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Kape Schwarz, geb. 1971 in Düsseldorf, lebt in Berlin.
Studium Politik, Volkskunde, Öffentliches Recht. Veröf- fentlichungen u. a. in Speak Easy, Allegro, Flowers. Lyrikband 1999. Teilnahme an Poetryslams in Seattle,
Dachlyrik on 50th Avenue, Coffeslam. Stipendien und Praktiken im Ausland. Grün- dungsmitglied von Legru1.
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Die Bilder dieser Ausgabe sind von Challo Achmann, 1949 geboren,
als Maler in München lebend. Er hatte etliche Veröffentlichungen und Ausstellungen seiner Werke im In- und Ausland.
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»sum gert icht karm Michael hilfter.« Ein kleiner Fetzen Papier, der im Treppenhaus lag. Damit fing
es an, und zwei Wochen später bin ich zu Hause ausgezogen. Ich habe den Zettel noch heute. Eine Kopie davon klebe ich immer auf die erste Seite meiner Tagebücher. Seit Jahren schon. Als ich ihn damals näher
betrachtete, erkannte ich die Handschrift meines Vaters, die aber seltsam kindlich und un- gelenk schien. Solche Zettel fand ich oft. Sie waren codierte An- spielungen, weil ich irgendetwas erledigen sollte oder
vergessen hatte. Mein Vater wusste, dass ich jeden dieser Frondienste hass- te, ich zeigte es ihm dann auch, und wir haben so beide immer un- ser Gesicht gewahrt. Ein Spiel unter Männern. Ebenso oft wurde ich mit
dem Satz, »Michael, kommst du mal.« in die erste Etage einbestellt, der alles bedeuten konnte, aber in je- dem Fall Arbeit versprach. Ich überlegte schon beim Hinaufgehen fieberhaft, worin genau mein aktueller
Auftrag bestehen könnte. Frank Sinatra regt seitdem meine Kreativität enorm an. Seine Plat- ten hörte mein Vater fast ununterbrochen, wenn er zu Hause war. In letzter Zeit war ich allerdings etwas zerstreut. Ich
fand einen Zettel und vergaß bald darauf nicht nur meine Widerworte, sondern oft auch den eigentlichen Auftrag. Ich legte auch diesen Zettel beiseite, und meine Gedanken glitten ab zu der Ursache dieser Zer-
streutheit. Zu ihr, zu Ewa. Alle Welt war seit einigen Monaten nur noch Kulisse, und alle Minu- ten des Tages spitzten sich auf den Augenblick zu, an dem ich sie küsste. Seit ich sie kannte, schlief ich in der
Gewissheit ein, das Leben entdeckt zu haben, und war ganz sicher, es am folgenden Morgen wieder aufzufinden. So manche Nacht schlief ich aber auch gar nicht, weil ich mit wahnhaftern Gedanken mein Bett voll-
schwitzte. Visionen von düsteren Männern, Entführungen und hilf- losen Schreien regierten dann meinen Leib. Alles zu verlieren schien mein trauriges Schicksal. Ich rang mit der Nacht, wollte Held sein, mich gegen
die Vorsehung stemmen, weinte vor Angst, musste manchmal sogar kotzen vor Aufregung. Sofort rief ich morgens bei ihr an. Bereits mit dem ersten Ton ihrer Stimme lösten sich alle Krämpfe, meine Zukunft war wieder
möglich. Das also war der Grund für meine Zerstreutheit besonders im Zettelbereich.
