Matthias Zucchi, geboren
1971 in Marburg/Lahn, stu-
dierte Germanistik, Ge-
schichte und Italienisch in
Marbung und Venedig. Lebt
seit einigen Jahren in Ve-
nedig, wo er derzeit in Ge-
schichte promoviert und mit
einer publizistischen Tätig-
keit als Autor vornehmlich
wissenschaftlicher und po-
pulärwissenschaftlicher
Beiträge in deutscher und
italienischer Sprache be-
gonnen hat.

Die Bilder dieser Ausgabe sind von Challo Achmann, 1949 geboren, als Maler in München lebend. Er hatte etliche Veröffentlichungen und Ausstellungen seiner Werke im In- und Ausland.

1. Harald

Harald ließ sich auf der steinernen Brunneneinfassung inmitten des nur schwer überschaubaren Gewimmels aus Autos, Bussen, Fuß- gängern und Tauben nieder. Wie viel ist nicht schon über die Tau- ben am Piccadilly Circus geschrieben worden, dachte er, während er mißmutig ein gutes Dutzend aufgeschreckter grauer Vögel be- obachtete. Kaum ein Schriftsteller, der einmal in London weilte, ist später darum herumgekommen, auch, und wenn auch nur ganz kurz, die Tauben von Piccadilly zu erwähnen. Es muß schwierig sein für einen Schriftsteller, darum herumzukommen, überlegte Harald, zu schwierig. Harald stellte sich einen Schriftsteller vor, der mit einem Block auf den Knien irgendwo, in einem Cafè, einem Schnell- restaurant, einer Spelunke oder schlicht auf einer Bank, hier am Picadilly Circus mit der Niederschrift eines Romanes beschäftigt war. Es wird leichter, selbstverständlicher für ihn, den Schriftstel- ler, sein, die Vögel irgendwo im Text unterzubringen, als so zu tun, als habe er sie nie bemerkt, dachte Harald. Ja, ein Schriftsteller, der hier an einem Text arbeitet, kann die Existenz der Tauben gar nicht verleugnen. Mir ginge es ebenso, gestand er sich ein. Auch ich müßte die Tauben in einem literarischen Text, den ich am Picadilly Circus schriebe und beheimatete, unterbringen. Es ginge gar nicht anders, und dabei hasse ich diese Tiere. Harald schämte sich ein wenig für das spontane Eingeständnis seines Taubenhas- ses. In Gedanken rang er nach einer Entschuldigung. Er war sicher nicht der einzige, der so über Tauben dachte. Sie drängen sich immer überall dazwischen, dachte Harald, verteilen sich im Gewirr der geschriebenen Worte ebenso wie im Gewirr der vorüberschlen- dernden Beinpaare, die glucksenden, raffgierigen Vögel. Harald dachte an riesige Salmonellenschwärme, jedesmal, wenn er einer Taube begegnete. Dabei wußte er nicht einmal, ob Salmonellen in Schwärmen vorkamen - oder in Rudeln, in Herden, in Kolonien? - und wie man sich, gegebenenfalls, so einen Schwarm Salmonellen vorzustellen hatte. Die Anatomie der Salmonelle hatte ihn nie wirklich interessiert. Ein Mikroskop, mittels dessen ihm die Beob- achtung eines Mikroorganismus möglich gewesen wäre, hatte er niemals besessen, auch nicht als Knabe. Sein Salmonellenbild war mehr ein Gefühl als eine echte Vorstellung: ein Gefühl des Unbeha- gens, der nahen Krankheit, des klebrigen Schmutzes und der Diar- rhöe. Diese Vorstellung, besser also: dieses Gefühl, war für Harald ebenfalls mit jedem noch so fernen Kontakt zu einer Taube verbun- den. Dabei hätte Harald niemals den Versuch unternommen, einen der grauen Vögel zu töten, Gott bewahre, danach zu treten oder zu schlagen. Er konnte sich auch nicht am Anblick toter oder verendender Tauben erbauen, soweit ging sein Haß nicht; eben- sowenig wie er je nach einer Salmonelle geschlagen, sie mit bloßer Hand zu zerquetschen versuchte hätte, oder sich am tausendfach vergrößerten Bild einer hinsiechenden Salmonelle hätte weiden kön- nen. Dennoch haßte er beide Spezies, Tauben und Salmonellen. Auch jetzt, in diesem Augenblick, da er graues Gefieder vor sich erblicke, spürte er, wie seine Muskeln sich kontrahierten, wie Abneigung und Ekel in ihm aufstiegen und sich um seinen Geist legten.
