Jan Christophersen, 1974
geboren, lebt in Hamburg.
Er studiert am Deutschen
Literaturinstitut Leipzig und
schreibt Prosa, Essays
und Hörspiele. Stipendien:
Künstlerdorf Schöppingen,
Sammelstiftung I der Aka-
demie der Künste in Berlin;
Künstlerhaus Kloster Cis-
mar/Grömitz.

Die Bilder dieser Ausgabe sind von Challo Achmann, 1949 geboren, als Maler in München lebend. Er hatte etliche Veröffentlichungen und Ausstellungen seiner Werke im In- und Ausland.

Alle warteten schon auf mich, alle Musiker des Jugendorchesters standen schon vor dem Eingang der Turnhalle und warteten und sahen mir entgegen, als ich über den Sportplatz gerannt kam. Im abendlichen Dämmerlicht erkannte ich dabei nur unscharf, wie ei- nige ihre Instrumentenkoffer abstellten und in die Hände zu klat- schen begannen. Sie klatschten und johlten und feuerten mich an, und ich erschrak, als auch die anderen plötzlich mit einstimmten und im Chor meinen Namen riefen. »Ma-this, Ma-this«, riefen sie. So schnell ich konnte, rannte ich über den Platz, aber auch, als ich endlich bei ihnen ankam, hörten sie nicht gleich auf zu rufen. Sie grölten, freuten sich anscheinend mächtig und applaudierten mir noch eine ganze Zeit. Ich suchte Lasse, dessen Stimme ich deut- lich aus der Menge herausgehört hatte, und sah ihn dann einige Schritte entfernt von mir stehen, die anderen zu weiterem Applaus anheizend. »Tak for det, Zimmernachbar«, sagte ich in meinem ge- brochenen Dänisch und versuchte, meinen Atem wieder unter Kon- trolle zu bekommen, und in die Runde: »Vielen Dank auch.« Dann erst hörten sie auf.
Lasse kam schließlich auf mich zu, er grinste und klopfte mir auf die Schulter. »Toller Auftritt«, sagte er und fügte noch etwas in seiner Muttersprache hinzu, das ich jedoch nicht verstand.
»Wie lange noch«, brachte ich atemlos hervor, »wann geht es los?«
»Nur ruhig«, sagte er und richtete mich aus der gebeugten Haltung auf, in der ich vor ihm stand, und leise mit der Zunge schnalzend, begann er darauf, mein Jackett wieder zurechtzuzupfen und den verrutschten Krawattenknoten festzuziehen. Ein amüsiertes Inter- esse lag auf seinem Gesicht, als er mich dann an den Schultern von sich wegschob und meinen Aufzug von oben bis unten musterte. Er schien bereits eine bestimmte Ahnung zu haben, während er mich so betrachtete, denn als ich mein eines Hosenbein etwas lüpfte, um ihm die Suche zu ersparen, und er auflachte, klang es ganz wie eine Bestätigung. »Was ist denn das«, sagte er, wobei er zusätz- lich noch auf mein Bein zeigte, »weiße Tennissocken?«
»Ich habe keine anderen gefunden«, sagte ich, »ich habe gesucht, aber keine gefunden.«
Er lachte noch immer, dann legte er seinen Kopf schief, kniff die Augen ein wenig zusammen: »Paßt irgendwie zu dir; allerdings hast du auch keine andere Wahl mehr - die ersten kommen schon.«
Mehrere Wagen hielten auf dem Parkplatz, und ich bemerkte, wie sich einige von uns umwandten und den Leuten skeptisch beim Aussteigen zusahen, so als könnten sie schon allein daran den Wert unseres Publikums abschätzen. Einige machten in diesem Moment wohl die Rechnung auf, ob sich der Aufwand am Ende denn auch gelohnt habe: die Orchesterproben jeden Tag, die weite Anreise, die manche auf sich genommen hatten, um an den »Elskeberger Musiktagen« teilzunehmen - aus ganz Skandinavien und aus Deutschland waren sie gekommen, zum Teil auf persönliche Ein- ladung unseres dänischen Dirigenten -, und nicht bei jedem schien unter dem Strich ein positives Ergebnis herauszukommen. Vor allem Lina, die mit mir in der Flötengruppe spielte und die es in beinahe zweitägiger Zugfahrt vom Nordkap hierher ins nördliche Schleswig- Holstein verschlagen hatte, war anzumerken, daß sie etwas an- deres erwartet hatte. Von ihr wußte ich, wie sehr sie sich auf die- sen letzten Abend gefreut hatte, aber angesichts dieser älteren Ehepaare auf dem Parkplatz und den Frauen mit Stoppelhaar, die ihre mageren Kinder auf der Hüfte trugen, machte sich offenbar nur noch Enttäuschung in ihr breit. Lina lächelte mich unsicher an, als sie meinen Blick bemerkte, und ich sah einen glänzenden Schimmer in ihren Augenwinkeln.