Wie eine Polle den Heuschnupfen, so löste ein Zettel meines Vaters ein ritualisiertes hin und her eigentlich überflüssiger
Worte aus. Ich fand einen Zettel und auf mein an ihn gerichtetes »Warum«, das ich vor die Erledigung eines Auftrages stellte, erntete ich jedesmal ein schlichtes und übermächtiges: »Weil ich es so will.« Auf diesem
Satz baute mein Vater unser Zusammenleben auf. »Weil ich es so will« bedeutete in unserem Code: »Weil das Leben so ist.« Darin schien er sich sicher. Aber mein Vater ist ohne Schuld. Ich habe das alles selbst so
gewollt. Ich habe Warum gefragt. Worte sind mir wichtig. Deshalb wollte ich es auch von ihm hören. Warum. Aber was tun mit der Botschaft: Weil das Leben so ist? Sie sprach allem Wollen den Sinn ab. Heute glaube ich,
er übernahm trotz allem die Rolle, die ein Vater zu spielen hat: Den Kindern ins Leben helfen. Allerdings hat er dabei wie immer ein wenig zuviel von mir verlangt und meine Fähigkeiten bei weitem überschätzt. Weil
das Leben so ist, war viel zu groß für mich. Autos sollen glänzen. Einfahrt ist kein Amazonas. Winter braucht kleines Holz. So etwas stand auf den Zetteln. Jedesmal war das ein frischer, eckiger Zettel von dem
Notizblock am Telefon, der niemals kleiner zu werden schien. Einen Moment dachte ich, dass mit »sum gert icht karm Michael hilfter« die Codierung meines Vaters eine neue Ebene erreicht hätte. Es war ein unknackbarer
Code. Perfekt geeignet, mich in Wartestellung zu halten. Allein dafür hätte es sich wohl gelohnt, meine Kindheit zu hassen. Wenn ich gewusst hätte, dass ich heute noch immer warte. Und doch war mein Vater wie vieler
Söhne Väter. Ob mit Zetteln oder ohne. Aber vielleicht glaub- te ich nicht, so zu sein, wie der meisten Väter Söhne. Ich hatte ei- nen Grund, das zu glauben. Mein Vater hat mir einmal Weihnachten einen Kompass
geschenkt. Nicht nur, dass dies das einzige Ge- schenk von ihm war, das er nachweislich selbst erdacht, gekauft und sogar übergeben hat. Er hatte auch etwas dazu gesagt: »Ich hätte gern so einen gehabt in deinem
Alter.« Knapp war die Erklä- rung, und doch wühlte sie mich auf. Tagelang lag der Kompass auf meinem Tisch, wo ich ihn anstarrte und hoffte, ihm sein Geheimnis zu entlocken. War auch er ein verschlüsselter Hinweis?
‚Finde dei- nen Weg' oder so etwas? Ich habe nie gefragt. Es nutzte ohnehin alles nichts. Mein Vater konnte nicht wissen, dass die Rüstung, die ich allmählich schmiedete, die Nadel immer ablenken würde.
14.00 Uhr. Der seltsame Zettel lag noch auf meinem Schreibtisch. Mutter war irgendwo zum Kaffeekränzchen oder beim Friseur. Mein Vater schon wieder auf dem Weg ins Werk. Jetzt war es möglich: Musik so laut, dass
Regale erzitterten und die kleinen Püppchen aus dem Setzkasten fielen. Nackt vor dem großen Spiegel im Schlafzim- mer meiner Eltern stehen und mich betrachten. Sehen, was zu se- hen ist. Machen, was zu machen ist.
Rauf auf den Dachboden. Der war vollgestopft mit altem Spielzeug, schweren Möbeln, einen Flip- perautomaten, dutzenden von Kartons, Fußballpokalen meines Bru- ders, Matratzen und wenig gereisten Koffern.
Wohlstandsmüll. Ich saugte den Geruch auf, ließ die Dunkelheit mich kühlen. Hier gab es Sinn und Antwort. Heute allerdings würde der Dachboden in Ruhe weiter Staub auf unsere Sesshaftigkeit schichten. Denn ich
erging mich auf meinem Bett liegend in ganz anderen, pulsierenden Träu- men. Wenn meine Eltern ein Wochenende wegfahren würden, dann gehörte das Haus wieder Ewa und mir. Ich reagierte auf keine An- rufe und traf
keine Verabredungen. Wir verbrachten unter Vorspie- lung falscher Tatsachen gegenüber Lehrern, ihren Eltern und den Freunden jede Stunde zusammen. Abends bauten wir im Wohnzim- mer unseres Hauses einen Esstisch auf,
kochten und dinierten bei Kerzenschein, liebten uns anschließend etwas zu sehr an Vorbildern orientiert auf eben diesem Tisch und auf dem Fernsehsofa, über dem ein inspirierendes Gemälde hing. Darauf zwei Nackte in
wilder Natur. Mein anderes, geheimes Leben machte mich sehr stolz, wenn ich meine Eltern an normalen Abenden unter diesem Bild fern- sehen sah.