Woher kam diese Abneigung? Harald überlegte eine Weile lang. Oder besser: er tat so, als müsse er überlegen; die Wahrheit lag doch so deutlich und klar vor ihm wie ein Eisberg, den er nun im Geiste ein wenig umschiffte. Er mußte eigentlich nicht nachdenken, denn er wußte es genau, was ihn an den Tauben störte. Allein, dachte Ha- rald, man muß den Mut haben, dieser Wahrheit ins Auge zu sehen. Nicht nur dieser Wahrheit. Im Meer der Hirnströme wimmelt es nur so von Eisbergen, unmöglich fast, hier eine Passage ohne Eisberg zu finden. Haralds Gedanken schweiften ab, verirrten sich in den Labyrinthen seiner Hirnrinde, und er begann, im Geiste über die Eis- berge in seinem Kopf zu philosophieren, weil ihm dies weniger zu schaffen machte, als in ihr Inneres zu blicken und ihren Kern zu benennen. Dann aber bekannte sich Harald zu einem klaren Gedan- ken: Kein Umschweif mehr! Ich hasse Tauben, weil sie uns Men- schen gleichen. Tauben, Salmonellen und Menschen, drei apoka- lyptische Reiter von unterschiedlichem Format. Die Tauben machen sich breit, wo immer es die Umstände zulassen. Sie vermehren sich ohne jedes Maß, bedecken Viertel und schließlich ganze Städte mit ihren scharfen Exkrementen, sie hacken sich, bedrängen sich im Versuch, dem anderen bei der Nahrungssuche zuvor zu kommen, und was das schlimmste ist, sie scheinen keine natürlichen Feinde mehr zu haben. Ich hasse sie, gestand sich Harald nun, nicht ohne einen Anflug von Stolz, ein. Ich hasse sie, wie sie mit glucksenden Kehllauten den Maiskörnern und Brotkrumen der ebenso hassens- werten fröhlichen Passanten, Touristen, Fotografen, Kinder hinter- herjagen. Ich hasse sie und denke an Salmonellenschwärme. An Myriaden von Mikroorganismen die sich durch mein Gedärm wühlen, mir Brechreiz und Durchfall verursachen. So geschah es auch jetzt, in diesem Moment, da er auf dem Steinsockel sitzend, mit Zeit- schriften unter dem linken Arm und der Sonnenbrille auf der Nase den auf- und niederfliegenden Tauben hinterdreinblickte. Übelkeit kam ihn an. Er versuchte sich abzulenken. Bald kam ihm ein Zei- tungsartikel in den Sinn, den er vor ein paar Tagen in der U-Bahn gelesen hatte. Darin wurde von einem Schweizer Forschungsteam berichtet, welches seit Jahren damit beschäftigt war, ein Spezial- labor fertigzustellen, in welchem sich die Kollision zweier Protonen mit unerhörter Geschwindigkeit herbeiführen ließe. Harald war sich nicht mehr ganz sicher, ob dabei tatsächlich von Protonen die Rede gewesen war oder von anderen kleinen Materieteilchen. Er hatte kein Gedächtnis für naturwissenschaftliche Details. Was ihn faszi- niert hatte, war die in jenem Artikel zitierte These eines amerika- nischen Physikers, der schweizer Versuch könne zur Entstehung eines Schwarzen Loches und - ergo - zum sekundenschnellen Untergang des gesamten Planeten führen. Phantastisch! In seiner Kindheit hatte Harald derartige Themen und Thesen nicht einmal in den absurden und abwegigen Comicheftchen finden können, deren Lektüre ihm vom Vater aufs strengste untersagt gewesen war, und nun bot man sie allen Ernstes in seriösen Tageszeitungen zum Le- sen an. Ein Schwarzes Loch - und ausgerechnet in den schweizer Alpen. Köstlich!
Es war sonnig, aber die Sonnenstrahlen wärmten nicht mehr. Ei- gentlich wärmten sie hier, im Herzen Londons, nie sonderlich, auch nicht in jenen achteinhalb Wochen, die man großspurig als summer feilbot. Das Jahr war schon zu weit vorangeschritten, der vermeint- liche Sommer war wieder zu kurz gewesen und der Herbst würde, wie immer, eine große Ausdauer beweisen. Haralds Haut saugte das UV-Licht förmlich ein, sein Gesicht wurde ein Sonnenstrahlen- schwamm. Das Gewirr der Fahrzeuge, Menschen und Tauben bene- belte seine Sinne. Er erhob sich, schlenderte in Richtung des Do- nutbäckers, wo er sich an einem der Tischchen auf einem stäh- lernen Hocker niederließ, um einen Kaffee zu trinken. Es geschieht alles viel zu schnell, dachte Harald, es geht viel zu schnell, man muß kein Philosoph sein, um das zu begreifen. Nur der Herbst wird langsam voranschreiten, wird sich Zeit lassen, ein letzter, traurig- grauer Ruhepunkt in einem Wirbel aus fliehenden Geschöpfen - Tauben, Salmonellen, Menschen - und Lichtblitzen. In Wahrheit hat es längst stattgefunden, das Experiment der Schweizer, dachte Harald, das Schwarze Loch hat längst alles verschlungen. Nur daß das Leben darin weitergeht, haben sie nicht wissen können.
Der Kaffee war so heiß, daß er den Pappbecher kaum zum Munde zu führen vermochte, ohne sich die Finger zu verbrennen. In Ame- rika, dachte er, könnte ich mir jetzt das brühend heiße Getränk über den Genitalbereich schütten, einen Arzt aufsuchen, der meine Verbrennungen attestiert, und schließlich die Donutkompanie zu einem millionenschweren Schmerzensgeld verklagen. Damit hätte ich ausgesorgt, müßte niemals wieder auch nur einen Finger krüm- men, um all das zu bezahlen, was ich zum Leben brauche - und möchte - und auch all das, was ich bereits verbraucht, aber nicht bezahlt habe. Aber erstens sah Harald keinen sonderlichen Reiz darin, sich den Penis mit dünnem englischen Kaffee zu verbrühen, zweitens befand er sich nicht in Amerika, sondern saß in einer Do- nutbäckerei am Piccadilly Circus. Das einzige, was er sich verbrüh- te, waren seine Fingerkuppen, und es gab niemanden, keinen An- walt und keinen Richter, den das interessieren würde. Gottlob, fügte Harald seinen Gedanken hinzu. Wer sich an heißen Getränken verbrennt, den mag mein Mitgefühl begleiten, bestenfalls, aber er ist und bleibt selbst schuld daran. Basta. Wer viel Geld haben möchte, der soll es sich bitteschön hart erarbeiten oder wenigstens anständig stehlen. Harald hielt es für ehrenrührig, einen Prozeß an- zustrengen, der sich Monate und Jahre lang hinzog, Richter, Beisit- zer und Anwälte zu hahnebüchenen Statements und Fragen zwang - er stellte sich einen amerikanischen Richter in schwarzer Robe vor, der ihn streng ins Auge faßte und ihn mit verschiedenen Fra- gen überhäufte: - Hatten Sie den Kaffee bereits gezuckert, bevor er sich über Ihr Glied ergoß? - Neigen Sie zu pervertiertem Sexual- verhalten? - Sind Schmerzen für Sie ein unbedingter Bestandteil des Liebesaktes? - Sind Sie je wegen autoläsionistischen Verhal- tens auffällig geworden? - Sind Sie Kommunist? - und somit eine Unsumme an Steuergeldern verschlang. Harald dachte unserer Steuergelder, ohne freilich wirklich der Gruppe der Steuerzahler anzugehören, zumindest nicht konstanterweise. Soetwas jedenfalls war nach seinem Verständnis ehrenrühriger als ein Banküberfall.
