|
Zu Ion Barbus Gedichtzyklus »Nebenspiel« in dieser cet-Ausgabe
»Hier bin ich nun in der Stadt, in der Descartes und Rembrandt zu gleicher Zeit lebten ohne einander gekannt zu haben. Weshalb kann der Künstler und der nüchterne Mensch nicht in jedem von uns beisammen wohnen ohne sich zu bekämpfen?«
Ion Barbu, in: Rosetti Al. (Hrsg.), Barbiana III, Luceafarul 39, 1967.
Die entscheidende Frage, die Barbu während seiner frühen 'Wanderjahre' in Amsterdam beschäftigte, könnte kennzeichnend als Motto über seinem Gesamtwerk - dem dichterischen und dem mathematischen - stehen. Dem Dilemma von Barbus doppelter Berufung - einer lyrischen und der mathematisch- wissenschaftlichen, die er in seinem dichterischen Werk einer Versöhnung zuführen wollte - verdankt nämlich die rumänische Literatur jene unter dem Pseudonym Ion Barbu bekannt gewordene Dichtergestalt, die zusammen mit Arghezi und Bacovia der rumänischen Lyrik nach der auf den Tod Eminescus folgenden Stagnation neue Wege in die literarische Moderne wies. Aber auch die rumänische Mathematik hat in seiner Person einen international anerkannten Wissenschaftler gewonnen, der Verfasser eines unter seinem eigenen Namen Dan Barbilian erschienenen monumentalen mathematischen Werks ist, das in der Erforschung der Räume unter der Bezeichnung Barbilianische Räume gipfelt. Das im letzten viertel Jahrhundert zunehmende literarische Ansehen Barbus basiert auf einem in knapp 15 Jahren entstandenen schmalen, aber aufs höchste konzentrierten Werk. Dieses Œuvre - mißt man es an seinem nachwirkenden dichterischen Einfluß und an den Reaktionen der kritischen Nachwelt (der Umfang der Barbuschen Sekundärliteratur ist beeindruckend und ihre Aufführung würde den Rahmen dieser Vorstellung sprengen) - gewinnt immer mehr an Bedeutung, die von der dem mathematischen Werk zukommenden keineswegs überschattet wird.
Der im Jahr 1895 im muntenischen Städtchen Cîmpulung Muscel geborene Sohn Dan des Richters Constantin Barbilian und der Smaranda Soiculescu, Tochter eines Staatsanwalts, fühlt sich zur Mathematik berufen. Er gewinnt einen Preis bei einem von der Gazeta matematica ausgeschriebenen Mathematik-Wettbewerb und findet im gleichen Jahr zur »Flamme der Dichtung«, die sich für ihn bald zur Leidenschaft entwickeln wird. Sein Studium der Mathematik an der Bukarester Universität wird vom Ersten Weltkrieg unterbrochen (er leistet seinen Militärdienst zwischen 1916-18 ab). Auf sein literarisches Debüt in Macedonskis Literaturzeitschrift Literatorul folgt die lobende Vorstellung des jungen Dichters unter dem vom Kritiker E. Lovinescu gewählten Pseudonym in dessen Literaturzeitschrift Sburatorul. Die lyrischen Anfänge Barbus sind pseudo-parnassianisch (Beschwörung eines unpersönlichen mineralen und vegetalen Universums in Gedichten wie Der Baum, Die Gebirge, Lava, Packeis, Der Fluß). Der Absolvent des Instituts für Mathematik der Bukarester Universität legt seinem Professor G. Titeica 1921 zwei Arbeiten vor, in denen er als erster in der Welt die Axiomatisierung der algebraischen Geometrie versucht und bedeutende Ergebnisse darin erzielt. Der Professor, der die Arbeiten der Zahlentheorie zuordnet, erwirkt zu Barbus wissenschaftlicher Förderung ein Stipendium in Göttingen. Auf großen Umwegen, um möglichst viel von Europa zu sehen, bricht Barbu zu seinem Promotionsstipendium auf. Da ihm die versprochene finanzielle Unterstützung aufs weitere nicht gewährt wird, macht er sich von den Plänen seiner Entsender unabhängig, hört die Vorlesungen des großen Axiomatikers David Hilbert, läßt sich vom Geist Gauß' und Riemanns durchdringen und gibt sich eingestandenermaßen voll der »literarischen Dämonie« hin, zu