Ewa und ich lebten zu Haus sehr unterschiedliche Leben. Für Ewa
hatte Familie und ein Gespräch mit ihrem Vater einen geradezu heiligen Wert. Sie schwärmte manchmal noch Tage später davon: »Er hat laut gelacht und mich seine kleine Evi genannt und dann mit mir Cafe getrunken.
Mein Mädchen nennt er mich dann.« Sie erkannte sich bei diesen Gesprächen als Frau oder sogar potentielle Mutter. Sie liebte ihren Vater. Ein erzkonservativer, bockiger und autoritärer Pole aus Krakau. Ich lief noch
nach einem Jahr als der Freund von Ewas älterem Bruder in der Wohnung rum. Natürlich wussten Ewas Eltern, wer ich wirklich war. Ihre Mutter lächelte immer verständnisvoll, ich lächelte zurück und Vater gab weiterhin
den ahnungslosen Patriarchen, dessen Töchter durchweg ordent- liche Mädchen waren. Am sonntäglichen Mittagstisch musste er sich bei Diskussionen um Ausgehzeiten und Familienehre von seinen Kindern als ‚Mann aus dem
letzen Jahrhundert' bezeichnen lassen. Das machte ihn aber noch interessanter und liebenswerter für mich. Er lächelte dann immer so siegessicher. Der alte Pole verschaffte mir ein bizarres Freiheitsgefühl, wenn
ich mit Ewa die Wohnung dort verließ und fortwährend Pläne schmiede- te, wie wir noch mehr Zeit miteinander verbringen könnten. Der Wille, unserer Liebe soviel Zeit und Raum wie nur möglich zu ver- schaffen, fand
seine Grenze in dem Wunsch, den alten Mann auf keinen Fall zu enttäuschen. Es war ein wunderbares Spiel. Etwas, das ich nie empfunden habe, wenn ich vor unsere Haustür trat.
An jenem Nachmittag schlief ich
ein mit dem Zettel auf meiner Brust. Als ich erwachte, war es schon dunkel. Noch immer kein Laut im Haus. Um halb sieben gab es Abendbrot. Dann war mein Vater immer da und saß der Familie vor. Nur ein einziges Mal
nicht: Als der Gasturm, der den Hochofen befeuert, bei einem Unfall zu bren- nen begonnen hatte, und das ganze verdammte Werk drohte, in die Luft zu fliegen. Dieses Feuer schien damals nicht nur die Fabrik zu
bedrohen, sondern auf erfreuliche Weise auch unsere Familie. Damit meine ich vor allem mein ‚Warum'. Der Ausnahmezustand zog ein, in die Stadt und unser Haus. Deswegen ist mir das alles in sehr guter Erinnerung.
Hunderte von Feuerwehrleuten aus umliegenden Städ- ten waren im Einsatz, es gab Evakuierungspläne für die nahen Sied- lungen, und mein Vater tagte seit Stunden im Vorstandsgebäude mit der Führung des Werks. Er rief
erst um elf abends an. Ich nahm ab. Er klang gelassen und auf eine seltsame Art präsent, die ich nicht kannte an ihm. »Es wird noch dauern. Macht euch keine Sorgen. Wir haben das im Griff.« Und dann sagte er:
»Man muss eben die Kontrolle behalten, nicht wahr?« Ich nickte kurz und gab den Hörer meiner Mutter. Sie schien den Tränen nahe. Was sie sagte, hörte sich an, als sei mein Vater irgendwo in Geiselhaft. Ich hörte
seine dunkle Stimme beruhi- gend auf sie einreden. Sie schüttelte den Kopf. Dann legte sie auf. Wir warteten noch bis nach Mitternacht und hörten die Nachrich- ten. Ich muss irgendwann eingeschlafen sein. Morgens
wachte ich in meinem Bett mit einem unguten Gefühl auf. War das recht, dass ich seelenruhig schlief, während mein Vater sein Leben riskierte da draußen? Ich rannte sofort hoch. Und da saß er in seinem grauen Anzug
am Küchentisch, rote Augen, zerzaustes Haar und strahlte. Daneben meine Muter, die viel zu geschäftig mindestens zwanzig Brötchen aufschnitt.
