Sudabeh Mohafez, 1963 in
Teheran/Iran geboren, ist
Diplom-Pädagogin, Flötistin
und Autorin. Sie lebt in
Berlin und veröffentlicht
Erzählungen, Rezensionen
und Glossen in zahlreichen
Print- und Onlinejournalen
im deutschsprachigen
Raum. Sie promoviert z. Zt.
zur Dr. phil. über Lebens-
entwürfe und Sozialisation
bikultureller deutscher
Frauen
.

Die Bilder dieser Ausgabe sind von Challo Achmann, 1949 geboren, als Maler in München lebend. Er hatte etliche Veröffentlichungen und Ausstellungen seiner Werke im In- und Ausland.

Hier ist vieles so, wie ich es mir vorstelle.
Für später.
Für mich.
Für wenn ich alt bin.
Ein großer, heller Raum mit Parkettboden und einem Wintergarten. Zwei Glaswände. Der Sonne entgegen. Eine Wand aus Stein. Weil der Nordwind auch sein Recht einfordert. Ein Wäldchen nicht weit vor den Fenstern und ein Garten. Ein kleiner. Ein Garten aus Ter- rassen. Aus Terrässchen ein stufenförmig abfallender Garten. Gehegt, gepflegt.
Der Raum schimmert in Weiß und Braun. Hellbraun.
Vieles steht und hängt in ihm. Trotzdem wirkt er luftig und weit. Die Möbel sind antik. Aus Birkenholz oder mit Birkenfurnier verkleidet.
Also ein Mangel. An Dunklem, Deprimierendem, Autoritärem. An alter Herrschaftlichkeit.
Also Luft.
Hinten an einer Wand. Neben der Tür zur Küche. Eine Ahnengalerie. So eine Art Ahnengalerie. Alte Fotographien, sogar zwei kleine Ge- mälde, Miniaturen. In der Form eines Stammbaums verzweigt über- einander auf weißer Rauhfasertapete.
Dies ist das Haus meiner Tante.
Der Frau meines Onkels, um genau zu sein. Ganz genau ist sie die Ex-Frau meines verstorbenen Onkels mütterlicherseits. Des Onkels also, dessen Vater auch der Vater meiner Mutter war.
Der Vater meiner Mutter. Fritze Gabler, wie sie ihn liebevoll bur- schikos nennt. Noch heute. Mit leuchtend blauen Augen. Als Kind aber nannte sie ihn Vati.
Fritze Gabler. Diplom Ingineur Dr. Friedrich Gabler. SA-Offizier. UK-gestellt während des Krieges. Des zweiten. Unabkömmlich. »Im Reichsverteidigungsinteresse nachweislich unentbehrlich und uner- setzlich« und deshalb nicht an die Front zu senden.
Ich wußte schon mit fünf, was UK-gestellt heißt. Jahrgang 1963. Ich.
Fritze Gabler war Jahrgang 1892. Fliegeroffizier im Ersten Weltkrieg. Burschenschaftler. Sohn eines Thüringer Buchbinders, von dem mir gesagt wird, er habe den Hof, welchen auch immer, beliefert. Er sei der Hofbuchbinder gewesen. Der Hofbuchbinder. Nun denn. In mei- ner Familie mütterlicherseits wimmelt es ohnehin nur so von Höfen, Prinzen, Ulanen, Husaren, Rittern und Piraten. Fast hätte ich noch Drachen hinzugefügt, aber ich glaube, das zumindest hat sie nie behauptet. Meine Mutter.
