Knut Gerwers, geb. 1969. 1989-1998 Mitarbeit bei transmediale Festival Ber- lin (Programm und Kon- zept), seit 1990 diverse Videoprojekte (Tapes / In- stallationen) und Netz- Projekte; Präsentationen auf zahlreichen internatio- nalen Festivals und in Goethe-Instituten. Seit 1995 Arbeit im Bereich Video / Theater, u. a. mit Matthias Beltz und Her- mann Treusch. 1998 Der Großinquisitor, Volksbüh- ne Berlin. Seit 1998 Kolla- borationen mit The Moor und Nemesis, Spoken Words und Gesang. Diverse Veröffentlichun- gen in Literaturzeitschrif- ten (Lyrik und Essay).

Die Bilder dieser Ausgabe sind von Challo Achmann, 1949 geboren, als Maler in München lebend. Er hatte etliche Veröffentlichungen und Ausstellungen seiner Werke im In- und Ausland.

vaterzeuger I
                                                      fuer Brankica Becejac

was wirklich ist
ist wenn du allein bist
kein toter vater kommt dir
die hand auf die schulter zu legen
in gesellschaft

mein vater fiel in einem stilleren krieg
mit gut kaschierten waffen
zermuerbt auch von der strahlkraft des vorherigen krieges
der strahl-und strafkraft seines vaters [dessen vater
ich mir nicht vorstellen mag]
auch meines vaters krieg - sein leben - verlief sehr still
der terror zwischen zusammengebissenen zaehnen
der viele rauch der hilft beim runterschlucken
die vernichtung die nach etwas schmeckt - immerhin
auch grosse kinder brauchen zucker fuer die medizin
irgendwann hatten sie ihn
[und er half nach kraeften - wer ist schon
ohne schuld an der eigenen vernichtung]
dann war er ueberzeugt und der terror kehrte um
aus der magengrube heraus als weisheit
der seine soehne nicht folgen konnten
ein langes schweigen 
die zeit fuer den krebs  
dann die nachricht
letzte worte auf video
gespraeche in der nacht
das sterben eine frage von wissen und wollen
die fahrt im nachtzug
zu spaet    dann
eine geschlossene tuer
der tod ist ein ort ohne telefone
...
nur das rauschen in der toten leitung
die fernbedienung vielleicht die dein hirn 
anknipst von drueben
|
was bleibt - fuer immer
das bild
diese sekunde
gescannt
kalte hand  weisses hemd  offene lippen
[da wo die zigarette war]
eingebrannt in die chemie
d/seiner hirnfasern
|
selbstzitat deiner erinnerung
schon jetzt
DAS ist traurig

[aber
der gedanke 'was die toten wohl ueber uns denken' ist nur solange
                                                                        schrecklich
wie man annimmt
sie bleiben so
wie wir sind]








fruehlingskind I

ICH WAR EIN KRIEGSKIND
ICH KANNTE HAUPTSAECHLICH KRIEG
UND AENGSTE
- ich war -
SCHULDIG VON ETWAS SCHLECHTEM
BEGEISTERT GEWESEN ZU SEIN

fruehlingskind
morgenkind
unter dem fruehlingsregen
im saeuredampf
so rein
so unbekannt
IM TAKT DER durchleuchteten
LICHTEN HERZEN
[material]
mit dem kopf voll sand
sand + same der zukunft
silicium heiliger stoff der keine
menschen braucht kein fleisch
keine fehler
schlamm von gestern
im fluss in trans-sand-formation
zeit auf moebius' schleifen
HALTE DEIN BLUT REIN
ES IST NICHT NUR DEIN
gen morgen kommt ohne hin_und
ALLE ZUKUNFT FLIESST DARIN
und gluecklich wird das gesunde
mit dem gesunden sich finden verbinden
kenne deine schleifen
kind meiner zukunft
alpha te ce ge-bet
+
wer drueckt die knoepfe
in aller unschuld startend die programme
wenn nicht die gezogenen kinder
+
wie einfach es sein wird das leben zu lassen
[das leben zu lassen dein leben zu hassen]
wenn es niemals gezeugt wurde gegeben
von niemand
genommen von wem
[in diesem spiegel wohnt noch kein gesicht
es waechst noch wie deines unterm neuen licht]
-
fruehlingskind
dein blick in die leere
mit den haenden hinter dem kopf
verschraenkt die zukunft vor dir








