zwolle, geboren 1967,
lebt im Ruhrgebiet. Studium
Soziale Verhaltenswissen-
schaften und Erziehungs-
wissenschaften. Veröf-
fentlichungen u. a. in litera-
turkneipe
, textgallerie,
Netzflüchter, Die Textwelt.

Die Bilder dieser Ausgabe sind von Challo Achmann, 1949 geboren, als Maler in München lebend. Er hatte etliche Veröffentlichungen und Ausstellungen seiner Werke im In- und Ausland.

in einem zug leert er
das kleine glas mit dem
klebrigen ramazotti
der geschmack der auf
seiner zunge bleibt
erinnert ihn an die letzte
nacht, die letzte nacht
schallert es in seinem
schädel nach, die letzte
die letzte, mein gott
bin ich ein arschloch
flüstert er sich zu und
traut sich nicht nach
hause zu gehn, nicht
seinem kleinen sohn in
die vertrauenden augen
zu schaun, nachdem er
seinen schwanz in diese
frau gesteckt hat. er zer-
quetscht den zigaretten-
stummel, wie den letzten
rest von anstand, den er
in diesem motel, in
diesem schäbiggelben
bett, mit seinem samen
in die unendliche schwärze
dieser wächsernen vagina
gespült hatte. wie einen
haufen scheiße, einen
letzten kreis in der toillette
drehend, bevor er für immer
im fallrohr verschwindet
schaut er auf die dunklen
stunden zurück, die jetzt tot-
gefickt auf dem boden des
zimmers liegen und in ca.
einer stunde von einer mies-
gelaunten lamentierenden
putzfrau in die vergessenheit
eines putzeimers gewrungen
werden: gut so, denkt er
gut so, nur weg, nur weg








heute morgen wieder
mal im berufsverkehr
vor mir, vor der
immerroten ampel
huschte ein schatten
dem anderen vom
beifahrersitz einen
kuß ins gesicht, dann
geschultert eine kiepe
zentnervoll mit unlust
stieg er aus, gebeugt
mit schnauzbart, höchstens
28

im vorbeigehen streifte
sein blick kurz den meinen
und hinter seinen ver-
zinsten augen winkte mir
mürbe
ein zerblassendes kind

weggezwergt mit lebens-
länglich herzarrest








leeren auges am
spannnerfenster
schattiger pyjama
wandert hinterm
vorhang drüben
asche fällt mir
auf die hoden
mein gähnen auf
die fensterbank
die scheibe be-
schlagen vom
rauch, zittern
die finger eine
zeichnung aufs glas
das andere, schön
rot gefüllt, in
meiner hand, trinke
ich mit einem zug
der regen tauft
die käufer grau
da unten in den
bordsteinritzen
hinter mir ein
streitgespräch
ein flaues dauer-
sitzen, im echo
nur noch wort-
geklimper
, etwas
fehlt halt immer

liebe vielleicht








da fällt mir der ältere
mann ein, ca. `85 im
oktober, der mit
seinem fernglas auf
dem ausguck vor
der mauer stand. er
stand dort ziemlich
steif mit seinem schal
und seinen dicken
lederhandschuhen
ich stand neben ihm
und beobachtete die
soldaten vor dem im-
posanten großen tor
oben die quadriga
und zwei schachmatte
fahnen, die wie ein
sterbender elefant
noch ab und an den
rüssel hoben, aber
dann wieder windlos
in sich zusammen
sackten. jetzt winkte
der mann rüber
scheinbar zu den
soldaten, er schnalzte
ein wenig und
flüsterte hektisch
als er mich bemerkte
wollte er wohl seine
aufregung teilen und
gab mir sein fernglas
ich solle doch
zwischen den
mittleren säulen
rüber zur anderen
seite kieken. zuerst
sah  ich wieder die
soldaten, jetzt viel
deutlicher, ihre
gewehre ordentlich
spazieren tragend
dann drehte ich weiter
an dem rädchen und
nach einer weile ent-
deckte ich gaaanz
hinten in der ddr einen
winkenden zentimeter
ebenfalls mit fernglas

- mein sohn, mein sohn -
erklärte der ältere mann
zeigte rüber und hörte
nicht auf zu winken. er
rüttelte an meiner schulter
und hatte dicke tränen
auf den wangen
er sagte, er sei seit
einer woche im westen

Challo Achmann

es war nur diese
eine geste dieses
soeben bewegen
ihrer rechten hand
das seine selbst-
beherrschung über
die reling schubste
nur dieser hauch
eines wunsches
nach freiheit von
seinen drängenden
worten, der ihm
wie ein taifun
durchs hirn schoß
ihm in die seele
schrie, daß es
vorbei sein würde
daß er das letzte
bißchen liebe mit
seiner stimme er-
schlagen hatte, wie
eine lästige mücke
nachts an der wand

er griff in ihr haar
schlug ihren schädel
mit wucht durchs
halbzue fenster
zog ihn zurück und
drosch ihn zwei-
drei mal auf die
airbagkonsole
als das ding ex-
plodierte und der
schrillblasse knall
ihn zurück auf die
straße schwappte
stand er quer, und
ein paar männer
zogen ihn raus
einer trat ihn ein
paar mal in den leib
und ein anderer
schlug ihm die
vorderen zähne
zu bruch

was dann noch mit
ihm geschah, danach
fragt sie nicht mehr
heute geht sie mit
ihrem sohn durch
den tierpark und
still sprechen sie
mit ihren fingern
und leicht fliegt ihr
kleid über dem wind
endlich frei von
all den drängenden
worten








um in
gesellschaft

ein netter
kerl
zu sein
fehlten mir
noch ein
paar
prozent

sagte sie

nur ein
zwei
promill

wußte ich








er kam gerade aus
dem gasometer
fand die ausstellung
recht gut und
blätterte noch in
einem heftchen da
hörte er einen
schrei. ganz kurz
dann knallschte es
fünf meter neben
ihm auf den kiesel
es sah aus wie ne
puppe, alles so
verrenkt die arme
beine ein paar rippen
und der kopf lief
soßig langsam aus

der traum vom fliegen
ging in die hose

der traum vom sehen
ging in erfüllung








auf seinen
zähnen kauernd 
bitternackt und
mehlig im kopf
kniet gottes
musterpatient

sich mit der brot-
maschine
in die wanne

fingerkuppen rollen
blut lenkt sich
in den abfluss
scheibchenweise
legt er sich nieder
ich bereue, schreit er
ich bereue...








ich steh auf frauen
sagte er
ich steh auf luxus
sagte er
ich steh auf alkohol
sagte er

er hing mal an der
nadel
er sagte
ich sei eine type
type, verstehst du?
meine augen
würden ihm gefallen

als wir draußen standen
und betrunken waren
kam seine mutter mit
nem taxi
sie zog ihm den stöpsel
preßte die luft raus
rollte ihn zusammen
und nahm ihn mit

er war 34