Harald trank seinen Kaffee langsam und bedächtig, mit einer Muße und Innigkeit, die das Getränk selbst in keiner Weise rechtfertigte. Es wäre ihm vor sich selbst zu peinlich gewesen, jetzt, nach minu- tenlangem inneren Monolog, doch noch das Heißgetränk im Schritt zu vergießen. Einfach so und ohne jedweden Profit. Im Gegensatz zum Kaffee befand er die Donuts für wirklich genießbar. Er wollte ja auch nicht an allem herummäkeln. Schließlich genoß er die Gast- freundschaft des englischen Volkes. Er wollte in keine Suppe spucken und auch in keinen Kidneypie. Die wenigen Tage seines Aufenthaltes hatten auch allerhand Annehmlichkeiten mit sich ge- bracht. Allerlei schöne Dinge hatte Harald erstanden in den Antiqui- tätenläden und auf den Märkten, darunter zwei Paar handgefertigte Herrenschuhe aus braunem, glattem Leder. Die will ich tragen, wenn ich bald auf anderen Plätzen meinen Kaffee zu mir nehmen werde, schwor sich Harald, wenn andere Stimmen mich in andere Sprachen einhüllen, wenn andere Gedanken sich in meinem Kopfe formen werden. Ich will euch tragen und ihr sollt mich tragen, brau- ne Herrenschuhe, wenn ich in fernen Städten auf der Suche nach meiner Heimat umherstreifen werde. Er dachte an die Plätze, die er in seinem bisherigen Leben überquert hatte und an jene, deren Be- kanntschaft er in den kommenden Jahren machen würde, bis ihn dann eines Tages irgendwann der Tod ereilen würde. Er dachte an die Städte, die er selbst gesehen, in denen er gelebt hatte, für ein paar Tage nur oder für ganze Jahre. Es gab zu viele Städte auf die- sem Planeten, fand Harald, zu viele und zu große Städte. Er stellte sich bildlich die Erde aus der Satelitenperspektive vor, wie sie ge- mächlich im All routierte. So wie man es aus dem Fernsehen kann- te. Er schien so friedlich, dieser Planet, wenn man nur weit genug entfernt von ihm war, wenn man ihn aus einer Distanz betrachten konnte, aus der die Städte und Straßen nicht mehr sichtbar waren.
Während Harald dasaß mit einem Pappbecher englischen Kaffes in der Hand, durch die fleckige Scheibe des Donutbäckers den aufflie- genden Tauben und dem Getümmel der Menschen nachsah und sich die Städte in Erinnerung rief, die er kannte, überkam ihn plötzlich das Gefühl unendlich großer Hoffnung, die schweizer Physiker mö- gen um Gottes Willen ihr Vorhaben in die Tat umsetzen und die bei- den Teilchen, deren Bezeichnung und Nomenklatur ihm ebenso fremd waren, wie ihr Aussehen oder ihre Beschaffenheit, aufein- anderjagen, sie mit der nötigen Wucht aufeinanderprallen lassen, um die (mit einer Wahrscheinlichkeit von weniger als einem Prozent voraussehbare) Genese eines Schwarzen Loches in Gang zu setzen, welches schließlich - so jedenfalls hatte Harald die zitierte Erklä- rung des amerikanischen Physikers in Erinnerung - nach wenigen Sekunden die Erde und sämtliche auf ihr und in ihr befindliche Ma- terie - Tauben, Menschen und Salmonellen eingeschlossen - ver- schlingen, inhalieren würde. Schafft doch endlich dieses Loch!, dachte Harald. Er mußte an den Science-Fiction-Film denken, den er vor geraumer Zeit in irgendeinem Kinosaal angeschaut hatte: Die Erde war von einer widerwärtigen außerirdischen Spezies bedroht, welche mit gigantischen Raumgleitern von Galaxis zu Galaxis zog, um in kurzer Zeit alles Leben und alle Ressourcen der angesteu- erten Planeten aufzubrauchen, bevor es weiter ging, fremden, fernen Welten entgegen, die es zu zerstören galt. Das sind wir, dachte Harald, diese widerwärtige Spezies sind wir selbst, wir Menschen mit unseren beiden treuen Haustieren den Tauben und den Salmonellen. Mit der Erde sind wir bald fertig. Wer weiß, wel- cher Planet als nächstes drankommt. Dann doch lieber gleich in den kosmischen Staubsauger, in Gottes Vorwerk verschwinden. Schafft doch endlich dieses Schwarze vermaledeite Loch!
Harald ahnte nicht, daß sein Wunsch an anderer Stelle, an höherer Stelle, Gehör finden würde, daß er nicht der einzige war, dem die Idee, die Erde in einem winzigen und doch gewaltigen Abfluß hin- unterzuspülen, ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Er saß nur da in der karg möblierten Donutbäckerei, nippte an seinem dünnen mitt- lerweile lauwarmen englischen Kaffee und blickte durch die schmut- zige Scheibe nach draußen, wo die Sonnenstrahlen zum letzten Mal graue Taubengefieder erwärmten.

Challo Achmann

2. Romain

Romain befand sich in seinem Wagen auf dem Weg in die Versuchs- anstalt. Der Verkehr war so dicht und lästig wie an jedem Werkta- ge, aus dem Autoradio quoll der gleiche dickflüssige Brei aus Wer- bung, Wettervorhersagen und mittelmäsiger Musik wie an jedem Morgen. Der Himmel jedoch war heute reingewaschen und blau. Romain spürte die kühle, klare Luft, die durch den Spalt des Seiten- fensters ins Wageninnere drang, wo sie zugleich seine Müdigkeit und den graublauen Qualm seiner Cigarette zerstreuen sollte.
