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Thomas Klein, geboren 1971 in Graz/Österreich, 1990
maturiert, Promotion zum Dr. med. Arbeitet als Turnusarzt im LKH Klagen- furt. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Tageszeitungen, Antholo- gien und im Rundfunk. Ar- beitsstipendium des Bun-
deskanzleramtes f. litera- risches Schaffen.
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Die Bilder dieser Ausgabe sind von Challo Achmann, 1949 geboren,
als Maler in München lebend. Er hatte etliche Veröffentlichungen und Ausstellungen seiner Werke im In- und Ausland.
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...lichtfurze feuern sie an
Ich setzte die Tasse auf den kleinen Marmortisch, schlug
die Zeit- schrift zu und betrachtete den Einband: »zukunstkunft«. Entlang der Buchstaben, die fett und metallen glänzten, hatte man Öltrop- fen gedruckt, so daß ein Bild gut geschmierter Kolben entstand: »forum fuer zeitgenoessische literatur«.
»Noch einen Verlängerten bitte!« Die Kellnerin nickte, nicht eben freundlich, aber doch in einer Art, die mir glaubwürdig schien. Sie klopfte das Graue aus den Aschen- bechern. Der nachlässige Gang im
Rhythmus ihres Kaugummis faszi- nierte mich. Dieses Café war ruhig und ganz in meiner Nähe. Nach der Arbeit, wenn mir vom Programmieren der Kopf rauchte, war ich froh, den Bildschirm durch einen Raum ersetzen zu
können. Im Eck spielten zwei alte Männer Schach, der dünnere mußte im Vorteil sein, denn er beugte sich gierig über das Brett, während sein Gegenüber ein ängstliches Gesicht zog. Neben der Tür rauchte eine
Dame ganz in Schwarz und blickte ernst in »zukunstkunft«. Ich nahm mein Exemplar, stand etwas un- geschickt auf und steuerte ihren Tisch an. »Entschuldigen Sie...« Weiter kam ich nicht.
»Anmache? Ja oder nein?« Ganz deutlich merkte ich die aufsteigende Röte. »Nein«, log ich. Mein Gesicht zeigte jetzt die selbe dunkle Farbe wie meine Pickel, das konnte ich aus Erfahrung sagen. Plötzlich ärgerte
ich mich, Anfang Dreißig noch mit unreiner Haut durch die Welt zu laufen. »Nein«, sagte ich nochmals. »Ich bin ein großer Fan dieser Zeitschrift zuKUNFTkunst, und...« »Sie meinen zuKUNSTkunft...«
»Genau. Und weil ich vorhin zufällig, ohne Sie zu beobachten, ...bemerkte, daß Sie ebenfalls sehr interessiert lasen, dachte ich, daß in einem Gespräch zweier Gleichgesinnter... nun...«
»Dann setzen Sie sich - bitte.« Literatur war mir in Wahrheit ein Greuel. Schon in der Schule hatte ich mich beim Lesen schwergetan und nie Freude daran gefunden. Die zwei Zeilen mit den saubaeren waren mir
sozusagen zuge- stoßen. Aber wie einfallsreich mich fünf Jahre ohne Liebe gemacht hatten! Lag es an meinem langweiligen Beruf als EDV-Fachmann oder an meinem Aussehen - ich war bei Frauen chronisch erfolglos. Da
versucht man schon mal was. »Was halten Sie von dieser Zeitschrift?« wollte sie wissen. Es schien mir taktisch klug, ein Zitat zu bringen: »Saubären fliegen überlichtschnell, Lichtfurze feuern sie ab«.