derer Vertiefung er einen »Cartesianischen Wahrhaftigkeitsdrang und die flammende Leidenschaft eines Seefahrers« mitbringt. In dieser Äußerung verbirgt sich bereits seine neue poetische Auffassung, der zufolge »Schöpfung jeder Transzendenz bar« und »eine lange und ununterbrochene (bewußte oder unterschwellige) Anstrengung zur Integration sei, die berufen ist, alles zu korrigieren, was das Leben ansatzweise, schematisch enthält«. Der ausschöpfenden Entfaltung dieses Gedankens zieht er aber vorerst noch die Studentenbohème, den Genuß des Alkohols, der Drogen und sexuellen Freuden vor. Die Niederschrift der Dissertation wird immer wieder hinausgeschoben. Wie eines seiner Vorbilder, Rimbaud, der alle seine Sinne mit Schockwirkungen erregte und mit den eigenen Sinnen experimentierte, will auch Barbu Herr aller Erfahrungen sein. Den lyrischen Versuchen dieser Jahre, sich mit den nördlichen Landstrichen zu identifizieren, widerstrebt seine vom Süden geprägte Persönlichkeit. Er fühlt sich einsam im fremden Land unter »Menschen, die kaum lachen und nichts Böses tun«. Sein heiteres Wesen, das den heimatlichen Sinn für Humor vermißt, treibt ihn in die Opposition zum prüden, übersättigten protestantischen Leben, das er als fad und schal empfindet. Daher greift er auf seine heimatliche Erinnerungswelt zurück und entwickelt im Land der rationalen Geistigkeit, das mit »Lettern, die spitzen Türmen gleichen« »militärisch herrschte«, eine farbenprächtige und lichtüberflutete Vision des morgendländischen Balkans. Diesem Geiste entspringen 1921 die Gedichte Selim, Nasreddin Hodscha bei Isarlük und Fräulein Hus. Die Prinzipien der frühen pseudo-parnassianischen Technik der Versifikation treffen hier mit dem neuen Folklorismus, mit Märchenhaftigkeit, farbiger Formulierung und dem Hang zur Anekdote zusammen, es zeichnet sich aber auch eine neue Neigung ab: jene zur Gedankenlyrik. Das folgende Jahr, das Barbu im Zeichen der Meditation und philosophischer Vertiefung verbringt, ist mit dem Wechsel nach Tübingen verbunden, wo er seinen Jugendfreund Tudor Vianu wiedertrifft. Barbu sucht weiterhin in dem dionysischen Wellengang seines Elans die beruhigenden Visionen der apollinischen Extase. Dies ist der Weg von Novalis' Visionen (der den Traum als schöpferische Tat - Selbstbegattung - auffaßt) und der von Coleridge, der zum Erreichen des Zustandes des wachen Traums zu Opiaten greift. Die 'Experimente' mit Morphium, Äther und Kokain erwiesen sich aber als selbstzerstörerisch und erbrachten ihm den Beweis der Unhaltbarkeit dieses Weges. Nach einer Liebesenttäuschung in die Depression gefallen, will er in einen Orden eintreten (wovon ihn nur ein energisches Telegramm der Eltern abhalten wird), sein Zustand wird kritisch und die Rettung konnte nur noch von außen kommen - in der Person von Gerda Hossenfelder, Tochter eines Cottbuser Arztes, um deren Hand Barbu gleich am zweiten Tag ihrer Bekanntschaft anhält. Unter dem Einfluß dieser neuen Beziehung macht Barbu mit seinem bisherigen Lebenswandel ein Ende, und der verlorene Sohn kehrt 1924 ohne abgeschlossene Dissertation nach Hause zurück, um die finanzielle Basis für seine Familiengründung zu schaffen. Die Erkenntnis, daß das durchschrittene Rimbaudsche Inferno »eine irrtumbelastete Periode« war, gibt seiner Schöpferkraft neuen Impuls. In diesem Zustand der Reue und der übersteigerten Spannung entstehen im schnellen Hintereinander Gedichte der Umsetzung des Erlebten: Eine ätheromanische Person; das Dionysische wird gestrafft im Hinblick auf eine Askese in Riga Crypto und die Lappin Enigel, Auf Schneckenjagd, Der Pfau, Rhythmen für die notwendigen Hochzeiten, Uvedenrode, Erscheinung.