Als Romain jünger gewesen war, war er von der Idee besessen ge- wesen, sich planmäßig zu Tode zu rauchen. Er hatte es weder an der Quantität noch an der Tabaksstärke mangeln lassen, um seine Tage und seine Lungenflügel so stark wie eben möglich auszuräu- chern. Oftmals hatte er sich seine Lungen wie einen stark abge- hangenen Lachsschinken vorzustellen versucht, und diese Vorstel- lung hatte eine unergründliche, gewaltige Faszination auf ihn aus- geübt, der er sich kaum zu entziehen vermocht hatte. Filterlose französische Cigaretten in Maispapier hatte er seiner Zeit mit Vor- liebe geraucht, gelegentlich auch Cigarillos sowie Selbstgedrehte aus einem pechschwarzen an der deutschen Grenze vertriebenen Tabak, der angeblich die Potenz schwächte und über den ein guter Schulfreund einst den Verdacht geäußert hatte, er verursache so- gar im unentzündeten Zustand einen Nikotinrausch. Doch seit jenen Jugendjahren war viel, viel Zeit vergangen. Der Hausarzt attestier- te Romain in regelmäßigen Abständen eine herausragende körperli- che Gesamtverfassung, und so war er nach und nach von seinem morbiden (und zugegebenermaßen skurilen) Suizidvorhaben abge- kommen. Mehr noch, seit jenem Tage, an dem er sein 40. Lebens- jahr hinter sich gelassen hatte, betrachtete er den Selbstversuch des Sichzutoderauchens als gescheitert. In seinen Augen war er nun so alt, daß es sich ohnehin nurmehr schwerlich bestimmen ließe, welche konkreten Ursachen ein etwaiger Krankheitsverlauf mit Todesfolge gehabt haben könnte. Romain legte daher seit ge- raumer Zeit keinen gesteigerten Wert mehr darauf, kräftige Ciga- retten in großer Stückzahl in sich hinein zu saugen. Sein Tabak- konsum war in den vergangenen Jahren merklich gesunken und inzwischen gab sich Romain sogar mit dem gelegentlichen Genuß gefilterter Leichtcigaretten zufrieden.
Die frische Herbstluft also, die durch den Seitenfensterspalt ins Auto drang, zerstieb den blauen Dunst der Filtercigarette. Ein Lied aus dem Radio versickerte fast unbemerkt in Romains Gehörgängen, der Verkehr spülte ihn in Richtung der Versuchsstation, an der er seit beinahe sechs Jahren in leitender Position angestellt war. Vie- len galt seine Stellung als wahrer Prestigeposten, ja, man beneide- te ihn in der Fachwelt nicht selten um seinen Arbeitsplatz. Romain war sich dessen kaum bewußt. Für ihn war es eine Arbeit wie jede andere Arbeit auch. Sicher, er hatte ein erkläckliches Einkommen, aber auch daran dachte er nur in den seltensten Momenten. Das Gefühl, Miete, Versicherungsbeiträge und anfallende Rechnungen pünktlich bezahlen zu können, genügte ihm vollends, darüberhinaus verschwendete er keinen Gedanken an seine Vermögenslage. Die Kontoauszüge, die ihm sein Kreditinstitut in zweimonatigen Abstän- den zusandte, ließ er meist ungelesen in irgendeiner Schublade oder auch direkt im Altpapierbehälter verschwinden. Die Röhre, wie Ro- main den komplexen Teilchenbeschleuniger zu nennen pflegte, war vor zwei Wochen endgültig fertiggestellt worden. Seit vorgestern hatte er gemeinsam mit seinem Mitarbeiterstab fieberhaft an den Vorbereitungen des großen Experiments gearbeitet. Für heute stand eine ganze Reihe letzter und allerletzter Testversuche auf dem Programm, morgen aber sollte es endlich losgehen. Ab morgen wird geschossen, dachte Romain, während er nikotinarmen Rauch durch die Nasenlöcher pustete und den Cigarettenstummel gekonnt mit Daumen und Mittelfinger aus dem Seitenfenster auf den vorbei- fliegenden Asphalt schnippte. Er gestand es sich in diesem Augen- blick zum ersten Male offen ein, daß er selbst mit Spannung dem Experiment entgegenblickte. Denn was dabei wirklich herauskom- men würde, wußte niemand mit hundertprozentiger Sicherheit vor- herzusagen; Romain nicht und auch keiner seiner Kollegen, die al- lesamt zur Elite der europäischen Physikerwelt gerechnet wurden. Freilich waren in Fachkreisen zahlreiche, teils entgegengesetzte Hypothesen zum Versuchsverlauf formuliert worden und die Welt- presse war sich in wildesten, teils hahnebüchenen Spekulationen ergangen. Sogar den Weltuntergang, d.h. genauer gesagt, das Ende des blauen Planeten, hatte man verschiedentlich heraufbe- schworen. Aber wann wurde das nicht heraufbeschworen? Jeder Jahreswechsel, jeder Tod eines Papstes, jeder kleine Krieg war den Apokalypseaposteln in aller Welt seit Jahrtausenden Anlaß genug dazu. Romain hielt es für unwahrscheinlich, daß die ganze Erde seinem Experiment zum Opfer fallen könnte. Für außerordentlich unwahrscheinlich. Gänzlich ausschließen konnte man jedoch auch diese Möglichkeit nicht - rein mathematisch gedacht. Die Wissen- schaft bewegte sich hier auf dünnem Eis, spazierte auf einem schmalen Drahtseil, geflochten aus den Spinnfäden der theoreti- schen Physik. Niemand konnte es mit einhundertprozentiger Wahr- scheinlichkeit ausschliessen, daß der Aufprall der Partikeln im Ver- suchsfeld zur Genese eines schwarzen Loches führen würde. Ro- main faszinierte diese Vorstellung, obschon auch nach seinen eigenen Berechnungen nur minimale Aussicht darauf bestand, als erster, einziger und letzter Mensch Augenzeuge der Geburt eines schwarzen Loches zu werden, mehr noch, diesem gleich einer Hebamme mit der Saugglocke auf die Welt zu verhelfen.