»Nervös?« fragte Lasse mich plötzlich, der noch immer neben mir stand; »du zitterst richtig.«
»Ich weiß nicht«, sagte ich, »ist das erste Mal für mich.«
»Wird schon werden«, sagte er und nickte zu den Leuten hinüber: »Die meinen es bestimmt gut mit uns.«
Auf einmal kam Bewegung in unsere Gruppe, als sich etwas entfernt eine Tür öffnete und der Hausmeister in blauer Arbeitskleidung her- austrat. Der bärtige kleine Mann winkte uns heran, und ich hörte, als wir nahe genug waren, wie er sagte, wir sollten schon einmal in die Umkleideräume gehen, Herr Ploug werde sicher gleich kommen.
»Ist der etwa noch nicht da?« fragte ich Lasse, der für die Ver- wunderung, mit der ich auf diese Nachricht reagierte, nur ein Lä- cheln übrig hatte. Er sah mich an und zog die Augenbrauen hoch. »Doch nervös?« fragte er zurück, und als ich darauf nicht antwor- tete, sagte er: »Du hast doch gehört, daß Bjarne gleich kommt, auf den ist Verlaß.«
Der Hausmeister lotste uns in den Geräteraum, von wo aus ich durch ein geöffnetes Tor in die Halle sehen konnte. Die Stühle und Podeste für uns Musiker waren noch immer so angeordnet wie nach der Generalprobe am Nachmittag. Dahinter aber standen jetzt große Gymnastikmatten, die hochkant aufgerichtet und mit einem blauen Tuch verhangen waren, an dem riesige, aus rotem Pappkar- ton geschnittene Noten klebten. An die hintere Fensterfront mit der Spielstandanzeige war ebenfalls ein solches Tuch angebracht wor- den, und auch hier hingen diese Pappnoten, dekorativ verteilt und wie zufällig an den Himmel geworfene Farbkleckse. »Na, großartig«, sagte einer neben mir und lachte: »Wie im Puppentheater.«
Lasse machte mich auf einen Mattenwagen aufmerksam, der seit- lich in dem Geräteraum stand und auf dem vier Schnapsgläser auf- gereiht waren; eines davon enthielt eine nebliggelbe Flüssigkeit, die so kalt war, daß sich blasser Reif am Rand des Glases absetzte. »Das sind Bjarnes Gläser«, sagte er - und es schien mir, als ob er mehr zu sich selbst sprach -, »die hat er jedes Mal dabei. Vor je- dem Aufgang einen Aquavit - so macht er es bei allen Konzerten, gegen die Aufregung; und nur er selbst darf ihn einschenken.« Er zeigte auf eine geblümte Tasche, die vor dem Mattenwagen auf dem Boden lag, und ich erkannte sie sofort. Bei allen Proben hatte sie an dem niedrigen Podest gelehnt, von dem aus Bjarne Ploug di- rigierte, die Kühltasche, aus der er in den Pausen kleine Selters- flaschen nahm und sie in einem Zug austrank. »Zufrieden?« fragte Lasse, und ich nickte.
