Michael Wenzel, 1952 in
Aschaffenburg geboren,
Studium der klassischen
Philologie, lebt und arbeitet
seit 1984 in Friedberg. Zahl- reiche Veröffentlichungen
in Anthologien und Litera-
turzeitschriften. Literatur-
preis der Universität Bam-
berg (Fragmente 2000), 2.
Preis Lions-Club Hamburg
Moorweide 2001.

Die Bilder dieser Ausgabe sind von Challo Achmann, 1949 geboren, als Maler in München lebend. Er hatte etliche Veröffentlichungen und Ausstellungen seiner Werke im In- und Ausland.

Keiner von den Soldaten hatte sie mitgezogen. Sie war einfach da, hatte sich hingesetzt, wo sie für die Nacht lagerten. Das Dorf war niedergebrannt; da und hier schwelte ein Brand, und die Hitze knackte in den Balken. Sie war sehr schmutzig, ihr Kleid war zerris- sen, und sie schaute, wie man es nicht sagen kann. Die Augen la- gen tief in den Höhlen, und ihr Haar war zerzaust.
Sie setzte sich hin und sang. Das Dorf sah aus wie ein zerfallener Kamin. Erschlagene lagen in den Gassen, vor der Friedhofsmauer erschossene Männer und in der offenen Kirchentür ein totes Schwein. Was noch gehen konnte, war längst abgezogen.
Sie war dageblieben, sah wohl die Toten nicht und stieg darüber. Sie sang einfach.
Eidechsen huschten im Staub, in den Pferchen pickten Hühner im verschütteten Getreide. Als sie im Dorf herumgeisterte, hörte man nicht, was sie sang. Erst, als sie sich zu den Männern setzte. Kin- derlieder sang sie.
Von Kätzchen und Gänschen. Es waren Lieder mit lustigem Refrain, die jeder kannte. Die Männer lachten und sangen mit. Die Männer machten auch Handbewegungen, um zu zeigen, daß sie verrückt war.
Sie saß da, beide Hände im Schoß, und sang von Bäumen, die man schütteln muß und wo Nüsse herabfallen. Dann von der Eisenbahn, mit der fröhliche Kinder fahren, und sie machte die Geräusche der Dampflok nach. Das ging eine ganze Weile so, bis einer sagte, das halte er nicht mehr aus, das Herumgesinge; und ob das jetzt die ganze Nacht so zuginge, fragte er. Aber eigentlich fragte er nicht, denn sie wußten, daß sie nicht still sein würde. Wie auch. Man konnte sich gar nicht vorstellen, daß sie still wäre.

Challo Achmann

Ein paar Männer sagten zu ihr, sie solle endlich abhauen, sonst würden sie ihr schon Grund zum Singen geben. Aber in Wahrheit hatten sie keine Lust, sich mit einer Verrückten abzugeben. Einige brachten dann Fleisch, und die Soldaten hockten mit gekreuzten Beinen da und aßen. Sie hörten kauend ihre Lieder.
Als sie vom Schlittenfahren sang, ging einer hin und versuchte sie auf die Füße zu stellen, um sie wegzuschubsen. Aber sie hing durch wie ein Stück Gummi in seinen Armen, und so ließ es der Mann blei- ben.
Sie konnten ihr Gesinge nicht mehr hören, auf den Tod hin nicht. Als die Abendröte den Westen übergoß und die Dunkelheit wie ein Block nachrückte, ging einer hin zu ihr, setzte die Pistole an die Schläfe und drückte ab. Sie fiel um, von einem Ton auf den andern.
Dann war Ruhe. Man hörte höchstens die Männer fluchen. In der Dämmerung sah man Gestalten vor einem papierdünnen Horizont. Nachtvögel begannen ihr Lied.