Romain näherte sich dem Forschungszentrum. Von weitem betrach- tet wirkte der grün bewachsene Ring des Teilchenbeschleunigers wie eine spätantike, in Jahrhunderten verschüttete und überwu- cherte Wallanlage. Daß modernste Technologie und kühnste Men- schenpläne unter dem sanft gewellten Gelände schlummerten, war kaum zu erahnen. Romain steuerte seinen Wagen in die Einfahrt der Tiefgarage. Der Parkhauswächter nickte ihm kurz zu und öffnete per Knopfdruck die schwarzgelbgestreifte Schranke, Romain erwi- derte den wortlosen Gruß, passierte die Schranke und hielt auf seinem Dienstparkplatz. Er schaltete das Radio aus und stieg aus dem Auto. Am Lift begrüßte ihn Gernot, ein aufstrebender, nicht unsympathischer schweizer Kollege. Während der Fahrt im Aufzug hinunter ins Herz des Forschungszentrums entsponn sich ein freundschaftliches Gespräch zwischen den beiden Physikern, das um die mehr oder minder bedeutenden Ereignisse des vergangenen Wochenendes kreiste; man sprach über die andauernde Nahost- friedenskonferenz, den letzten Spieltag der Eishockeyliga und den vereitelten Raubüberfall auf eine Filiale der Credit Lyonnaise in der Kantonshauptstadt. Was der Mensch nicht alles versucht, um an Geld zu kommen, sagte Gernot. Jaha, entgegnete Romain, aber Schneid hat er bewiesen. Er bewunderte den gescheiterten Bank- räuber insgeheim, dessen einzige Waffe in einer umwickelten Chi- quitabanane bestanden hatte. So dauerte es ihn auch, daß den Bundesbehörden dieses Detail entgangen war und ein eifriger Be- amter den unglücklichen, vermeintlich gefährlichen Delinquenten mit zwei Schüssen in den Hinterkopf niedergestreckt hatte. Romain bedauerte den gewaltsamen Tod des Mannes, gestand aber Ger- not, der von unvermeidbarer Konsequenz und Eigenverantwortung sprach, zu, daß der Räuber sein Ende zweifellos einkalkuliert haben mußte. Wenn ich einen Menschen überzeugend in Todesangst ver- setze, hatte Gernot ausgeführt, dann ist es ganz gleich, ob sich diese Todesangst auch objektiv begründen läßt. Das Gefühl ist authentisch, ganz gleich, ob wir uns de facto vor der Mündung einer geladenen und entsicherten Mauser befinden oder vor dem stumpfen Ende eines harmlosen Fruchtkörpers. Romain stimmte dem zu. Wer anderen gewaltsam die Möglichkeit des nahen Todes vor Augen hielt, der mußte selbst mit einem jähen Ende rechnen. Als die beiden Forscher dem Lift entstiegen, lenkten sie ihr Gespräch auf die bevorstehende Versuchsreihe, die hier nicht im Detail erör- tert werden soll - ein Erzähler ist kein Physiker, ganz gleich, wie intensiv sein Bemühen um wissenschaftliche Präzision und seine doch stets zum Laientum verurteilten Recherchen auch sein mögen.
Romain betrat sein Arbeitszimmer, entledigte sich seines Pepita- mantels, schlüpfte in den nicht mehr ganz weißen Kittel und knüpf- te die obersten Knöpfe seines Hemdes auf. Das Forschungszentrum war immer zu stark geheizt, fand er. Deswegen konnte man Romain auch gelegentlich im T-Shirt oder im kurzärmligen Oberhemd im Labor stehen und am Bildschirm seines Rechners sitzen sehen. Er nahm an seinem Schreibtisch platz, schaltete den Computer an und tippte etwas unbeholfen mit den Zeigefingern einen kurzen Text: Das Jacobsverfahren ruht auf einem unsoliden theoretischen Fun- dament: Diffusion und Dekantilierung gemahlener Pflanzenpartikeln in H-2-O führt nicht zwangsläufig zur Gewinnung eines aromati- schen Heißgetränks. Guten Morgen! Er übermittelte diese kurze Nachricht schmunzelnd an sämtliche Mitarbeiter. Romain hielt sich für überdurchschnittlich geistreich. Am heutigen Morgen war er allgemein guter Dinge: das Bevorstehen des lange ersehnten Expe- riments versetzte ihn in eine eigentümliche Stimmung, eine Art vor- weihnachtlichen Erregungszustand. Die Wände seines Arbeitszim- mers waren über und über mit kleinen, aus Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen ausgeschnittenen oder ausgerissenen Papierschnip- seln beklebt, die mit Witzen, Karrikaturen, Sinnsprüchen und Pho- tographien bedruckt waren. Über dem Schreibtisch hatte Romain Kopien sämtlicher Presseberichte angeheftet, die sich in irgendeiner Weise mit dem Teilchenbeschleuniger bzw. dem bevorstehenden Experiment befaßten. Neben neutral sachlichen zweizeiligen Kurz- notizen hingen dort lange polemisierende Offene Briefe, Interviews und Artikel, in denen die moralische Berechtigung des Versuches in Frage gestellt wurde. Es geht nicht an, hatte ein deutscher Philo- soph und Universitätsprofessor einem Journalisten zu verstehen gegeben, daß hier die kollektive Verantwortung der Menschheit bar jeder Kontrollmöglichkeit in die Hände einer kleinen Schar Fachidi- oten gelegt wird. Wie jedes Mal, wenn seine Augen an diesem Satz haften blieben, konnte Romain auch jetzt ein zaghaftes Lächeln nicht unterdrücken. Ja, er war ein Fachidiot, dachte er. Das war er wohl wirklich. Wer aber, überlegte er, hätte ihn und seinen kleinen Stab Fachidioten in Planung und Durchführung des Experimentes kontrollieren sollen und kontrollieren können? Wer, wenn nicht ein der Materie Kundiger, konnte sich anmaßen, den Ausgang eines derart revolutionären Laborversuches bereits im Vorfelde zu bewer- ten und anhand seines fachlichen Urteils grünes Licht zu erteilen oder das Expriment zu verbieten? Und schließlich war er, Romain selbst, ja kein gewissenloser Geist. Er hatte alles zigfach mit seinen Kollegen berechnet. Jeden noch so kleinen Faktor hatte er zum Gegenstand seiner Untersuchungen und Berechnungen bestimmt, nichts dem Zufall