Die Ahnengalerie an der Wand hier links von mir enthält auch ein Bild dieses Friedrich Gabler, des Hofbuchbindersohnes, der UK-ge- stellt war. Und seiner Frau. Meiner Muttermutter. Ina Friederike Fayette. Genannt Rike. Französische Vorfahren. Elsaß undsoweiter. Jahrgang 1893. Ich finde, daß sie, Ina Friederike, im Gegensatz zu dem, was mir berichtet wurde, nicht gerade eine Schönheit war. Aber ich mag ihr Gesicht. Auf diesen frühen Bildern. Sie müssen aus den 10er Jahren stammen. Eigenartiger Weise finde ich, daß sie mir ähnelt. Ich meine natürlich, daß ich ihr ähnele. Vielleicht liegt es daran, daß es eines dieser alten, braunstichigen Bilder ist und sie daher dunkle, fast schwarze Augen zu haben scheint. Ich weiß gar nicht, welche Augenfarbe sie tatsächlich hatte. Als ich sie kennen- lernte, war sie schon mit diversen Staren geplagt: einem grünen und einem grauen und ihre Augen waren verschleiert, hatten keine wirklich benennbare Farbe mehr.
Vielleicht ist es aber, viel eher als das Biologische, dieses Andere. Dieses stürmische Begehren in den Augen. Diese Lust auf die Welt. Und die Art, den Kopf leicht zu beugen. Um die innere Größe zu verbergen. Die Unverschämtheit der inwendigen Weite und ihres wollüstigen Machtanspruchs.
Auf das eigene Leben.
Vielleicht ist es eher dies: Die Sprache ihrer Halsbeuge. Und ihrer Augen. In der ich mich wiederfinde.
Ich sage »eigenartiger Weise«, weil sie mir viel, viel ähnlicher sieht, als meiner Mutter. Ihrer Tochter. Auf diesem Bild. Ich erkenne mich in ihr. Nicht meine Mutter. Gar nicht meine Mutter.
Sie war keine besonders nette Person. Ina Friederike. Als ich sie kennenlernte. Da war sie allerdings schon über achtzig. Und ich lernte sie, das muß man berücksichtigen, als Tochter meiner Mutter kennen, was unsere Begegnung sicherlich nicht gerade erleichtert hat. Obwohl mir das damals in keiner Weise bewußt war.
Rike war überaus korrekt. Sehr deutsch in ihrer Haushaltsführung und sehr entsetzt über uns vier Kinder, die wir dank politischer Er- eignisse auf einem anderen Kontinent plötzlich und unerwartet in ihr geregeltes Greisinnenleben einfielen. Rikes Irritation war beängsti- gend. Bedrückend und unverständlich. Damals. Meine andere Groß- mutter. Meine andere Großmutter war eine Großmutter. In jeder Hinsicht. Sie war klein, sprach hauptsächlich indem sie lächelte und in den Arm nahm, war warm und weich und hatte nichts, aber auch rein gar nichts zu sagen. Im Sinne von Macht. Im Sinne von Eigen- recht. Hatte sie rein gar nichts mehr zu sagen in der Familie. Je- denfalls nicht mehr in der Zeit, als ich sie kennenlernte. Ihre Töch- ter und Söhne bestimmten die Wege des Lebens in diesen, ihren letzten Jahren. Insofern war sie vielleicht doch nicht nur eine Groß- mutter. Sondern auch eine Frau, die mit zwölf Jahren verheiratet worden war. Wie auch immer, ich weiß nichts von ihr. Gar nichts. Rein gar nichts. Obwohl ich 16 Jahre lang in ihrer nächsten Nähe lebte. Ich weiß gar nichts von ihr.
Von Rike weiß ich eine ganze Menge. Allerdings ist Wissen eine schillernde und zwiespältige Angelegenheit.
Jedenfalls in der Nähe meiner Mutter.
Jedenfalls für mich.