»An!« korrigierte sie scharf. »Lichtfurze feuern sie AN! Das ist ja ganz entscheidend. Mit -feuern sie ab- ergibt das Ganze überhaupt nichts.« »Richtig. Da ist der Sinn weg«, stimmte ich höflich zu. In ihre
Stirn grub sich eine mißbilligende Falte. »Welcher Sinn denn?« Eine unangenehme Frage. »Na, die message eben.« Message kam in den meisten Programmiersprachen vor, war mir also geläufig. Sie
schüttelte den Kopf und dämpfte ihre Zigarette aus. »Nein, glauben Sie mir: zukunstkunft ist keine von den Dingern, die den alten Formen nachweinen. Da werden neue Wege beschritten. Ich wäre froh, wenn ich gut genug wäre, um dort meine Texte unter- zubringen. Es ist so.«
Unaufgefordert erklärte sie mir, wie es sich mit dem Sinn in der modernen Literatur verhielt. Das meiste kriegte ich aus drei Grün- den nicht mit: Kein Interesse. Vokabelschwäche. Ihr sanft ge- schwungener Mund.
Der Sinn, soviel kapierte ich, ist nicht mehr gefragt. Er sei sogar schädlich für die Wirkung eines Textes. Der Versuch, einen Text zu verstehen, blockiere den Leser so sehr, daß er sich nicht öffnen könne und
auf einer »rationalen Ebene« verkümmere. »In dieser Zeitschrift wird an die Grenze der Sprache gegangen. Manchmal noch weiter«, schloß sie den kleinen Vortrag. Es war wohl an der Zeit etwas Gescheites zu
sagen. »Sie sind Autorin?« Ein geschmeicheltes Lächeln. »Na ja, ein paar Sachen habe ich schon veröffentlicht. Vielleicht kennen Sie meinen Hyazinthen mit Flinten-Zyklus?« Ich bewegte vage den Kopf. Zyklus?
»Aber vielleicht die Kurzprosa Infame Zyklamen...« »Moment.« Gespieltes Nachdenken. »Wie war doch gleich Ihr Na- me?« Es wäre mir recht gewesen, allmählich zum Datentransfer von Identität und
Telefonnummer zu kommen. »Katharina Rebeis.« »Da hab' ich doch.. Sind Sie etwa die Rebeis, die in diesem Literaturzirkel... wie hieß der noch...?« »Schwarze Raben.« »Natürlich! Da habe ich Sie
schon einmal gesehen! Darum kamen Sie mir gleich so bekannt vor. Die Schwarzen Raben.« »Von dort kennen Sie mich?« »Ja, jetzt bin ich mir ganz sicher.«
»Ein wenig eitel bin ich zwar, aber nicht ganz dumm. Die Schwarzen Raben gibt es nicht, ich habe sie eben erfunden. Ich denke, es ist besser, Sie nehmen den Kaffee, der gerade gebracht wird, an Ihrem eigenen Tisch zu sich. Und noch was«, sie beugte sich nah zu mir, »ich steh' nur auf Männer, die wirklich schreiben können.«
*
Daheim hatte ich ziemlich schlechte Laune. Diese Katharina Rebeis, falls sie so hieß, saß mir im Kopf, aber vor allem ihre strengen Krite- rien bezüglich Männer. Andererseits war sie bei solchen über-
menschlichen Anforderungen bestimmt Single. Dennoch: Vom Schreiben hatte ich keine Ahnung. Ich konnte ein paar Befehlsket- ten und Unterprogramme zusammenfügen, aber das war es auch schon gewesen. »Saubären...«
Vielleicht sollte ich irgendwo ein Gedicht abschreiben und es als meines ausgeben. Aber wenn ich eines heraussuchte, dann würde sie es mit hoher Wahrscheinlichkeit schon kennen. Oder es würde eines von ihr sein. Das
wäre beim Vortragen beson- ders peinlich. Man müßte einen Typen haben, der für einen schreibt. Wie in dem Depardieu Film mit der langen Nase: Cyrano de Bergerac. Aber heutzutage? Da fiel mein Blick auf ein
