Claudia Schulze, unfreiwil-
lige Vertreterin der Genera-
tion X
. Studium der Psycho-
logie, Kulturanthropologie
und Erwachsenenpädago-
gik in Karlsruhe, Freiburg
und Konstanz. Wissen-
schaftsautorin im Span-
nungsfeld von Phthiseo-
phobie, Physiologie und
Philanthropie. Redaktions-
mitglied der Literaturzeit_
schrift Wandler, dort auch
Veröffentlichungen.

Die Bilder dieser Ausgabe sind von Challo Achmann, 1949 geboren, als Maler in München lebend. Er hatte etliche Veröffentlichungen und Ausstellungen seiner Werke im In- und Ausland.

Der verhüllte Greis sah Akim starr in die Augen und fragte: »Wen suchst du hier?« Er sprach deutsch, was Akim noch stärker be- fremdete als sein unvermitteltes Erscheinen.
Die marokkanische Wüste war nicht eben der Ort, deutsch zu sprechen.
Sprache, Land und seinen Taufnamen hatte er bereits hinter sich gelassen, aber offensichtlich war er noch immer nicht weit genug weg. Akim spürte eine grauenhafte Scham darüber, dass der Alte den Deutschen in ihm erkannt hatte.
Hatte er sich in den vergangenen Jahren nicht etwa redlich be- müht, ein wahrer Marokkaner zu werden? Doch den Alten kümmerte das nicht. Was konnte er denn bloß von ihm wollen? Akim wand sich, kratzte sich, um sein Zittern zu verbergen, und verfluchte ihn, den Ungerührten, insgeheim.

Langsam nickend drehte dieser seinen mageren Körper in dem ver- witterten, von feinen Tüchern umsponnenen, Kopf weg, als wüsste er bereits, dass er von Akim keine Antwort erwarten könnte.
Allein blieb Akim zurück, machte sich nicht die Mühe, der Fata Mor- gana im Gewand eines rätselhaften Alten zu folgen, denn in der Wüste muss man seine Kräfte zusammenhalten.
Doch dann, er konnte es sich nicht recht erklären, begann er zu laufen. Gegen den heißen Sand ankämpfend folgte er der Gestalt. Sand und Sonne verdunkelten seinen Blick, aber die Angst, den Mann nicht mehr zu erreichen, ließ ihn weiterlaufen.
Wie verlassen fühlte er sich mit einem Mal ohne diesen Menschen, wie ganz und gar allein.
Als er ihn fand, verlangsamte sich sein Schritt. Akim sank in die Knie neben den Alten, der da lag. Tot, in der Wüste, das Gesicht vom Sand schon halb zugedeckt.
Warum er ihm den Sand aus dem Gesicht strich, wusste er auch nicht. In der Wüste war eine solche Geste sinnlos. In wenigen Augenblicken würde sie ihn wieder unter sich begraben haben. Aber er musste sich dieses Gesicht noch einmal genau anschauen. Und als es schließlich entblößt vor ihm lag, wusste er, warum.
Es war sein eigenes Gesicht. Und er wunderte sich nicht einmal darüber. Ruhig drückte er sich selbst die Augen zu. Es war vorbei.
Er war gestorben. In der Wüste. Allein. Heute. Aber irgendetwas an seinem Tod unterschied sich von dem Bild, das er sich vom irdi- schen Ende immer gemacht hatte.
Der Tod hatte ihn nicht, so wie er sich das erhofft hatte, von sei- nen Gedanken, befreit.
Konnte ein Toter leiden, etwa mehrfach sterben? Und was bedeu- tete das »Heute« in der Wüste? In einem Ort, in dem es Raum und Zeit nicht zu geben schien? Wo Realität und Illusion eines waren. Was zählte in Anbetracht des Endes? Was war wesentlich?
Wesentlich war in der Tat, er konnte nicht umhin, sich dies ein- zugestehen, dass er allein gestorben war, in der Wüste, weit weg von dem Ort, an dem er geboren wurde, weit weg von dem Land, in dem er nicht hatte leben können. Das war Deutschland gewesen. Genauer: die Insel Norderney.