wueste

1
kitsch
eine wueste
darin eine telefonzelle
verschlossen  randvoll mit wasser unbekannter herkunft + bauart
darin treibend ein toter mann
die entsprechende haltung ist ihm nicht moeglich
er schwimmt stirbt aufrecht gekruemmt
durch das glas dumpfe klopfzeichen  
seines kopfes der haende und schuhe
2
wesen
metallener wind  zirpen aus eisernen lungen
lautsprecher vergraben im sand
installiert den verrueckten zu verruecken
die wueste ein meer aus muendern
wartend auf futter des egos
in aufloesung  nahrung    aus fetzen
gedanken schweiss menschensaft
3
denkfleisch
tote stimmen bei nacht
der wind vom vertrockneten meer
weht vorbei in hoeheren lagen
dem liegenden ist er ein lachen
aber sein eigenes nicht wert
das der sand gefressen hat
wie jetzt das fleisch seines denkens
das fleisch das er noch sieht
vielleicht nur noch denkt








fuck the millenium
 
[ fuer Bruce Willis - wenn er endlich tot ist ]

die auferstehung des fleisches aus den innereien der muellkippen
johannes offenbart sich auf der e-gitarre
ein hendrix-juenger am juengsten tag
sein sound laesst die schaufelbagger explodieren
vom himmel hoch herabregnender muell
mutierend zum festmahl in fallgeschwindigkeit
nach dem aufschlag der aufzug des banketts ehemaliger
                                                                           muellschlucker
goutiert auf einer leinwand aufgerissener cocacoladosen
wird der sterbefilm der geschichte 
eine stimme mitleidlos aus dem himmlischen lautsprecher:
- [ raeuspern ]  ausnahmsweise war der vorfilm 60 Mio. mal laenger
                                                                      als der hauptfilm-
[eine entschuldigung ist ueberfluessig - DAS wird nicht wieder
                                                                              vorkommen]
- wie ueberhaupt Nichts jemals wieder vorkommen wird -

globales flackern erinnerungen aus dem erdinneren
begrabenes elefantengedaechtnis
oben sieht man die gebrochenen spitzen gluehender eisberge

stammelnd durch die landschaft der irre mit fragezeichen
was sich jetzt raecht das ist der reichtum JA JA    JA  taumelnd  JA JA
im gebrochenen auge ezra pounds
die prozession der toten TVkinder der vorstadt
sie werfen pasolinis leiche seinen grossen und kleinen voegeln
zum frass vor

alle vogel-predigten umsonst - ohne flug keine flucht -
so verspeist Toto seine kraehen noch immer
ihre abgerissenen krallenfuesse der letzte magische talisman
auf den fluchtwegen fusslahmer boersenspekulanten
die unterwegs [nach gruendlicher kalkulation] ihre chauffeure essen
                                                                                  mussten
eine nahrhafte wegzehrung kapitalistischer naechstenliebe
geteilt wurde nicht
dem konkurrenten darf kein noch befleischter chauffeursknochen in die
                                                                             haende oder
ins hungrige maul gelangen
die zeiten der fusionen sind vorbei
friss oder stirb das alte neue letzte motto     ab jetzt
sind alle uebernahmen wieder feindlich und
liebe geht nur noch durch den magen

nur die augenpaare der pilger achtlos herausgerissen 
wegmarken jetzt fuer den vorausschauenden schueler
ergebnis einer froehlich-voranschreitenden wissenschaft
auf den innenseiten der lider liest er:
wer sich sich selbst zu gut ist fuer den hat die qual kein ende

ich - die erde das wasser die luft
der schlamm die chemie die saeure das salz
das licht die radioaktivitaet das schoene letzte strahlen
ein heftiger atem in der warteschleife des boesen dr. x. 