Von den Nachfolgenden wurden wir dann weiter in die Halle ge- schoben und gingen am linken Spielfeldrand zu den Umkleideräu- men. Obwohl Lasse kein Wort mehr sagte, spürte ich doch seine Gelassenheit, die beruhigend auf mich wirkte; ich rief mir auch in Erinnerung, daß er Bjarne Ploug bereits von anderen Gelegenheiten her kannte, und dachte an die Postkarte mit der persönlichen Ein- ladung, die auf dem Tisch in unserem Zimmer gelegen hatte. »Der kommt schon«, sagte Lasse schließlich, »brauchst nicht so zu gucken.«
In diesem Moment legte sich eine schmale Hand auf meine Schulter und zwang mich stehenzubleiben. Lasse ging einfach weiter, und ich drehte mich um und sah Lina, die mich mit ihrer weichen nor- wegischen Aussprache fragte: »Was ist hier los, Mathis?« Geradeso, als müsse sie noch erklären, worum es ihr ging, lenkte sie meinen Blick zur Tribüne, auf der eben die ersten Zuschauer Platz nahmen, und zu den sich ebenfalls füllenden Sitzreihen vor dem Orchesterhalbrund; sie sagte: »Die Leute kommen, und Bjarne ist nicht da?« Ihre Stimme hob sich dabei wie zu einer Frage, und ich sagte: »Seine Sachen liegen da vorn.«
»Aber sie suchen ihn«, sagte sie.
»Wer?«
»Harkort und Timm«, sagte sie; »mit dem Hausmeister sind sie los- gelaufen, um Bjarne zu suchen.« Wieder ging ihre Stimme gegen Ende nach oben, es war offensichtlich, daß sie eine Erklärung von mir erwartete, und da nahm ich ihre Hand, hielt sie einen Moment und sagte: »Komm, wir müssen auch in die Umkleideräume.«
»Sie suchen ihn«, sagte ich zu Lasse, der einen Fuß auf die Bank gezogen hatte, auf der er saß, und sich die Schnürsenkel zuband.
»Habe ich gehört«, sagte er, »reden doch alle davon.«
Ich sagte nichts darauf, setzte mich nur neben ihn auf die Bank und hatte das Gefühl, daß jetzt etwas getan werden müßte. Der Klang der Instrumente, die überall gestimmt wurden, auf dem Gang und in den angrenzenden Räumen, er mischte sich mit den Gesprä- chen, und es klang anders als in den zwei Wochen davor, verhal- tener und auf eine Art unschlüssig, daß ich mir unwillkürlich vor- stellte, wie das Publikum reagieren würde, wenn wir das Konzert absagten; ihre Gesichter, die erschrockene Stille. Ich sagte: »Und wenn er nun nicht kommt?«
Lasse ließ da mit einem Ruck seinen Fuß auf den Boden fallen und wandte sich mir zu, und so, wie er mich dann ansah, mußte auch er an den Abend denken, als Bjarne Ploug das gesamte Orchester überraschend in den Probensaal gebeten hatte.
Alle waren an diesem Abend rechtzeitig gekommen. Wir saßen be- reits auf unseren Plätzen und rätselten noch, weshalb diese außer- planmäßige Probe angesetzt worden war, als Bjarne Ploug den Saal betrat und lächelnd, einen kleinen Sprung vollführend, auf das Po- dest stieg. »Keine große Vorrede«, sagte er, sobald das letzte Ge- spräch verstummt war, und erklärte darauf mit seiner sonoren, dennoch spitz wirkenden Stimme: Er wolle den Kasten, auf dem er hier eben stehe, sogleich wieder räumen und anderen überlassen, zeitweilig zumindest, also erwarte er jetzt freiwillige Meldungen. Er trat auch gleich von dem Podest herunter und sah in die Runde, ließ seinen Blick durch die Reihen schweifen und war offensichtlich verwundert, daß sich keiner von uns regte und niemand seinen Arm heben wollte; er schüttelte den Kopf und deutete auffordernd ne- ben sich. Ob da denn wirklich niemand hinauf wolle? fragte er. Ob denn niemanden interessiere, wie es auf diesem Kasten sei und wie man sich dort oben fühle? »Es ist eine Chance«, sagte er, »mehr nicht«; und dann nickte er zu den Violinen hinüber, nickte dort mehrmals jemandem zu.
Leiser Applaus setzte ein, zunächst nur bei den Violinen, schließlich im gesamten Orchester. Auch ich klatschte in die Hände, und ich klatschte auch dann weiter, als Lasse sich von seinem Stuhl erhob und nach vorne ging, nicht langsam oder sich irgendwie zierend, sondern zügig, und dennoch so, daß ich zu spüren glaubte, er wolle es im Grunde nicht. Er lächelte zwar, als Bjarne Ploug ihm die Hand reichte und ihn weiter aufs Podest schob; er nahm auch den Diri- gentenstab entgegen, den er einmal spielerisch kreisen ließ. Danach lauschte er den Erklärungen, die Bjarne Ploug ihm gab - wie immer auf Dänisch, wenn sie miteinander sprachen -, aber seine Haltung, die etwas Verkrampftes und Hölzernes hatte, zeigte doch, daß er sich nur vorläufig in diese Situation füge und sich nicht freiwillig hineinbegeben hätte. Selbst als wir unter seiner Leitung spielten und er sich immer wieder zur Seite drehte, um Bjarne Ploug anzu- sehen - so als erwarte er in jedem Moment von dorther Einwände oder das Zeichen aufzuhören -, blieb mir dieser Eindruck. Aber sei- nen Bewegungen war anzumerken, daß er nicht vollkommen unge- übt vor einem Orchester stand.