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Challo Achmann
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»Hallo, na?«, fragte ich und fand dann meine Worte der Situation nicht angemessen. Ich hätte fragen
müssen: Bist du glücklich, Vater? Aber vielleicht entschlüsselte er meinen Code. In dem Au- genblick schien es möglich. Mein Bruder und meine Schwester wa- ren extra vorbeigekommen und saßen jetzt schweigend am
Tisch. Mein Vater hatte tatsächlich mit seiner Erzählung gewartet, bis ich wach geworden war. Sonst wurde ich an Samstagen um Punkt neun zum Frühstück geholt. Der Ausnahmezustand hatte unser Haus schon verändert.
Wir hingen an seinen Lippen während er Kette rauchend von Feuerwehrhauptmännern mit dem Namen Sitzig und Kopatschek erzählte, vom rotglühenden Gasturm, den flackern- den Blaulichtern, den zum Teil handgreiflichen
Besprechungen im großen Sitzungssaal, den Strategien und Gefahren, den Plänen und Ängsten. Mein Vater schien das Zentrum eines wabernden Chaos gewesen zu sein, das er letztlich in den Griff bekommen hatte. »Man
muss eben die Kontrolle behalten.«, sagte er dann wieder und gab mir freudig einen Knuff auf die Schulter. Danach frühstückten wir alle bis lange nach Mittag. So viele Worte berauschten mich. Unser Haus schien sie
aufzusaugen wie trockener Boden das Was- ser. Erst als mein Vater sich später schlafen gelegt hatte, konnte ich den Umfang und die Bedeutung dieses Morgens überhaupt er- fassen. Ich fühlte mich wie bei Ewas Familie
zu Haus. Auch mein Vater war zu einer Gestalt aus dem letzten Jahrhundert geworden. Ich glaubte ihm. Ich erinnere mich an keinen einzigen Disput in jenen Tagen. Nach etwa vier Wochen aber schwand die Euphorie
und allmählich ver- sickerten auch die Worte. Ganz langsam, wie Temperatur fällt, ge- schah das. Als ich mit einem Kater Ostersonntag zum gemeinsamen Frühstück gezwungen wurde und versehentlich kein ‚Frohe Ostern'
an alle richtete, schrie mein Vater mich zusammen und zählte wie lange vorbereitet allerlei Verfehlungen der Vergangenheit auf. Da wusste ich, dass ‚Warum' und ‚Weil ich das so will' die Macht zu- rückerobert
hatten. Übrig blieb der Satz. Meist wenn mein Vater Kollegen in unsere Hausbar unterm Dach geladen hatte, hörte ich ihn denn gleich einem Schlachtruf schmettern: »Man muss immer die Kontrolle behalten.« Das rief er
den rotgesichtigen Herren zu, die sehr müde in ihre Biergläser nickten. Ich erschauderte bei dieser Erinnerung. Als ich vom Bett aufstand, fiel der Zettel zu Boden. Ich steckte ihn in die Hosentasche und sehnte
mich nach einer klaren Stimme. Ich wählte Ewas Nummer. »Ewa Gesporsky?« »Hey Kleine, ich bin's.« »Ah, du Maus. Wann sehen wir uns? Ich hab mich gerade umgezo- gen. Rate, was ich drunter habe?« fragte sie
mich kichernd. »Keine Ahnung, aber ich hoffe, es ist etwas Warmes. Du hast doch nicht vergessen, dass wir mit den anderen grillen wollten, oder?«, gab ich zurück.