In den zwischen 1921-25 entstandenen Gedichten, die dem übersetzten Zyklus Nebenspiel des gleichnamigen Bandes zugeordnet werden, dominieren die Gegensatzpaare, wobei jene anfänglich der Gesinnung und der Affektivität zuzuordnende (Sympathie/Antipathie, Glück/Unglück, Frau/Weibchen) sich allmählich in die Richtung symbolisch-gnostischer Opposition verschieben (Erkennntis/Nichterkenntnis, virtuelle Existenz/reelle Existenz, sensoriell/spirituell). Diese Gegensatzpaare bilden durch Annäherungen mittels Symbolen allmählich ein hierarchisches System. Das bis zum Sommer 1925 herauskristallisierte gestaffelte Bedeutungssystem basiert auf der Axiomatik und dient als Beziehungsraster in der Beurteilung der Ergebnisse des erkennenden Geistes. Die methodische Frage, wie die beste Beschreibung dieses Beziehungsrasters zu bewältigen sei, löst Barbu ebenfalls mit Hilfe der Mathematik: der Methodologie der gruppentheoretischen Invarianten von Felix Klein. Jedes Gedicht kann einem der 6 globalen Invarianten zugeordnet werden, die das Geschöpf über die Stufen der Existenz und der Erkenntnis beschreitet und die metasprachlich mit Auflösung, Einweihung, Sensorialität, Intellekt, kosmische Hochzeit und Absolut bezeichnet werden können. Die nun entstehenden Gedichte Erscheinung, Erlöstes Brennen, Heiliges Holz und Modus begleiten das Geschöpf nicht mehr wie bisher, auf allen Stufen seines Werdens, sondern sie beschränken sich auf die vertiefte Analyse einer einzigen Erkenntnisstufe, einer einzigen Erkenntnismöglichkeit des Universums.
Nach seiner Eheschließung mit Gerda Hossenfelder im Sommer 1925 übernimmt Barbu im Herbst des gleichen Jahres vertretungsweise die Stelle eines Gymnasiallehrers und läßt sich bald nach Bukarest versetzen. Er arbeitet intensiv an der Fertigstellung der Gedichte, die die Zyklen Isarlük und Uvedenrode bilden und 1926 entstehen die noch fehlenden Gedichte des Bandes Joc secund (Nebenspiel). Die Gedichtpaare Tor und Erlöstes Brennen, Aura und Modus sowie Heiliges Holz (Analysen der sensoriellen Erkenntnis) verkünden den neuen Stil. Jetzt wendet Barbu konsequent poetische Techniken an, die er von der mathematischen Methodologie herleitet: jedem Thema nähert er sich parallel, doppelt und im System der Beobachtung konzentriert er sich auf die kritischen Punkte des Beziehungsnetzes. Diese Auffassung ergibt auch die Reihenfolge der einzelnen Stücke. Gruppe bestimmt den Ausgangspunkt des Systems, das »Gefängnis Gäas«. Klang formuliert die Barbusche dichterische Technik. Gestalt befaßt sich mit der Frage der sich aus den Möglichkeiten entfaltenden Verwirklichung. Ungezeugt wird zum Paargedicht von Gestalt. Die zusammenhängende Reihe von Zeichnung für ein Zelt, Begleitete Seele, Stern der Hymne, Abendsäume und Legende läßt die Möglichkeiten der intuitiven Erkenntnis Revue passieren. Planetenbahnen liefert den Schlüssel des Systems. Edikt wird zu Barbus düsterer Schlußfolgerung: die idealisierte Einheit der echten Ratio und der Intuition läßt sich nirgendwo verwirklichen. So setzt Barbu fort, »mit jedem Stück substantiell unbestimmte