Kürzlich blätterte ich ein Kinoprogramm durch, in dem eine Gustav Fröhlich Retrospektive angekündigt war. Gustav Fröhlich ist gerade 99 Jahre alt geworden. Im Begleittext stand ein Name, der mich stutzen ließ: Max Reinhardt. Fröhlich habe, so stand dort zu lesen, bei Max Reinhardt Schauspiel studiert. In Berlin. Max Reinhardt aber, kenne ich schon lange. Eigentlich seit meinen frühesten Kind- heitstagen. Weswegen ich ja auch stolperte. Über seinen Namen. Stolperte, wie gesagt. Meine Mutter erzählte nämlich häufig davon, daß sie und ihr Bruder. Der von dem schon die Rede war, der Ex- Mann meiner Gastgeberin, mein Onkel. Daß sie und ihr Bruder nach dem Krieg, dem zweiten selbstverständlich, denn meine Mutter und ihr Bruder gehören den Jahrgängen 1935 und 1928 an. Daß also sie und ihr Bruder nach dem Krieg bei Max Reinhardt Schauspiel stu- diert hätten. So in den fünfziger Jahren. Auf Grund ihres schauspie- lerischen Talents. Das in Abrede zu stellen, mir im Traum nicht ein- fiele. Auf Grund also dieses schauspielerischen Talents, seien sie beide begeistert und persönlich von Max Reinhardt als Studenten aufgenommen worden. Leider mußte dann dieses kreative biogra- phische Intermezzo schon nach kurzer Zeit abgebrochen werden, weil doch nach dem Krieg für solche Dinge kein Geld war.
Gustav Fröhlich. Jahrgang 1902. Studierte bei Max Reinhardt Schauspiel.
Meine Mutter. Jahrgang 1935. Studierte ebenfalls bei Max Reinhardt Schauspiel.
Irgendwann in den 50er Jahren.
Und ihr Bruder.
Ich habe das meiner Tante erzählt. Der ehemaligen Frau dieses Bruders. Sie ist in schallendes Gelächter ausgebrochen. Max Rein- hardt, Schätzchen, starb 1943 im Alter von 70 Jahren.
Dann lachte sie nicht mehr. Schaute nur noch auf ihren Teller. In den USA ist er gestorben. Er hieß nämlich Goldmann. In Wirklichkeit. In der Wirklichkeit. In der davor.
Danach haben wir über anderes geredet. Meine Tante und ich. Was soll man dazu auch sagen.
Obwohl das so eine Sache ist, mit dem Nichtsdazusagen. Denn Max Reinhardt spielte, ebenso wie die Ritter, Prinzen und Husaren, für eine erstaunlich lange Zeit eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sie alle nämlich lebten in unserm Haus und schillerten nur so durch die Räume. Es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht herausgeputzt wie zum Feste durch alle Zimmer spukten und ihre Geschichten zum Besten gaben.
Eigenartige Geschichten. Manche mit ruppig kurzen, nicht vorher- sehbaren und seltsam sinnlos erscheinenden Enden. Aber es waren Geschichten, die man sich ein Leben lang merkt. In denen es nicht um Spannungsbögen ging. Oder um Handlung und Logik. Es ging immer um etwas Geheimes.
Um die Botschaft.
Die geheime Botschaft in der Geschichte.
Hinter der Geschichte.
Zum Beispiel die Geschichte. Die Mülleimergeschichte. Die ging so. Es war einmal vor langer Zeit, da hatte es die Tochter der Ina Frie- derike und des Friedrich Gabler, die allseits beliebte Bertha Gabler, in ein fernes, wüstes Land verschlagen, wo sie unter Wilden und Barbaren ihr Leben fristen und unter Schmerzen, wie der Herrgott es geboten hat, ihre Kinder gebären mußte. Und in diesem Land gab es noch nie und gibt es bis heute keine Mülleimer. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute mit Pest und Seu- chen und im Dreck der unhygienischen Sitten ihres Volkes. Denn bis auf den heutigen Tage. Gibt es keine Mülleimer in diesem sittenlo- sen Land.
...
Da war es schon. Das kurze, ruppige Ende.
Basta! Keine Mülleimer. Niemals.
Basta! Und wehe! Jemand behauptet etwas anderes.
Gäbe es sie nämlich doch. Diese Mülleimer. Wäre die Geschichte zerfallen. Zu Staub. Zu bröseligem Nichts. Zu Unrat, der auf schmucke Weise eine große Leere verbergen soll. Im Innern. Ein Vakuum. Zerstoben wäre die Geschichte, in der es in Wahrheit und im Geheimen um den Mann ging. Um den Ehemann von Bertha, Tochter der Rike und des Fritz. Um ihn und um sein Land.