Lasse wirkte nicht anders als erleichtert, als Bjarne Ploug schließ- lich unser Spiel beendete und er das Podest verlassen konnte, und er lachte, nachdem wir alle gemeinsam Beifall zu klatschen begon- nen hatten, und winkte ab. Als ich nach der Probe auf ihn zuging, um ihn zu beglückwünschen, ließ er mich gar nicht erst zu Wort kommen. »Ist schon gut«, sagte er und ließ mich stehen.
»Blödsinn«, sagte er jetzt, »absoluter Blödsinn.« Mir entging nicht, daß er es mit diesem Ausspruch bewenden lassen wollte, da er sogleich den anderen Fuß auf die Bank zog und sich auch hier die Schnürsenkel zuband. Dennoch beharrte ich auf meiner Überlegung, ich zwang ihn einfach, darauf einzugehen, allein durch meine Art, ihn anzusehen; und schließlich setzte er auch erneut an, wegwer- fend zunächst, als er sagte: »Natürlich kommt er, wenn etwas ge- wesen wäre, Bjarne hätte es gesagt« -, dann jedoch mit einer Of- fenheit, die ich an ihm noch nicht kannte.
Nur um Abschied zu nehmen, erzählte er, habe er nach der heuti- gen Probe noch einmal an den Strand gehen wollen, als ihm Bjarne Ploug begegnete, der sich ihm anschloß und sofort zu erzählen be- gann, von dieser Gegend, dem Fjord, in dessen Mitte seit etwa achtzig Jahren die Grenze verlaufe, und von dem Elskeberg mit sei- nem »Eisen-Turm«, von dem aus man bei guter Sicht bis nach Sønderborg sehen könne. Da eben der Hausmeister an ihnen vor- überging, habe Bjarne Ploug ihn angesprochen und gebeten, ihnen den Turm aufzuschließen, und gemeinsam seien sie dann hinaufge- stiegen. »Da müßte sie liegen«, habe Bjarne Ploug gesagt und Richtung Fjord gezeigt, wo sich über dem Wasser der Dunst sam- melte und außer leichter See nichts zu erkennen war. Dennoch ha- be er sofort begriffen, was Bjarne Ploug meinte, und gesagt: »Die Insel«; und überraschend habe sich herausgestellt, daß beide die Insel kannten, ja, daß sogar beide einige Jahre auf ihr gelebt hat- ten, bevor sie nach Deutschland gegangen waren. »Wir haben nur noch davon gesprochen«, sagte Lasse, »von der Insel und den Leuten, und Bjarne hat es immer kaum glauben wollen, daß wir die gleichen kennen. Wir könnten einmal gemeinsam hinüberfahren, hat er gemeint, als wir uns verabschiedeten, und gesagt: ‚Aber erst einmal unser Konzert heute, ich freue mich schon drauf.'«

Challo Achmann

Lasse saß ganz ruhig neben mir, während er sprach; nur eine Hand legte er dabei neben sich auf die Violine und strich mit dem Zeige- finger über die Saiten, ohne daß ein Ton entstand. »Das war vor einer Stunde«, sagte er wie zur eigenen Vergewisserung.
»Aber er hätte längst hier sein müssen«, sagte ich; »es kann etwas passiert sein, wer weiß das schon. Dann mußt du es machen, Las- se. Du kannst es doch.«
Lasse schüttelte den Kopf, er sah mich nicht an.
»Die Leute da draußen«, sagte ich - und ich merkte, daß ich in ei- nen beschwörenden Ton verfiel -, »die können wir doch nicht ein- fach nach Hause schicken. Wir haben doch alle auf diesen Abend hingearbeitet und uns darauf gefreut. Das kann man nicht so ohne weiteres absagen.«
»Das müssen wir dann eben«, sagte er und stand auf, und als er sich seine Violine aus dem Instrumentenkoffer nahm, wußte ich, daß er es ernst meinte.