Existenzen« in Anschlag zu bringen: »behutsame Gänge um einige Kuppeln - die wenigen polyederhaften Vollkommenheiten«. Den Akt der Schöpfung schließt Barbu ab mit der Überarbeitung von Der Ertrunkene und dem titelgebenden Der Stunde abgewonnen - dem Programm der neuen poetischen Kunst. Das zeitlich und räumlich indeterminierte Universum des Zyklus Nebenspiel ist das abstrakteste und zugleich das reichste (das »kanonische Modell«), denn es öffnet eine sehr weite Perspektive, die verschiedene Doktrinen zusammenfassen kann, statt eine einzige auszudrücken. Diese Forderung wurde zum Selektionskriterium für die Aufnahme der Gedichte in den Band: die eingeordneten widerspiegeln kraft ihres Abstraktionsgrades synthetisch eine ganze Tradition: jene Griechenlands. Nun belädt Barbu die Beziehung der Gedichte untereinander und die Strukturen des Bandes mit Bedeutung. Die Gedichte erhalten eine strukturelle Reihung (der sich auch die Zyklen Isarlük und Uvedenrode unterordnen) und wiederholen nun auf der Ebene des Gedichtzyklus die gleichen Invarianten wie auf der Ebene der Lexik (V + 1 Stufe, s. o.). So verhält sich der Makrokosmos des poetischen Universums des Bandes (Basiselement: Gedicht) analog zum Mikrokosmos des poetischen Universums (Bedeutung der Wörter) und die Information erhält eine intentionelle Erweiterung, wodurch der Schlüssel des Werks auf die Ebene des Bandes verlegt wird: durch den Isomorphismus von Makro/Mikrokosmos wird die informe Masse der Zeichen zu einem »reineren Nebenspiel«.
Ab 1926 wird Barbu auf persönliche Einladung von Professor Titeica zum Assistent am Lehrstuhl für Analytische Geometrie der Bukarester Universität ernannt.
1927 ist der Band - poetische Entsprechung eines vernunftbetonten, mathematischen Denkens, ein Nebenspiel des »möglichen Schönen« - in großen Zügen abgeschlossen. Der bald laut gewordene kritische Widerhall wird im Folgenden Barbus lyrischen Werdegang entscheidend beeinflußen. Der Artikel seines Mentors Eugen Lovinescu in dessen Rumänischer Gegenwartsliteraturgeschichte setzt ihm besonders zu. Über die Kaffeehaus-Debatten hinaus sieht er sich veranlaßt, seinen Standpunkt in einer Serie von polemischen Artikeln und in der Bekenntnisschrift Pro domo zu verteidigen, die ihm den Vorwurf »aristokratischer Arroganz« sowie die Abstempelung seiner Lyrik als hermetisch eingebracht haben. Der Umstand, daß sein schmales Gedichtbuch Auf Schneckenjagd vom Verlag 1921 als »Kindergedicht« herausgebracht worden war, daß eine ganze Reihe junger Dichter bei der Veröffentlichung des ersten Gedichts des Bandes (Der Stunde abgewonnen) in Barbus Poetik eine quasi automatische, leicht nachzuahmende Technik sahen, sowie die Tatsache, daß gerade der Rationalismus dieses rationalen Dichters in Frage gestellt wurde, zeigt, mit welchem Unverständnis die literarische und kritische Gegenwart Barbu gegenüberstand, dessen prinzipielle Stellungnahmen immer wieder als Beleidigungen aufgefaßt wurden. Barbu betont wiederholt seine Auffassung von der dichterischen Innovation, vom Modernismus: »Dieser Ausdruck, der auf die Lyrik bezogen