Michael Zoch, geb. 1966
in Braunschweig, wo er
heute lebt. Nach abgebro-
chenen Studium der Philo-
sophie, Publizistik und Ro-
manistik verschiedene
Jobs. Etliche Veröffentli-
chungen in Literaturzeit-
schriften, u. a. in »Wort-
spiegel«, ZEITschrift«,
»Federwelt«, »Dulzinea«,
und in Anthologien, u. a.
in »Begegnungen«, 2000.
Roman »Tiffany«, 1999.
www.members.tripod.com/ satyrius
 

Die Bilder in dieser cet-
Ausgabe sind von
Robert Schiff. 1934 in
Temeschburg/Rumänien
geboren, lebt er seit 1981
in München. Er hatte eine
Vielzahl von Ausstellungen
mit seinen Werken, u. a.:
Einzelausstellungen 1970,
1974, 1978 in Temesch-
burg; 1972, 1977 in Buka-
rest; 1981 in Köln; 2000,
2001 in München und
Traunreut. Hinzu kommen
etliche Gruppenausstel-
lungen. Robert Schiff ist
außerdem literarisch tätig
und veröffentlicht in Zeit-
schriften und Anthologien.
1994 erschien sein Roman
»Feldpost«. 1997 erhielt er
den 1. Preis der Nikolaus
Lenau Stiftung, Österreich
und 2000 war er 2. Preis-
träger des Banater Litera-
turwettbewerbs.

Debilia

Der Tag verinnt,
Stein der Himmel,
Starr und roh,
Wand nur mehr aus Waschbeton.
Gebannt in wirre Scheinellipsen
Der Blick auf Traumgerinnsel fällt,
Lahmgeleckt die Schmirgelzunge
An den Klippen dieser Zeit.
Brach nicht dort
Ein Mauerstück
Aus dem Rücken meiner Welt,
Platzte nicht wie ehedem
Ein brüchig Wortschwall,
Wahrscheinlichkeiten keimfrei trotzend,
Von kußlos schalen Bibberlippen?
In symetrisch klaren Klötzen,
Linientreu nach Leidensphasen,
Erinnerung den Weg versperrt,
Epochale Grundgesetze
Gebrannt aus Zorn und Utopie.







Beauté de la vie

Ruhe schöpfen aus den Wassern,
Stille, klarer noch als Tau,
Mit Kellen groß
Wie Gottes Pranken.
Und soweit dies Nebelahnen späht:
Sägen an der Sinne Thron!
Beim Herzschlagfinale
Den Schädel getaucht
In brodelnde Jauche
Hinab und hinan
Im Wirbel der Leeren,
Zur Krönung der Fläche.
Klammheimliche Klunkern
Als Fluchtpunkt des Scheins,
Geschmiedet aus Zähnen,
Ein halbes Gramm Mitleid
Gewogen, verbogen auf städtischen Waagen
Wippend in Takten nach tierischen Maßen,
Einheit für Einheit als Wunder erkannt.
Utopie jede Linie,
Verkatert von Psalmen,
Grunzend im Schlaf dem Moloch zum Trotz:
»Joie de Vivre, Joie de Vivre
Und jede Zeit hat ihren Namen!«







Festlich, lebhaft,
mit großer Vehemenz (Körperlied)

Ans Nervenkreuz
Der schwülen Nächte
Genagelt dieser Traum
Aus Brunft und Schweiß,
In welchem
Schatten sich
Zu Brüsten wölben,
Des Weltenschoßes
Schäumend Meere
Dem Dürstenden
Die Kehle fluten.
Kerngespaltet
Tausend Venen,
Zu einem Urstrom
Alle Adern
Im Rampenlicht
Des Jetzt
Verschweißt.
Vom Knochengrund
Fontänen zischen,
Hoch hinauf
Zum Dach des Seins,
Da in der
Sinne
Sieben Säle
Die Zellenschar
Zum
Tanzt
Sich neigt.

Robert Schiff: Frauenkirche. Öl auf Leinwand

Fördenblues

Keine Nutten weit und breit,
Nicht einmal ein rotes Licht
In Gassen die eh niemals Sonne
Noch Tage gesehen,
Wo immerfort Herbst
Und Brisen aus Stahl
Haut und Hoden zerschinden.
Taubenkot der ganze Himmel,
Im Wasser Möwenfedern
Auf öligen Schlieren,
Dann und wann ein rostender Kahn,
Der auch schon bessere Zeiten gesehn,
Vielleicht als die Nutten noch
In Scharen am Kai
Um Freier gebuhlt.
Mein Mädchen ist schön wie
Lange nicht mehr,
Kein Vergleich mit Möwen und Nutten,
Auch wenn sie beides zuweilen
Gern wäre (sagt es nicht weiter).
Sie trägt Trauer und Brautkleid
Zu gleichen Teilen,
Brünftige Witwe und künftige Braut,
Vernünftig verwundert
Wenn in den Po ich sie kneif.
Ein Riß in Wolken
Taucht sie in Gold
Ich schließe die Augen
Und denke an Schuhe,
Weltkrieg und Clint Eastwood
In Strapsen aus Blei.