Die Insel, auf der er nichts gewesen war. Wo man durch ihn hin- durch geschaut hatte wie durch einen Fremden. Wie hatte er sich damals gewünscht, ein Türke zu sein. Dann wäre ja klar gewesen, warum man ihn gemieden hätte, den Türken auf der Frieseninsel.
Aber er war kein Türke. Er war ja nicht einmal einer vom Festland. Er war Akim, geschwisterloser Sohn des Fährmanns, dessen Familie schon immer auf Norderney gelebt hatte. Leider. Wenn er in den Schulpausen also allein auf dem Hof herumstand, dann hatte das einen anderen Grund.

Challo Achmann

Dann war nur Akim, einst Achim genannt, persönlich gemeint. Selbst wenn er keine Erklärung dafür finden konnte, warum das so war. Er hatte wahrlich nichts unversucht gelassen, sich Zuneigung und Bewunderung der anderen zu erdienen, aber seine Bemühungen waren umsonst gewesen.
Auf der Insel gab es nicht viele wie ihn, aber später, als er zum Studieren weggezogen war, da lernte er sie kennen. Jene, die wie er nach H. gezogen waren, in der Hoffnung, hier neu anzufangen. Auch Akim hatte es versucht, aber er hatte mit all diesen Existen- zen nur eines gemein. Die Sprachlosigkeit. Sie waren die Ausge- stoßenen, die Sonderlinge. Was gab es da noch zu reden? Statt- dessen übten sie sich in der verzweifelten Sprache des hastigen Geschlechtsverkehrs.
Akim verkehrte mit, er lockte sie sich nacheinander mit Bier und mit dem Kiff, den meist er bezahlen musste, in seine Wohnung, nahm was kam, alt oder jung, schwarz oder weiß, gesund oder krank, Mann oder Frau.
Über das Geschlechtsorgan dockte er an, wollte ihnen, die es doch selbst nicht wussten, das Geheimnis des Verbundenseins entlocken.
Ein bis in den After hinein heftig juckender Tripper, welchen er sich bei einer dieser Gelegenheiten zugezogen hatte, trug er stolz wie ein Mann in jener Hose umher, in der er nunmehr nicht mehr allein zu stecken schien. Der Geschlechtspartner des vergangenen Wo- chenendes, dessen Name ihm entfallen war, begleitete ihn.
Die kleinen Stiche, die er beim Gehen und beim Pinkeln verspürte, waren warme Empfehlungen, Ehrbezeichnungen.
So hatte er sich entsprechend siegessicher dem wortkargen Der- matologen präsentiert. Sollte dieser den Beweis dafür sehen, dass sich jemand für ihn interessiert hatte. Das war es, was schließlich zählte: ob für eine Minute, eine Stunde, eine Nacht: er war nicht allein gewesen.

Allein hatte er sein ganzes sonstiges Leben verbracht, trotz aller Bemühungen, dies zu ändern.
So hatte er in den langen Jahren seines Philosophiestudiums sieben Sprachen gelernt. Wegen sieben einfacher Frauen aus der Fremde. Leichten Frauen, die einfache Lösungen und unbekannte Rezepte für das Leben mitgebracht hatten. Sieben Frauen, die er kennenge- lernt und die ihn nacheinander verlassen hatten.
Und das, obgleich er alles von ihnen übernommen hatte. So war er Vegetarier und Metzger, Atheist und Prediger, Dieb und Kommissar gewesen, hatte sich gehäutet für jede neue Frau, hatte ihre Kleider angelegt und wurde am Ende doch von jeder abgelegt.
Nur eine war bei ihm geblieben - äußerlich zumindest. Das war Aya aus Marokko gewesen.
Marokko. Wegen Aya und wegen seiner Hoffnung war er in dieses Land gekommen. Hier würde sein Anderssein nicht auffallen, hatte er vermutet, denn wenn er fremd erschiene, dann mit gutem Grund.