überlassen. Schließlich betrieb er eine exakte Wissenschaft. Im übrigen gestand er sich wohl ein, ohne es freilich jemals offen auszusprechen, daß er die Möglichkeit, hier in den schweizer Alpen ein schwarzes Loch zu erzeugen, ohne Schrecken zur Kenntnis nahm. Wer nähme denn Schaden daran, fragte er sich gelegentlich, wenn die Erde sich in Sekundenschnelle von einem Festkörper mit einer Ausdehnung von 6378 Kilometern in ein nur wenige Zentimeter messendes Antimaterieloch verwandelte? Nie- mand hätte darunter zu leiden, weder körperlich noch seelisch. Das Einsaugen wäre, aller Voraussicht nach, kurz und schmerzlos über die Weltbühne gegangen. Und gab es denn, im Fall der Fälle, eine Instanz, eine Intelligenz, die diese winzige kosmische Revolution hätte verurteilen können? Einzig und allein Gott wäre, so man sich denn des menschlichen Gottesbegriffes bedienen wollte, imstande gewesen, dem Sog der Antimaterie zu widerstehen und als Richter einen Urteilsspruch über das Vorgehen der Physiker zu fällen. In gewisser Weise war die Schöpfung des Loches somit auch ein Got- tesbeweis, dem freilich außer Gott selbst kein Zeuge mehr beiwoh- nen würde. Wie dem auch sein mochte - Romain glaubte nicht an Gott. Er glaubte gar nichts oder bemühte sich zumindest redlich, an gar nichts zu glauben. Es gab Dinge, die man annehmen, Ereignisse, die man erwarten, voraussehen konnte. Zu glauben war eigentlich überflüssig. Wenn man eine Münze warf, mußte sie - unter den na- türlichen spezifischen, physikalischen Bedingungen des Planeten Erde - zwangsläufig auf der Kopf- oder der Zahlseite zum Liegen kommen. Beides war wahrscheinlich, je nach Beschaffenheit des Geldstückes, nach Art des Untergrundes und nach der Wurftechnik gleich wahrscheinlich oder mehr oder minder wahrscheinlich. Man konnte, je nach Lage des Kenntnisstandes, annehmen, daß nach dem Aufprall der Münze das Wappen oder die Zahl oben liegen wür- de. Zu glauben, das Geldstück werde Kopf oder Zahl anzeigen, war barer Unsinn. Glauben war etwas, das seine Grundlagen im Verbor- genen hielt, etwas, das an den Fakten vorbei existieren wollte. So etwas wünschte Romain nicht. Er fand es geradezu frivol, etwas zu glauben.
Romains Arbeitstag verlief erfolgreich. Die Testversuche belegten die einwandfreie Funktionsfähigkeit der Anlage, die Präzision der Meßinstrumente, Rechner und Sensoren. Gelder und Energien waren hier nicht vergeudet worden. Die Arbeiten und Mühen hatten ans gesteckte Ziel geführt. Romain war zufrieden. Er fuhr erst spät am Abend nach Hause, seine Zufriedenheit überspielte seine Müdigkeit, als er im Auto das Gelände der Versuchsanstalt hinter sich ließ. Wenn er noch etwas jünger gewesen wäre, so wie Gernot zum Bei- spiel, hätte er diese Nacht wahrscheinlich im Schlafsack im Labo- ratorium verbracht. So jedenfalls hatte er es früher gehalten, wenn große, bedeutende Experimente bevorgestanden hatten. Inzwi- schen empfand er das Campieren jedoch als zu unbequem. Seine Wirbelsäule bedurfte der nächtlichen Entspannung, er war kein junger Spund mehr. Auch verzichtete er nurmehr ungern auf seine morgendliche Dusche und auf ein ordentliches Frühstück am eige- nen Küchentisch. Überhaupt, dachte Romain, ist das Frühstück die einzige Mahlzeit, die eines gewissen Zeremoniells würdig ist. Sie läutet den Tag ein, versorgt nicht nur den Körper mit den Nähr- stoffen für die bevorstehenden Aufgaben und Anstrengungen, son- dern bedingt die gesamte Tagesverfassung, die Stimmung der kom- menden zwölf Stunden. Mittagessen und Abendbrot empfand er hingegen als bloße lästige physische Pflichten, als etwas, daß man allein dem Körper schuldig war. Dieser Maxime gemäß hatte er auch heute, wie so oft, das Abendessen nebenher im Laboratorium ver- mittels einer ins Haus gelieferten Pizza hinter sich gebracht.
Die Nacht war kalt und klar, ein blasser Sternenteppich funkelte über den schwarzen Bergrücken, am Horizont kündete ein gelblicher Schein vom nächtlichen Treiben in der Stadt. Das Radio spielte Schlager aus lange vergangenen Zeiten, die, obgleich sie viel älter waren als Romain, ein Gefühl der Nostalgie in ihm weckten und Bil- der aus fast vergessenen Tagen mit Leben füllten. Romain erinnerte sich seiner Jugend, seiner Schulzeit, seiner Mutter und fast er- schien es ihm in diesem Moment, als sei die Welt damals wirklich heiler, gesünder gewesen. Die Worte »zu Hause« hatten mehr be- deutet, als eine schlichte Ortsangabe. Geborgenheit und Behag- lichkeit verbanden sich damals mit diesem Begriff, dachte Romain. Das Leben schien damals in geraden Bahnen zu verlaufen, gut und böse waren durch eine deutliche Linie voneinander getrennt gewe- sen, eine Linie, die längst nicht mehr existierte, deren Ruinen nur hier und dort noch kenntlich waren wie die Überreste des römischen Limes; ein verfallener Hadrianswall der Moral. Wer daranging, ihn auszugraben, war doch nur ein Archäologe, dessen einziges Inter- esse darin bestehen konnte, zu entdecken, zu rekonstruieren, wie es gewesen war. Es gab niemanden, dachte Romain, der wirklich versuchte, die Trennlinie wiederaufzubauen, Gutes von Bösem zu scheiden. Das war alles überholt, nicht mehr zeitgemäß. Leider war es so, aber so war es leider. Das Schöne am Älterwerden ist, daß man immer mehr Erinnerungen an die gute alte Zeit ansammelt, überlegte er. Dabei war er doch gar nicht so alt, wie er sich in manchen Augenblicken fühlte. Und die gute alte Zeit war in seiner Vorstellung besser und länger als alles, was er wirklich jemals erlebt hatte.