abgegriffenes Programmlisting, das auf zwei Meter Entfernung wie eine regelmäßige Anordnung sinnloser Buchstaben wirkte. Kurz darauf fuhr ich den Computer hoch. Neben mir lag die Zeit- schrift »zukunstkunft«,
die ich in meinem Frust aus dem Café hatte mitgehen lassen. Ich ging die mir bekannten Worte der ersten Zeile (saubaeren flie- gen überlichtschnell) einzeln durch und erstellte von jedem eine Menge von
zugehörigen Wörtern. Selbstverständlich gab ich diese nicht selbst ein, sondern extrahierte sie aus der CD-ROM »Wissen für Jugendliche«. Für saubaeren bot mir die CD-ROM »Sau, Hausschwein, Wild- schwein,
Haustier« an. Ich stellte die Suchoption auf Plural: »Säue, Wildschweine« und so weiter. Mit schnellen Fingern tippte ich ein einfaches Programm, das auf dem Zufallsgenerator basierte. Es würde
aus der verwendeten Wortmenge eines auswählen. Als ich es laufen ließ, erschien: Hausschweine fliegen überlichtschnell. Der nächste Schritt lag darin, das Adverb »überlichtschnell« zu verändern. Der
Suchbegriff »Geschwindigkeitsangaben« griff. »Borstentiere fliegen Schallgeschwindigkeit«, hieß es da, und: »Ferkel fliegen vierzig Knoten«. Es schien nicht zielführend, Schweine in
verschiedensten Ge- schwindigkeiten fliegen lassen. Auch das Verb mußte modifiziert werden, vorerst auf »Bewegungsarten« beschränkt: »Sparschweine kriechen gehetzt«. Nachdenklich betrachtete ich den Satz.
Das war doch ein Anfang. Gerade als ich mich über die zweite Zeile (»lichtfurze feuern sie an«) hermachen wollte, überkamen mich heftige Zweifel. Doch nicht etwa, daß ich mich sorgte, ob denn synthetische
Gedichte überhaupt machbar seien. Die ersten Versuche stimmten mich sehr optimistisch. Es war etwas anderes. Ich dachte an die Autorin. Ein wenig fühlte ich mich falsch und hinterlistig. Deutlich hatte ich die- ses
verschattete Gesicht vor mir, tief hinabgetaucht in die Lektüre. Dazu muß ich sagen, daß ich Menschen, die wirklich glauben, sehr respektiere. Sie glaubte daran, in den Worten und Buchstaben der Zeitschrift
etwas zu finden. Diese fast religiöse Andacht hatte mich ebenso gefesselt wie der laszive Gang der Kellnerin, aber auf einer anderen Ebene. Ich selbst bin von Glauben nur tröpfchenweise erfüllt. Eigentlich
dürfte ich eher ein praktischer Mensch sein. Man könnte behaup- ten: Ich glaube an die Dinge, die funktionieren. Dabei steht die klare Schönheit der Mathematik an erster Stelle. Ein System, bei dem alles an seinem
Platz ist. Keine Überraschungen, keine schwammigen Aussagen. Eine Ziffer, ein Wert. In der realen Welt kommt diesem Ideal die Technik noch am nächsten. Technik ist zu Stahl gewordene Mathematik. Wenn sich
Zahnräder drehen, bewegen sich eigentlich Zahlen. Ja, an die Technik glaube ich, bei ihr kann ich ins Schwärmen geraten. Sie brachte den Menschen ein immer besseres Leben, sie ließ ihn stolz voranschreiten. Mit
Hilfe des Computers war vorstellbar, daß eine so beschränkte, primitive Sache wie die menschliche Sprache, an deren Grenzen man offenbar bald anstößt, zu verwalten sein könnte. Doch war es richtig, Katharina Rebeis
so zu hintergehen? Falls sie so hieß. Es stand viel auf dem Spiel. Ich schob meine Bedenken beiseite und analysierte den zweiten Satz.