Aber gerade dadurch würde er hier irgendwann dazugehören, da war er sich sicher gewesen auf der Busfahrt nach Casablanca, wenngleich er damals schon ahnte, dass die Begegnung mit ihm und Aya nichts mit Bogart und Bergmann zu tun haben würde.
Es war vielmehr das arrangierte Treffen eines listigen Vermittlers gewesen, der ungeliebte marokkanische Frauen durch Heirat mit glücklosen Europäern aus dem Land schleuste, und obgleich sie sich nicht kannten, war doch das gemeinsame Verlorensein eine mög- liche Basis für ihr zukünftiges Zusammenleben.
Er würde ihre Kleider tragen, ihre Sprache sprechen, ihre Liebes- und Klagelieder singen. Wenn sie sich ihm nur dafür schenkte, er dafür nur einen Menschen erhielte, der bei ihm bleiben würde.
Damals, im Bus nach Casablanca, war Aya nur eine Vorstellung in seinem Kopf gewesen. Noch hatte er nicht gewusst, wie sie aus- sah. Nur dass sie fünf Jahre älter war als er hatte er erfahren und dass sie keine Kinder zu gebären bereit war, da sie ihr Leben in Freiheit zu genießen wünschte.
Das hatte Akim nicht gestört, denn so würden sie einander genug sein können. Verstohlen hatte er sich damals im Bus an sein Braut- geschenk gepresst. Es war ein Parfümflakon gewesen. »Princesse«, denn das hatte sie für ihn sein sollen, hätte es ihn doch zugleich in ähnlich edlen Stand erhoben.
Im Bus auf dem Weg nach Casablanca hatte er sich dieses neue, dieses erste Leben zurechtgeträumt.
Ein Lächeln hatte sein Gesicht ergriffen, als er sich vorgestellt hat- te, wie vertraut die jetzt noch unbekannte Aya ihm bald Falafel, ungesäuertes Brot und Feigen reichen würde, liebevoll bauchtan- zend, seine Einsamkeit vertreibend. Sie würden einander wirklich brauchen und sich somit niemals verlassen.
Er hatte sich ihre neue Wohnung schon genau vorstellen können. Die grüngestreifte Sofagarnitur seiner Eltern durch bedruckte Kissen ausgetauscht. Aya, sich dort mit ihm tummelnd, lachend, karda- momkauend, Schwarztee trinkend, fremdländischen Klängen lau- schend, Kiff rauchend.
Damals hatte er es kaum erwarten können, sich mit ihr den Zauber des Orients und das Geheimnis der Geborgenheit in seine triste Stu- dentenbude zu holen.
 
Doch dann war alles anders gekommen. Aya, die so kleingewachsen war, dass er, der er beinahe lächerlich groß war, sich krümmen musste, um Halt zu finden, hatte seine Bemühungen, in Deutsch- land eine marokkanische Oase zu schaffen, nicht gewürdigt.
Die bunten Kissen wollte sie durch eine anständige Sitzgarnitur er- setzt wissen und statt eines flatternden Gewandes trug sie Leggins und Turnschuhe aus dem hiesigen Discount.
Dem Minztee zog sie schnöde Rührschokolade vor und statt orien- talischer Musik verlangte sie nach einem Fernseher mit einer Satel- litenschüssel, die so groß war, dass die Wohnung nun selbst im Sommer schattig blieb.
Entsetzt hatte er beobachtet, wie geschickt Aya mit der Fernbe- dienung umzugehen vermochte, wie sie es fertig brachte, sich fünf Talkshows gleichzeitig anzusehen, und dabei behände eine Dose Instantkakao auszulöffeln, als Nervennahrung für ihr beunruhigend lernfähiges Gehirn.
Dabei hatte ihn der Gedanke befremdet, dass sie sich in den Kopf gesetzt hatte, Deutsch zu lernen, und bereit war, Französisch und Arabisch aufzugeben.
Sehr bald hatte sie sich gut verständigen können. Als sie sich dann auch noch eine Stelle als Obstverkäuferin verschaffte, sich mit den deutschen Kolleginnen anfreundete und geradezu unmarokkanisch wurde, waren in Akim Angst und Unsicherheit gewachsen.
Seine damaligen Gefühle raubten ihm nun inmitten der Wüste den Verstand. So, als sei keine Zeit dazwischen gewesen. So, als sei er nicht bereits tot.
Akim erinnerte sich an seine damalige Angst:
Noch eine Frau, die ihn ablegen würde? Oder ebenso schlimm: eine, die seine erbärmlichen Kleider tragen wollte?
Nur Allah, zu dem er regelmäßig betete, konnte ihm jetzt noch hel- fen. Allah und ein paar möglicherweise obszöne Bemerkungen, mit denen er Ayas neue Freundinnen versehentlich vertrieben hatte.
Und tatsächlich: das Wunder geschah! Nach nur einem Jahr verab- scheute Aya dieses Land ebenso sehr wie Akim, einst Achim ge- nannt.
Sie verkehrte jetzt nur noch mit den anderen Marokkanerinnen aus dem Viertel, und was in Marokko keiner für möglich gehalten hätte, wurde in Deutschland Realität:

Durch Akim war Aya eine gute Muslimin geworden. Die Sofaecke kam auf den Sperrmüll, die bunten Kissen wurden aufgeschüttelt, im Fernseher lief nur noch »TV Maroc«.
Aya war nun den ganzen Tag zu Hause, um auf ihn zu warten. Sie arbeitete nicht mehr, nickte gelegentlich vor sich hin und trank Tee oder rollte mit den anderen Frauen aus dem Viertel Weinblätter für gemeinsame Heimatabende. Der Appetit auf Instantschokolade war ihr abhanden gekommen.