einer Schmähung gleichkommt, deckt nur einen sekundären Aspekt der von der Dichtung vor kurzem verwirklichten Läuterungs- und Verdichtungsprozeß ab«. Barbu faßt die dichterische Innovation als »den Wiedergewinn des Sinns der vergessenen Schönheit durch einen inneren Erinnerungsprozeß« auf - eine Erneuerung, die neben der des großen Proustschen Experiments zu situieren ist. »In der Wiederbelebung des geheimnisvollen Combray mittels aktiver Reminiszenz und im Bestreben der hohen Lyrik, einen nicht-historischen, anders wahren Hellenismus zu gründen - jenen, der im geometrischen Denken von Eudoxus und Apollonios präsent war und in der Pindarschen Ode seinen Ausdruck fand - offenbart sich nämlich der gleiche beharrliche und dringende Wettstreit mit dem gewöhnlichen Fortbestand« um das Überdauern im Lichte einer »gewollten Sonne«.
Barbu zieht sich nach und nach zurück, befaßt sich mit der Vorbereitung seiner Dissertation zur Drucklegung. Es kann nicht von Ungefähr sein, daß er jetzt seine gegen das unproduktive Heer der Verfechter der »mechanischen Ratio« und der »steifen Stubenwissenschaft« gerichteten Gedichte Dioptrie und Jahrhundert schreibt, in denen das Epithet der geistigen Existenz »eisig« durch »gebrannt« und »Asche« ersetzt wird, denn die »Sonne, niedergeronnen an den Kanten« (ist) »Trauer«. Der Aufsatz Faule Poesie ist das schmerzhafte Dokument des Abrechnens mit der Poesie. Er brandmarkt die Gegenwartslyrik als faul, weil sie der »geometrischen« Stufe der Intentionalität, der intellektuellen Planung bar ist, die seiner Meinung nach die echte Dichtung kennzeichnet.
1929 erlangt Barbu nach glänzender Verteidigung seiner Dissertation die Doktorwürde. Dan Barbilian macht sich einen Namen auf dem Gebiet der Mathematik. Er pflegt den Kontakt zu deutschen Fachkollegen, nimmt bis zum Zweiten Weltkrieg an internationalen Kongressen teil und hinterläßt ein monumentales mathematisches Werk.
Die Wahrnehmung der Aussichtslosigkeit seines Kampfes mit der ihn umgebenden Verständnislosigkeit veranlaßt Barbu zur Aufgabe seines lyrischen Schaffens. Öffnet sich ihm aber in der folgenden Zeit die Gelegenheit, mit verständigen und vorurteilslosen Lesern zu kommunizieren, knüpft er immer wieder an den abgerissenen Faden der Lyrik an und widerlegt die falsche Mythen über seinen Aristokratismus. Der Gedichtband Nebenspiel erscheint 1930. 1942 folgt die Ernennung zum Professor am Lehrstuhl für Algebra der Bukarester Universität.
In der auf die Instaurierung des kommunistischen Regimes folgenden Zeit wird Barbu eine Neigung zu Mystizismus und Hermetismus angekreidet, seine dichterischen Erkundungen werden als »perspektivelos« bezeichnet und wie andere große Gestalten der rumänischen Literaturgeschichte (Blaga, T. Arghezi, u. a.) wird er auf das tote Gleis gestellt. Erst die relative Liberalisierung unter Ceaucescu in den 70er Jahren erbrachte seine post-mortem-Rehabilitierung.
Der Begründer der rumänischen Axiomatik, Verfasser eines einzigartigen dichterischen Œuvres unter dem Zeichen einer »strengen und innigen Leidenschaft«, stirbt am 11. August 1961.