*
»Na ja«, sagte sie, überflog das Blatt noch einmal. »Na ja. Es ist nicht schlecht.« Mein Herz klopfte wild. Nicht schlecht! »Aber es ist weit davon entfernt, gut zu sein. Was soll das hier?«
Sie deutete auf »Sparschweine kriechen gehetzt« und sah mich mitleidig an: »Das ist ja wohl mehr als plakativ!« Bereit, das Werk meines Rechners zu verteidigen, konterte ich: »Wieso?« »Über Spießer und
Kleinbürgerlichkeit zu schimpfen ist abgegriffen, langweilig, überflüssig. Sind wir jetzt wieder im Biedermeier, oder was?« Ich schwieg, wie das bei rhetorischen Fragen so der Brauch ist. »Falls Sie der
Ausschnitt aus dem saubaeren-zyklus inspiriert haben sollte, so müssen Sie sich die unglaubliche Dichte dieses Textes vor Augen führen. Allein dieser Schub, den man erhält, wenn der Über- lichtgeschwindigkeit der
Antrieb durch ordinäre Lichtfurze folgt. Verstehen Sie: Es ist möglich, die Geschwindigkeit des Lichtes zu überschreiten, selbst mit Methoden, die das langsame Licht benut- zen. Saubären fliegen überlichtschnell,
OBWOHL sie nur LICHT- SCHNELLE furze anfeuern, hätte man auch schreiben können, ließe es die Kompaktheit des Textes zu. Das vermittelt auf wunderbare Weise die Hoffnung, als armes, dreidimensionales Wesen höher
aufzusteigen und die eigenen Grenzen zu überwinden.« Ganz dicht war sie nicht. Aber ihr Mund gefiel mir immer besser. »Ich beschäftige mich schon lange mit dem Problem der Fortbewe- gung«, sagte ich die reine
Wahrheit, denn unsere Firma entwickelte Motoren. »Es hängt immer davon ab, ob die Antriebsquelle inte- griert ist oder extern.« In diesem Moment verspürte ich zum ersten Mal einen Funken Interesse an meiner
Person. Ihre braunen Augen musterten mich beinahe erstaunt. »Ein guter Gedanke«, sagte sie langsam. »Es stellt sich die Frage: Können wir saubaeren diese lichtfurze, die mit Erkenntnissen gleichzusetzen sind,
selbst produzieren? Können wir Ideen und Einsichten eigenständig mit voller Absicht herstellen? Oder werden sie nicht vielmehr außerhalb gezündet und treiben uns durch innere Resonanz an?« Betont gelangweilt
sagte ich: »Beides. Aber es wäre grundfalsch, zuviel erklären zu wollen.« Sie staunte mich an. Kein Zweifel, ich hatte ihr zu einer neuen Grü- belei verholfen. Es war an der Zeit für einen eindrucksvollen Ab-
gang. Ich stand auf. »Es tut mir leid, Sie verlassen zu müssen. Ich werde noch ein wenig an meinen Texten arbeiten.« »Ein Gedichtzyklus?« »Ja.« »Wie wird er heißen?« Hilfesuchend sah ich mich um.
Durch ein Fenster blinkte das Kino herüber. »Titanic!«
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Challo Achmann
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Da hatte ich mir etwas eingebrockt. Ein »Gedichtzyklus« (darunter verstand ich ein paar Texte, die
schwermütig um eine Psychose kreisen), stellte für mich ein vorerst unlösbares Problem dar. Der Aufwand war schon für das eine Gedicht recht groß gewesen, ich hatte das Programm immer wieder laufen lassen müssen, um
etwas Brauchbares, das heißt möglichst Undurchschaubares zu erhalten. Die halbe Nacht hatte ich damit verbracht, Wörter umzustellen, Ge- schwindigkeiten zu variieren, und den Stammbaum der Säugetiere hochzuklettern.