Damals hatte Akim gehofft, dass Kinderlachen die Lösung gegen die Stille in ihrem Leben sein könnte. Auch wenn er sie dafür würde teilen müssen.
Sie hatte eingestimmt, achselzuckend. Nach und nach waren die vier Kinder geboren und nach den Propheten getauft worden.
Prächtige, gut genährte Kinder waren es allesamt, aber er, Akim, gehörte immer noch nicht dazu. In der Familie nicht, im Viertel nicht, bei den Arbeitskollegen nicht

Akim erinnerte sich genau an den eisigen 21. Dezember, während des Ramadan. Das war der Tag gewesen, an dem er beschloss, mit der Familie in ein besseres Land zu ziehen.
Die Hoffnung, dass alles anders werden würde, verband er bereits seit seiner ersten afrikanischen Reise mit diesem besonderen Stück Erde, mit Marokko. Und noch vor Neujahr hatten sie eine geräumige Wohnung in Marrakesch gefunden.
Wie hätte er auch wissen können, dass Aya, eine einstmals ge- schiedene und zudem ungebildete Frau, in den höheren Kreisen, in denen er dort heimisch zu werden suchte, nicht angesehen wurde. Da auch ihr Äußeres nicht ansprechend genug war um über diese Mängel hinwegzutäuschen, blieben die Einladungen der Gesellschaft nach und nach aus.
Diesmal war Aya gescheitert, nicht er, das konnte nicht anders sein. Und er hatte es sie spüren lassen. Aber das hatte auch nicht geholfen.
 
Und so waren sie ein drittes Mal umgezogen, in den Süden. Zurück in Ayas Heimatdorf. Es war keine gute Gegend, aber hier war Aya zuhause, hier hatten die Kinder endlich eine richtige Familie.
Er sah sie jetzt nur noch selten. Verwandte und Nachbarn zankten sich um Aya und ihre Kinder. Akim selbst durfte auch dabei sein, aber niemand legte wirklich Wert darauf. Er war wohl immer noch nicht marokkanisch genug. Etwas fehlte.
Einen schmückenden Bart hatte er sich daraufhin wachsen lassen, täglich den Koran studiert, er hatte gefastet und gebetet doch unaufhaltsam wurde alles schlimmer als es je zuvor gewesen war.
Schließlich begriff er, dass er, je mehr man auch höflich versuchen würde ihm das Gegenteil zu beweisen, auch hier immer nur allein bleiben würde.
Wer war er denn bloß? Ein haltloser, schlaksiger Friese, an dem selbst das stattlichste marokkanische Festgewand wie ein jäm- merlicher Fetzen herunterhing? Ein einsamer Fremder mit viel zu großen Füßen?

Zu dieser Zeit hatte er begonnen, tagelang durch die Wüste zu wandern, auf der Suche nach etwas, das er sein Leben lang ver- misst hatte.
Plötzlich, als er so im Sand lag, spürte er, dass er ganz nahe daran war, es zu finden. Er wusste nicht, was es war, aber vertraut war es - und seltsam leicht.

Ein Zivildienstleistender und ein Pfleger der Psychiatrischen Klinik Norderney fanden ihn in den Dünen. Grinsend lag er auf dem Rücken, die Arme aufgefächert, flatternd.
Besonders der Pfleger nahm Akim seinen Ausflug übel.
Heftiger, als es sonst seine Art war, packte er ihn am Arm und zerrte ihn hoch. »Das mir das nicht noch mal vorkommt, Achim!« zischte er. Akim senkte schuldbewusst den Kopf. Immerhin konnte der Pfleger durch sein ständiges Ausreißen den Arbeitsplatz verlieren, das wusste er schon. Aber das Heimgebracht werden war doch immer so schön.
Die warme, fleischige Hand des Pflegers, die sich fest um seinen Arm geschlossen hatte, fühlte sich gut an.