Jannis Plastargias, 1975 geboren in Kehl am Rhein. Abitur, Schreiben des er- sten Romans, ein Seme- ster Uni in Köln, Praktikum im Kindergarten. Seit 1997 Lehramtsstudium an der PH Karlsruhe (Deutsch, Ausländerpädagogik). Daneben: schreiben, schreiben, schreiben.

Die Bilder dieser Ausgabe sind von Challo Achmann, 1949 geboren, als Maler in München lebend. Er hatte etliche Veröffentlichungen und Ausstellungen seiner Werke im In- und Ausland.

Spät begann ich die Kunst des Sprechens zu erlernen. In meinem Kopf formten sich zwar endlose Reihen von Wörtern, doch als sie aus meinem Mund strömen sollten, blieben sie aus, man vernahm nur ein Gurgeln und Quietschen. Es war, als blieben die Worte in meinen Stimmbändern hängen, könnten ihnen nicht entrinnen. Mir kam es so vor, als wollten sie mich ärgern, als versteckten sie sich dort unter der Haut meines Halses. Doch warum taten sie so et- was? Was hatte ich getan? Warum verkrampfte sich alles in mir drin, wenn ich reden sollte? Eines Tages fühlte ich mich so hilflos, so verzweifelt, daß ich die oberste Schublade unseres Küchen- schrankes, die ich erreichen konnte, öffnete, und den spitzesten Gegenstand, den ich fand, hervorholte. Es war eine Schere. Ich setzte gerade an, um sie in meinen Hals zu stechen, als ich ein lautes Schreien hörte, das aus der Kehle meiner Mutter entwich. Ich blickte sie erstaunt an, hatte aber durchaus nicht vor, von meinem Tun abzulassen, schließlich erwartete ich dadurch meine »Erlösung«, welche nicht der Tod, sondern das Ende der Sprach- losigkeit sein sollte. Sie stürzte sich auf mich, nahm mir die Schere, das Werkzeug zu meiner Erlösung, weg.
Man ahnt es schon, meine Tat wurde natürlich als Selbstmordver- such gewertet, als besonders bedauerlichen und bemitleidenswer- ten. Gerade weil ich erst zweieinhalb Jahre alt war. Doch, wie Sie wissen, es war ja keiner. Aber wie sollte man ihn anders nennen? Wie könnte man es ausdrücken? Was sind nun die perfekten Worte für das, was ich damals versuchte? Eine Bemühung, Worte, gut verständliche, für andere sinnvolle Buchstabenfolgen, aus mir herauszubefördern, herausdringen zu lassen. Man sprach wild auf mich ein, ließ mich nicht mehr aus den Augen, oh, man muß ihn beschützen, der könnte sich ja etwas antun, oh, der Ärmste, wie konnte das nur geschehen... Meine Eltern beschützten mich - den als Nesthäkchen, als Ausrutscher meiner Erzeuger Geborenen, schon genug verwöhnte und viel zu vorsichtig Erzogene -, mehr denn je. Diese übertriebene Vorsicht verseuchte für immer mein Leben, aber dies ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht auch noch von mir geben werde.
Meine Eltern sprachen griechisch mit mir, meine älteren Geschwister unterhielten sich auf deutsch miteinander. Die beiden Sprachen verknoteten sich in meinem Gehirn, verwirrten es, verwirrten meine Gedanken. War es am Ende nicht so, daß mich diese erzwungene Bilingualität erdrückte? Mich und meine Kräfte aussaugte? Mußte ich mich einfach an sie gewöhnen, um sie im Anschluß noch gran- dioser zu nutzen? War ich vielleicht zu dämlich und hatte daher Probleme, die Sprachen zu entwirren, woraus dieses Quietschen und Gurgeln entsprang?
Man brachte mich zu einer Kinderärztin, sie führte Tests durch. Oh, wie gut schnitt ich ab, wie stolz fühlten sich meine Eltern wieder, nachdem sie nicht nur bescheinigt bekamen, dass ihr Sohn nicht schwachsinnig - welche Schmach wäre das gewesen! -, sondern ein besonders intelligentes, überaus begabtes, allerdings nach Mei- nung der Expertin ein ebenso faules Kind sei. Deswegen wollte ich nicht reden. Als hätte es mir Spaß gemacht, zu quietschen und zu gurgeln, wenn ich doch lieber gesprochen und dementsprechend mich wirklich verständlich artikuliert hätte.