Vielleicht nicht kreativ, aber unheimlich anstren- gend, hunderte Male die Enter-Taste zu drücken. Es war nicht ver- geblich gewesen, ich hatte bei Katharina Rebeis gepunktet, aber für einen ganzen »Zyklus« mußte
ich rationeller arbeiten. Handar- beit war nicht schnell genug, ich wollte sie so bald wie möglich mit dem Produkt meines Pentium-Prozessors beeindrucken. Es mußte mir gelingen, große Mengen Text rascher
herzustellen. Mir war ihre gerümpfte Nase gegenwärtig, als sie »Sparschweine kriechen gehetzt« als plakativ abgetan hatte. Was sie darin als eine Kritik an der Spießbürgerlichkeit befunden hatte, blieb
mir unklar, belastete mich aber nicht weiter. Denn die entscheidende Aussage lag darin, die Buchstaben immer noch zu verständlich an- einandergereiht zu haben. Da mußte noch mehr passieren.
Die zweite Schwierigkeit neben der formalen war die Titanic. Im Café hatte mich die Autorin mit der Frage nach dem Titel über- rumpelt. Hätte ich mehr Routine beim literarischen Aufreißen ge- habt, wäre es
mir eine ausweichende Antwort leicht gefallen. Ein Zyklus litte ja nur unter einem Titel, wie der Stier unter dem Joch, für solche Einschränkungen sei ich nicht zu haben. Oder noch ein- facher: Er stünde noch nicht
fest. So aber hatte ich mich um gewisse Freiheiten gebracht. Denn Überschriften nehme ich ernst, die halten alles zusammen, es ist für meinen Ordnungssinn unerträglich, wenn Titel und Inhalt nichts mit- einander
zu tun haben. Das bedeutete, ich mußte etwas über ein versunkenes, rostiges Wrack schreiben. Ich verfluchte mein vorlau- tes Maul. Am Dachboden, nach einigem Wühlen zwischen alten Hosen, Disketten und verstaubten
Flaschen, fiel aus einem Universallexikon ein nicht abgeschickter Liebesbrief. Den Brief ließ ich liegen, denn ich hatte nie gute Briefe verfaßt. Das Lexikon schlug ich unter »Titisee« auf, einem Gewässer, das im
südlichen Schwarzwald liegt und »bis vierzig Meter« tief ist. In topographischer Nähe war auf derselben Seite die Titanic gesun- ken. Sie war länger gewesen als der Titisee tief ist. Als ich die Ge- schichte des
Schiffes durchlas, wurde mir klar, warum ich den My- thos nicht mochte und auch den Film boykottiert hatte. Es ging um das Versagen der Technik. Selbst die paar Zeilen ent- warfen die bekannt einseitige Story von
einem unsinkbaren Gigan- ten aus Metall, von Hochmut und Untergang eines mechanischen Wunders. Man vergaß zu erwähnen, daß ein Schiff nur dem Steuer- rad folgt. So recht wußte ich nicht, was ich mit der
Eintragung im Lexikon anfangen sollte. Meine Handflächen schwitzten unter dem Plastik- einband, während ich im matten Licht der Glühbirne eine Idee such- te. Es war stickig am Dachboden. Ich wollte das Buch
weglegen, da fesselte das Wort »Telegraphie« meine Aufmerksamkeit. Neben der Definition fand sich ein Querverweis zum Morsealphabet. Weil der Gedanke an das große Mysterium aus Punkten und Stri- chen mich in
meine Pfadfinderzeit, die nicht länger als zwei Monate gewährt hatte, zurückversetzte, schlug ich nach. Zunächst erstaunte mich die Tatsache, daß besagtes Morsealpha- bet gar nicht von einem Mr. Morse erfunden
wurde, sondern von einem gewissen Samuel Finley Breese, gestorben 1872. Aber bei genauerem Hinsehen erkannte ich meinen Irrtum: Samuel, Finley und Breese waren Vornamen, der berühmte Erfinder hieß Samuel Finley