Zu Hause angelangt genehmigte er sich ein Glas Whisky, großzügig eingeschenkt, ohne Eis, und ließ sich in seinen Sessel fallen. Es war schon halb eins, in sechs Stunden würde er bereits am Küchentisch sitzen und in der Zeitung blättern. Romain fragte sich oft, wie es gekommen war, daß er allein geblieben war. Sicher hatte es Frauen in seinem Leben gegeben, immer wieder, noch im letzten Sommer hatte er eine kurze Affaire mit einer Kollegin durchlebt, die er auf einer Tagung in Paris kennengelernt hatte. Aber zu mehr als einer Affaire hatte es nie gereicht. Vielleicht war er auch zufrieden da- mit, er vermochte es selber nicht genau zu sagen. Es gab zu viele Unbekannte in dieser Rechnung. Unglücklich war er nicht, zumin- dest schloß er das aus, wenn er über sich und sein Leben nach- sann. Glück aber war eine schwer definierbare Größe. Romain hatte schon oft über die Komponenten einer Glücksformel gegrübelt - Whisky geteilt durch Sessel mal Zigarette durch Musik - das ge- nügte einfach nicht, denn wiewohl das Ergebnis am einen Tag tatsächlich eine Art Glück sein konnte, so wie heute abend, konnte diese Rechnung schon am nächsten Tag zu bitterem Frust führen. Es fehlte noch mindestens eine Größe, die sich Romains Kenntnis hartnäckig entzog. Eine alte italienische Glücksformel, die ihm ein- mal während eines Studienaufenthaltes in Bologna zu Ohren gekom- men war, lautete: zwei Freunde plus eine Gitarre plus ein Joint. Ob- schon nicht grundsätzlich falsch, war doch auch diese Definition unzureichend. Vielleicht gehörte eben doch ein Mensch vom ande- ren Geschlecht zu den festen Glücksfaktoren. Überhaupt hielt Ro- main das Glück für zu unbeständig, um es gründlich analysieren zu können.
Der Whisky schmeckte ihm hervorragend. Er liebte das Malzaroma ebenso wie das unvermeidliche Brennen in der Kehle, welches bil- ligen wie teuren Bourbon kennzeichnete. Gerade das Fehlen jenes alkoholischen Brennens und das Übermaß an Malzgeschmack waren es, welche Romain von seiner früheren Neigung zu schottischem Whiskey abgebracht und ihn in die offenen Arme des amerikani- schen Schnapses geführt hatte. Das Brennen war einfach ehrlicher, es gehörte sich Romains Ansicht nach, daß Alkohol brannte. Romains Hochgefühl vor dem bevorstehenden Laborversuch erhielt durch das Destilat neue Nahrung. Er setzte das Glas nach einem kräftigen Schluck ab, ballte eine Faust zum Zeichen des nahen Sieges und nickte heftig mit dem Kopf. Morgen wird geschossen! Bald jedoch stieg eine tiefe Müdigkeit unaufhaltsam in Romains Knochen auf, bemächtigte sich seiner Muskeln und Nerven. Er ent- kleidete sich, trat ins Badezimmer, wo er eine unbestimmte Zeit lang seine Falten und grauen Haare im Spiegel betrachtete, zählte und klassifizierte, putzte sich schließlich die Zähne mit einer homö- opathischen Zahncreme und begab sich, nur mit einem Boxershort bekleidet, ins Bett, wo er fast augenblicklich einschlief.
Romain erwachte, noch ehe der Wecker zum Klingeln ansetzen konnte. Mit einem sicheren Reflex drückte er den Alarmknopf her- unter. Er wendete seinen Kopf leicht herum und blickte aus ver- quollenen Augen auf das Ziffernblatt, wiewohl dies vollkommen überflüssig war: Romain wußte genau, daß es Viertel vor sechs sein würde. Er war sich dessen so gewiß, daß er nicht einmal die visuelle Bestätigung abzuwarten brauchte, so daß er den Blick von der Uhr wandte, noch bevor er die genaue Stellung der Zeiger hätte re- gistrieren können. Nun würde er noch fünf Minuten im Halbschlaf vor sich hindämmern im Versuch, die Reste vorübergeflogener Träu- me in seinem Hirn zu ordnen. Nach exakt fünf Minuten erhob er sich und schlurfte gähnend ins Bad. Dort verharrte er einige Augenblicke reglos vor dem Spiegel, urinierte dann, duschte kurz - die letzten zwanzig Sekunden, wie immer, mit kaltem Wasser - und rasierte sich. An einem solchen Tage mußte man mit sauberem Antlitz vor die Welt treten. Zur Feier des Tages band Romain sich sogar eine Krawatte, seiden und mit einem lachenden Goofy bedruckt. Während das Wasser langsam mit Seufzen und Glucksen durch die Kaffeemaschine lief, huschte Romain durchs Treppenhaus, angelte sich die Tageszeitung aus seinem Briefkasten und überflog die Schlagzeilen. Daß das anstehende Experiment, sein Experiment, mit keinem Worte erwähnt wurde, verwunderte Romain nicht, zumal das Institut der Presse gegenüber keine präzisen Angaben zum Versuchsbeginn getroffen hatte. Es war besser so, dachte Romain. So konnte er sich unbeobachtet fühlen, wenn er das Experiment einleiten würde. Er beschloß sein Frühstück mit einer Vitamintablet- te und einer Cigarette. Anschließend räumte er den Tisch ab, stell- te das wenige Geschirr in die Spülmaschine, warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel und verließ seine Wohnung. Auf dem Weg zum Auto spürte er die kühle Morgenluft auf den glattrasierten Wangen. Er liebte dieses Gefühl der Frische. Wenn dann noch das schüchterne erste Licht der Dämmerung am Himmel erschien, war er wirklich glücklich. Er füllte in solchen Momenten, wie sich seine Lungen mit neuem Leben füllten. Allein für diese Augenblicke des Tagesanbruchs lohnte es sich zu leben. Am liebsten hätte Romain stundenlang in der feuchtkalten Luft gestanden, die eben im Über- gang von der Nachtluft zur Morgenluft begriffen war. Allein - erstens war es rein logisch unmöglich, über mehrere Stunden hin- weg einem genau genommen nur einige Minuten, vielleicht eine halbe Stunde andauernden Prozeß beizuwohnen, zweitens ver- spürte Romain die Sogwirkung des Experimentes, das auf ihn war- tete. So stieg er in seinen Wagen, kurbelte das Seitenfenster wie gewöhnlich einen zwei Finger breiten Spalt herunter, welcher das Eindringen der Morgenluft ebenso ermöglichte, wie das Ausströmen des Cigarettenrauchs, und fuhr los in Richtung des Forschungszen- trums.