Wenn man genau aufgepasst hat, kennt man nun zwei Mythen aus meiner Kindheit. Der erste ist die Selbtmordtheorie, die ich bereits widerlegte. Der zweite: obwohl der Kleine sehr intelligent war, legte er eine Faulheit an den Tag, die verhinderte, dass er redete. Und die Fortsetzung davon: als er dann begann zu sprechen, tat er das umso mehr, als wolle er alles das aufholen, was er in den Jahren zuvor nicht von sich geben konnte. Tja, er sprudelte wie ein Was- serfall, doppelt so viel wie seine eher ruhigen Geschwister. Nur stimmt das alles genauso wenig wie der erste Mythos. Die Men- schen spinnen sich immer solche Dinge aus, um nicht über die wirk- lichen Motive, die wirklichen Gründe ihres oder eines anderen Han- delns nachdenken zu müssen. Zu faul waren eher meine Eltern, die sich mit solch einer Begründung begnügten und nie wieder nach- hakten. Als wäre das eine befriedigende Erklärung meiner Sprach- hemmung. Selbstverständlich nicht, da gibt es ganz andere Zusam- menhänge. Tiefliegende vielleicht, aber durchaus vorhandene. Zu- nächst will mir kein Wort aus dem Mund entfleuchen, plötzlich fließen die Wörter unbehelligt hinaus, ohne Sinn und Verstand. Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist, deutsch und griechisch vermischen sich und dazu kommt das armenische Türkisch, das Elsässisch und der allemanische Dialekt meiner Nachbarn. So schnell strömt es aus mir heraus, daß die Worte nicht klar abgegrenzt sind, weder in meiner Intonation noch in den Sprachen. Ich artikuliere so schlecht, daß sich einzelne Zischlaute kaum voneinander unter- scheiden, es hört sich weder richtig noch schön an. So leide ich erneut an einer mangelnden Sprachfähigkeit. Ich bleibe auf Kriegs- fuß mit dem Reden, doch ich bin so mitteilungsbedürftig, habe so viele Ideen, die sich einen Weg aus mir herausbahnen müssen, dass ich es nicht aushalte zu schweigen. Meine Phantasie und Kreativi- tät zwingen mich, weiterzureden, sie lassen mich zum sechsjähri- gen Entertainer werden, der jeden unterhalten will. Die Menschen in meiner Umgebung zeigen sich amüsiert, allerdings eher durch meine sprachlichen Mängel und Vermischungen, die sie vielleicht als klu- gen Kunstgriff, als Teil des Schauspiels, betrachten.
Ich verwechsele Sprachen, übersetze falsch, mir passieren interes- sante Fauxpas. Ich sage im Griechischen: mir schlafen die Füße ein, und ernte Gelächter, in Griechenland heißt es, dass »die Füße ster- ben«. Wie soll man als Kind auf so eine morbide Übersetzung kom- men? Ich will zum Assenseri gehen, wenn ich einen Aufzug brauche, könnte aber auch Ascenseur sagen, wie meine Nachbarn, oder Lift? Dann möchte ich besonders intelligent und reif erscheinen und sage: »oben ohne«, als ich »open end« meine, wieder lacht alles, während ich das sage. Es verwirrt mich. Man denkt erneut, ich sei dumm, weil ich zu Missverständnissen neige. Manchmal irren sich aber auch die anderen. Man erklärt mir, wie man mit Wasserfarben malt, doch ich benutze zu viel Wasser, ich liebe Wasser, finde wäß- rige Farbe faszinierend. Ich höre die Freundin von meiner Schwe- ster sagen: »Erkläre ihm mal, dass er weniger Wasser nehmen soll!« Ich verstehe es. Will kundtun, dass ich das wisse, aber es anders machen wolle. Ich werde nicht verstanden. Wieder war es aus mir in mehreren Sprachen gesprudelt. Ach, hätte ich da eine Pinzette für meinen Kopf gehabt, dann gäbe es eine weitere Legende um meine Selbstmordversuche. Bestimmt könnte man etwas in meinem Gehirn verbiegen, wegschnipseln, irgend etwas tun, dass das alles vorbei geht. Man kann sich meine Verwirrung kaum ausdenken. Stellen Sie sich vor: Sie stehen in einem fremden Land vor Gericht, sie wollen klarmachen, dass das alles ein Missverständnis sei, und niemand versteht es, sie versuchen es mit Händen und Füßen, doch keiner scheint Ihnen folgen zu können.
So stehe ich vor meinen armenischen Nachbarn, die »Filim« sagen, wenn sie Film meinen, will ihnen erzählen, was ich im Urlaub so erlebt habe, sie lachen, aber ich bezweifle, dass sie irgend etwas davon verstanden haben. Meine deutsche Nachbarin unterhält sich mit mir, fragt mich nach Einzelheiten aus »meinem« Land. Ich sage: die Thalassa ist wunderschehn, so warm und ple. Was? will sie wissen. Ich zeige auf das Wasser in einem Glas, mache Bewegun- gen, die bedeuten sollen, dass da viel Wasser ist. Dass es sehr schön ist, und blau, ich zeige auf eine blaue Tischdecke.