»Jaja, ich weiß, aber danach wirst du staunen Maus.« Ich fand dieses Maus-Geflöte albern. Sie nannte mich auch vor meinen Freunden so. Doch hielten die das scheinbar für einen Be- weis. Jedenfalls machte es mich
zu einem gefragten Berater in Frauendingen. So manche Offenbarung wurde mir zuteil, meist wenn die Biere ausgetrunken, die Sprüche zuende geklopft und wir von einem stillen Moment überrascht wurden. Ich selbst hielt
es aber für besser, meine Jungs mit Geschichten über schlaflose Näch- te, Ekel vor Frankyboy oder den Schmiedearbeiten im Allgemeinen nicht zu belasten. »Ich hol dich um acht ab, ok?« schloss ich jetzt und
schickte einige Küsse durchs Telefon. Einen Moment war ich versucht, ihr von dem Zettel zu erzählen. Doch mit, »Ahh, gleich will ich mehr!«, beendete sie unser Gespräch. Erst als das Besetztzeichen ertönte, legte
ich auf. Ich nahm den Zettel aus meiner Hosentasche. Es hatte etwas Manisches, wie ich ihn wieder und wieder anstarrte. Ich glaube, ich hatte einfach keine Lust, dass ich etwas übersah und so wieder einige Wochen
Schweigen bei meinem Vater auslösen würde. Denn mich sozusagen ‚abwesend' zu schweigen war seine Methode, mich nach einem Streit zu bestrafen, seit ich zu alt geworden war, mir schlicht ein paar runterzuhauen. Im
Schweigen ersoffen dann alle Warums. Aber trotz der regelmäßigen Wortschlachten, den Zettelrätseln und den Schweigephasen hat mein Vater mich zu einem Träumer ge- macht. Erst durch ihn bin ich ein Vertrauter
meiner selbst gewor- den. Wenn ich in solchen Streitgefechten nämlich sagte, ich könne doch machen, was ich will, dies oder jenes wäre meine Sache und ginge ihn gar nichts an, dann sagte er: »Ja, Ja, Ja. Mach
mal die Augen zu. Was du dann siehst, das ge- hört dir.« Ich weiß nicht, ob er sich bewusst war, dass ich das auch wirklich oft getan habe.
Sechs Uhr. Stille. Alles dunkel. Es müsste jetzt Abendbrot geben. Wo
waren alle? Ich ging in die erste Etage. Ich sah sie zuerst gar nicht, weil das Wohnzimmer nur von der Gartenbeleuchtung etwas erhellt wurde. Die Gestalt saß auf dem Fernsehsofa, nur die Umrisse erkennbar. Dann
leuchteten die schlohweißen Haare meines Vaters auf. Als er auf mein lautes Husten nicht aufblickte, machte ich mu- tig einen Schritt nach vorn und drückte den Lichtschalter. Jetzt hob er den Kopf. Sehr langsam.
»Papa?«, frage ich überdeutlich und hörte doch das Zittern in mei- ner Stimme. Er hielt etwas in seiner Hand. Jetzt hob er den Arm, und ich erkannte es als einen weiteren Zettel von dem Notizblock. Ich hatte nun
Angst. Sekundenschnell waren die bereitgelegte Wut und jeder Widerstand in mir verdorrt. Er hielt seinen Arm unbeweg- lich in der Luft, der Zettel ein winziges Fähnchen. Wie eine weiße Flagge. Kapitulation.