einsatz: 
die vorbeben der apokalypse
weckrufe der wachen toten
ihre naechsten heimzuholen  
heim ins reich der naechsten liebe
des naechsten lebens
des naechsten letzten danachs
in jenseits aller filme und erzaehlformen   kein genre das zur hilfe
                                                                                     kommt
der signifikant stottert vor dem be/gezeichneten
und die empfaengnis genommen mit offenen armen - blutend - ohne
                                                                    haltung des opfers:
kafka in der kalkgrube erhobenen kopfes
sein taktstock: das messer in der hand

einsatz: 
die elektrischen choere ueber den horizonten    die singen
von den grosstaten letzter helden der neuen praerie

und im potenten chaos des fortschritts
in der entfesselten ekstase der innovation
fickt custer charles manson fickt manson die monroe fickt bill gates
                                                              sein kloniertes kleinkind 
ein  bad in tierblut  --  und alle programme laufen nach wunsch nach wie vor vorwaerts wie rueckwaerts im spiegelkabinett der interaktion mit der infektion
letzte nachrichten aus dem hauptquartier der viren:
alle install-files geloescht
der hauptrechner faehrt plangemaess runter

[ einsatz: melancholisches streichquartett - und ] im all oeffnen sich
behutsam die schleusen
langsam herabschwebt in schwaden giftiger aether - hollywoodschoen
ein schein echter show  
der streut echten glamour auf die kommenden toten
jeder sein eigener produzent  deren letzte aufgabe keinen unterschied
                                                                                     kennt
das erste programm ist [oder war?] die erfindung des todes - da hilft
                                                                  keine fernbedienung

die vernichtung wird nicht sein die vernichtung des fleisches
das fleisch ist ein organischer witz
ein schlechter scherz aus wasser und zu fruehem verfallsdatum
die vernichtung wird sein zu erfahren
wir waren eines Gottes - oder gar mehrerer Goetter abendunterhaltung
ihre ko[s]mische dailysoap
- und nicht faehig zu sein  darueber
lauter zu lachen als sie selbst
das urteil des juengsten gerichts wird nicht verkuendet
es wird verraten
und seine wirkung steht zur entscheidung offen
auf ins gefecht um den letzten lacher
den toedlichen ueberlebenswitz
wer zuletzt lacht lacht am besten als Letzte|r

Challo Achmann

einraum

in meinem kopf existiert ein raum
der einzige raum der zu recht seinen
geliehenen namen traegt  MEIN RAUM
here i am   at last  [before long]
ich fuelle den raum gegen sein totsein
mit stimmen & geruechen toenen atomen & halluzinationen
    kein fleisch keine haut niemals bisher
dies ist ein raum zum beten - oder es zu lernen
dies ist ein raum zum sehen - es zu lernen oder
     den blick zu richten nach innen oder unten unterschiedslos
dies ist ein raum dein haus zu verlassen
       das apartment die wohnung das eigen-tum
dies ist ein raum befreit von einem himmel
                                 von dimensionen fluchtpunkten perspektiven
                                 von menschen vor allem anderen
ein raum ohne aerzte haftpflicht+versicherung deines lebens
ein raum zur hinrichtung des alltags
           zur vernichtung des happy-ends
ein raum belueftet vom atem halblebender toter enfernter
                                         gespenster und freunde auf abruf
ein raum ohne telefon  ...
            jeder gast eine heimsuchung  solaris organisch 
eintritt durchs blutbad der adern
         durchs feuer deiner neuronen 
[wir bitten DIESE leitungen freizuhalten es sind teleporter
                                                                          zeitmaschinen]
... wie der tod ein ort ist ohne telefone
     [wir sprachen davon seit wir nicht mehr sprechen mit den toten]
ein raum fuer selbstmoerder vor allem + fuer alle [anderen] die es
                                                                        werden wollen -
          und fuer freunde die es verdient haben ihnen den grund zu
                                                                                entziehen
ein raum mit dem tod um die wette zu rauchen
                               ihm ins gesicht zu schauen
                                                     zu besiegen
                             ihm seine verdammte uhr im herz umzudrehen 
ein raum in dem die nebenwirkungen programm sind
     wer sich quaelt muss sich geniessen sowieso
    konfusion+kopfschmerz wahnvorstellung+verstuemmelung sex bis
                                                                                          zur
ohnmacht+lachen
     bis das blut geht
bis das licht ausgeht im raum
es wird der letzte raum sein
wenn meine waende seine grenzen fallen - und
   wer weiss und will es wissen
   der naechste vielleicht auch
wer weiss es da draussen werde ich
in diesem raum sterben koennen waehrend ich draussen weiter
lebe hier leben koennen waehrend ich da draussen schon tot bin
noch ist kein schutz hier vor dem schatten der uns immer begleitet
schutz ist nur in der dunkelheit die absolut ist
aber so wie niemals der schatten nahe ist
die dunkelheit niemals finster genug
|
noch ist es
ein raum sich bei licht zu gewoehnen ans nicht zu beschreibende