Romain ertappte sich dabei, wie er während der Fahrt träumte: zwar hatte er die Augen geöffnet, reagierte auf die Umweltein- drücke wie üblich, betätigte Gas- und Bremspedal, kuppelte, schaltete, wenn es der Verkehrsfluß oder die Straßenlage erfor- derten, doch er vollführte sämtliche Handlungen mechanisch, ohne sich ihrer bewußt zu sein, eben wie im Trance. Vor seinem inneren Auge sah er unterdessen die Schlagzeilen der großen Tageszeitun- gen: »Schweizer Forscherteam gelingt Antimateriegenese« - »Neue Ära der Physik eingeläutet«- »Unser Weltbild hat ausgedient«. Er sah sich selbst im weißen Kittel abgelichtet auf den Titelseiten der Nachrichtenmagazine, vor laufenden Fernsehkameras; sah sich selbst in einer schweren, dunklen Saablimousine vor dem Stockhol- mer Schloß vorfahren... Er lächelte wehmütig. Als er bemerkte, daß er bereits die Einfahrt der Versuchsstation erreicht hatte, setzte er den Blinker und bog ein. Der Pförtner grüßte wie stets freundlich. Er ahnt nicht, dachte Romain, daß er heute womöglich Zeuge einer physikalischen Revolution werden könnte. Mit Erleichterung stellte Romain fest, daß keine institutsfremden Fahrzeuge auf dem Park- platz abgestellt waren - es würden also keine Journalisten den Ver- suchsverlauf stören. Später würde man eine Pressemitteilung ver- fassen, dann konnte der Medienrummel beginnen. Im Moment aber war alles so wie immer, nichts war anders, als an jedem anderen Werktage auch: Die Luft war immer noch feuchtkalt, der Himmel war klar, der entfernt vorbeirauschende Verkehr zähflüssig, der Parkplatzwächter dezent freundlich und der Cigarettenrauch brann- te ein wenig in den Augen. Nichts deutete darauf hin, daß sich am heutigen Tage irgendetwas ändern sollte. Romain war sich un- schlüssig, ob ihn dies eher beruhigte oder enttäuschte.
In der Arbeitsgruppe allerdings herrschte Hochstimmung. Auf dem großen weißfournierten Tisch im Kaffeeraum stand eine ganze Bat- terie Champagnerflaschen und sogar ein Kistchen mit kubanischen Cigarren. Romain selbst hatte bereits vor Wochen einen großzügi- gen Obulus in die Kaffekasse entrichtet, um die gemeinschaftlich beschlossene Anschaffung zu ermöglichen. Gernot und die anderen Kollegen begrüßten Romain freudig. Einjeder konnte die Vorfreude, die Spannung, in sich und im Nächsten spüren. Zunächst trank man gemeinsam eine Tasse Kaffes. Darauf ging jedes Mitglied des For- schungsteams in feierlicher Ruhe an seinen Arbeitsplatz. Gernot be- gab sich an den Monitor des Zentralrechners, um ein letztes Mal die Funktionstüchtigkeit der Kameras und Instrumente zu überprüfen. Er gab den Kollegen kurz zu verstehen, daß alles in den vorgesehe- nen Bahnen verlief. Alles o.k.!
Es wurde still im Innern der metertief unter der grünen schweizer Erde gelegenen Forschungs- und Versuchsanstalt. Romain atmete langsam, er zog die nach Kunststoff riechende Laborluft tief durch seine Nasenflügel ein. Jetzt war es wirklich soweit. Mit einem leich- ten Fingerdruck setzte er das Experiment in Gang, auf das er seit vielen, langen Jahren innerlich gewartet hatte, das in 69 Monaten zum Mittelpunkt seiner ganzen Existenz geworden war. Zunächst geschah gar nichts. Es war, als stehe die ganze Welt still, jedes Atom verhielt sich regungslos. Dann aber blickten Romains Augen plötzlich in das Zentrum eines sich im Nichts auftuenden dunklen, quecksilbrig glänzenden Etwas. Phantastisch, dachte Romain, wäh- rend alles um ihn herum, Möbel und Meßinstrumente, Kollegen und Monitore, Decken und Wände und schließlich er selbst wie in Zeit- lupe ins Innere des Schwarzen Lochs hineingezogen wurde. Einfach phantastisch. Und seine Worte dehnten sich wie Gummifäden im Antimateriesog.