       irgendwann in ferner zukunft
       oder auch schon morgen
       werden kleine bunte männchen
       auf unserer erde landen und bemerken
       dass sie nicht die einzigen lebewesen
       in der unendlichkeit waren
       und dass wir drauf und dran gewesen wären
       den mond zu besiedeln und den mars
       und dann werden sie betroffen feststellen
       dass die höchstentwickelten
       geschöpfe dieses planeten
       ihre eigene luft zum atmen vergiftet haben
       und dass sie ihr trinkwasser
       verseucht haben und die böden
       aus denen sie ihre nahrung bezogen
       und die kleinen bunten männchen
       werden sich die frage stellen
       ob der ‚primitivste‘ einzeller
       nicht mehr hirn gehabt haben muss
       als die spezies homo sapiens philosophicus
       oder kennt ihr ein tier
       das ins eigene nest scheißt?«

     Als Xera geendet hatte, herrschte eine ganze Weile Schweigen.
     Amun nahm die Unterhaltung wieder auf.
     »So siehts auf unserem Planeten also aus. Nicht gerade rosige Aussichten, was? Aber das wirklich Schlimme daran ist - wir sind in wirtschaftliche und politische Systeme verstrickt, die kaum ein Entrinnen aus dieser Misere möglich machen. Die Lebens- qualität fast aller Menschen hängt davon ab, wieviel sie in ihrem Leben davon zusammenraffen können.«
     Bei diesen Worten ging Amun zu seinem Schreibtisch, holte ein paar Papier- und Metallstücke aus einer kleinen selbst geschnitzten Holzdose und legte sie auf den Couchtisch.
     »Das ist der Götze der Menschheit. Geld. Für Geld wird bei uns alles gemacht. Für Geld wird gearbeitet, für Geld wird gestohlen, gelogen und betrogen. Für Geld wird sogar gemordet. Für Geld verkaufen Menschen ihre Körper, sie werden versklavt, unterdrückt, willenlos gemacht. Für Geld werden Kinder vernachlässigt und Familien zerstört. Für Geld wird Lebensqualität geopfert und die Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Für Geld versuchen wir uns die Natur und mit ihr all ihre Lebensformen untertan zu machen - kurz gesagt: Geld regiert bei uns die Welt.«
     »Tja, das klingt alles sehr traurig«, meinte Zubus. »Bei uns war es mal sehr ähnlich. Der einzige Unterschied ist, dass man für gezüchtete Kristalle in allen möglichen Farben und Formen alle anderen Dinge bekommen konnte. Man konnte auch andere Lebensformen damit erwerben, um dann mit ihnen machen zu können, was man wollte. Es war eine grausame Epoche in der Geschichte unseres Planeten. Ich bin froh, dass wir dieses System überwunden haben. Aber das ging natürlich nicht ohne Veränderungen vor sich, bei denen fast alle bis dahin bekannten und gewohnten Strukturen aufgegeben und allmählich durch neue Formen des Zusammenlebens und des Daseins ersetzt wurden.«
Amun nickte zustimmend.
     »Und das hat mich auch vor ein paar Jahren dazu veranlasst, einen radikalen Schlussstrich unter mein sicheres, aber ödes Leben zu setzen, bei dem ich nicht mehr ohne schlechtes Gewissen in den Spiegel schauen konnte, bei dem ich mich bereits vor mir selbst ekelte. Es ging nur mehr um die Anhäufung von Geld, Geld und noch mehr Geld.«
Amun machte eine kleine Pause.
     »Ich konnte nicht mehr schlafen, hatte Angstzustände, Schweißausbrüche und Herzrhythmus-Störungen. Schließlich versuchte ich, diese Symptome mit Alkohol und Nikotin zu bekämpfen, was mich nur noch weiter in den Kreislauf von Abhängigkeiten und Suchtsymptomen geführt hat. Und das alles nur deswegen, weil in unserem System einer den anderen bescheißen muss, um in bessere gesellschaftliche Stellungen und berufliche Positionen zu kommen, die allesamt mit Geld, Macht, Einfluss und Ansehen verbunden sind. Allesamt oberflächliche Dinge, die den Menschen dahinter komplett verdecken. Der Mensch als solcher zählt bei uns kaum noch, jeder muss irgendetwas sein, sonst wird er von der Gesellschaft verachtet und als Schmarotzer oder Nutznießer betrachtet.«
     Amun ließ seinen Blick durch die kleine Hütte schweifen, in der es nur die zum Leben notwendigsten Dinge gab.
     »Wir sind sogar so blöd, uns mit dem Geld Dinge zu kaufen, die wir zwar nicht unbedingt brauchen würden, die uns aber eine mächtige Werbeindustrie mit allen möglichen Tricks schmackhaft zu machen versucht. Außerdem können wir damit den Mitmenschen unseren sozialen Status zeigen, wir können ihnen zeigen, wie erfolgreich wir angeblich sind, und damit unsere eigenen Minderwertigkeitsgefühle bekämpfen. Mit diesem Arbeits- und Konsumverhalten hält jeder Einzelne diese Tretmühle am Laufen, in der sich jedoch viele Menschen wünschen würden, nicht ein unpersönliches und auswechselbares Rädchen zu sein. Wer aber einmal zu denken anfängt und aus diesem System auszuscheren versucht, der kann sich sehr schnell auf der Straße wiederfinden. Die Armut ist trotz des Wohlstands erschreckend hoch. Es ist alles sehr ungleich verteilt. Außerdem gibt es auf unserem Planeten Länder, wo sich jeden Tag durchschnittlich vier oder fünf Menschen das Leben nehmen. Da muss doch irgendetwas grundfalsch laufen.«
     Amun atmete tief durch.
     »Natürlich gibt es auch ein großes Aufbegehren gegen dieses System. Zumeist werden solche Proteste künstlerisch aufgearbeitet und umgesetzt. Es wird dagegen angesungen, angemalt, angeschrieben. Vor allem die Jugend der westlichen Welt hat in den letzten fünfzig Jahren als Reaktion auf einen großen und etliche kleinere Kriege Gegenkulturen entwickelt, die Alternativen zum Verhalten der sogenannten etablierten Gesellschaft zeigen sollen, aber sobald die Fahnenträger solcher Bewegungen selber vom System geschluckt werden, verstummen die Proteste. Ideale sind in unserer Welt rar geworden - dafür kann man sich eben nichts kaufen...«
     Amun musste wieder tief Luft holen. So lange Vorträge war er nicht mehr gewohnt. Die hatte er zuletzt vor ein paar Jahren seinen Untergebenen und seiner Frau gehalten.
     »Was sagt ihr eigentlich zu all dem?«
     Stille.
     »Seid ihr überhaupt noch da?«
     Nichts rührte sich.
     Amun strich sich über seinen struppigen Bart. Er überlegte, ob er nicht doch wieder einmal unter Menschen gehen sollte, um nicht verrückt zu werden.
     Dann ging er zu seiner Schreibmaschine und spannte einen frischen Bogen Papier ein.

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