Um sein Land. Das auch mein Land ist.
Und wenn ich es nicht verraten hätte. Ihr wäret niemals darauf gekommen.
Basta!
Insofern also, sind die vielen Dinge, die ich über diese Rike mit der Halsbeuge, von der schon die Rede war. Und den eng beieinander- stehenden Augen. Die an meine erinnern. Und dem kleinen Knick in der linken Oberlippe. Eindeutig wie bei mir. Die ich also über diese Rike weiß. Die auch noch die Mutter meiner Mutter und überdies genau, exakt, präzise 70 Jahre vor mir geboren ist. Insofern sind also all diese vielen Dinge, die ich über Rike weiß, mit Vorsicht zu genießen.
Nun ja.
Genießen.
Während ich das schreibe und dem ungewohnten, lauten Hämmern der geliehenen, halbautomatischen Schreibmaschine ausgesetzt bin, was ich ungemein romantisch finde, löst sich gemächlich, aber deutlich spürbar, meine Migräne auf.
Meine Migräne.
Die mich seit nunmehr fast zehn Tagen unermüdlich heimsucht.
Und das ist ein Wort, an dem ich hänge. Ich habe bis auf den heu- tigen Tage nicht wirklich verstanden, was es heißt.
Sucht mich die Migräne in meinem Heim?
Oder sucht sie mich dort auf?
Versucht sie, mich in mein Heim zu locken?
Oder in ihres?
Oder versucht sie mich einfach?
Am Heimsuchen hänge ich. Weil es ein Versprechen birgt. Zu ber- gen scheint. Daß es etwas sein mag, welches beispielsweise auf irgendeine Art tröstend sein könnte. Wärmend und nährend und fördernd.
Ich fürchte aber, daß es tatsächlich eine andere Bedeutung hat. Eine ganz andere.
Jedenfalls sucht sie, die Migräne, meine alte Freundin, mich seit nunmehr zehn Tagen unermüdlich auf und heim. Mit der Zeit komme ich dann in einen eigenartigen Zustand. Ich denke, daß es nicht ganz falsch ist, ihn als depressiv zu bezeichnen. Obwohl ich das Wort nicht mag. Klinische Diagnosen undsoweiter. Nun ja. Ich frage mich, was sie sucht. Worauf sie mich stoßen will. Was sie mir sagen will. All die Psychofragen, die eine Erfahrene, wie ich es bin, sich stellt. Ganz automatisch. Natürlich finde ich keine ernstzunehmen- den Antworten. Auch das entspricht der Erfahrung. Es sind diese kitschigen, langweiligen Klischees, die ich finde.
Kopfschmerzen sind in den Kopf verschobene Konflikte.
Zum Beispiel.
Wie außerordentlich hilfreich.
Ich glaube, es ist Angst.
Und der Konflikt. Der verdammte.
Ist die Angst vor der Angst.
Die Angst davor. Wie es mir gehen wird. Wenn ich mich ängstige. Wieder ängstige. Wieder und wieder. Denn ich ängstige mich vor Schwerem. Gewichtigem.
Vorm Nichtdasein. Vor der Nichtexistenz. Davor, daß das Trugbild auffliegt, das ich für mich selbst geschaffen habe. Das Bild der Tüchtigen. Eifrigen. Immer Tätigen. Ich überzeuge mich selbst im- mer wieder. Das ich all dies bin. Und deshalb ist da die Angst. Vor dem Erwachen. Vor der Erkenntnis. Die Angst davor, Nicht-Zu-Sein. Schon gar nicht das Angekündigte.
Und natürlich.
Frage ich mich selbst immer wieder. Wen ich so enttäuscht habe.