Ein Grundstein für die Erschließung von Barbus poetischem Universum stellt der große Einfluß Griechenlands dar, zu dem er über die Lektüre Nietzsches gelangt. Dabei grenzt er sich jedoch sowohl von der akademischen, dekorativen Betrachtung der Parnassiens als auch von Nietzsches Auffassung ab: er sucht »ein direkteres Griechenland, eine schlicht moralische Hypothese, aus der sich eine zivilisatorische und kreative Norm ableitet«. Belege zu Barbus Griechenland-Auffassung bieten reichlich seine Bekenntnisse. Eine letzte, degradierte Daseinsform Griechenlands - ein »Dekadenz-Griechentum« - findet Barbu im Balkan. Von dieser Auffassung legen die balkanischen Gedichte - Ergebnis seines Erkundungswegs »im heiligen Strahl Alexandriens« - Zeugnis ab, aber auch vom Gefühl, hier einer spezifisch morgenländischen moralischen »Ordnung« gegenüberzustehen. Der griechische Geist, der sich nicht nur mythisch, in Fabeln, sondern auch direkt, in Theoremen ausdrückt, führt ihn zur Erkenntnis, daß »das Tor, durch das die griechische Welt erfaßbar wird [...] nicht obligatorisch das Theorem ist. Die griechische Geometrie ist ein breiteres Tor, durch das das Auge eine trockene, aber essentielle Landschaft erfaßt«. Die Norm für Barbus Griechenland-Auffassung ist jene, die ihre Vorstellungen läuterte, bis aus den griechischen dialektischen Kontroversen die Kunst der Beweisführung, die Axiomatik entstand. Euklid, Gründer des axiomatischen Denkens wird Ursprung und Grenzwert. Er wird zu Barbus Ideal in der Gründung der ideellen Wahrheiten und in der Sicherheit der Beweisführung.
Nachdem sich Generationen von Interpreten und Herausgebern mit dem Werk Barbus befaßten, wurde Barbus bislang mißachtete Maßgabe und Warnung verstanden: »Niemand ist dazu berechtigt, sich von mir beeinflußen zu lassen, wenn er kein Geometer ist und wenn er auf eigene Faust (und im gleichen strengen Geiste wie ich) die esoterischen Experimente, die meiner Poesie zu Grunde liegen, nicht nachvollzogen hat«. Es wurde offensichtlich, daß nur eine exhaustive Betrachtung des Werks (einschließlich des mathematischen sowie der bekenntnismäßigen Äußerungen und der kritisch-essayistischen Literatur) Aufschluß über Barbus in Poesie umgesetzte Geometrie-Auffassung geben und die frappierende Einheit einer geistigen Haltung aufdecken kann. Daher könnte die semantische Analyse des ungarischen Mathematiker-Dichters György Mandics, der Barbu mehrere Aufsätze und zwei Bände widmete, einen interessanten Blickwinkel zur bedeutungsmäßigen Entschlüsselung von Barbus Dichtung darstellen.*) Manche Erkentnisse dieses mit Barbu geistig Verwandten haben ihren Eingang in die vorliegende Einführung gefunden. Mandics sieht im wesentlichen zwei Wege des Eindringens der Mathematik in Barbus Lyrik: a) als Konstruktionsmaterial auf der Ebene der Sprache, der elementaren Strukturen wie Metapher, poetische Bilder, Epithet (z.B. virgines Dreieck, einfache Gerade, Gruppen des Wassers, Quadrat der Tages, Abendkonusgefild, Kegel), der Darstellung (Gedichte, die dem Leben und Werk großer Mathematiker gewidmet sind, Allegorien, mathematische Isomorphismen usw.) sowie der Substanz und b) als Konstruktionsgrundsatz. Jener von Barbu angestrebte »helle Ort« in einem »hohen Punkt« der Geometrie, wo die Lyrik eins wird mit der Geometrie, ist in den Intervallen der Konstruktionsgrundsätze zu suchen, die Barbu folgendermaßen definiert: »Unter Poesie ebenso wie unter Geometrie verstehe ich eine gewisse Symbolik der Veranschaulichung der möglichen Existenzformen«. Aber es wäre verfehlt, Barbu zum mathematischen Dichter abzustempeln. Weit davon entfernt, dem Leser eingehende mathematische Kenntnisse abzuverlangen, läßt sich seine Lyrik als eine äußerst konzise und zeitlos schöne, in einer bis zur Perfektion polierten Sprache ausgedrückte Reflexion über die condition humaine auslegen.