Meine Mutter spricht manchmal in Codes, vielleicht habe ich diese Sprachhemmung von ihr übernommen. Ich stehe im Wohnzimmer, meine Schwester besprüht im Gang irgendwelche Möbel mit einem Möbelspray. Meine Mutter kommt dazu, sagt ihr: »Mach doch net die Mebel uff die Bodde«. Ich höre verwirrt zu, was sollte das denn?! Ich finde es bald heraus: sie meinte damit, daß meine Schwester das Möbelspray nicht in Richtung Boden sprühen sollte, da sonst der Boden glatt werde und man ausrutschen könne.
Wenn man diese Sprachhemmung ständig hat, so wie ich früher, fühlt man sich als Krüppel. Und wie soll man sich irgendwo daheim fühlen, wenn man in allen Sprachen ein Krüppel ist. Wenn man sich nirgends so recht verständlich machen kann.
Lag es an meiner Sprachbarriere, dass ich begann, an bestimmten Worten Gefallen zu finden? Muß man selbst eine Phase durchma- chen, in der man nicht wirklich kommunizieren kann, um die Faszi- nation von Sprache kennenzulernen? Tagelang schwirrten mir sol- che Begriffe wie »Keks«, »Menetekel«, »beinhalten«, »Marotte«, »Irrfahrt«, »Huld«, »räkeln«, »frönen«, »Trunkenbold«, »Schurke« ... durch den Kopf, die ich irgendwie witzig oder merkwürdig fand. Ich hielt mich an ungewöhnlichen Plurali auf, wie ist der von Globus, der von Heimat, der von Trauma, der von Codex, der von Schock. Mich beschäftigten Präteritumformen von niesen bis zu schweifen, Adjektive wie verworren, kritzegrün und sonstige Seltsamkeiten. Sprache kann so interessant sein, und man muß nicht Sprachwis- senschaften studieren, um das zu entdecken. Es reicht, zuzuhören. Und vielleicht selbst einmal die Erfahrung von der eigenen Unzu- länglichkeit im Sprechen zu machen. Dann betrachtet man vielleicht die Sprache anders.
Fragt sich, warum es heißt: man kommt vom Regen in die Traufe. Was ist Traufe? Was soll das bedeuten? Mitgehangen, mitgefangen. Eine Zeit lang redete ich in Sprichwörtern, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Und solche Dinge. Aber es geht noch weiter. Diese allgemeinen Floskeln wie: hey, wie geht's? gut, es muß. Oder: was will man machen? Als ob man nicht immer eine

Challo Achmann

Möglichkeit hätte, frei zu entscheiden! Liegt es an meiner verkno- teten Zunge von früher, wenn ich auf die Sprache achte? Noch heute stört mich mein eigenes Unvermögen oft, wenn ich frei reden soll. Mich überkommen die gleichen Probleme, wenn ich mich in Dis- kussionen einmische, alles verwurstelt sich in meinem Kopf, ich spreche zu schnell für mein Denken. Ich habe es zu eilig, es ist mir zu wichtig, was ich zu sagen habe, ich muss es schnell loswerden. Hinterher fühle ich mich erneut wie der kleine Sechsjährige, der unverstandene, über den man gerne lacht, und ich denke: scheiße, wie soll der mich ernst nehmen, wenn ich mich nicht so ausdrücke, wie ich es könnte; warum kann ich nicht so reden wie ich in meinen Gedanken rede, wenn ich Zeit dafür habe!
Das gleiche Unvermögen begegnet mir, wenn ich Hausarbeiten schreiben muss, wie soll ich das formulieren und wie dies, da es mir selbst ja verständlich ist; aber auch für den anderen? Wird der Leser mich verstehen, wird er wissen, was ich meine? Man ist re- gelmäßig unzufrieden, fragt sich, warum man so unfähig, nicht in der Lage ist, sich klar auszudrücken, und dazu muß man kein Möch- tegernschriftsteller sein, wie es wahrscheinlich sehr viele Deutsch- Studenten sind. Das Zweifeln an sich selbst, an der Sprachfähig- keit, das macht einen großen Teil der Identitätssuche für ein intel- ligentes Migrantenkind aus. Sich in einer Sprache wohlfühlen, ja, sogar noch mehr, sich daheim fühlen. Welche ist meine Heimat- sprache? Griechisch? Die Sprache meiner Eltern? Nein, ich glaube nicht. Ist es nicht eher die Sprache, in der ich träume? Diese ist allerdings die Sprache meines Geburtslandes, des Landes, in dem ich aufgewachsen und zur Schule gegangen bin: Deutschland - deutsch.