Hinter dem Wind

Hinter dem Wind
Wohnt ein anderes Wir,
Dort wo Ping-Pong-Palaver
Den Sinn nicht zerschwatzt,
Kein Schauspielführer
Der Wahrheit
Sich brüstet.
Jenseits des Schalls
Wogt ein anderer Rauch,
Dort wo Freiwildgehege
Den Blick nicht versperren,
Kein Trittbrettfahrer
Die Wege
Verdreckt.
Hinter dem Mund
Schwebt ein anderes Wort,
Dort wo Keuschheitssymptome
Den Brand nicht ersticken,
Kein Lippenbekenntnis
Zu Asche
Verfällt.







Impression II

Vor mir der See,
Hinter mir die Zukunft ausgebreitet,
Von Eintagsfliegen
In Falten geworfen,
Samt und besonders
Befächelt von Krähen.
Ich auf Ich getürmt,
Verloren in Schwärmen
Dreister Libellen,
Die Sandelholz spucken
Ans Ufer der Stadt.
Im morschen Holz
Ein Löwe röhrt,
Dem längst der Mond
Schon spanisch scheint,
Nicht in diesem Land geboren.
Im Sog des letzten Segelbootes
Ein Hecht noch schnell nach
Wellen hascht,
Bevor auch dieser Sommertag
Zum Abendmahl
Die Pfoten kreuzt







Junge Hunde

Auf, auf Ihr jungen Hunde,
Keine Ziele, tausend Taten,
Gipfelstürmer,
Rauh, in Massen,
Kein wenn und aber
Kein Palaver,
Für die Katze
Analysen, Anekdoten,
Faserrisse, Venenknoten.
Heldenbalsam
Auf Geschwüre,
Die dem Joch der Nacht
Entwuchsen,
Tür und Fenster
Aufgestoßen
Rausgestürmt ins Herz der Welt,
Die alte Februarvisage
Geschmiegt an
Milde Junibrüste,
Und keiner wage
Gicht zu heucheln.
Vorbei die
Larvenepisode,
Hinfort die
Spiegelschattenantipode,
Frischer Wind
Im Schädelstübchen,
Brausepulverinjektionen,
Und zur Not
Ein Schluck
Lenor.







Lastenträger

So wuchte diesen Himmel ich
Auf morsche Schulterblätterreste,
Heimgekehrt vom In-Sich-Schweifen
In das Federbett der Zeit.
Ein letztes Bad nur noch
Im Branntweinfaß der Illusion
Laßt nehmen mich, den Knecht des Scheins,
Bevor zurück ins Fleisch
Die Stimme aller Stimmen ruft.
Will drehen mich in Schwindelkreisen
Ein letztes Mal auf jenen Brettern,
Die einer Welt die Welt bedeuten,
Arm in Arm mit Prima Donnen
Aus Gottes Fruchtbarkeitsballett.







Straßenszene

Hier ein Ideal, dort ein feuchter Traum,
Ein lüstern Morgenritual, vielleicht,
Scharen Kontobelege, in Ketten,
Liebesbriefe mit und ohne Belang,
Laken, Kissen, Lippen, natürlich spermabefleckt.
Ein Blick aus dem Fenster,
Kopfsteinpflasteroasen,
In Maßen betrampelt von Kleinstkarawanen,
Die Winter im Sommer des Herbstes,
Hungersnöte, in Folie verpackt,
Klamme Gedärme, erinnerungstreu,
Hübsch und häßlich, einerlei,
Im Taubenschlag des Neu-Realen.
Ein Makler bietet Werte feil,
In Zellophan, bakterienfrei und ungelogen,
Kandidaten überall, all überall
Auf den Tannespitzen, am Pranger, am Galgen.
In Demoskopien und bierselig schwitzend,
Auf Euren Kadavern.
Mädchen auch, mal so, mal so,
Blitzeblank die Schneidezähne,
Diskret geschwängert, nachgebessert
Die Haushalt, das Nagel, der Höschen.
Ein Preiskrieg mal und ab und zu,
Passiert, notiert, schon längst vergessen,
Nobel gepullitzt
Von Microsoft, Sony & Co. LTD.
Kaum ein Kind,
Kinder stinken und spielen im Dreck, SCHWEINE,
»Unsere Stadt soll sauber bleiben«,
»Keine Macht den Drogen«,
»Zukunft durch Leistung«,
Und zu Ostern kalte Eier.
Dann noch ein Rentner in riesterscher Ruhe
Auf einer Deutschen Bank aus
Recycelten Witzen,
Analphabetisch von Stoiber bis Waalkes
Über den Jordan, Michael und
Seine Kumpanen.

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