Der geringe Umfang des Barbuschen literarischen Werks läßt sich auf die ungewöhnlich hohen Ansprüche dem eigenen Schaffen gegenüber zurückführen. Außer dem Band Nebenspiel (Joc secund, 1930) und dem Bändchen Auf Schneckenjagd (Dupa melci, 1921), besteht es aus Einzelveröffentlichungen von Gedichten, kritisch-essayistischen Prosaarbeiten, des weiteren aus Bekentnissen, Interviews und Korrespondenz mit selbstanalytischer Dimension und polemischen Kommentaren zur Gegenwartsdichtung, aus Bemerkungen zur Lektüre von Blaga, Arghezi, Al. Philippide, aus Erläuterungen zur Poetik von Novalis, Rimbaud und Moréas sowie zur Kunst der Paraphrase (Roderick Ushers Wache - Veghea lui Roderick Usher), des literarischen Porträts und des Aphorismus.
Eine Erklärung auf Barbus Verstummen wird heute noch gesucht. War die Quelle seiner dichterischen Inspiration versiegt? Hat der Dichter nach Erlangen einer Stufe der Dichtung, die die letzten Lösungen bot, seiner symbolischen Balkan-Gestalt Nasreddin Hodscha gleich, sicht selbst verzehrt? Oder aber hat er den Rückzug gewählt, weil das große Abenteuer der Umsetzung seiner Neigung zur Geometrie in die Geometrie der Poesie auf Unverständnis gestoßen ist? Tatsache ist, daß die Rezeption von Barbus Lyrik von der extremen semantischen Dichte, der Heterogenität der verwendeten Symbole (u. a. mathematischen, biblischen, philosophischen, astronomischen Ursprungs) und der fortschreitenden Hermetisierung der Sicht erschwert wird. Das von ihm vertretene Gedicht - »die bis zu dem Punkt geläuterte Welt, wo sie nur noch die Gestalt unseres Geistes spiegelt« -, erweist sich auch für den Übersetzer als eine »schwierige Freiheit«.
Deshalb vielleicht gibt es nur zwei vollständige Übersetzungen des Bandes Nebenspiel: Barbu Ion: Joc secund - Jeu second, übersetzt von Yvonne Stratt, Eminescu-Verlag Bukarest, 1973 (Übersetzung ins Französische) und Barbu Ion: Másodjáték, in: Mandics György, Harmad-játék, Facla-Verlag Temeswar 1977, S. 19-60 (Übersetzung ins Ungarische). Nachdichtungen einzelner Gedichte erschienen zuletzt in deutscher Übersetzung in Ion Barbu. Das dogmatische Ei. Kriterion Verlag Bukarest 1981 und im Am Abgrund aller Fernen. 6 rumänische Lyriker des 20. Jahrhunderts. Auswahl, Nachdichtung und Illustrationen von Wolf von Aichelburg, Verlag Südostdeutsches Kulturwerk München, 1995.
____________
*) Der eine Band, Ion Barbu »Gest închis« (Ion Barbu »Geschlossene Geste«). Eine Analyse des semantischen Universums des Bandes Nebenspiel von Ion Barbu, wurde von Julia Schiff aus dem Ungarischen ins Rumänische übersetzt und ist 1984 im Bukarester Eminescu-Verlag erschienen.
Zum Gedichtzyklus »Nebenspiel« von Ion Barbu
|