Nur mich selbst enttäusche ich nicht mehr. Nie mehr. Im Gegenteil: Ich erfülle meine Erwartungen an mich »en détail«. Mit der Ziello- sigkeit. Dem Straucheln. Der Leere. Mit dem Hohlsein. Der Fassade. Dem Vakuum. Und dem Nichts. In Wahrheit nämlich ähnele ich einem Faß. Und zwar einem ohne Boden. Was du auch an Leben hineinschüttest, es füllt sich nie. Bleibt immer leer. Ein Faß, das nicht zum Sammeln bestimmt ist. Zum Lebenansammeln.
Eine Fehlproduktion. Ausschußware.
Bodenlos.
Und wenn ein Mann so fühlen würde. Gesetzt den Fall, er würde so fühlen. Und gesetzt den Fall, er schriebe es auch noch auf. Wenn ein Mann also so fühlte, würde niemand sagen, er hätte einen un- erfüllten Kinderwunsch.
Niemand würde das sagen. Das aber nur am Rande.

Challo Achmann

Ich bodenloses Faß also überzeuge mich selbst immer wieder. Ich kann sehr überzeugend sein. Das liegt in der Familie. Daß den Frau- en ihre Lügenmärchen geglaubt werden. Und vor allem, daß sie, während sie sie erzählen, selbst ganz und gar von der Warhheit, die sie sich da ausgedacht haben, überzeugt sind. So sehr, daß sie einfach vollkommen glaubwürdig wirken. So glaubwürdig, daß wohl- habende Tanten ihnen monatlich Geld schenken. Eine Apanage so- zusagen. Unbesehen schenken. Ein ganzes Jahr lang.
Damit sie brotlose Kunst betreiben.
Phantasieren.
Schreiben.
Geschichten schreiben.
Geschichten.
Das nenne ich überzeugend.
Ich verfasse also eine Geschichte. Auch heute. Und tue es an ei- nem Schreibtisch, um den herum.
Tatsächlich ist es ein Sekretär. Ein antiker. Jugendstil. Birkenholzfurnier besagtes. Kleine Schubläden. Ablagefächer viele. Tintenfaß. Doch wirklich, ein echtes! Und natürlich die hochklapp- bare Schreibplatte. Überall um ihn herum hängen Bilder von Philo- mele.
Philomele, das heißt Geliebte. Es ist der Name meiner Cousine, die ein paar Jahre älter ist als ich und Regieassistentin beim Fernsehen. Sie lebt in einem angesehenen Bezirk, in dieser Wohnung, in der sie geboren wurde.
Philomeles Bilder um den Sekretär sind sehr unterschiedlich. Sehr. Und aus unterschiedlichen Zeiten. Ein paar offizielle. Zu Anlässen vom Fotographen gemacht. Ein paar Schnappschüße. Zwei Schwarzweiße. Alte. Viele bunte. Auf dem Ältesten ist sie vielleicht drei. Auf dem jüngsten vierundvierzig. Es ist vom vergangenen Winter. Ein Foto hängt hier sogar zwei Mal.
Philomele ist die Tochter des Bruders, des verstorbenen, meiner Mutter und seiner ersten Ehefrau, meiner Tante und Gönnerin und Gastgebern, bei der ich gerade weile, weil auch sie ins Alter kommt und am Grauen Star operiert wird. Ich hüte Haus und Hund und hole sie morgen von der Klinik ab. Sie ist meine Familie. Irgendwie. Alle anderen sind etwas Anderes. Weiß nicht was. Ich sehe sie nur selten. Vielleicht zwei- oder höchstens dreimal im Jahr. Wir sind nicht gerade entspannt miteinander. Sie sagt von sich, sie wäre nicht besonders kontaktstark. Ich sage dasselbe von mir. Sie ist außerordentlich warmherzig und ich habe sie noch nie mitleidig er- lebt. Sie fordert viel menschliche Reife. Mehr als ich besitze, fürch- te ich. Aber sie ist auch ernsthaft gnädig mit den Schwächen an- derer. Und sie fördert ohne Bedingung. Sie ist meine Familie.
Und Philomele. Deren Bilder hier überall hängen. Das ist ihre Toch- ter. Meine Cousine.