»Sie sprechen aber gut deutsch.« Diesen Satz habe ich schon öfter von Deutschen gehört, besonders liebe ich ihn von älteren Damen, die - man muß es so sagen -, von überhaupt gar nichts eine Ah- nung haben. Da könnte ich genauso gut antworten: »Sie aber auch, Respekt!« Warum sollte man als »deutscher Ausländer« schlechter deutsch sprechen, wenn man hier geboren wurde, die deutsche Grundschule, das Gymnasium besuchte und sogar das Abitur hinter sich brachte? Ach, das können diese Menschen ja nicht wissen. Sie hören den ausländischen Namen und denken: da haben wir wieder einen! der kann bestimmt nicht gut deutsch, wie denn auch! Sie stellen sich schon darauf ein, mit ihrer Sprache zu diskriminieren, sich über einen anderen Menschen zu erheben. Nur klappt das bei mir nicht. Ich höre die subtilen Diskriminierungen heraus, ich verstehe sie. Ich habe ein Gespür für sie, vielleicht sogar noch mehr als eine emanzipierte Sprachwissenschaftlerin. Man macht mir kein X für ein U vor! Auch so eine witzige, bemer- kenswerte Wendung.
Man wird sensibilisiert, wenn man als Migrantenkind in einem fernen Land aufwächst. Man hört sich das verkorkste Deutsch seiner Eltern an, die schon seit dreißig Jahren hier leben, registriert die Reaktionen der Umstehenden, man selbst befaßt sich mit der Spra- che, hört genau zu, was über »die Migranten« oder »die Ausländer« gesagt wird. Man liest die Artikel über diese Gruppe in den Zeitun- gen aufmerksam, besorgt sich Bücher zu dem Thema. Schreiben Sie einmal ein Gedicht und Sie werden erkennen, wie sehr wir in der Sprache von Worthülsen umgeben sind. Wenn man poetisch wer- den, seine Gefühle ausdrücken möchte, neigt man allzu leicht zu Floskeln, positiv könnten es auch Metaphern sein, wenn man zu solcher Brillanz in der Lage wäre, doch wer ist das schon. Viele Möchtegerndichter entdecken diese Tücken in der Lyrik gar nicht. Manche denken: Hauptsache es reimt sich. Die anderen denken: Hauptsache es hört sich schwülstig an. Man kann sich vorstellen, was man da zu lesen bekommt.
Mein Cousin schrieb Liebesgedichte für seinen Schwarm. Im puber- tären Alter von 16. Oh, ich mußte beinahe kotzen, als ich sie las. Oh, hoffentlich wird er das niemals lesen. Natürlich sagte ich ihm, dass er da eine löbliche Sache getan habe. Er solle sie doch auf jeden Fall seiner Angebeteten schenken.
Man entdeckt eine neue Fallgrube der Sprache: um einer Person nicht vor den Kopf zu stoßen, muß man entweder die Wahrheit geschickt verschleiern oder gleich ganz - aber trotzdem subtil - lügen. Lüge, Heuchelei, Schmeichelei, Ironie, Zynismus, Sarkasmus und dergleichen sind so nahe beisammen, dass man sehr aufmerk- sam sein muss, wenn man sie auseinanderhalten will. Eines Tages kam ich mit einem Schild in die Schule. Auf der einen Seite stand IRONIE, auf der anderen Seite WAHRHEIT. Ein nettes Experiment, das ich bald abbrechen musste, weil ich die Sinnlosigkeit dessen zu deutlich empfand. Wie oft laviert man sich mit Ironie und nicht ernstgemeinter Schmeichelei durch den Tag, um Krisen und Strei- tigkeiten zu vermeiden, bei der Empfindlichkeit der meisten Men- schen kommt man da gar nicht drum herum, so ehrlich und wahr- haftig man sein möchte.
Wenn man Fremdsprachen lernt, entdeckt man erneut die Faszina- tion der Sprache. Vergleichen Sie einmal Türkisch mit Deutsch. Also, ich kann mich nicht an diese elenden und endlosen Endsilben der türkischen Sprache gewöhnen. Scheinbar viel einfacher als die schwerfällige deutsche Grammatik, erschwert es einem das Spre- chen, alle wichtigen Merkmale als Endungen an die Worte dran zu setzen. Oder was passiert, wenn wir versuchen, etwas Chinesi- sches nachzusprechen? Oder Arabisches? Da verknotet sich unsere Zunge ungefähr auf die gleiche Weise wie bei mir als kleines Kind.