Auf dem Gang wurde es plötzlich unruhig. Ich hörte, wie sie sich dort in mehreren Sprachen etwas zuriefen, worauf mit einem Mal alle Instrumente verstummten. Auch in unserem Raum wurde es still, wir lauschten, und nur einen Augenblick später stand Harkort in der Tür, die er beinahe ganz ausfüllte, stand dort, abgehetzt und nach Luft schnappend. Unser erster Violinist sah in unseren Raum, schnell und offenbar auf der Suche nach etwas Bestimmtem, er hob sich auf die Zehenspitzen und reckte seinen massigen Hals, um auch die letzte Ecke des Umkleideraumes einsehen zu können, und als er Lasse entdeckte, der, die Violine in der Hand, an der äußeren Wand lehnte, nickte er nur einmal und rief hinter sich auf den Gang: »Er ist hier.« Er trat einen Schritt zurück und ließ den Haus- meister durch, der auf seinen Unterarmen, wie auf einem Tablett, zwei große grünliche Mappen vor sich hertrug. Beide kamen zu Lasse.
Wir rückten alle näher auf der Bank zusammen, einige erhoben sich auch und stellten sich im Bogen um den Hausmeister und Harkort auf, und vom Gang her strömten noch mehr Leute herein, die sich dahinter aufstellten und die Köpfe seitlich hielten und so zu verste- hen versuchten, was vorne gesprochen wurde. Lasse stand wie er- geben da.
»Wir haben ihn nicht gefunden«, begann Harkort, »Bjarne ist nicht da.« Und er mußte einen Augenblick warten, bis wieder Ruhe einge- kehrt war, denn da setzte ein Raunen ein, daß, einer Strömung fol- gend, durch die Menge lief und erst endete, als Harkort leise, aber bestimmt durch die Zähne zischte. »Auf seinem Zimmer haben wir die Partituren gefunden«, fuhr er schließlich fort, »es lag alles be- reit. Auch dieser Zettel hier« -, und da reichte er Lasse ein kleines Stück Papier, das er die ganze Zeit über in seiner geschlossen Hand gehalten hatte.
Lasse überflog nur einmal den Zettel. Es war nicht auszumachen, was dabei in ihm vorging oder was er wohl fühlte. Auch als er wie- der aufblickte und Harkort ansah, war seinem Gesicht nichts ande- res abzulesen als das Interesse nach einer Erklärung; seine Züge blieben unbeweglich, gerade so, als sei er im Grunde unbetroffen. Die Finger aber klammerten sich um den Hals der Violine.
»Bjarne möchte, daß du für ihn die Leitung übernimmst«, sagte Harkort. »Du sollst uns heute dirigieren, Lasse.«
Er antwortete nicht. Ich glaubte zu spüren, daß er es nicht konnte und nur abwartend dastand, abwartend und sich einer Entschei- dung überlassend, die er nicht treffen wollte. Alle schwiegen, keiner traute sich, etwas zu sagen, da jeder erkannte, wie schwer es Lasse fiel. Dann aber hielt ihm auf einmal der Hausmeister die bei- den Mappen hin, schob einfach seine Arme nach vorne, so daß Las- se sie hätte übernehmen können, Harkort nickte ihm zu, und nach einem kurzen Moment, in dem Lasse erschrocken und wie überrum- pelt wirkte, gab er mir wortlos die Violine, führte seine Arme unter die Partituren und hob sie an. »Da wollen wir mal keine Zeit nich verlieren«, sagte der Hausmeister lächelnd, und ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen, folgte Lasse ihm durch die Menge, die stumm auseinandertrat und ihnen den Weg freimachte.
Langsam folgten auch wir ihnen nach und reihten uns auf dem Gang ein. Ich hörte noch die letzten Worte einer Ansprache, die eine untersetzte Frau vom Dirigentenpult aus hielt, ohne Mikrophon, so daß sie kaum noch verständlich brüllte und schrie. Anschließend setzte Applaus ein, der lange anhielt, rhythmisch und fordernd wur- de und sich schließlich noch verstärkte, als die ersten durch die Tür in die Halle traten. Erst da bemerkte ich Lina, die neben mir ging und mich anscheinend schon eine ganze Zeit beobachtet hatte. »Lasse?« fragte sie etwas unsicher, und in ihrem Tonfall lag eine leise Bewunderung. Ich nahm ihre Hand und ging mit ihr hinaus und auf unsere Plätze.