»Papa, was ist denn?« Einen Augenblick schien der Klang meiner Stimme in ihm einen Weg zu suchen. Dann zuckte er mit den Schultern und brachte ein völlig irres, von anfliegender Panik zerschnittenes Lächeln
zustande. Ich nahm den Zettel aus seiner Hand, zerknüllte ihn und warf ihn hinter mich. »Was ist passiert?« fragte ich und spürte, wie eine seltsame Ruhe meine Angst verdrängte. Als Antwort bekam ich wieder nur
dieses Lächeln und Schulterzucken. Mein Vater verstand mich nicht und konnte nicht mehr sprechen. Plötzlich war es klar. Die Zettel machten Sinn. Er hatte mich viel- leicht gerufen, aber die Worte und Zeichen,
die er benutzte, waren nur noch in ihm wirklich. Oder nicht mal mehr das. Er hatte wohl in »sum gert icht karm Michael hilfter« genauso eine Bedeutung ge- sucht wie ich selbst. Bis heute laufen in dem nächsten
Moment alle Fäden zusammen. Ich sah ihm in die Augen, was ich sonst vermied, und sagte: »Warum. Sag mir, Warum?« Nur ein Lächeln. Kein Schulterzucken. Ich warf noch einige Warums in den Raum, längst ohne sie
als Frage zu betonen. Bald darauf rief ich den Notarzt und dann meine Mutter an. Danach meine Geschwi- ster. Sie alle stürmten Minuten später ins Haus. Irgendwann tele- fonierte ich auch noch mal mit Ewa, die
vollkommen aufgelöst war und sogar am Telefon weinte, so dass ich sie beruhigen musste. »Mach dir keine Sorgen. Ich hab das im Griff«, sagte ich und legte schnell auf. Ich bereitete eine Tasche mit Sachen fürs
Krankenhaus vor, wühlte wie selbstverständlich in der Unterwäsche meines Va- ters. Ich berichtete in knappen Sätzen dem Notarzt, zeigte den er- sten Zettel. Souverän. In aller Ruhe. Jeden Schritt wie hundertfach
geprobt. Ich sah auch meine Mutter, die wie ein großer Vogel durchs Haus stakte, dabei unaufhörlich ihre Hände rieb. Sie fuhr schlussendlich mit den anderen zusammen in die Klinik, nachdem mein Vater wie ein
Blinder zur Haustür hinausgeführt worden war. Ich blieb allein zurück. setzte mich auf die Fensterbank und warte- te. Der zerknüllte Zettel, die Flagge, lag wie im Schlachtgetümmel zurückgelassen zwischen meinen
Füßen. Ich hob ihn auf, steckte ihn in den Mund und kaute mit Herzrasen, bis ich ihn endlich schlucken konnte. Kurz war es ganz still. Im nächsten Moment rissen Wachstumsschmerzen wie wilde Tiere an mir. Vom Warum-
punkt dehnte sich etwas aus. Beinah wäre die Rüstung geborsten. Ich habe dann auf den Teppich gekotzt. Hier verliert sich der Abend. Irgendwann nahm ich jedenfalls das Bild mit den Nackten von der Wand und
schleuderte es auf den Dachboden. Zufrieden saß ich später im Wohnzimmer und zündete mir eine Zigarette aus der Schachtel meines Vaters an. Meine erste überhaupt. Was mich früher hatte zusammenzucken lassen, My way,
Notizblöcke, Kommst du mal, all das versank in den nächsten Stunden in mir.
Kein halbes Jahr später trennte sich Ewa von mir, weil ich ,gleich- gültig' geworden sei, wie sie meinte. Nun gut. Wir versuchten
es noch zwei-, dreimal in den folgenden Monaten. Ich schrieb ihr lange Briefe, deren Inhalt ich aber immer vergessen hatte, wenn sie mich darauf ansprach. Das zermürbte sie allmählich. Wir haben nie mehr einen Abend
in dem Haus zusammen verbracht. Auch nicht in dem kleinen Zimmer in der Stadt, in das ich bald zog. Meine Freunde be- gegneten mir mit Vorsicht, weil sie einige hässliche Auftritte von mir und Ewa erlebten. Ein
Freund gestand mir eines Abends lachend, er sei froh, dass er nie meine Freundin werden könne. »Ach?«, fragte ich und stieß mit ihm auf ‚die guten Absichten' an. Mein Vater kam nicht mehr in das Haus zurück. Als
er nach einem weiteren Schlaganfall etwa ein halbes Jahr später im Krankenhaus starb, war ich gerade auf dem Weg nach Österreich, wo ich einige Monate eine Berghütte betreuen wollte. Ich hatte Ewa schon seit Wochen
nicht mehr gesprochen. Sie erschien mit ihrer gesamten Familie zur Beerdigung, was ich vor allem ihrem Vater hoch anrech- ne. Vor kurzem bin ich an das Grab gegangen und habe dort den Kompass verscharrt. Und ich
fragte ihn ein letztes Mal: Warum. Aber er blieb dabei.
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