Breese Morse und war Amerikaner. Ihm war es gelungen, einen Apparat zu entwickeln, mit dem sich Buchstaben verschicken ließen. So eine Art primitives Fax. Verschieden lange Stromimpulse drücken dabei per
Elektromagnet den Stift gegen einen Papierstrei- fen. Außerdem soll er ein Maler von Portraits und Landschaften im Stil der Romantik gewesen sein. Dieser Morse gefiel mir. Ein Techniker und ein Künstler. Aber vor
al- lem gefiel mir an ihm, daß er mich auf eine gute Idee gebracht hat- te. Eifrig stürmte ich die Treppen hinunter, das Lexikon unter dem Arm, hechtete in mein Büro und drückte den Power-Knopf. Der Computer
erwachte zum Leben. Nachdem ich von Morse gelesen hatte, war mir plötzlich der Ge- heimdienst eingefallen. Ich hatte im Rahmen des EDV-Studiums an einem Pflichtseminar »Methoden der Spionage« teilgenommen. Un-
ser Professor war der Meinung gewesen, man wisse nie, wo man als Computerfachmann landen werde. In den verdeckten Nachrichten, soweit ich das in den drei Tagen des Kurses erfaßt hatte, ging man immer gleich vor.
Alles und jeder hatte Decknamen: Adlerhorst, Geschenk, grauer Freund... Hinzu kommt die Verschlüsselung. Genau konnte ich mich nicht mehr an die verschiedenen Möglich- keiten
erinnern. Ich hatte aber noch den staubtrockenen Vortra- genden vor mir, der selbst wie verschlüsselt geredet hatte. Eine der einfachsten Methoden wollte ich zur Codierung des Tita- nic-Artikels anwenden: Das
simple Umstellen der Silben. Um den Text nicht eintippen zu müssen, wuchtete ich das Buch auf die Glasplatte des Flachbettscanners, und ein schmaler Lichtstrei- fen wanderte über die Seite. Die Software zur
Texterkennung brachte die Zeilen auf den Bildschirm. Wie immer traten kleine Le- sefehler auf. Der Scanner verwechselte gerne o und a, t und l, aber für meine Zwecke reichte es. Vielleicht würden sich unpas- sende
Buchstaben sogar sehr kreativ auswirken. Ein ganz normales Textverarbeitungsprogramm teilte die Worte in Silben. Diese Menge von Silben speiste ich in mein Programm ein. Der Zufallsgenerator arbeite für mich und
stellte folgendes Kunst- werk zusammen:
nicdampf schnellberg der strophe katatode nordsank rettung wassersee wenig lantik opferschiff bruttonacht kein 1912
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Nach diesen ersten Zeilen sah mich Katharina Rebeis mit einem seltsamen Blick an. Ich konnte ihn nicht gleich deuten, aber dann gesellte sich ein Lächeln warm hinzu. »Erstaunlich«, sagte sie und
blätterte den Stapel mit Gedichten durch. »Ein interessanter Ansatz. Ich hätte nicht erwartet, daß Sie einem so vermarkteten Thema noch neue Aspekte abgewinnen könnten.«
Bescheiden blickte ich zu Boden. »Ich war inspiriert.« »Die Sprache ist sehr interessant, obwohl...« Sie zögerte, ich war zum Zerreißen gespannt. Ganz ruhig biß sie ein Stück Kuchen ab und sagte kauend:
»...Obwohl Sie gelegentlich etwas schwammig ist, zu pompös ei- gentlich, an manchen Stellen sogar theatralisch, wie hier: Opfer- schiff. Finden Sie das nicht zu dick aufgetragen, zu emotional?« Ich kann es ja noch einmal durchrechnen,
hätte ich beinahe ge- sagt. »Gedichte leben vom Raum zwischen den Worten«, fuhr sie fort. »Je sparsamer, desto besser. Man darf mit Gefühlen niemanden ersticken. Da muß sich beim Leser selbst etwas entwickeln.