Die Tribüne und auch die Sitzreihen unten waren jetzt beinahe restlos besetzt, nur hier und da klaffte noch eine Lücke, etwa ein leerer Stuhl oder etwas Platz auf den langen Holzbänken der Tri- büne, was so wirkte, als seien dies die fortgesetzten Grenzmarkie- rungen verkrachter Nachbarn. Stur und ohne ein Wort miteinander zu wechseln, sahen einige vor sich auf den Boden oder auf den Handzettel mit dem abendlichen Programm, den jeder an der Kasse zugesteckt bekommen hatte. Die meisten aber sahen zu uns Musi- kern, dann jedoch mit einem erwartungsvollen Lächeln auf den Lip- pen, bei dem ich wieder an Lasses Worte denken mußte: »Die mei- nen es bestimmt gut mit uns.«
Ich kam und kam nicht von diesem Anblick los, mußte auch dem Kind mit meinen Blicken folgen, das sich, weinend und eine Dose Cola in der Hand haltend, durch die oberen Reihen schob und seine Eltern suchte. Ich konnte mich auch nicht sofort auf Harkort kon- zentrieren, als der aufstand und sich den Kammerton geben ließ, denn da erblickte ich durch einen Spalt in den Zuschauerreihen Lasse in dem Geräteraum, wie er nicht etwa ungeduldig darin hin und her ging, sondern ruhig und anscheinend gelassen an dem Mat- tenwagen lehnte. Lina stieß mich schon auffordernd von der Seite an und fragte, ob ich nicht auch meine Flöte stimmen wolle; also spielte ich einige Töne, unterbrach mich jedoch sogleich wieder, als Lasse sich von dem Mattenwagen ein Schnapsglas nahm und, nach nur kurzem Zögern, mit leicht nach hinten geneigtem Kopf den Aquavit kippte. Ich glaubte, ein Nicken zu erkennen, als er darauf in meine Richtung sah, ein kurzes, hartes Nicken. Und dann been- deten auch die Letzten das Stimmen ihrer Instrumente, es wurde augenblicklich still in der Halle, ein unterdrücktes Räuspern oder Husten noch, und alle warteten auf Lasse.
Er ließ uns lange warten, zögerte seinen Aufgang solange hinaus, daß ich mehrmals dachte: Jetzt, jetzt muß er kommen -, aber er kam nicht, und ich wurde unruhig, als ich ihn plötzlich nicht mehr an dem Mattenwagen sehen konnte. Immer und immer länger dau- erte es, Lasse kam einfach nicht heraus. Dann aber trat er auf, in einem Augenblick, in dem ich schon nicht mehr damit gerechnet hatte. Lasse erschien hinter dem Eingang des Geräteraumes und ging, den Blick gesenkt und begleitet von dem Klatschen der Zu- schauer, dem die Anerkennung anzumerken war, an den Sitzreihen vorbei zu uns Musikern. Einmal noch wandte er sich um und ver- beugte sich kurz, gab Harkort die Hand. Dann sprang er auf das Podest und lächelte in sich hinein, denn es war offensichtlich, daß er Bjarne Ploug nachgeahmt hatte, diesen kleinen Sprung, mit dem dieser noch jedesmal aufgetreten war.
Und dann - ja, dann begann es. Wir spielten unser Programm, alles, was wir in den letzten zwei Wochen unermüdlich geprobt hatten, und es war kaum zu glauben, wie schnell alles vorüber und zu Ende war. Ohne daß ich bemerkt hatte, wie die Zeit verstrichen war, wischte sich Lasse mit einem Mal den Schweiß von der Stirn und klappte die grünliche Partiturenmappe vor sich auf dem Notenpult zu, so daß ich beinahe ungläubig auf meine Uhr blickte und sah, wieviel Zeit tatsächlich vergangen war, seit wir zu spielen begon- nen hatten. »Es ist vorbei«, sagte ich in die plötzliche Stille hinein und mochte es noch immer nicht ganz glauben.
