|
Debilia
Der Tag verinnt, Stein der Himmel, Starr und roh, Wand nur mehr aus Waschbeton. Gebannt in wirre Scheinellipsen Der Blick auf Traumgerinnsel fällt, Lahmgeleckt die Schmirgelzunge An den Klippen dieser Zeit. Brach nicht dort Ein Mauerstück Aus dem Rücken meiner Welt, Platzte nicht wie ehedem Ein brüchig Wortschwall, Wahrscheinlichkeiten keimfrei trotzend, Von kußlos schalen Bibberlippen? In symetrisch klaren Klötzen, Linientreu nach Leidensphasen, Erinnerung den Weg versperrt, Epochale Grundgesetze Gebrannt aus Zorn und Utopie.
Beauté de la vie
Ruhe schöpfen aus den Wassern, Stille, klarer noch als Tau, Mit Kellen groß Wie Gottes Pranken. Und soweit dies Nebelahnen späht: Sägen an der Sinne Thron! Beim Herzschlagfinale Den Schädel getaucht In brodelnde Jauche Hinab und hinan Im Wirbel der Leeren, Zur Krönung der Fläche. Klammheimliche Klunkern Als Fluchtpunkt des Scheins, Geschmiedet aus Zähnen, Ein halbes Gramm Mitleid Gewogen, verbogen auf städtischen Waagen Wippend in Takten nach tierischen Maßen, Einheit für Einheit als Wunder erkannt. Utopie jede Linie, Verkatert von Psalmen, Grunzend im Schlaf dem Moloch zum Trotz: »Joie de Vivre, Joie de Vivre Und jede Zeit hat ihren Namen!«
Festlich, lebhaft, mit großer Vehemenz (Körperlied)
Ans Nervenkreuz Der schwülen Nächte Genagelt dieser Traum Aus Brunft und Schweiß, In welchem Schatten sich Zu Brüsten wölben, Des Weltenschoßes Schäumend Meere Dem Dürstenden Die Kehle fluten. Kerngespaltet Tausend Venen, Zu einem Urstrom Alle Adern Im Rampenlicht Des Jetzt Verschweißt. Vom Knochengrund Fontänen zischen, Hoch hinauf Zum Dach des Seins, Da in der Sinne Sieben Säle Die Zellenschar Zum Tanzt Sich neigt.
|
|
Fördenblues
Keine Nutten weit und breit, Nicht einmal ein rotes Licht In Gassen die eh niemals Sonne Noch Tage gesehen, Wo immerfort Herbst Und Brisen aus Stahl Haut und Hoden zerschinden. Taubenkot der ganze Himmel, Im Wasser Möwenfedern Auf öligen Schlieren, Dann und wann ein rostender Kahn, Der auch schon bessere Zeiten gesehn, Vielleicht als die Nutten noch In Scharen am Kai Um Freier gebuhlt. Mein Mädchen ist schön wie Lange nicht mehr, Kein Vergleich mit Möwen und Nutten, Auch wenn sie beides zuweilen Gern wäre (sagt es nicht weiter). Sie trägt Trauer und Brautkleid Zu gleichen Teilen, Brünftige Witwe und künftige Braut, Vernünftig verwundert Wenn in den Po ich sie kneif. Ein Riß in Wolken Taucht sie in Gold Ich schließe die Augen Und denke an Schuhe, Weltkrieg und Clint Eastwood In Strapsen aus Blei.
Hinter dem Wind
Hinter dem Wind Wohnt ein anderes Wir, Dort wo Ping-Pong-Palaver Den Sinn nicht zerschwatzt, Kein Schauspielführer Der Wahrheit Sich brüstet. Jenseits des Schalls Wogt ein anderer Rauch, Dort wo Freiwildgehege Den Blick nicht versperren, Kein Trittbrettfahrer Die Wege Verdreckt. Hinter dem Mund Schwebt ein anderes Wort, Dort wo Keuschheitssymptome Den Brand nicht ersticken, Kein Lippenbekenntnis Zu Asche Verfällt.