Die Kunst besteht in der Reduktion.« Wir schwiegen. »Ist Katharina Rebeis Ihr wirklicher Name?« Sie nickte.
*
Das Gespräch hatte mich unglaublich motiviert. Katharina begann, mich ernst zu nehmen. Die Chancen standen bestens, wenn es mir nur gelang, die empfohlene Reduktion zu erreichen. Ich wußte auch schon, wie.
Der Zufallsgenerator hatte mir gute Dienste geleistet, warum sollte ich ihn nicht alles erledigen lassen? Man konnte doch auch ohne Vorlage auskommen, indem man den Computer selbsttätig Buch- staben aneinander
reihen ließ. Das Programm war rasch geschrieben. Ich hatte dem Rechner jeden künstlerischen Freiraum eingeräumt, mit der einzigen Einschrän- kung, nicht zu viele Konsonanten aneinander zu hängen. Eine
Quotenregelung für Vokale. Etwas nervös, denn ich spürte den möglichen Durchbruch, las ich:
redt kof huke bak rittky verdlik zuf opeg rest boi demmlo gu
*
Mit fünftausend Zeilen dieser fremden Sprache saß ich am näch- sten Abend im Café. Ich hatte mich zum Kauf einer roten Rose hin- reißen lassen. Den Stapel Papier zierend, wartete sie wie ich auf die Autorin,
und als Katharina kam und sich setzte, flutete die Far- be der Blütenblätter mein Gesicht. »Also Blumen zu schenken, das kann ich auf den Tod nicht aus- stehen. Für mich ist das eine Peinlichkeit. Eine Unart
phantasieloser Männer, eine offene Beleidigung der weiblichen Intelligenz.« Ich wischte die Pflanze rasch vom Tisch und trat sie unter einen Sessel. »Aber erlauben Sie mir, Ihnen meine Gedichte zu offerie- ren!«
Sie betrachtete den eindrucksvollen Haufen Papier und nahm das oberste Blatt: »Sie sind ja ein besessener Schreiber, wie es aus- sieht, ein umfangreiches Werk. Mal sehen...« Es fällt mir schwer, darzustellen,
wie aufgeregt ich war. Meine ganze Hoffnung setzte ich in diesen Moment. Sie las aufmerksam, gut fünfzehn Minuten. Dann sah sie hoch. So hatte sie mich noch nie angesehen. Genaugenommen keine Frau jemals.
Es schien, als wäre sie in Hypnose. Etwas ausdruckslos, aber zu- frieden. Du hast einen Zauberspruch entwickelt, dachte ich. Jetzt keinen Fehler machen. Langsam rückte ich zu ihr. Ich roch herbes Parfum, versank
in ihrer Nähe. Der Mund! Nur noch einen Millimeter und... Eine Tasse Kaffee explodierte am Tisch. Heißes Braun spritzte. »Um Gottes Willen«, rief die Kellnerin aus. »Wie mir das jetzt leid tut. Irgend etwas
hat mich in den Fuß gestochen - da verlor ich das Gleichgewicht und die Tasse ist verrutscht!« Sie griff sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ans Bein, in dem sich die Rose festge- krallt hatte. Katharina war aus
ihrem eigenartigen Zustand erwacht. Aus ihrer Handtasche zog sie etwas Geld und eine Visitenkarte. Sie über- reichte mir beides. »Ich muß gehen. Deine Texte sind wirklich gut. Aber mehr nicht. Es wäre schön, wenn
wir Freunde sein könnten.« Ich sah ihr wie betäubt nach. »Sagen Sie, ist diese Scheißrose von Ihnen?« fragte die Kellnerin.