Wie sie jubelten. Wie sie Lasse durch ihren Applaus, ihr dröhnendes Fußgetrampel vier oder auch fünf Mal aus dem Geräteraum heraus und aufs Podest holten, das ließ mich beruhigt sein über unser Spiel, denn schon in diesem Moment bewahrte ich kaum noch eine Erinnerung an die Musik. Geblieben war mir nur dieses bewegte Bild: Lasse auf dem Podest, mit dem einen Arm, den er durchgängig in den rhythmischen Schlagfiguren bewegte, uns den Takt angebend und unser Spiel gestaltend, mit dem anderen die Einsätze anzei- gend, punktartig, durch ein jeweils nur kurzes Tippen in die Luft, dazu sein Blick, der kaum einmal auf uns gerichtet war, sondern zumeist irgendwo über unseren Köpfen auf der verhangenen Fensterfront ruhte und dennoch alles aufzunehmen schien. Ein letztes Mal noch kam er heraus, forderte das gesamte Orchester mit einer schaufelnden, weit ausholenden Bewegung auf, sich zu erheben, und in den Beifall hinein, den nun auch wir ihm spendeten, sagte er laut und für jeden verständlich: »So, das war's.« Dann verschwand er in dem Geräteraum.
Sie feierten, überall lagen sie sich in den Armen, klopften sich auf die Schultern und lachten; jetzt, da das Konzert überstanden war - mit offenbarem Erfolg überstanden war -, schäkerten und sprachen sie wieder ausgelassen miteinander, als wäre ihnen allen ein Stein vom Herzen genommen, und hier und da wurden Notizblöcke herum- gereicht, auf denen sie ihre Adressen austauschten. Ich räumte die Notenblätter zusammen, nachdenklich und schon seit Lasses Ab- gang von einer unbestimmten Ahnung beunruhigt, sah immer wieder zum Geräteraum hinüber, wo ich ihn jetzt jedoch nicht entdecken konnte, als ich auf einmal einen Kuß auf meiner Wange verspürte. Es war Lina, die mich da küßte, und sie strahlte mich an und sagte: »Das war toll, oder?«
»Ja«, sagte ich.
»Du wirst mir doch bestimmt schreiben, Mathis? Wenn ich nach Hause komme, ist vielleicht schon ein Brief von dir angekommen, nicht?«
»Ja«, sagte ich, »bestimmt.«
Sie umarmte mich und streifte noch einen letzten Kuß an meiner Wange ab, bevor sie dann zu den anderen weiterzog, lachend und winkend.
Schnell raffte ich den Rest meiner Sachen zusammen, klemmte mir die Flöte unter den Arm und ging zu den Umkleideräumen. Ich hoff- te, Lasse dort zu finden, ich wollte mit ihm sprechen. Da sah ich Bjarne Ploug. Er stand dort auf dem Gang, umringt von einigen Mu- sikern, die mit ihm feixten und zu erzählen schienen, wie alles ver- laufen war, er nickte fröhlich zu allem und war anscheinend in bester Stimmung. Unwillkürlich blieb ich in der Tür zur Halle stehen, als er mich entdeckte und mich zu sich heranwinkte; ich blieb ste- hen.
»Großartig«, sagte er, indem er aus dem Kreis heraustrat und zu mir gegangen kam, »einfach großartig, Mathis; ich habe alles gehört.« Ich sagte nichts, ich konnte nichts sagen darauf, und sogleich setzte er erneut an: »Ich habe gewußt, daß er es kann. Ich wußte es einfach.« Und als ich auch weiterhin nur schweigend vor ihm stand, schweigend und von einer Angst erfüllt, die mich auf einmal überkam, fragte er: »Wo ist er denn, dein großer Zimmernachbar?«
»Ist er nicht hier«, fragte ich zurück und zögerte nicht länger, als ich sah, wie sich das Lächeln in seinem Gesicht verlor und einer Verunsicherung wich, die seinen Blick mit einem Mal bestimmte. Er schüttelte nur den Kopf.
Sofort drückte ich ihm die Noten und das Instrument an den Kör- per, so daß er alles halten mußte, und rannte, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, los. Bereit, auf einen einzigen Ruf zu halten, und mich ständig umwendend, rannte ich durch den Geräteraum aus der Halle und auf den Sportplatz, ich rannte weiter und weiter, doch ich wußte bereits, daß ich Lasse nicht mehr antreffen würde. Lasse war verschwunden.