Sie hat auch die gleichen Augenbrauen, wie ich. Nicht Philomele, die sieht ihrem Vater ähnlich. Nein, diese Ina Friederike auf dem braunen Verlobungsfoto, die ich nie kennengelernt habe. Diese junge Rike aus den 10er Jahren habe ich nie kennengelernt. Ich mag sie. Sehr. Einfach nur dadurch, daß ich sie anschaue auf diesem Bild. Weil ich mich so deutlich in ihr erkenne. In diesem Blick.
Ich. Narzisse.
Nein. Nein, nicht Narzisse. Es ist anders. Eigenartig. Ich wußte nicht, daß ich irgendwoher komme in diesem Land. Daß es Anknüp- fungspunkte gibt. Es gab immer nur dieses Spiegelkabinett von Märchengestalten. Diese schillernden Wahrheiten, die seifenbla- sengleich zu Tausenden um mich herum aufstiegen, zerplatzten und mir kleine, brennende Spritzer in die Augen zischten. Es gab nichts Festes, Stabiles, Konturiertes, Deutliches. Nichts, an das ich hätte andocken können.
An dieses Foto kann ich andocken.
Weil ich mich darin sehe.
Weil ich sehe, daß ich irgendwoher komme.
In diesem Land
Ina Friederike war eine begeisterte Nationalsozialistin.
Meine Tante meint, mehr noch als ihr Mann, Fritze Gabler. Beide, sagt sie, wären richtige, echte, überzeugte Nazis gewesen. Aber Rike noch mehr als Fritz.
Ich sehe mich in diesem Bild.
Es ist aus den 10er Jahren. Das Bild, in dem ich mich sehe. Aber Adolf fiel schließlich nicht vom Himmel. Gar kein bißchen. Er fuhr ja nicht Dreiunddreißig plötzlich und unerwartet aus der Hölle um Fünfundvierzig ebenso plötzlich, wenn auch vielleicht ein wenig weniger unerwartet, wieder in sie hinabzufahren.
Daß das ein Foto aus den 10er Jahren ist, ist nur ein kleiner, ei- gentlich gar kein Trost. Aber ich versuche, mich damit zu trösten.
Zu trösten, weil ich ein braunes Foto gefunden habe, an das ich andocken kann.
Zu trösten mit einem absurden. Mit einem vermuteten Datum.
Ob sie im BDM war? Dafür war sie viel zu alt. Jahrgang 1893.
Nichts Genaues weiß man nicht.
Nein, sie wäre nicht in der Partei gewesen. Sagt Bertha ihre Toch- ter. Daß sie es nicht weiß. Sagt meine Tante. In der NS-Frauen- schaft, da könnte sie gewesen sein. Dafür aber hätte Ina Friede- rike, die Mutter meiner Mutter, in der Partei sein müssen. Und als Heinerle, ihr Älterster, von dem hier noch nicht die Rede war. Als Heinerle. Jahrgang 1921. Im Alter von 21 Jahren starb. Da saß er in einem Flugzeug der Wehrmacht. Unsere flotten Fliegerjungs! Das war er nämlich. Fliegeroffizier. Wie sein Vater. Und 21 Jahre alt. Jung. Und flog über Holland. Oder war es Dänemark? Und helden- haft flog er für's Vaterland und fiel. Sagt Bertha. Seine Schwester. Meine Mutter. Meine Tante sagt, er wäre Anfänger gewesen und hätte sich selbst zu Tode geflogen. Einen Fehler gemacht. Beim Fliegen.
Jedenfalls, als es starb, das Heinerle, da hat die Rike, die Ina Frie- derike, die Mutter meiner Mutter. Über Nacht. Von einem Tag auf den anderen. Im Alter von 49 Jahren schneeweiße Haare bekom- men. Schneeweiße.
Schneeweiß waren sie wirklich. Das habe ich mit meinen beiden, dunkelbraunen Augen, die den ihren so ähneln, gesehen. Schnee- weiß.