Impression II
Vor mir der See, Hinter mir die Zukunft ausgebreitet, Von Eintagsfliegen In Falten geworfen, Samt und besonders Befächelt von Krähen. Ich auf Ich getürmt, Verloren in Schwärmen Dreister Libellen, Die Sandelholz spucken Ans Ufer der Stadt. Im morschen Holz Ein Löwe röhrt, Dem längst der Mond Schon spanisch scheint, Nicht in diesem Land geboren. Im Sog des letzten Segelbootes Ein Hecht noch schnell nach Wellen hascht, Bevor auch dieser Sommertag Zum Abendmahl Die Pfoten kreuzt
Junge Hunde
Auf, auf Ihr jungen Hunde, Keine Ziele, tausend Taten, Gipfelstürmer, Rauh, in Massen, Kein wenn und aber Kein Palaver, Für die Katze Analysen, Anekdoten, Faserrisse, Venenknoten. Heldenbalsam Auf Geschwüre, Die dem Joch der Nacht Entwuchsen, Tür und Fenster Aufgestoßen Rausgestürmt ins Herz der Welt, Die alte Februarvisage Geschmiegt an Milde Junibrüste, Und keiner wage Gicht zu heucheln. Vorbei die Larvenepisode, Hinfort die Spiegelschattenantipode, Frischer Wind Im Schädelstübchen, Brausepulverinjektionen, Und zur Not Ein Schluck Lenor.
Lastenträger
So wuchte diesen Himmel ich Auf morsche Schulterblätterreste, Heimgekehrt vom In-Sich-Schweifen In das Federbett der Zeit. Ein letztes Bad nur noch Im Branntweinfaß der Illusion Laßt nehmen mich, den Knecht des Scheins, Bevor zurück ins Fleisch Die Stimme aller Stimmen ruft. Will drehen mich in Schwindelkreisen Ein letztes Mal auf jenen Brettern, Die einer Welt die Welt bedeuten, Arm in Arm mit Prima Donnen Aus Gottes Fruchtbarkeitsballett.
Straßenszene
Hier ein Ideal, dort ein feuchter Traum, Ein lüstern Morgenritual, vielleicht, Scharen Kontobelege, in Ketten, Liebesbriefe mit und ohne Belang, Laken, Kissen, Lippen, natürlich spermabefleckt. Ein Blick aus dem Fenster, Kopfsteinpflasteroasen, In Maßen betrampelt von Kleinstkarawanen, Die Winter im Sommer des Herbstes, Hungersnöte, in Folie verpackt, Klamme Gedärme, erinnerungstreu, Hübsch und häßlich, einerlei, Im Taubenschlag des Neu-Realen. Ein Makler bietet Werte feil, In Zellophan, bakterienfrei und ungelogen, Kandidaten überall, all überall Auf den Tannespitzen, am Pranger, am Galgen. In Demoskopien und bierselig schwitzend, Auf Euren Kadavern. Mädchen auch, mal so, mal so, Blitzeblank die Schneidezähne, Diskret geschwängert, nachgebessert Die Haushalt, das Nagel, der Höschen. Ein Preiskrieg mal und ab und zu, Passiert, notiert, schon längst vergessen, Nobel gepullitzt Von Microsoft, Sony & Co. LTD. Kaum ein Kind, Kinder stinken und spielen im Dreck, SCHWEINE, »Unsere Stadt soll sauber bleiben«, »Keine Macht den Drogen«, »Zukunft durch Leistung«, Und zu Ostern kalte Eier. Dann noch ein Rentner in riesterscher Ruhe Auf einer Deutschen Bank aus Recycelten Witzen, Analphabetisch von Stoiber bis Waalkes Über den Jordan, Michael und Seine Kumpanen.
|