|
Auf dem großen runden Tisch im Eßzimmer liegt noch die Post von gestern. Während
Paul sich ein Honigbrötchen zwischen die Zähne schiebt, blättert er in einem naturwissenschaftlichen Magazin: Als er ihr Foto sieht, stockt ihm der Atem.
Es zeigt sie lachend mit einem jungen Orang Utan im Tragetuch. Paul bleibt der Bissen im Hals stecken. Es scheint ihr gut zu gehen, murmelt er ungläubig und überfliegt die Bildunterschrift: Der Affe als
Apotheker. Soll sie doch dieser Affenbande nachschleichen, flucht er leise, nimmt einen Filzstift zur Hand und bedeckt ihr Gesicht mit Strichen, bis es unter einer dicken schwarzen Schicht verschwunden ist.
Paul räumt das Frühstücksgeschirr weg. Er greift nach Tasche, Schirm und Jacke, wirft die Wohnungstür zu, startet den Wagen und schaltet den Scheibenwischer an. Novemberwetter. Langsam gleitet er durch
die Vorstadt. Die Heizung zeigt erste Wir- kungen, das Sitzpolster ist angenehm temperiert. Paul stell das Ra- dio an. Verkehrsnachrichten, der übliche Stau auf der A1. Er sieht sie schon von weitem, einen Schirm
über dem Kopf oder eher daneben, mit dem rechten Arm wild gestikulierend, den Dau- men nach außen gestreckt in eindeutiger Weise. Als er näher kommt, entdeckt er die nackten Beine unter dem wadenlangen Rock, die
weitausgeschnittenen Sommerschuhe mit dem kleinen Absatz. Irgendetwas in dem Gesicht lässt ihn auf die Bremse drücken, den Fensteröffner betätigen, sich hinausbeugen und sagen: Steigen Sie ein! Gemütlich hier
drin, meint die Frau, wirft ihren nassen Schirm auf die hintere Sitzbank, schüttelt die Haare, dass die Tropfen nur so fliegen und Paul seine Brille abnimmt. Warten Sie, sagt er und stellt den Motor ab. Er
gibt ihr die zusammengefaltete karierte Decke, die auf der Abla- ge liegt. Wickeln Sie sich ein, sagt er und hilft, die Enden der Decke unter ihren Hintern zu stopfen. Ich muss in die Redaktion, sagt sie. Das
ist in der Heerstraße, ken- nen Sie sich aus? Ja, so ungefähr, sagt Paul und stellt sich vor. Sie heißt Kim, Kulturredaktion. Nh sei ihr Kürzel. Paul erinnert sich höflich. Er fährt los und hält vor dem
Redaktionsgebäude. Sie schält sich aus der Decke. Ich warte, sagt er. Ich muss nur einen Film abgeben, bin sofort wieder da. Paul greift nach seinem Handy, gibt den Pin ein und meldet sich krank.
Kann länger dauern, meint er und drückt die rote Taste. Wohin jetzt, fragt er, als sie eingestiegen ist. In die Leibnizstraße. Das ist auf der anderen Seite der Stadt. Wir müssen wieder zurück.
Fahren Sie öfter per Anhalter, fragt Paul. Sie nickt. In der Leibnizstraße halten sie vor einem Altbau. Kim nimmt die Zei- tung aus dem Kasten. Sie wohnt ganz oben, unter dem Dach.
Er lässt sie vorausgehen. Als sie die Wohnungstür aufschließt, schlägt ihm etwas Vertrautes entgegen, das ihn neugierig macht. Sie öffnet eine Tür und fordert ihn auf, es sich bequem zu machen. Paul geht
zwei Schritte ins Rauminnere und bleibt dann unschlüssig stehen. Das einzige Sofa, die Sessel, die Stühle, alles dient als Ablage für Bücher, Zeitschriften und Zeitungen. An einem ovalen Tisch wird offensichtlich
gegessen, dort häufen sich Berge von Orangen- und Erdnussschalen. Weitere Tische dienen ebenfalls als Ablage. Den Wänden entlang sind Bücherregale angebracht. Durch die beiden Dachfenster dringt wenig Licht.
Sie sind mit einer dicken Schmutzschicht überzogen. Aber dieser Geruch. Dieser leichte, unauffällige animalische Geruch. Er dreht sich um, sein Blick fällt in den Spiegel. Dort findet er Kim. Nackt..
|