Und sonst ist keiner gestorben im Krieg. Keiner der Friederike weggestorben. Der andere Sohn, der später der Ex-Mann meiner Gastgeberin wurde, der war nur ganz kurz in Gefangenschaft. Vorher war er beim Volkssturm. Und die Kleine. Die ungeliebte Dritte. Die Bertha. Die nicht der dritte Sohn für den Führer, sondern die erste Tochter für den Vater geworden war. Die war in der KLV. Jahrgang 1935. Klein.
KLV. Kinderlandverschickung.
Ich wußte schon mit fünf, was KLV bedeutet. Jahrgang 1963. Ich.
Und da. Während der KLV in Sachsen. Bei Tante Gerda, der Vater- schwester. Da stand eine schwarze Hitlerbüste auf dem Kamin. Ja. Und trotzdem ist die Gerda immer zu dem Lager hinterm Wald und hat den armen Menschen 'was zu essen gebracht. Hitler hin Büste her. Heimlich. Essen gebracht. Also man könnte fast sagen. Ja also. Wie im Untergrund. Also eigentlich war sie wirklich fast schon rich- tig widerständig. Die Gerda mit der schwarzen Hitlerbüste über dem Kamin undsoweiter. Wer weiß, vermutlich war sie in Wahrheit bei den Partisanen. Bestimmt, also fast sicher, war die Gerda im orga- nisierten Widerstand. Ganz, ganz sicher war sie das.
Ob Max Reinhardt auch da war?
In Sachsen oder im Lager oder im Wald.
A propos Wald. Im Wald hatte das Töchterchen. Das ungeliebte dritte Kind. Als sie, noch ganz klein, nämlich 1943, in der KLV war. Da hatte sie eine Lichtung. Auf der traf sie sich immer mit ihren besten Freunden. Das waren ein Reh mit einem Kitz und ein Hirsch und ein Hase. Und mit denen hat sie sich dann unterhalten.
Genau wie der Franz.
Von Assisi.
Weil die Gerda bei Versammlungen der NS-Frauenschaft war. Und außerdem ja gearbeitet hat. Als nationalsozialistische Lehrerin an einer deutschen Grundschule in Sachsen. Und weil also deshalb das Kind, die Bertha, während der KLV so viel alleine war, hatte es Waldbewohner zu Freunden.
Genau wie der Franz.
Von Assisi.
Der war bestimmt auch viel alleine.
Jule will raus. Jule ist die Hündin. Die Hündin meiner Tante. Sie ist süß. Soweit ich Hunde süß finden kann jedenfalls. Acht Jahre. Jahr- gang 1993. Und also schon ganz alt. Naja, mittelalt. Wie auch im- mer. Jedenfalls will sie noch mal 'raus. Das ist so bei Hunden. Wir waren heute an der Ostsee, Jule und ich. Sind einfach ins Auto gesprungen und losgefahren durch Holstein. Ich wußte gar nicht wie nah hier das Meer ist. War schön. Jule ist schwimmen gegan- gen. Ausführlich. Ich nicht. Hab' ihr Stöckchen geworfen. Dafür, daß wir uns nicht kennen, verstehen wir uns ganz gut. Finde ich. Jedenfalls will sie jetzt raus.
Und ich, mit nur noch einem klitzekleinen Restchen Migräne in meinem Kopf, der so aussieht wie der von Rike auf dem braunen Foto aus den 10er Jahren, was ein Trost ist, obwohl es unlogisch ist, wegen Adolf und den Gründen seines Erscheinens, ich will mich gar nicht mehr umziehen. Sitze hier nämlich schon lange im Pyjama. Also ziehe ich die Regenjacke über und die Stiefel und gehe einfach so raus.
So eine bin ich nämlich. So eine, die sich nachts für's Gassigehen einfach über den Pyjama die Regenjacke und die Stiefel zieht und dann rausgeht als wär's das Normalste auf der Welt.
Dabei ist doch alles nur Fassade. In Wahrheit.
In der danach. Ist doch alles nur Fassade.
Und einfach bodenlos.