*
Die nächsten Wochen waren trüb. Ich konnte nicht glauben, so knapp vor dem Ziel gescheitert zu sein. Aber ich mußte mir ein- gestehen: Es war vorbei. Wahrscheinlich lag auch viel Gerechtigkeit darin. Mit
Lügen und armseligem Betrug hatte ich sie einwickeln wollen. Das Café mied ich, mied die Erinnerungen an die Autorin und den aufreizenden Gang der Kellnerin, der mir rückblickend eher wie ein ungeschicktes
Trampeln ohne jede Eleganz erschien. Abends lag ich niedergeschlagen vor dem Fernseher, sah mir Scien- ce Fiction Filme an und stopfte Chips in mich hinein. Tagsüber bot die Arbeit einige Zuflucht. Aber wer
mit seinen Ge- danken nicht bei der Sache ist, macht Fehler. Mir unterlief ein besonders folgenschwerer. Unser Chef bildet sich ein, ungefähr alle zwei Wochen die Betriebs- ordnung ändern zu müssen, zu
verbessern, wie er meint. Da kom- men immer neue Kleinigkeiten hinzu. Kein Rauchen am Gang, Inter- netbenutzung nur nach Absprache, Virenbekämpfung, etc. All diese Vorschriften will er dann am Schwarzen Brett haben,
eine Liste, die immer länger wird und die ein Mitarbeiter ausdrucken muß. Diesmal war ich an der Reihe. Gelangweilt ließ ich den Drucker Seite um Seite ausspucken. Doch etwa bei der fünften begann er laut
zu rattern, blinkte und stellte jede Tätigkeit ein. Ein Bogen Papier hatte sich verklemmt. Nachdem ich mich vergewissert hatte, nicht beobachtet zu werden, zog ich unwirsch am Blatt, das halb aus dem Ausgabefach
ragte. Im Inneren des Gerätes krachte es, ein Geräusch, das ich noch nie vernommen hatte. Beim weiteren Ausdrucken stellte sich heraus, daß ich den Druck- kopf ruiniert hatte. Großartig, wieder ein Abzug vom
Gehalt. Die beleidigte Maschine produzierte nur mehr völlig unleserliche Zei- chen. Wie... codiert! Das war es! Ein Code! Der völlig unverständ- liche Text, nach dem ich gesucht hatte. Eifrig raffte ich die Blätter
zusammen, zog ein Kuvert aus dem Schreibtisch und durchsuchte meine Brieftasche nach der Adresse von Katharina Rebeis.
*
Vor mir ragte das Hochhaus auf. Im obersten Stockwerk mußte sie wohnen. Ich hatte meinen feinste Hose an, keine Blumen im Arm und den Finger am Klingelknopf. »Ich komme gleich runter«, tönte es blechern.
Es war eine warme Nacht. »Schön, daß Du meiner Einladung gefolgt bist.« Katharina streichel- te meine Wange, als wären wir uns sehr vertraut. »Komm rein.« Wir stiegen in den Fahrstuhl. »Dein Brief war
umwerfend. Wie du es fertiggebracht hast, die Grenzen der Sprache zu überschreiten, indem du diese Chiffren verwendest - das ist...mir fehlen die Worte!« »Danke«, sagte ich, Reste von Gewissensbissen in ihrem
Dekolleté verabschiedend. »Du bist ein Genie!« »Aber nein!« »Doch, doch, du bist genial. Das werden dir die anderen bestäti- gen.« »Welche anderen?« »Ich habe ein paar Leute eingeladen.«
»Was? Heute? Zu dir in die Wohnung?« »Ja, ich möchte Euch bekannt machen.« »Wer sind diese Menschen?« »Freunde von mir. Hochbegabt. kreativ. Diskussionsfreudig. Lauter Literaten.«
Unbarmherzig raste der Fahrstuhl hoch. Ich war gefangen im Neon- licht eines Metallkäfigs, bewacht von Nieten, Schrauben, Kunst- stoff, hinaufgezogen durch Stahlseile und Motoren.
Eine Geisel der Technik.
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