Kolesnikow

vorwort - ueber land
die huelle zerfetzt vom rost eines systems
der erstarrung seiner ueber ihm schwebenden darsteller
[ aufgespuert gramgesichtig im nachtlicht der kameras ]
geister mit macht eines systems von gestern
stolz eines untergegangenen reiches ueber den
wassern das vielfach deformierte gestorbene weltreich
ueberlebt mal um mal in verwandlung in millionen toden
in feldzuegen revolutionen  den taeglichen leisen
an den raendern der staedte der steppen  und was hier unterging
war der stolz der flotte
hohe technologie  tiefes +
teueres grab fuer millionen jetzt
betriebsgeheimnisse + menschen ein paar
|
unter wasser
13.15 Uhr, die gesamte Besatzung der sechsten, siebten und achten
                                                                                    Sektion
sind in den neunten Abschnitt übergewechselt. Wir sind hier noch
23 Mann - wir haben uns wegen der Havarie zu diesem Schritt
                                                                            entschlossen.

|
ein unsehender schreiber
reporter des todes
aus einer kleiner werdenden welt
unter wasser schreibend   warum
eine flaschenpost in der flasche geborsten
das metallene massengrab beerdigt [in hoher see] unter
tonnen kilometern bergen von wasser und kaelte
|
kaum ein laut mehr nach ertraenkten schreien
nur das zischen vielleicht in den schotten
vom tod der herein will doch hat er zeit
alle zeit unserer welt  seine arbeit
kann warten  ist warten wie die letzte arbeit 
dieser maenner das warten auf ihn ist
stille die lastet schwerer als wasser  breitet sich aus
die letzten klangkoerper werden die wartenden
ihr ausklingen wird anzeigen ihren tod   der letzte ton
des berstenden schotts   wird sie verschonen
keine musik mehr wird vordringen in ihre ohren
|
braucht der licht der in dieser dunkelheit schreibt
gehen lichter auf in der blicklosen erwartung des todes
lichtlos + ueberall  ein schott weit entfernt
was sah der mann diese maenner darin
gesichter frauen blumen eltern
waren sie tragisch die letzten augenblicke
fragen gierig die ewig davonkommenden
Ich aber weiss: Keiner von uns
wird an die Oberfläche gelangen

wer klopfte die zeichen ins nichts hinter der wand
wer schwieg einen stillen abschied
einen sterbefilm [unter vielen] ueber 20 oder
wieviele gezaehlte stunden
weinten sie gemeinsam troesteten sich
hofften sie wortlos auf das glueck des erstickens
statt ausschreiend das leben im wasser zu ersaufen
|

Kolesnikow ueberlebte fuer einen tag
ins leben geholt von archivaufnahmen
schrieb diese paar zeilen
tastend in finsternis
er schrieb aus
dem innnersten inneren des
ihn verschluckenden todes
warum gab ihm der tod s/eine handschrift
ihn auszuweisen jenseits des lebens
und den anderen nicht


[ Dmitrij Kolesnikow, 27 Jahre, war Kapitaenleutnant auf dem
untergegangenen russischen Atom U-Boot KURSK.
Das Bergungsteam, welches ihn nach 21/2 Monaten vom
Grund des Meeres holte, fand in seiner Jackentasche
Notizen, geschrieben wenige Stunden nach Sinken des Bootes.
]